Bessere Forscher nach frühen Fehlschlägen?

12. Juni 2019 von Laborjournal

Über Wohl und Wehe eines erfolgreichen Förderantrags entscheidet einzig und allein die wissen­schaftliche Exzellenz des Kandidaten und seines beantragten Projekts. Gerade die Programme zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses betonen dies immer wieder neu als oberste Maxime. Der Gedanke dahinter ist klar: Die Besten von heute werden ziemlich sicher auch die Besten von morgen sein — gerade, wenn man sie schon früh identifiziert und fördert. Hinterfragt hat das bislang nahezu niemand.

Umso überraschender verkünden jetzt drei Herren namens Wang, Jones & Wang von der North­western University in Evanston/USA, dass diese These von „Früh top, immer top“ womöglich stärker wackeln könnte als gedacht (arXiv:1903.06958v1).

Wie kommen sie darauf?

Zunächst nahmen sich Wang, Jones & Wang sämtliche Anträge vor, mit denen sich in den Jahren 1990 bis 2005 Nachwuchsforscher auf ein biomedizinisches Stipendium der US National Institutes of Health (NIH) beworben hatten. Daraus filterten sie 703 Forscher heraus, deren Anträge knapp gescheitert waren — und stellten sie 656 Kollegen gegenüber, die mit ihren Anträgen gerade noch durchgekommen waren. Während Erstere also zunächst einen Karriererückschlag verdauen mussten, erhielten Letztere zum Durchstarten gleich mal 1,3 Millionen Dollar Fördermittel für die nächsten fünf Jahre.

Doch wie sah es mit der „Exzellenz“ der beiden Gruppen nach diesen fünf Jahren aus? Zumindest in puncto „Publikationserfolg“ anders als erwartet! Wang, Jones & Wang stuften 16 Prozent der Artikel, die die „Erst-Enttäuschten“ bis dahin über ihre Karriere-Umwege publiziert hatten, als hochzitiert ein — was heißt, dass sie in ihren jeweiligen Disziplinen zu den Top-5-Prozent der am häufigsten zitierten Veröffentlichungen dieses Zeitraums zählten. Die Gruppe der „Gerade-noch-Stipendiaten“ brachte dagegen nur 13 Prozent ihrer Veröffentlichungen in diese Hochzitations-Zone.

Das mag zwar überraschen, wäre jetzt aber noch nicht wirklich spektakulär — wenn diese Schere in den nächsten fünf Jahren nicht noch weiter auseinander gehen würde. Am Ende ihrer um­fang­reichen bibliometrischen Zahlenspiele hielten die Autoren fest, dass die ursprünglichen Loser eine um 61 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit hatten, in ihrem Fach ein hochzitiertes Paper zu produzieren, als ihre Kollegen, die damals zum NIH-Stipendium durchgeschlüpft waren. Ebenso lag in der Gruppe der knapp abgelehnten NIH-Bewerber die durchschnittliche Anzahl der Zitate pro Artikel zehn Jahre später um 34 Prozent höher.

Der einzige Punkt, in dem die „Früh-Stipendiaten“ besser abschnitten, war die Wahr­schein­lich­keit, ganz aus Wissenschaft und Forschung auszusteigen. Diese war offenbar nach dem Frust des ersten Rückschlags bei den „Knapp Abgelehnten“ doch um 13 Prozent höher.

„Ein Rückschlag in der frühen Karriere hat starke, gegensätzliche Auswirkungen“, folgern die Autoren daher. „Einige Karrieren gehen kaputt, aber andere gehen überraschenderweise gestärkt daraus hervor — ganz nach dem Motto: ‚Was uns nicht umbringt, macht uns umso stärker’.“

Von daher ist es womöglich zu kurz gegriffen, wissenschaftliche Exzellenz als alleinige Voraussetzung für eine erfolgreiche Forschungskarriere zu proklamieren. Entschlossenheit und Durchhaltevermögen gehörten sicher ebenso mit dazu, folgern Wang, Jones & Wang aus ihren Erkenntnissen.

Gut, gekauft!

Bleibt aber noch die folgende Frage, die der Soziologe Arnout van de Rijt von der Universität Utrecht in Physics World zu der Studie stellte: Verfassten die „Verlierer“ ihre Top-Paper mehrheitlich zusammen mit Senior-Wissenschaftlern, in deren Labors sie weiterarbeiten mussten — während hingegen die „Gewinner“ von da ab unabhängig arbeiten und eine eigene Gruppe aufbauen mussten?

Wäre das der Fall, würden völlig neue Schlussfolgerungen fällig.

Ralf Neumann

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