Wenn’s Werkzeug nicht passt, geh’ ich da nicht dran

21. Juli 2020 von Laborjournal

Wann bringt Forschung den größten Ertrag? Wenn man mit seinem Projekt auf einem breiten, gut gesicherten Pfad wandelt? Oder wenn man auf einem riskanten und herausfordernden Trip neue Schneisen in ein dunkles und unwegsames Dickicht schlägt?

Die Antwort ist klar und bis heute immer wieder neu belegt: Die leckersten Früchte pflückt man nicht aus sicherem Bodenstand vom Baum, da muss man schon eine aufwendigere Kletterpartie riskieren.

Warum macht es die große Mehrheit der Forscherinnen und Forscher dennoch anders? Warum bleiben sie auf ausgetretenen Pfaden und pflücken mickrige Früchte in Kopfhöhe?

Vor einigen Jahren rechneten kanadische Biochemiker vor, dass drei Viertel der Paper über menschliche Proteinkinasen nur rund fünfzig der über fünfhundert bekannten Kinasen abdeckten — und dass sich in diesem Zehntel immer noch fast ausschließlich diejenigen „alten Bekannten“ tummelten, die schon seit Jahrzehnten auf zahlreichen Labortischen schwimmen. Doch damit nicht genug: Auch bei den pharmakologisch ebenso spannenden Proteinfamilien der Ionenkanäle und Nukleären Hormonrezeptoren waren die Verhältnisse ähnlich „konservativ“, wie die Kanadier weiter fanden.    

Gibt es etwa eine weitverbreitete Abneigung, solche Schätze aus dem Dunkel zu heben — selbst wenn man weiß, wo man sie finden kann?

Bestätigt wird dieser Verdacht durch folgende Resultate einer Studie in PLoS Biology (16(9): e2006643), die sich alle annotierten Gene unseres Genoms vornahm:

  • Bis heute dreht sich die Hälfte aller biomedizinischen Artikel um Gene, die schon vor 1991 bekannt waren;
  • nur einige wenige „Rookies“ sind seit dem Humangenomprojekt durchgestartet;
  • 27 Prozent standen noch nie im Fokus einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.

Das Fazit der Studien muss also sein, dass wir eine Menge sicherlich interessanter Biologie außen vor lassen.

Doch warum? Weil man erstmal Zeit braucht, die geeigneten Tools für das Studium eines neuen Gens oder Proteins zu etablieren — etwa Tiermodelle, Essays, Antikörper, Expressionsvektoren, Markerkonstrukte,…? Das könnte durchaus sein, denn diese Zeit lässt das System den Forschern heutzutage kaum. Sie brauchen zwingend einen stetigen Strom an Ergebnissen für Publikationen und Förderanträge — kurz für ihre Karrieren. Und die bekommt man eben am schnellsten, indem man mit fertigen Tools niedrig hängende Früchte anvisiert.

Ralf Neumann

(Foto: Williams-Sonoma)

 

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