Lab-Budgetplanung will gelernt sein

30. Oktober 2019 von Laborjournal

Money makes research go round

Der frischgebackene Masterstudent merkt das erstmals, wenn er voller Elan die nötigen Vektorkonstrukte für sein Projekt zusammenbastelt. Nach Klonierungsansatz und eifrigem Studium der entscheidenden Sequenzabschnitte wählt er für den analytischen Verdau ausgerechnet das Restriktionsenzym FatI. Erwartungsvoll präsentiert er den Plan seinem Prof — und der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „FatI, ja klar! Tatsächlich so ziemlich das fetteste Enzym von allen. 250-mal teurer als EcoRI. Und das, nur um ein Plasmid zu überprüfen? Nee, das geht ganz sicher auch mit viel billigeren Enzymen.“

Woher sollte der arme Masterstudent das wissen? Denn auch in der Forschung gilt die weitverbreitete Etikette: Über Geld spricht man nicht! Selbst Postdocs haben meist keine Ahnung, was ihr eigenes Projekt kostet — geschweige denn, wieviel Geld das gesamte Labor zur Verfügung hat und wie es budgetiert ist.

Dabei müssten eigentlich genau diese Dinge — Budgetierung und Grant Management — zwingender Bestandteil eines ordentlichen Postdoc-Trainings sein. Schließlich müssen diese bald selbst die vollen Kosten für geplante Projekte zuverlässig kalkulieren und daraufhin die passenden Anträge stellen können. Der Laborleiter, der einmal im Jahr mit seinen Leuten eine komplette „Haushaltssitzung“ macht, ist jedoch die rühmliche Ausnahme. Die Realität spiegelt sich eher in der folgenden Forums-Frage eines Postdocs:

Kann ich meinen Chef einfach ansprechen — nach dem Motto: „Ich würde gerne mehr über Labor-Budgetierung und -Management lernen, um besser auf meine akademische Zukunft vorbereitet zu sein. Kannst du mir daher das ungefähre Jahresbudget für unser Labor erklären und mir aufschlüsseln, wie es sich auf die einzelnen Posten verteilt?“ Wäre das genauso unverschämt, wie ihn nach seinem Gehalt zu fragen? Oder so heikel, wie sich nach seiner letzten Zahnbehandlung zu erkundigen?

Nein, es ist weder unverschämt noch heikel — es ist absolut angemessen!

Allerdings kann es einem dann auch ergehen wie Postdoc Müller: Dem erklärte sein Chef auf Nachfrage nach anfänglichem Zögern umfassend das Finanzmanagement der Gruppe — mit dem Resultat, dass dieser seitdem die komplette Buchhaltung des Labors am eigenen Hals hat.

Ralf Neumann

Illustrationen: AE Zemin

Wer hat hier eigentlich Talent?

23. Oktober 2019 von Laborjournal

Junge Talente. Wenn man sich so umhört, könnte man fast meinen, dass Wohl und Gedeih der Wissenschaft einzig von ihnen abhängen. Nicht zuletzt, da schon länger Programme zur Förderung besonders begabter Jungforscher wie Pilze aus dem feuchten Herbstboden schießen.

Das ist zwar sicher gut so, da gerade der wissenschaftliche Nachwuchs bis vor einiger Zeit doch arg vernachlässigt wurde — meist zugunsten der etablierten Platzhirsche. (Ganz abgesehen davon, dass er ja sowieso zu schlecht bezahlt wird.) Das Problem bei der ganzen Sache ist jedoch erstmal ein anderes: Bevor man Talent fördern kann, muss man es erkennen. Und zwar nicht erst, wenn jemand bereits seine ersten wissenschaftlichen Fußstapfen in irgendwelchen angesehenen Journalen hinterlassen hat. Nein, viel früher. Möglichst ganz am Anfang schon.

In einer idealen Welt müsste Chef oder Chefin jeden „Neuankömmling“ im Labor gerade in den ersten Monaten ganz besonders begleiten. Denn wenn da mit den richtigen Leuten nicht die richtigen Dinge passieren, nimmt der begabte Nachwuchs ganz schnell sein Talent und geht woanders spielen.

Doch die Welt ist nicht ideal — Chefs oftmals schon gar nicht. Und so ereignen sich immer wieder Fälle wie der folgende:

Eine Master-Studentin kommt frisch ins Labor und beginnt ein neues Projekt. „Zum Antesten“, steckt der Chef einem Kollegen. „Wäre zu riskant für unsere Docs und Postdocs, die brauchen doch was Sicheres, mit Ergebnisgarantie.“

Kaum hat die Studentin die ersten positiven Ergebnisse, nimmt der Chef ihr jedoch prompt das Projekt ab und übergibt es einem Postdoc. „Der kriegt das schneller hin, hat ja auch mehr Erfahrung“, sagt er seinem Kumpel. „Um der Wissenschaft willen“, sagt er der Studentin.

Mit dem nächsten „riskanten Projekt“ dasselbe: Die Studentin hat schnell erfolgsversprechende Ergebnisse — und Postdoc Nummer 2 übernimmt. Und man mag es kaum glauben, aber das Muster wiederholt sich ein drittes Mal — sehr zur Freude von Postdoc Nummer 3.

Wer hier wirklich Talent hat, erkennt der aufmerksame Leser schnell — der „Chef“ offenbar nicht. Das Ende vom Lied: Der Master-Studentin bleibt nichts anderes übrig, als eine fürchterliche Patchwork-Arbeit zu schreiben — und macht hernach Karriere in der Software-Branche.

Und die drei Postdocs? Sind heute immer noch Postdocs.

Ralf Neumann

(Eine etwas andere Version dieses Textes erschien bereits in unserer Printausgabe Laborjournal 11/2008.)

Foto: iStock / Imgorthand

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Wenn Umfragen plötzlich zählen

16. Oktober 2019 von Laborjournal

Gewöhnlich geben Naturwissenschaftler nicht viel auf Ergebnisse, die mit Fragebögen erhoben sind. Objektive Ergebnisse seien damit nicht möglich, ist deren klares Urteil. Zu befangen (biased) seien die „Versuchsobjekte“, zu viele nicht messbare Faktoren gingen in die Antworten ein. Mit ein Hauptgrund, weswegen „echte“ Wissenschaftler klassischen Fragebogen-Disziplinen wie Psychologie oder Soziologie allenfalls mit Argwohn begegnen.

Komisch ist allerdings, dass sie derlei Kritik offenbar komplett ausblenden, wenn ihnen die Ergebnisse solcher Umfragen gut in den Kram passen. Dann zeigt sich wie kaum irgendwo sonst, dass Naturwissenschaftler eben auch nur Menschen sind. „Seht ihr, hab’ ich doch schon immer gesagt“, heißt es dann aus deren Mündern. „Hier habt ihr es jetzt schwarz auf weiß“.

Gut zu beobachten war dieses Phänomen vor einiger Zeit anlässlich einer Umfrage zum Thema Gutachtertum (Sci. Eng. Ethics 14, S. 305). Drei US-Autoren hatten eine ordentliche Anzahl Life-Science-Forscher über ihre Erfahrungen mit Peer Review befragt. Die Ergebnisse:

  • Mindestens ein Reviewer war inkompetent, erfuhren 61,8 Prozent der Befragten.
  • Mindestens ein Reviewer war voreingenommen (biased!), bemängelten 50,5 Prozent.
  • Gutachter verlangten, unnötige Referenzen in die Publikation aufzunehmen — 22,7 Prozent.
  • Kommentare der Gutachter enthielten persönliche Angriffe — 17,7 Prozent….
  • … Bis hin zu Vertraulichkeitsbruch der Gutachter (6,8 Prozent) beziehungsweise unerlaubter Übernahme von Ideen, Daten oder Methoden aus dem Manuskript (5 Prozent).

Alles das also, worüber so gut wie jeder Forscher immer wieder wettert — jetzt mit fetten Zahlen dahinter. Solche Umfragen zählen natürlich.

Zumal es ja auch bei der Begutachtung von Förderanträgen genügend „Evidenz“ für die Unzulänglichkeiten des Peer Review gibt. Denn wie war das noch mit dem Kollegen Müller, der kürzlich ins Ausland gewechselt war? Mit dem gleichen Antrag, den die DFG vor zwei Jahren komplett abgelehnt hatte, bekam er jetzt dort die höchste Zuwendung der aktuellen Förderperiode.

Oder der Sonderforschungsbereich (SFB) vom Kollegen Schlacht? Wurde damals ebenfalls abgelehnt. Ein Jahr später jedoch waren sämtliche Einzelprojekte des einstmals erfolglosen SFB über das Normalverfahren bewilligt.

Oder Nachwuchsmann Starz. Bekam mit seinem Projektantrag von der DFG kein Stipendium und wurde dann — glücklicherweise, muss man im Nachhinein sagen — über EU-Töpfe finanziert. Und jetzt ziert sein Paper die Titelseite von Current Biology und wurde bereits breit in der internationalen Presse vorgestellt.

Doch halt, das sind ja quasi Einzelfallstudien (Case Studies)! Und die zählen bei „echten“ Naturwissenschaftlern schließlich auch nur wenig.

Ralf Neumann

Gutachter-Statistik

9. Oktober 2019 von Laborjournal

Unser „Forscher Ernst“ bekommt den Gutachter-Blues…

(Jede Menge weiterer Labor-Abenteuer von „Forscher Ernst“ gibt es hier.)

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Referenzlisten auf Schmalspur

2. Oktober 2019 von Laborjournal

Es gibt Dinge, die ärgern Forscher ganz besonders. Mit zu den „Highlights“ ge­hört sicherlich, wenn man ein frisches Paper liest, dessen Inhalt klar erfordert, dass es die ein oder andere eigene Ar­beit zitiert — aber nichts, nicht ein einziges Mal wird man in der Referenz­liste erwähnt.

Manchmal ruft man daraufhin den verantwortlichen Autor an. Schließlich arbeitet er im gleichen Feld, und man kennt sich ja. Doch die Antwort, die man dann bisweilen erhält, lässt den For­scherkamm nur noch dicker an­schwel­len:

„Ja, tut mir leid. Das war uns natürlich bewusst. Aber das blöde Journal akzeptiert nur maximal 25 Referenzen — da mussten wir zwangsweise das eine oder andere wichtige Paper weglassen.“

Ganz toll! Und dann fügt er noch hinzu:

„Weißt du, was mir zuletzt mit einem anderen Paper passiert ist? Da hat das Journal die Referenzliste sogar eigenmächtig auf Layout-freundliches Maß zurechtgestutzt.“

Geht‘s eigentlich noch?

Um das jetzt mal ganz klarzumachen: Life-Science-Forschung ist ein derart vielfältiges Gebiet, da können die Verlage unmöglich einfach mal festlegen, dass sich ein jedes Paper auf dieser Erde auf den Ergebnissen von nicht mehr als 25 oder 30 Referenzen aufbauen ließe. Manche brauchen die Vorarbeit von mehr als hundert, wobei jedes einzelne davon zu Recht in der Referenzliste steht!

Und ganz abgesehen davon: Sollte es nicht zu den Hauptaufgaben der Forschungsblätter gehören, dem geneigten Leser die Möglichkeit zu bieten, genauestmöglich nachvollziehen zu können, auf wessen „Schultern“ die präsentierten Ergebnisse tatsächlich stehen?

Klar, eine weitere Schlüsselaufgabe der Gutachter ist natürlich, gleichsam unnötige oder unverdiente Referenzen wieder auszusortieren — gerade um nicht immer ganz lautere „Über­zitie­rung“ zu vermeiden. Aber hier geht es um die vorweg festgelegten Limits für die Referenzlisten — und die sind oftmals viel zu niedrig.

Was daraus resultiert, klingt fast schon wie ein schlechter Witz: Für die Forscher sind Zitierungen heute so wichtig wie noch nie (wenn auch infolge eines zugegebenermaßen fehlgeleiteten Belohnungssystems) — während die Zeitschriften mit solchen schmalspurigen Maßnahmen den tieferen Zweck des wissenschaftlichen Referenzierens mit Füßen treten.

Ralf Neumann

(Eine etwas andere Version dieses Textes erschien bereits in unserer Printausgabe Laborjournal 12/2015.)

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