Paramedizin im Qualitätsblatt der Bildungsbürger

10. März 2010 von Laborjournal

Da führe ich mir gestern nichtsahnend das Podcast einer angesehenen, wenn nicht sogar der renommiertesten deutschen Wochenzeitung zu Gemüte, und was passiert: Es wird minutenlang unreflektiert der Paramedizin gelobhudelt.

Das Ganze läuft unter der fetten, überhaupt nicht suggestiven Überschrift „Die Heilkraft der Alternativmedizin“. Bebildert mit Echinacea-Blüten in perfekter Weichzeichner-Idylle lese ich zunehmend entgeistert den ebenfalls total neutralen Anreissertext:

„Nicht alles Lug und Betrug: Was die Naturheilkunde die Schulmedizin noch lehren kann und wie Patienten davon profitieren, erfahren Sie im Audio-Podcast von …“
na, eben von dieser renommierten deutschen Wochenzeitung. Beziehungsweise in deren Wissensmagazin.

Im Podcast-Hörbeitrag kommen dann Sätze vor, bei denen es mir die Nackenhaare
aufstellt: „Alternativ- und Schulmediziner gehen aufeinander zu, und für die
Patienten hat das Vorteile.“ Es gebe „eine Art Friedensprozess“ in der Medizin; man
habe während der Recherche zu diesem Podcast einen „Professor Stefan Willich an
der Charité Berlin“ besucht. Man „spüre an dessen Institut dieses
Aufeinanderzugehen so richtig“, und im Tonfall schwingt unausgesprochen mit: „Na
endlich sind die Parawissenschaften an der Universität angekommen!“

Es wird noch übler: An einer „Ambulanz für Prävention und Integrative Medizin“
darf Willich mit dem Segen der Charité-Leitung evidenzbasierte Medizin lustig mit
paramedizinischen Methoden mischen – wohlgemerkt, an der „wichtigsten deutschen medizinischen Fakultät“, wie im Beitrag auch noch betont wird. Willich habe Alternativmedizin vor 10 Jahren an seinem Lehrstuhl „etabliert“. Er und seine
Charité-Kollegen hätten sich in Homöopathie „fortgebildet“.

Willich fabuliert dann noch davon, dass es ihm bei der Alternativmedizin um
Wirksamkeitsnachweise gehe, und es würden „natürlich Studien durchgeführt“. Der Podcast-Reporter der renommierten Wochenzeitung nickt fast hörbar und tut zum Abschluss den wohlfeilen Satz „Viele denken endlich um, zum Wohle der Patienten.“

Das Fazit dieses Profi-Reporters der großen deutschen Wochenzeitung: „Alternativmedizin ja, aber nur dann, wenn sie wissenschaftlich begründet ist.“

Dass die in Berlin eingesetzten Methoden (Homöopathie, Akupunktur) genau dies – wissenschaftlich begründet — eben nicht sind, sagt er nicht.

Natürlich rücken die kompetenten Kollegen unseres Profi-Reporters beim Leitblatt der deutschen Akademiker-Elite derlei weichgezeichnete Halbwahrheiten ins rechte Licht. Natürlich wird das, was an der Charité unter Paramedizin-Verfechter Willich und seiner Kollegin Claudia Witt vor sich geht, im Folgenden kritisch hinterfragt. Natürlich wird unmissverständlich klargemacht, dass es keine seriösen Studien gibt, die die Wirkung von beispielsweise Homöopathie belegen, und natürlich wird auch noch erwähnt, dass Willich und Witt (die bevorzugt in Esoterik-Fachblättern publiziert), bei seriösen Wissenschaftlern einen eher zweifelhaften Ruf genießen.

Äh… ?

Hm, anscheinend nicht.

Zumindest im Podcast dieser großen, renommierten deutschen Wochenzeitung geschieht keine Relativierung und kein Hinterfragen. Dafür ist man politisch korrekt bis hin zur Naivität. Man nennt das wohl „ausgewogen“.

P.S.: Gegen die seriöse, evidenzbasierte(!) Untersuchung von Paramedizin, wie sie
zum Beispiel Edzard Ernst an der University of Exeter in streng wissenschaftlicher
Weise betreibt, ist natürlich nichts zu sagen. Doch was Willich und Witt in Berlin
treiben, ist haarsträubend. Der britische Autor Ben Goldacre hat dafür einen Namen.
Seine Kolumne im Guardian trägt ihn.

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6 Gedanken zu „Paramedizin im Qualitätsblatt der Bildungsbürger“

  1. Marc sagt:

    Danke für den Text. Da kann ich mir meinen Artikel zu dem Thema ja sparen. Ich habe mir gestern (genauso erstaunt und mit Bauchschmerzen) den Podcast angehört.

    Mir stellen sich da (auch im Zshg. mit der aktuellen Serie zur Alternativmedizin in ZEIT-Wissen) viele, viele Fragen. Wieso verwischt man die Unterschiede zwischen der (hoffentlich und idealerweise) evidenzbasierten Medizin und den alternativ-eigensinnigen Verfahren der Komplementärmedizin? Warum der Kuschelkurs gegenüber der Homöopathie?

  2. Winfried Köppelle sagt:

    Diese Frage stelle ich mir derzeit auch immer öfter.

    Wenn man in Betracht zieht, dass derzeit gerade versucht wird, Edzard Ernst elegant zu „entsorgen“
    (siehe http://www.gwup.org/infos/nachrichten/961-edzard-ernsts-lehrstuhl-fuer-komplementaermedizin-droht-das-aus)

    und sich ferner das liebedienerische Interview mit einem Akupunkteur in der FAZ vom 27.2. anguckt,

    (Thomas Wanhoff bringt’s hier sehr schön zur Sprache:
    http://www.scienceblogs.de/wissenschaft-zum-mitnehmen/2010/03/scienceblogs-podcast-goodbye-bmi.php

    dann könnte einem schon angst und bange werden.

    Ich neige ja nicht gerade zu Verschwörungstheorien, aber die Paramedizin drängt im Moment definitiv mit aller Macht in die letzten Bastionen der Vernunft.

    WK

  3. excanwahn sagt:

    Und nachdem die altehrwürdige Charité schon seit geraumer Zeit Hogwarts Konkurrenz macht, bemüht sich, nach Magdeburg, nun die Viadrina mit dem Engagement von Walach um den „Goldenen Zauberstab“.

    Claus Helene Hare Hans Louis Fritzsche, der Eselhirte unter den Homöopathologen, lacht sich in Fäustchen, und fragt sich wahrscheinlich gerade, warum er so einen Aufwand betreibt, Vernunft zu diskreditieren, wo doch der Wahn von ganz allein Einzug hält.

  4. Ralf Neumann sagt:

    … und um das Homöopathie-Bashing noch ein wenig anzuheizen: http://blog.esowatch.com/?p=1031 … vor allem inklusive des folgenden Kommentars: http://blog.esowatch.com/?p=1045#comments

  5. Dr. Kerner sagt:

    warum so hass erfüllt werter schreiber? „schwingt“ (ich wollte mal ärgern..) da womöglich angst vor unbekanntem, bisher unverständlichen mit? Man wettert doch auch nicht grundlos über..sagen wir zum beispiel..Bibi Blocksberg (mit Ausnahme natürich der katholischen Kirche), weil es sich hier um nichts als eine Erfindung zur Kinderunterhaltung handelt.
    Wenn schon nicht paramedizin, so empfehle ich doch eine weiter gehende Beschäftigung mit den weltweit unumstösslich anerkannten Theorien C.G.Jungs. Kein bisschen esoterisch.

  6. Winfried Köppelle sagt:

    „Unumstösslich anerkannt“ ist gar nichts auf diese Welt, werter Leserbriefschreiber „Dr. Kerner“. Als Promovierter sollte man das wissen.

    Und auch für den von Ihnen ins Feld geführten Herrn Jung bestätigt sich das: Was bei Wikipedia unter „Kritik“ zu diesem Herrn steht, passt nicht auf meinen 27-Zoll-Bildschirm (zumindest nicht gleichzeitig…):

    http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung

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