Mit Babybauch an der Bench

11. September 2019 von Laborjournal

(Dieser Artikel erscheint ebenfalls in unserer Printausgabe Laborjournal 9/2019.  Hier kann man ihn kommentieren — siehe unten.)

Wenn Frauen, die im Labor arbeiten, schwanger werden, sollten diese ihre Vorgesetzten schnellstmöglich darüber informieren. Die Arbeit im Labor kann dadurch allerdings komplett ausfallen. Um den Schwangeren dennoch eine nahezu unbeeinträchtigte Fortsetzung ihrer Karriere zu ermöglichen, setzen Forschungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf ganz individuelle Hilfsangebote.

Eine Pipette, zwei Spitzen-Steck-Boxen und drei Pappschachteln voller Einweg-Handschuhe liegen auf der Bench neben der ­Zentrifuge. In den darüberliegenden Regalen stapeln sich Kisten, gläserne Flaschen mit blauen Deckeln und ein kleiner Timer. Gegenüber eine mannshohe Hood, darin ein Mikroskop. Alles im Labor wirkt gewöhnlich. Doch der Raum mit der Nummer 2-028 am Research Institute of Molecular Pathology (IMP) in Wien ist anders als die üblichen Labore — denn hier arbeiten ausschließlich Forscherinnen, die schwanger sind.

Tatsächlich gibt es schon seit über zehn Jahren am IMP einen Raum, in dem ganz simple molekularbiologische Arbeiten durchgeführt werden können, und der sich deshalb besonders für schwangere Wissenschaftlerinnen eignet. Zu Beginn noch in kleinem Maßstab etablierte sich der Raum und die dazugehörigen Arbeitsprotokolle ab 2009 so richtig. Mit daran beteiligt war und ist Sylvia ­Vesely, Bio­safety Officer am IMP. „In Absprache mit dem Arbeitsinspektorat haben wir mittlerweile eine 120 Seiten lange Mutterschutzunterlage erarbeitet, in der über sechzig detaillierte Protokolle stecken für den Fall einer Schwangerschaft bei Mitarbeiterinnen“, berichtet Vesely. Geleitet wird das Ganze von einem Mutterschutzkomitee, in dem unter anderem der Betriebsarzt und Sicherheitsfachkräfte sitzen. „Bei jeder Schwangerschaft prüfen wir die Situation individuell und gehen gemeinsam die Arbeitsabläufe durch.“ Die sechzig für Schwangere zugelassenen Arbeitsprotokolle deckten mittlerweile die meisten Forschungsbereiche ab, es kämen aber auch immer wieder neue Evaluierungen und Protokolle hinzu.

Seitdem das IMP 2016 in ein neues Gebäude gezogen ist, gibt es für die Schwangeren ein größeres, besser ausgestattetes Labor. Und auch der Weg zur Cafeteria ist kurz. Auf rund 33 Quadratmetern und unter Sicherheitsstufe-1-Bedingungen können Forscherinnen, die ein Kind erwarten, ihre Arbeiten weiter ausführen, soweit es die Protokolle erlauben. Toxische Chemikalien aber auch kanzerogene, mutagene sowie reproduktionstoxische Substanzen sind strikt verboten. „Formaldehyd oder Ethidiumbromid sind etwa ein absolutes No-Go“, nennt Vesely zwei Beispiele. „Aber auch spezielle Antibiotika, die fruchtschädigende Wirkung haben könnten.“ Ebenso wird auf ionisierende Strahlung, elektromagnetische Felder oder schwere Lasten geachtet. „Außerdem ist das Labor zu anderen Großraumlaboren etwas separiert, damit nicht die Gefahr besteht, dass in unmittelbarer Nähe der Schwangeren für sie gefährliche Experimente stattfinden oder toxische Chemikalien vorkommen.“

Während zur fixen Einrichtung etwa eine Sicherheitswerkbank, PCR-Maschinen sowie Zentrifugen gehören, ist die Ausstattung des Raumes recht lebendig, sodass immer mal wieder Geräte ergänzt oder abgebaut werden können.

Jedes Reagenz im Mutterschutzlabor ist derweil genau auf seine Unbedenklichkeit geprüft und zur Verwendung durch werdende Mütter genehmigt. „Das ist in anderen Laboren nicht so“, vermutet Vesely. „Bei der Menge an Mitarbeitern wäre es gar nicht möglich, jede Chemikalie einzeln zu prüfen. Das Schwangerschaftslabor hingegen ist zwar ein normales Labor, aber dafür ein strikt kontrolliertes.“

Jährlich arbeiten bis zu zehn schwangere Forscherinnen im Raum 2-028. Das Feedback der Anwenderinnen ist laut Vesely durchweg positiv. „Natürlich ist es zu Beginn für die Nutzerinnen manchmal etwas schwierig, sich um- beziehungsweise einzugewöhnen.“

Ersatz im Notfall

Sehr zufrieden mit dem Angebot des Mutterschutzlabors ist eine IMP-Mitarbeiterin, die aktuell schwanger ist und gerne ano­nym bleiben möchte. „Für mich persönlich ist das Schwangerschaftslabor sehr hilfreich, meine Schwangerschaft mit meiner Karriere zu vereinbaren“, erzählt die IMP-Forscherin. „Im Schwan­ger­schafts­labor ist es mir erlaubt, anhand von geprüften Protokollen unter sicheren Umständen weiter arbeiten zu dürfen.“ Und was, wenn die Protokolle für das Experiment essenzielle Arbeitsschritte verbieten? „In diesem Fall übernehmen Lab Technicians und andere Kollegen aus der eigenen Arbeitsgruppe einzelne Arbeitsschritte oder Teilexperimente, weil die einfach die nötige Erfahrung haben“, versichert Vesely. Das kann die IMP-Forscherin bestätigen: „Die Arbeiten, die ich nicht mehr selbst erledigen kann, werden von einer Kollegin übernommen.“ Insgesamt sei sie froh, das Schwangerschaftslabor zu haben: „Wenn es diese Möglichkeit nicht gäbe, hätte ich wahrscheinlich ab dem Zeitpunkt, an dem man die Schwangerschaft feststellen konnte, bis kurz vor der Geburt, keine Laborarbeiten mehr machen dürfen. Das hätte für mich natürlich den Verlust einiger Monate Arbeit an meinem Projekt bedeutet.“

Erfreulicherweise ist das Mutterschutzlabor am IMP in ­Wien nicht das einzige in den deutschsprachigen Ländern. Auch am Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg gibt es ein sogenanntes Pregnancy Lab, wie die Kommunikationsleiterin der Leibniz-Gemeinschaft Mirjam Kaplow mitteilt. „Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt, das einen alternativen Arbeitsplatz fernab von Gefahrenquellen bietet.“ Zurzeit beschränke sich die Nutzung des Labors auf Mitarbeiterinnen der Abteilung Virus-Immunologie. In der ersten Phase solle die Nachfrage nach dem Pregnancy Lab beobachtet und daran die Entscheidung geknüpft werden, ob diese Art von Labor dem gesamten Institut zur Verfügung gestellt würden.

Ein weiteres Hilfsangebot der Leibniz-Institute ist, den Schwangeren einen Arbeitsplatz in einem anderen, geeigneten Labor anzubieten — quasi ein „zeitweise Schwangerenlabor“. Allerdings nur, wenn die Raumausstattung und die durchzuführenden Versuche dies erlauben. Solche temporären Mutterschutzlabore gibt es beispielsweise am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie in Halle (Saale).

Dennoch scheinen die Mutterschutzlabore nicht weit verbreitet zu sein, das schätzt auch Vesely zumindest für den Standort Österreich so ein: „Natürlich müssen die Institutionen Platz-technisch erst mal Kapazitäten haben. Außerdem können die Labore auch mal komplett leer stehen — das muss in Kauf genommen werden. Da die Evaluierungen teilweise auch sehr aufwendig sind, ist das für manche Institute administrativ vielleicht gar nicht machbar.“

Den Ansatz eines Schwangerenlabors findet auch das Referat für Familienförderung der Universität Konstanz sehr unterstützenswert, wie die stellvertretende Leiterin Tanja Edelhäußer in einer E-Mail mitteilt. „Unser Referat […] würde sehr gern ein solches Labor einrichten.“ Doch aufgrund des eklatanten Raummangels an der Universität sei dies unmöglich. Bei zukünftigen Laborbauten wolle das Referat diese Idee aber sehr gerne einbringen.

Auch die Frauenbeauftragte Bettina ­Bölter von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München begrüßt die Idee der Mutterschutzlabore: „Meines Wissens gibt es keine designierten Labore für Schwangere, obwohl wir das immer mal wieder angeregt haben. Das stößt bei den — meist männlichen — AG-Leitern und Professoren nicht auf Gegenliebe, immer mit dem Argument der Raumknappheit.“ Bölter versichert, dennoch dran zu bleiben, und hofft, im Anschluss an laufende Berufungsverfahren besser beurteilen zu können, wo es überhaupt geeignete Räume gibt und wie eine Finanzierung für die Labor­ausstattung laufen könne.

Gleichstellung ade?

An der benachbarten Medizinischen Fakultät sieht die Einstellung zu Schwangerschaftslaboren derweil ganz anders aus. Dort habe man keine solchen Labore eingerichtet und plane dies auch nicht. Dafür nennt Dekan Reinhard Hickel drei Gründe: „Erstens wird […] im Idealfall der individuelle Arbeitsplatz bereits ausreichend abgesichert. Ein nicht unerheblicher Teil der Labore am Klinikum ist ohnehin für Schwangere ohne Gefährdung zu benutzen, da besondere Gefährdungen (Sicherheitsstufe 2, DNA-Analysen, et cetera) schon aus Gründen des allgemeinen Arbeitsschutzes auf besondere Labore konzentriert sind.“ Zweitens wären zentralisierte Schwangerenlabore mit der bestehenden Klinik- und Patienten-nahen Forschung an den einzelnen Kliniken und Instituten nicht gut zu vereinbaren und für die Betroffenen beispielsweise mit erhöhten Laufwegen, nicht vorhandenen Spezialgeräten, fehlenden Anbindungen an die Klinik et cetera verbunden. „Der dritte Grund ist der Wesentlichste: Junge Nachwuchswissenschaftlerinnen widmen sich typischerweise einem bestimmten Forschungsgegenstand. Wenn dieser in der Laborarbeit mit teratogenen Stoffen, beispielsweise in der Chemotherapie, untrennbar verbunden ist, dann wäre der Schwangeren durch die Einrichtung eines Labors, das frei von diesen Stoffen bleiben muss, auch nicht geholfen.“ Und Hickel nennt noch einen weiteren Grund, denn Wissenschaftlerinnen sollten nach Möglichkeit im unmittelbaren Forschungsumfeld und mit ihren Kolleginnen und Kollegen tätig bleiben können. Eine Quasi-Isolierung der Betroffenen in gesonderten Laboratorien erscheine gerade auch unter Gleichstellungs­aspekten nicht sinnvoll.

Und auch die Pressestelle des Max-Del­brück-Centrums (MDC) für Molekulare Medizin in Berlin teilt auf Anfrage mit: „Das MDC plant nicht, ein Schwangerschaftslabor einzurichten. Jede Forscherin hat unterschiedliche Forschungsziele. Sie benötigt die enge Zusammenarbeit in ihrem jeweiligen Team sowie das damit verbundene Netzwerk.“

Ebenso hat sich das Friedrich-Miescher-Institut (FMI) in Basel zumindest vorerst gegen die Einrichtung eines Schwangerenlabors entschieden. Isabelle Baumann von der Pressestelle: „Das FMI strebt eine kontinuierliche Reduktion der Gefahrenpotenziale (Chemikalienmengen, Ersatzstoffe, bevorzugter Einsatz von niedrig eingestuften biologischen Risiken) an, um die Reorganisation des Arbeitsplatzes in einzelnen Labors noch schneller durchführen zu können, sodass die Schwangere in Sicherheit weiterarbeiten kann.“

Doch welche Hilfe bieten Forschungseinrichtungen schwangeren Forscherinnen noch an, wenn sie über keine Mutterschutzlabore verfügen?

Schwanger — und dann?

Das Mutterschutzlabor am IMP in Wien sieht auf den ersten Blick genauso aus wie jedes andere Forschungslabor.

In der Regel erfolgen nach Be­kannt­gabe einer Schwangerschaft zunächst ein individuelles Beratungsgespräch und eine Gefährdungsbeurteilung des Arbeitsplatzes. Die Universität Hei­del­berg etwa hat dafür extra eine „Clearingstelle Wissenschaft und Fa­mi­lie“ eingerichtet. „Dort wird in einem moderierten Gespräch mit Chef oder Chefin und werdender Mutter über die Weiterführung der Karriere gesprochen, über die Mög­lich­keiten und Angebote des Instituts beziehungsweise der Pro­jekt­gruppe“, erklärt Agnes Speck, Leiterin des Gleichstellungsbüros der Uni. „Da­rü­ber hinaus wird im Rahmen der Clearingstelle eine Stellvertretung für die Arbeiten im Labor während Mutterschutz und Elternzeit an­ge­bo­ten.“ Dieses Modell ist wohl das gängigste — auch dann, wenn es ein Schwangerschaftslabor gibt.

Parallel setzt die Universität Basel neben dem Hilfskraft-Modell auf ein extra Förderprogramm mit dem Namen Stay on Track. Dieses richtet sich an hochqualifizierte Postdokto­ran­dinnen und Habilitandinnen in der ersten Phase der Mutterschaft, sprich ab dem letzten Viertel der Schwangerschaft bis maximal ein Jahr nach der Geburt. Das Programm bietet sogenannte Entlastungsoptionen, durch die Forscherinnen zum Beispiel in der Lehre oder als Projektleiterin vertreten werden oder akademische Verwaltungsaufgaben sowie Labortätigkeiten abgeben können.

Klartext schützt

Im Übrigen sind die Frauen dazu angehalten, ihre Schwangerschaft zu melden, sobald sie bekannt ist, stellt die MDC-Pressestelle klar. „Die Frauen wenden sich an ihre direkte Vorgesetzte beziehungsweise den direkten Vorgesetzten oder, auch dies ist möglich, zuerst an die Abteilung Personalservice und die Abteilung Arbeits- und biologische Sicherheit“ — oder den Betriebsarzt.

Die Personalstelle des FMI in Basel hingegen teilt mit, dass es den Frauen selbst überlassen sei, die Schwangerschaft dem Arbeitgeber bekanntzumachen. „Solange Sie voll arbeitsfähig sind, müssen Sie nicht darüber reden. Informieren müssen Sie Ihren Chef jedoch, wenn Sie nicht mehr voll einsatzfähig sind oder wenn Ihr Baby durch die Arbeit geschädigt werden könnte — zum Beispiel durch Erschütterungen oder heikle Chemikalien.“ Von Gesetzes wegen herrsche weder eine Verpflichtung noch eine genaue Frist, in der Schwangere den Arbeitgeber über die Schwangerschaft informieren müssen.

Ratsam ist es dennoch: Der Arbeitgeber kann so die gesetzlichen Mutterschutzbestimmungen einhalten. Diese schränken die Schwangere zwar durch einige Beschäftigungsverbote ein, schützen sie aber gleichzeitig. So ist es in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen unzulässig, dass das Unternehmen das Arbeitsverhältnis kündigt, und zwar vom Beginn der Schwangerschaft an bis vier Monate nach der Entbindung. Sollte die Frau ihre Schwangerschaft, aus welchen Gründen auch immer, verschweigen, drohen ihr dennoch keine Konsequenzen. Auch nicht in Österreich, wie die Arbeiterkammer auf Nachfrage bestätigt.

Ein weiter oben schon einmal angesprochenes Hilfsangebot ist die temporäre Umgestaltung des Arbeitsplatzes. Diese Möglichkeit gibt es etwa am FMI in Basel: „Auf Vorschlag des Arbeitsmediziners und in Absprache mit der Schwangeren wird der Arbeitsbereich jeweils so re-organisiert, dass ein sicheres Arbeiten während der Schwangerschaft und der Stillzeit gewährleistet ist“, erklärt Kommunikationsleiterin Baumann die Vorgehensweise und ergänzt: „Hierbei wird nicht nur das objektive Gefahrenpotenzial bewertet, sondern insbesondere auch das subjektive Empfinden der Betroffenen.“ Der gesamte Prozess würde außerdem innerhalb von fünf Arbeitstagen durchgeführt, um die Forschungsarbeit nicht unnötig zu verzögern.

Größter Wunsch: In eigener Abteilung bleiben

Für ein ähnliches Modell hat sich auch das DKFZ entschieden. „Wir haben uns gegen ein Schwangerenlabor entschieden und versuchen nach individueller Beratung der  Vorgesetzten und der Schwangeren in der Abteilung selbst sichere Arbeitsplätze zu schaffen“, erklärt Iris Klewinghaus, Fachkraft für Arbeitssicherheit der Stabsstelle Sicherheit. Grund für diese Entscheidung sind zum einen die praktischen Arbeitsabläufe, denn am DKFZ gebe es kaum Projekte, die laut Mutterschutzgesetz komplett von Schwangeren selbst in einem abgesicherten, separaten Labor durchgeführt werden könnten. „In einem solchen Labor könnten die Schwangeren wenn überhaupt nur einen kleinen Teil ihrer Labortätigkeiten weiterführen“, gibt Klewinghaus eine Einschätzung.

Natürlich funktioniert das Arbeiten in einer Abteilung, in der mit für Schwangere gefährlichen Stoffen hantiert wird, nur, wenn die anderen Gruppenmitglieder sauber arbeiten und sich verantwortungsvoll verhalten. „Das beruht auf gegenseitigem Vertrauen. Wir sagen den Schwangeren aber immer wieder, dass sie dringend kommunizieren müssen, wenn sie sich unsicher fühlen“, so Klewinghaus.  Außerdem sei es für die Schwangeren immer der größte Wunsch, in den eigenen Abteilungen zu bleiben. Insbesondere, wenn für eine Schwangere die Tätigkeiten eingeschränkt sind, sei sie auf die Vernetzung innerhalb der Abteilung angewiesen. Experimente, welche die Schwangeren nicht mehr erledigen dürfen, würden von Kollegen übernommen, und durch wirksame Trennung von Tätigkeitsbereichen würden Gefährdungen ausgeschlossen. Ein wichtiger Knackpunkt sei hingegen, dass die Schwangeren häufig ungern Teile ihrer Arbeit abgeben würden: „Da muss man die Mitarbeiterinnen, die ein Kind erwarten, meist eher bremsen und auf das Mutterschutzgesetz hinweisen.“

Doch wie hilfreich sind die Mutterschutz-Angebote in der Praxis? Besonders hilfreich scheint wohl die Vertretung im Labor durch einen Kollegen zu sein, wie Sonja Grath, Gruppenleiterin am Lehrstuhl für Evolutionsbiologie der LMU München, bestätigt: „In meinem Fall (zwei Schwangerschaften) erhielt ich immer problemlos Unterstützung durch die TAs und andere Kollegen oder Kolleginnen.“ Ihre Meinung zum Schwangerenlabor hingegen ist verhalten. „Ich arbeite zwar nicht so viel im Labor, aber bisher waren Schwangerschaft und wissenschaftliche Karriere sehr gut vereinbar — auch ohne ein ­extra Schwangerenlabor.“ Eine „unbeeinträchtigte Fortführung“ der wissenschaftlichen Arbeit und Karriere halte sie für schlicht nicht machbar, denn es gebe immer Arbeiten, die während einer Schwangerschaft abgegeben werden müssten. „Daran ändert meiner Ansicht nach auch ein Schwangerenlabor nichts. Außerdem würde ich das eher als Ausgliederung denn als Hilfe empfinden.“

Auch nur Gutes berichten kann die freie Laborjournal-Autorin Sigrid März, die insgesamt drei Schwangerschaften im Labor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster erlebt hat: „Während der Schwangerschaften habe ich meine Forschung unbeeinträchtigt fortgesetzt, dank der Hilfe von TAs und Kollegen, die eingesprungen sind und Arbeiten für mich übernommen haben. Zusätzlich haben sie große Rücksicht auf mich und meine Schwangerschaft genommen. An der Labortür hing ein selbstgemachtes Hinweisschild, das auf meine Schwangerschaft hingedeutet hat und jedes  Mal, wenn ich ins Labor kam, rief jemand: ‚Siggi ist da!’ — es wurde im Labor noch nie so viel unter’m Abzug gearbeitet wie in diesen Monaten.“

Fest steht: Egal ob Universität oder Institut, die Forschungseinrichtungen versuchen je nach eigenen Möglichkeiten ihr bestes, den Schwangeren so viele Hilfsangebote wie nur möglich anzubieten. Denn wie März richtig sagt: „Die Schwangerschaft ist kein notwendiges Übel, sondern gehört zum Leben — auch dem wissenschaftlichen — dazu. Das muss besser signalisiert werden!“

Letztlich liegt es eben nicht allein an den Einrichtungen, wie sehr Schwangere unterstützt werden, sondern auch an Kollegen und besonders an einer Personengruppe: den Chefs. Wie wichtig Vorgesetzte bei der Vereinbarkeit von Schwangerschaft und Karriere sind, deutet LMU-Frauenbeauftragte ­Bölter an: „In den Biowissenschaften, die Laborarbeit beinhalten, kann keine [schwangere] Frau erwarten, ‚unbeeinträchtigt’ einfach so weiter zu machen. Darüber muss sie sich im Klaren sein! Wir tun, was möglich ist, jeder Arbeitsgruppenleiter auf etwas unterschiedliche Weise, abhängig vom Arbeitsgebiet der Frau. Arbeitsschutzrechtlich dürfen Schwangere in den meisten Laboren überhaupt nicht arbeiten; die bekommen dann Büroarbeit oder werden ‚ausgelagert’, dass keine Gefährdung besteht. Wie gut das im Einzelnen umgesetzt wird, kann ich Ihnen nicht sagen, bei mir hat sich noch keine Frau beschwert, wie mit ihr umgegangen wurde. Die Frage ist, ob irgendwer das in Anbetracht der Abhängigkeit vom Chef überhaupt tun würde!“

Es geht auch anders

Diese Abhängigkeit demonstriert das erschreckende finale Beispiel von Frau M. [Name von der Redaktion geändert]. „Als ich vor circa zehn Jahren als Postdoc an einer deutschen Universität schwanger wurde, habe ich es unserer damaligen Chefin unverzüglich gesagt, denn auch eine TA aus unserer Arbeitsgruppe hatte kürzlich ihre Schwangerschaft verkündet und ich hätte ihre Arbeiten eigentlich übernehmen sollen.“ Als Frau M. dann mit ihrer Chefin sprach, meinte diese, die Schwangerschaft müsse man erstmal als vorläufig betrachten, es könne ja noch einiges schiefgehen. „Sie hätte während ihrer eigenen Schwangerschaft auch alles im Labor gemacht und ich wolle doch was werden“, berichtet Frau M., die anschließend eine Fehlgeburt erlitt. „Das hatte nichts mit dem Labor zu tun. Bei meiner erneuten Schwangerschaft, kurz darauf, habe ich es meiner Chefin nicht mitgeteilt. Die heiklen Arbeiten hat dann eine Doktorandin für mich gemacht, die ich eingeweiht hatte.“

Erst ganz spät habe Frau M. ihrer Chefin von der Schwangerschaft berichtet. „Doktoranden oder Postdocs sind leider komplett auf den Chef angewiesen und gerade in solch einer Situation sollte man eigentlich auf ihre Unterstützung bauen können“, klagt Frau M. und schließt mit einer heiklen Vermutung: „Das, was mir damals widerfahren ist, war sicherlich kein Einzelfall.“

Juliet Merz

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