Coronakrise: Nur nicht zu viel versprechen

31. März 2020 von Laborjournal

Forscher Ernst macht sich so seine Gedanken zu Chancen und Risiken der Wissenschaft in Zeiten der Coronakrise:

Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.

 

Irgendwann ist’s einfach gut mit Zitieren

25. März 2020 von Laborjournal

Jeder Labor-Biologe stellt mit dem pH-Meter seine Puffer ein. Doch wer zitiert dafür den dänischen Chemiker Søren Peder Lauritz Sørensen, der 1909 erstmals das Konzept der pH-Skala vorstellte?

Oder ähnliche Frage: Welcher Arabidopsis-Forscher zitiert noch den Erfurter Arzt und Botaniker Johannes Thal, der 1577 erstmals das heutige Top-Modell der molekularen Pflanzenforschung beschrieb?

Sørensen und Thal könnten so gesehen gut und gerne zu den meistzitierten Köpfen der wissenschaftlichen Literatur gehören. Tun sie aber nicht — und das ist auch richtig so. Denn irgendwann gehören Dinge einfach zum allgemeinen (Fach-)Wissen oder Handwerk — und spätestens dann sollte es mal gut sein mit Zitieren.

Aus diesem Grund zitiert auch keiner mehr Darwin, wenn er den Begriff „natürliche Selektion“ verwendet. Oder Miescher beziehungsweise Watson und Crick, wenn er über DNA schreibt. Alle Vier würden sonst sicher mit zu den meistzitierten Autoren aller Zeiten gehören.

Allerdings: Was ist dann mit Ulrich Laemmli, der 1970 das erste SDS-Polyacrylamidgel fuhr? Oder mit Oliver Lowry und Marion Bradford, die 1951 und 1976 unterschiedliche Methoden zur Proteinbestimmung entwickelten? Seit Jahrzehnten gehören die drei Methoden zur absoluten Routine in jedem biochemisch-molekularbiologischen Labor. Dennoch werden die Drei bis heute weiterhin fleißig zitiert — zuletzt jeweils runde fünfzig Mal pro Jahr.

Irgendwie scheinen die drei einfach Glück gehabt zu haben. Im Gegensatz zu vielen anderen, wie etwa dem Schweden Arne Tiselius, der 1937 die Agarosegel-Elektrophorese in der heute noch üblichen Form veröffentlichte — aber schon lange in keiner Referenzliste mehr auftaucht. Und dieses „Glück“ sorgte letztlich dafür, dass die Artikel von Lowry, Bradford und Laemmli heute die drei meistzitierten wissenschaftlichen Veröffentlichungen aller Zeiten sind.

Schön für sie! Und klar, methodische Fortschritte sind enorm wichtig für den wissenschaftlichen Fortschritt. Aber dennoch stehen Lowry, Bradford und Laemmli diesbezüglich ja wohl kaum auf einer Stufe mit Darwin, Miescher oder Watson & Crick.

Wie bitte? Ach so, ja klar — hier geht‘s ja „nur“ um Zitierungen. Und was zählen die heute schon bei der Bewertung wissenschaftlicher Leistungen?…

Ralf Neumann

Forscher Ernst träumt vom Coronavirus…

18. März 2020 von Laborjournal

 


Unser „Forscher Ernst“ wird doch noch träumen dürfen…

(Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

Nur noch Methoden

11. März 2020 von Laborjournal

Klar – die Art und Weise, wie Forschung betrieben wird, verändert sich mit der Zeit. Unser Forscher Ernst ist damit allerdings nicht nur zufrieden:…

Gezeichnet von Rafael Florés. Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.


„Impactitis“…

5. März 2020 von Laborjournal

… — schon seit Langem hat sich diese heimtückische Krankheit in Forscherkreisen weiter verbreitet, als es Covid-19 wohl jemals schaffen wird. Und auch ihre schlimmsten Symptome sind weithin bekannt: Anfangs völlig unbemerkt schleicht sich das infektiöse Agens in das Kreativitätszentrum des armen Forscheropfers und polt es langsam aber sicher um — bis der „Patient“ mit seinem ganzen wissenschaftlichen Schaffen nicht mehr danach strebt, möglichst „Großes“ zu entdecken, sondern vielmehr nur noch den Phantomen möglichst „hoher“ Publikationen in High-Impact-Zeitschriften nachläuft.

Ein fataler Irrweg, der in der Summe zwangsläufig die Qualität des wissenschaftlichen Fortschritts untergraben muss — und gegen den bislang noch keine wirklich wirksame Therapie in Sicht ist. Wer sollte die auch entwickeln, wenn gerade diejenigen, die sich besonders effizient in den High-Impact-Journalen tummeln, dafür erst recht belohnt werden? Von Berufungskommissionen, Forschungsförderern, Journal-Editoren, Preis-Jurys,…

Sprichwörtlich kann ja bisweilen schon ein wenig Einsicht der erste Schritt zur Besserung sein. Zumindest schaden kann sie nicht. Hier also ein paar Dosen „Einsicht“:

(1) Relativ gesehen müssen High-Impact-Journals weitaus am häufigsten bereits publizierte Artikel wieder zurückziehen — oftmals wegen Fälschung.

(2) Die Mehrheit der Paper in High-Impact-Blättern werden unterdurchschnittlich zitiert; ihre hohen Impact-Faktoren erreichen sie vielmehr durch wenige Zitations-Blockbuster.

(3) Viele wirklich einflussreiche Studien wurden überhaupt erst jenseits des Zweijahres-Fensters zitiert, in dem sie für die Berechnung des Impact-Faktors mitzählen.

(4) Veröffentlichung in einem High-Impact-Journal ist nicht äquivalent mit wissenschaftlichem Wert. Erst kürzlich zeigte eine Studie, dass wirklich neue Erkenntnisse („novel“) sogar eher in Low-Impact-Zeitschriften erscheinen (Research Policy 46(8): 1416-36).

Bleibt als Ergebnis dieser vier kleinen Therapie-Dosen: Artikel in High-Impact-Journalen repräsentieren also keinesfalls automatisch die beste Forschung, nicht selten sogar ganz im Gegenteil.

Und, wie geht es jetzt Ihrer „Impactitis“? Fühlt sich die eine oder der andere vielleicht schon ein bisschen besser?

Ralf Neumann

Illustr.: iStock / z_wei