Wendest du Techniken an, oder machst du schon Wissenschaft?

14. Juli 2020 von Laborjournal

Es gab sicher schon bessere Zeiten für die Forschung, auch wenn man die Corona-Turbulenzen mal außen vor lässt. Nehmen wir etwa die schon länger bekannte, aber immer noch ebenso aktuelle Reproduzierbarkeitskrise. Diese ist sicherlich nicht nur, aber auch ein Resultat von zunehmend schlampiger Forschung — ganz zu schweigen von der ebenfalls stetig wachsenden Zahl an nachgewiesenen Datenfälschungen. Ein trauriges Wachstum, das durch die rapide Zunahme massiv korrigierter und zurückgezogener Veröffentlichungen nur allzu klar bezeugt wird.

Doch wie ist es zu dem vermeintlichen „Qualitätsverlust“ gekommen? Statt einer Antwort landet man gerne bei einer weiteren Frage: Bringen wir den Studenten vielleicht nicht eindringlich genug bei, wie robuste und redliche Wissenschaft wirklich funktioniert?   

Was die wissenschaftliche Redlichkeit betrifft, so erklärte der US-Bioethiker Arthur Caplan kürzlich in Clinical Chemistry (65(2): 230-5): „Die größte Bedrohung für die Forschungsintegrität ist das Versagen, Nachwuchsforscher an die Verantwortung ihres Tuns heranzuführen. Laborleiter und Professoren müssen ihnen genug Wertebewusstsein einflößen, um dem kommerziellen Druck, den Einflüssen von außen wie auch den Anforderungen an die eigene Karriere standzuhalten.“ Womit er zugleich klarmacht, dass dies seiner Meinung nach offenbar nicht in ausreichendem Maße der Fall sei.

Aber funktioniert wenigstens das Lehren von Wissenschaft an sich? Zumindest der US-Evolutionsbiologin Stephanie Spielman kamen Zweifel, als Studenten sie zuletzt in einem Laborkurs fragten: „Werden wir den Kurs nicht bestehen, wenn unsere Ergebnisse nicht zur Hypothese passen?“ Wie sie in einem Twitter-Thread beschreibt, kam Frau Spielman daraufhin ins Grübeln: „Tatsächlich bringen wir unseren Studenten fast nur experimentelle Techniken bei — und benoten sie danach, wie gut sie diese anwenden. Aber ist das Wissenschaft? Mit den Werkzeugen und Methoden fängt Wissenschaft doch gerade erst an — erst dann kommt dazu, Fragen zu stellen, Daten zu interpretieren, Schlussfolgerungen zu ziehen, Hypothesen anzupassen, Folgeexperimente zu entwerfen et cetera.“ Und ihr Fazit: „Studenten müssen den Unterschied lernen zwischen ‚Wissenschaft machen‘ und ‚wissenschaftliche Techniken anwenden‘. Das jedoch wird ihnen leider kaum vermittelt.“

Das könnte tatsächlich eine wichtige Rolle spielen beim aktuellen Qualitätsproblem der Forschung.

Ralf Neumann

(Zeichnung: Rafael Florés.Weitere Labor-Abenteuer unseres „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

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