Humor ist, wenn man trotzdem …

6. April 2022 von Laborjournal

 

Humor ist bekanntlich Geschmackssache. Schließlich können die Antennen dafür individuell stark variieren – und manchen fehlen sie gar völlig.

Wie aber sieht es damit in Wissenschaft und Forschung aus?

Als wir beispielsweise vor zwanzig Jahren Sidney Brenner – kurz bevor er den Nobelpreis kriegen sollte – fragten, wie wichtig für ihn Humor in der Wissenschaft sei, antwortete er:

Absolut essentiell. Ich denke, zu viele Wissenschaftler nehmen sich selbst zu ernst. Humor ist ein Teil des Lebens, und daher auch der Wissenschaft. Er dreht die Dinge herum und verschafft einem einen anderen Blickwinkel. Und so kann Humor auch zu neuen Erkenntnissen führen. Oder gar beim Entwickeln von Ideen helfen. In der Tat muss eine gute Idee nicht nur gut sein, sondern in gewissem Sinne auch witzig.

Im Geiste unterschrieben wir das. Schließlich ist ja auch von weiteren großen Namen aus der Wissenschaftsgeschichte durchaus bekannt, dass sie zum Lachen nicht unbedingt in den Keller gingen: Albert Einstein, Francis Crick, Kary Mullis, …

Bei anderer Gelegenheit schauten wir uns dann um, wie es mit dem Humor in wissenschaftlichen Originalartikeln – also „Papern“ – steht. Und tatsächlich spürten wir so manches Beispiel für einen gewissen „Guerilla-Humor“ in Abbildungen auf – siehe etwa hier, hier oder hier.

Und witzige Titel? Zumindest kann es wohl kaum als bierernst gelten, wenn Autorinnen und Autoren ihre Artikel mit abgewandelten Film-, Song- oder Literatur-Zitaten überschreiben – wie etwa „Everything you always wanted to know about sex … in flies“. Gerade hierfür fanden wir am Ende sogar richtig viele Beispiele, und hatten sie seinerzeit hier zusammengetragen.

Scheint also doch alles in allem ein eher lustiges Völkchen zu sein, diese Forscher.

Doch dann kam eine gewisse Ernüchterung. Wir entdeckten die Studie zweier Israelis im Journal of Information Science (34: 680-7), die nach der Analyse aller Artikel-Überschriften, die über zehn Jahre in zwei Fachblättern der psychologischen Forschung erschienen waren, zu dem Schluss kam, dass hinsichtlich nachfolgender Zitierraten humorige Überschriften offenbar eher von Nachteil sind. Insbesondere Artikel mit vermeintlich wirklich witzigen Titeln, so schrieben die Autoren damals , würden im Schnitt vergleichsweise deutlich weniger zitiert.

Fazit also: Wenn man möglichst viele Zitierungen scheffeln will, sollte man sich tunlichst jeglichen Humor in Überschriften verkneifen. Hm, …?

Doch halt, liebe Forscherinnen und Forscher! Bevor ihr euch jetzt genau dies zugunsten eurer Zitatekontos zu Herzen nehmen wollt, zumal ja Zitierzahlen auch so enorm karrierewichtig geworden sind: Gerade ist eine kanadische Studie im Preprint erschienen, die das Thema etwas differenzierter betrachtet – ihr Titel: „If this title is funny, will you cite me? – Citation impacts of humour and other features of article titles in ecology and evolution“! 2.439 Artikel aus Ökologie und Evolution wurden dazu nach einen „Humor Score“ bewertet, und dann der Zusammenhang zwischen den Humor-Werten und den anschließenden Zitierungen analysiert. Zwar heißt es dazu im Abstract zunächst auf ernüchternde Weise:

Arbeiten mit witzigeren Titeln wurden seltener zitiert …

Doch wird dies sofort angenehm relativiert:

… Dies scheint jedoch mit der Bedeutung der Arbeiten zusammenzuhängen. Offenbar geben Autoren insbesondere denjenigen Artikeln lustigere Titel, die sie für weniger wichtig halten. Nach Korrektur dieses Zusammenhangs weisen Arbeiten mit witzigen Titeln vielmehr signifikant höhere Zitierraten auf – was darauf hindeutet, dass Humor die Leser anlockt.

Und nachdem sich die Autoren noch den Einfluss anderer Faktoren auf den Zusammenhang zwischen Titel-Formulierung und nachfolgenden Zitierungen angeschaut hatte, kommen sie ganz am Ende zu dem versöhnlichen Fazit:

Nur wenige Titelmerkmale […] wirken sich negativ auf die Zitierrate aus. Wissenschaftler können Titel demnach kreativ verwenden und sogar eine gewisse Dosis Humor einbauen, ohne gleich befürchten zu müssen, dass ihre Arbeit unverdientermaßen in der Versenkung verschwindet.

Wie sagte unser alter Redakteurs-Kollege Hubert Rehm immer: „Mehr Witz, mehr Nutz!“ Vielleicht also auch hier! Zum Glück!

Ralf Neumann

(Zeichnung von Rafael Florés. Weitere Abenteuer seines „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

 

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