Die Geister des Peer Review

8. Mai 2019 von Laborjournal

Hand auf’s Herz, liebe Profs und Gruppenleiter: Wer von euch hat schon mal einen Postdoc oder anderen Mitarbeiter der eigenen AG ein Manuskript begutachten lassen, das ihm zum Peer Review geschickt wurde — und das Gutachten am Ende gänzlich unter eigenem Namen an den Journal-Editor zurückgeschickt? Rein statistisch müsste sich jetzt eigentlich jeder Zweite ertappt fühlen — jedenfalls, wenn man das Ergebnis einer aktuellen Befragung von Nachwuchsforschern durch US-Forscher mal herumdreht: Knapp die Hälfte von fünfhundert befragten Early Career Researchers gab darin an, bereits als Ghostwriter im Namen des Chefs einen Peer Review verfasst zu haben — ohne dass den Journal-Editoren deren Autorenschaft offenbart wurde (. Die große Mehrheit von ihnen kam aus den Life Sciences.

In der gleichen Umfrage verurteilten achtzig Prozent der Befragten diese Praxis der verschwie­genen Review-(Ko)-Autoren. Warum aber kommt es trotzdem zu derart vielen GhostwriterReviews?

Die Zielrichtung dieser Frage muss man vorab genauer erklären. Grundsätzlich ist es nämlich so, dass viele es ganz und gar nicht für unethisch, sondern sogar für gut und erstrebenswert halten, wenn Nachwuchsforscher sich aktiv als Ko-Autoren an Begutachtungen beteiligen — sei es dass sie Ideen oder Teile des Texts liefern, oder sei es, dass sie am Ende gar den ganzen Review schreiben. Wie sonst könnten Nachwuchsforscher das Peer Reviewing auch besser lernen? Und tatsächlich denken viele nicht nur so, sondern praktizieren es auch mit ihren Mitarbeitern.

Nur, sollten diese dann nicht auch den verdienten Credit als Review-(Ko-)Autoren kriegen — statt als unerwähnte Ghostwriter zu verblassen? „Peer Review ist echte akademische Arbeit, ebenso wie ein Manuskript zu schreiben“, stellt Rebeccah Lijek, Seniorautorin der Studie, klar. „Wir wollen daher erreichen, dass jeder auch die verdiente Autorennennung dafür bekommt.“

Warum passiert das bislang nicht wirklich?

Die Studienteilnehmer nannten vor allem drei Barrieren, die verhinderten, dass Ko-Reviewer oder Ghost-Reviewer genannt werden:

  • Fehlende Kommunikation zwischen Chef und Nachwuchsforscher.
  • Der falsche Glaube, dass Koautorschaften lediglich für Manuskripte relevant sind, und nicht für Reviews.
  • Die restriktive Politik vieler Journals, die wider die tatsächliche Praxis und Meinung der Forschergemeinde das Hinzuziehen von Mitarbeitern zum Peer Review strikt verbietet.

Vor allem Letzteres haben die Autoren der Studie als Hauptgrund dafür ausgemacht, dass viele Mit-Reviewer bislang „Geister“ bleiben. Schließlich gestattet es die Politik vieler Journals nicht einmal, dass der beauftragte Gutachter das Manuskript irgendjemandem überhaupt auch nur zeigt — geschweige denn, dass es gar jemand mitbegutachtet. Und so kommt es, schließen die Autoren, dass viele Chefs lieber ihre Junior-Ko-Reviewer verschweigen als offen gegen die Regeln des Journals zu verstoßen — obwohl sie prinzipiell kein Problem damit hätten, sie mit zu nennen.

Der Appell der Autoren an die Journals ist somit klar: Passt eure Politik endlich den wahren Gegebenheiten an — nämlich, dass das Miteinbeziehen von Ko-Reviewern längst gängige Praxis ist und überdies als wertvolles Training für Nachwuchsforscher angesehen wird. Das würde letztlich so manchen Gutachter aus seinem Dilemma befreien — und gleichsam die Wahrscheinlichkeit stark erhöhen, dass viele Ko-Reviewer tatsächlich mit Namen genannt würden.

Am schlankesten könnte dieses Dilemma natürlich durch die großflächige Einführung von offenem und namentlich gekennzeichnetem Post-Publication-Peer-Review gelöst werden. Denn hierbei würde niemand mehr wie bisher von einem Editor vorab mit einem Gutachten beauftragt, sondern ein jeder, der eine Veröffentlichung kommentieren möchte, kann dies nachfolgend tun — egal, ob allein oder im Team mit Ko-Autoren. Und selbst im Fall der Fälle: Welcher Seniorforscher würde unter solchen Bedingungen riskieren, alleine unter seinem Namen einen Review zu veröffent­li­chen, der tatsächlich von einem seiner Studenten geschrieben wurde?

Ralf Neumann

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