„Die Unis werden politisch klein gehalten“

9. Juni 2021 von Laborjournal

(In unserem Heft 4/2021 schrieben wir unter „Inkubiert“ über den latenten Unwillen der Professorenschaft, am Wissenschaftssystem etwas zu verändern – obwohl sie es bis dahin meist selbst als schlimm und bedrückend erlebt hatten. Daraufhin erhielten wir die folgende Zuschrift, die wir hier anonymisiert und leicht gekürzt bringen, um deren Inhalt zur Diskussion zu stellen.)

 

“ […] Sie haben vollkommen recht. Sowohl das Verhalten der gestandenen Professoren wie auch insbesondere das der jungen, frisch berufenen ist mir ein Rätsel. Das Ausmaß an Gelangweiltheit auf der einen Seite und Desinteresse auf der anderen Seite ist schon phänomenal. Wenn man das Thema „kranke Wissenschaftsstrukturen“ anspricht oder gar eine Initiative dagegen starten will, scheuen nahezu alle zurück. Ich habe mehrfach versucht, gerade das Thema prekäre Finanzierung des Nachwuchses samt der damit verbundenen Qualitätsprobleme wie auch die inhärente Problematik von Drittmittel-Projekten bei komplexen Fragestellungen zum Gegenstand von Initiativen und Studien zu machen – stets umsonst und mit einem erkennbaren Desinteresse der Verantwortlichen.

Wettbewerb ist gut, ohne Zweifel. Aber befristete Verträge, verzögerte Übernahmen, Projektförderungen mit aufwändigen und ruinösen Anträgen sowie eine überforderte und auch korrupte Projektträger-Bürokratie können weder einen Beitrag dazu leisten, dass der Forschungsstandort Deutschland attraktiv und interessant wird, noch die berechtigten Anliegen der jüngeren Kollegen befriedigen.

In Anlehnung an die Wissenschaft gilt der berühmt-berüchtigte Spruch:

Denk ich an deutsche Forschung in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

[…] Weder Exzellenzinitiativen noch hektische Förderaktivitäten können verhindern, dass die strukturellen Defizite an den Hochschulen zu immer größerer Verzagtheit und mangelnder Kreativität führen. Es wird das gemacht, was man glaubt, der Vorgaben wegen machen zu müssen. Fakultäten werden aufgelöst und zusammengelegt, bewährte Strukturen eingerissen. Dabei fehlt es uns zur Bewältigung der anstehenden Probleme an kreativen und motivierten Forschern, neuen Ideen und verlässlichen Besoldungsreformen. Nur, wer soll hierzu eine Initiative starten, wenn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das nicht selbst in die Hand nehmen? Jedes Mal wenn ich das fragte, war die Verzagtheit kaum zu überbieten.

Es ist ein Drama, das sich an den Hochschulen abspielt. Und insgeheim ist es politisch gewollt. Bereits vor zwanzig Jahren teilgenommen, gab das BMBF – unter anderem in Sitzungen, an denen ich teilgenommen hatte –  die Strategie vor:

Die Hochschulen bilden aus – die Max-Planck-Institute (MPIs) forschen – die Fraunhofer-Gesellschaft (FHG) transferiert.

Und tatsächlich läuft es so in der Realität. Jeder Forscher, der etwas auf sich hält, soll schauen, dass er in ein MPI kommt – und wer technische Ambitionen hat, suche sich ein Institut der FHG. So ist das gewollt.

Um das jedoch zu vertuschen, jagt man die Universitäten von Wettbewerb zu Wettbewerb, von Antrag zu Antrag, von Umstrukturierung zu Umstrukturierung. Und hin und wieder gibt es wieder einen Prachtbau, aber kein Hochschulausbau-Programm, Großgeräte-Erneuerung-Programm, keine Laborsanierungen et cetera pp.

Hochschulen bilden also aus. Und – wie damals ein leitender Ministerialdirektor betonte – von Infra- und Besoldungsstruktur her seien sie ja auch zu nichts anderes zu gebrauchen. Das wisse er aus seiner Vorstandstätigkeit in diversen Großforschungs- und anderen Einrichtungen.

Ohne tiefgreifende Strukturreform wird sich hier nichts zum Besseren ändern. Allerdings scheint der Verfall politisch gewollt, denn selbstständige und emanzipierte Wissenschaftler sind schließlich gefährlich!“

 

Systemtreue Forscher

2. Juni 2021 von Laborjournal

Kürzlich klagte jemand in einer E-Mail an die Redaktion: „Da gibt es etwas, das ich einfach nicht verstehe. Schon vor zwanzig Jahren hörte ich Doktoranden und Postdocs immer wieder stöhnen, wie schlimm sich das Wissenschaftssystem entwickelt habe und wie sehr sie unter prekären Arbeitsverhältnissen sowie Instituts-Hierarchien und -Platzhirschen leiden würden. Jetzt sind die meisten von ihnen selbst Gruppenleiter, Instituts-Chef oder sogar noch mehr. Aber nichts hat sich geändert, sie verhalten sich heute genauso wie diejenigen, die sie damals kritisiert haben – vielleicht sogar noch schlimmer. Dabei sind doch sie es, die heute die Dinge tatsächlich ändern könnten, über die sie damals noch so gemeckert haben – wenigstens in ihrem eigenen Umfeld. Da muss man sich schon fragen: Wollen sie das inzwischen vielleicht gar nicht mehr?“

Gute Frage. Eine mögliche Antwort lautet: Sie wollen schon lange etwas anderes. Stehen für Promovierende und junge Postdocs anfangs noch Neugier und Erkenntnisdurst im Vordergrund ihres Forschungsstrebens, rückt mit zunehmender Zeit ihre eigene prekäre Situation angesichts zeitlich befristeter Verträge und Förderungen immer stärker ins Bewusstsein. Mit der Folge, dass die Forschung an sich für Jungforscherinnen und Jungforscher zunehmend seinen Selbstzweck verliert – und stattdessen als „Mittel zum Zweck“ für das eigene Karriere-Management herhalten muss. Aufgrund der prekären Situation wird das Karriere-Management jedoch zwangsläufig zum Risikomanagement – und der Nachwuchs kann es sich daher immer weniger leisten, nur aus reiner Neugier spannenden, aber riskanten Projekten nachzugehen.

Das Dumme ist, dass diese Art Karriere-Management von diesem Punkt an nicht mehr aufhört – auch an der Spitze der Pyramide nicht. Gut, dort heißt das dann wohl eher „Reputations-Management“. Aber die Lage bleibt ähnlich heikel: Für die Allermeisten fließen die Fördermittel nur sehr kurzatmig, und der Publikations-Strom darf nicht abreißen. Das ist natürlich weiterhin Gift für riskante Forschungsvorhaben, sorgt aber noch für etwas anderes: Man bleibt im System gefangen. Und abgesehen davon: Wer ändert schon gerne was an einem System, in dem man es trotz allem „ganz nach oben“ geschafft und somit so viele andere hinter sich gelassen hat?

Ralf Neumann

(Illustr.: AdobeStock / Good Studio)

(Der Beitrag erschien bereits in leicht anderer Form unter „Inkubiert“ in unserer Print-Ausgabe 4/2021.)

 

Forschungsbetrug im eigenen Labor vermeiden? — Ein paar Daumenregeln.

26. Mai 2021 von Laborjournal

Kürzlich fragte der Zürcher Neuropathologe und Prionen-Spezialist Adriano Aguzzi auf seiner Facebook-Seite:

Können wir bitte eine aufgeschlossene, ehrliche und tabufreie Diskussion über wissenschaftlichen Betrug führen? Wie man ihn verhindern kann, und wie man damit umgehen sollte?

Und er startete gleich selbst:

Ich fange mal selber an und behaupte, dass jeder, der denkt, so etwas könne in seinem Labor nicht passieren, sich besser auf böse Überraschungen gefasst machen soll. In meinem Labor ist es jedenfalls passiert.

Insgesamt kamen unter dem Posting noch 50 weitere Kommentare zusammen, die wir hier natürlich weder alle referieren noch zusammenfassen wollen. Einer allerdings gefiel uns besonders gut. Giovanni Giuliano, Forschungsdirektor an der Nationalen Agentur für neue Technologien, Energie und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung (ENEA) in Rom, gab folgendes zu bedenken:

Ein paar Daumenregeln, die in meinem Fall funktioniert haben:

a) Datenmanipulation ist üblich (das Löschen „fehlgeschlagener Proben“ oder gänzlich „gescheiterter Experimente“ aus einem Datensatz ist die Norm, und keineswegs die Ausnahme).

b) Ein veröffentlichter Datensatz kann definitionsgemäß nicht das Universum aller möglichen Variationen repräsentieren, sondern nur diejenigen der Replikationen, die von einer bestimmten Person in einem bestimmten Labor durchgeführt werden.

c) Diese Variation sollte zumindest von einer anderen Person im selben Labor reproduzierbar sein, idealerweise jedoch von einer anderen Person in einem anderen Labor.

d) Wenn die Daten nicht zu deiner Hypothese passen, sei klug: Finde eine bessere Hypothese!

e) Sichere dir Kopien der Primärdaten und lasse sie von neuen Mitarbeitern in deinem Labor bei deren Projektstart erneut analysieren. Dies wirkt eine starke Abschreckung gegen Manipulation.

f) Biologie ist komplex. Egal wie klug du bist, keine biologische Hypothese passt zu all deinen Daten. Versuche demnach unabhängig davon das zu veröffentlichen, was du für gute Daten hältst – auch wenn sie nicht zu deiner Hypothese passen. Jemand anders wird dann entweder zeigen, dass deine Methodik falsch ist, oder eine bessere Erklärung für die Daten finden.

g) Wir sind alle Sünder: Wenn du jemanden dabei erwischst, wie er das Datenpolieren übertreibt, lasse sie oder ihn wissen, dass es um mehr geht als nur um eine Frage der Moral – es geht um Intelligenz! Wie es auf dem Apollo-Tempel in Delphi geschrieben steht: Μηδὲν ἄγαν (Nichts im Übermaß!).

Das lassen wir jetzt mal so stehen. Aber vielleicht weiß ja jemand noch die eine oder andere weitere „Daumenregel“…

Ralf Neumann

 

Die Corona-Plastiklawine

12. Mai 2021 von Laborjournal

Wir hatten ja schon mehrfach berichtet, dass der globale Verbrauch an Plastik-Verbrauchsmaterialien für das Labor wegen der Corona-Krise an seine Grenzen gestoßen ist. Die Nachfrage ist aus diesem Grund weltweit stark gestiegen – sodass die Laborausrüster die benötigten Mengen nicht immer schnell genug produzieren können. Als Folge davon gehen einzelne Labore häufig erstmal leer aus und müssen lange auf Nachschub warten – vor allem natürlich diejenigen, die eben keine Corona-Forschung oder -Diagnostik betreiben.

Doch wo landen die verbrauchten Verbrauchsmaterialien? Oder anders gefragt: Wie viel Plastikmüll entsteht dadurch gerade?

Allein für die Wegwerf-Materialien, die in der weltweiten SARS-CoV-2-Diagnostik verbraucht werden, referiert unser Redakteur Harald Zähringer in unserem neuen Heft die folgenden Zahlen:

Einen großen Batzen des Plastikmülls aus Laboren macht Verbrauchsmaterial für die PCR aus – dazu gehören insbesondere Pipettenspitzen, PCR-Tubes und Tube-Streifen, PCR-Platten sowie Versiegelungsfolien.

Eine kleine Vorstellung davon, wie viel PCR-Plastikmaterial in Laboren verbraucht wird, vermittelt eine Studie der Biologin Paulina Bahamonde, die an der Universidad de Playa Ancha in Valparaíso, Chile, die Auswirkung von Umweltgiften auf marine Ökosysteme untersucht. Ihr Team versuchte die Plastikmenge abzuschätzen, die allein für RT-PCR-Tests auf SARS-CoV-2 in Diagnostik-Laboren von März bis August 2020 anfiel (Sci. Total Environ. 760: 144167).

Dazu wogen die Chilenen sämtliche Plastikgefäße, die für die Extraktion der RNA und die anschließende RT-PCR benötigt werden, und berechneten daraus das Gewicht des pro Einzel-Test verwendeten Plastikmaterials. Heraus kamen 37,27 Gramm Kunststoff, der größte Teil (33,54 Gramm) davon Polypropylen, gefolgt von etwas Polyester (3,06 Gramm) und geringen Mengen Polyethylen (0,66 Gramm). Bei den Abermillionen Corona- Tests, die weltweit durchgeführt werden, summierten sich die wenigen Gramm Plastik pro Test bis August 2020 auf mehr als 15.000 Tonnen. Den Löwenanteil von fast 10.000 Tonnen verbrauchte Asien, jeweils deutlich mehr als 2.000 Tonnen ging auf das Konto von Europa und den USA.

Rechnet man hierzu noch die unzähligen PCRs in Forschungslaboren hinzu, kann man sich leicht vorstellen, was für ein riesiger Müllberg Tag für Tag allein durch PCR-Verbrauchsmaterialien entsteht.

Im Jahr 2015 errechnete ein englisches Team, dass in der biowissenschaftlichen Forschung weltweit jährlich 5,5 Millionen Tonnen Plastikmüll anfallen (Nature 528: 479). Nur in der Forschung wohlgemerkt, ohne Diagnostik! Nimmt man die dazu, dürfte man in dem zurückliegenden Corona-Jahr wohl locker auf einen Tonnenbetrag im mittleren zweistelligen Millionenbereich kommen.

Harald Zähringer / Ralf Neumann

(Foto: radiostudent.si)

 

Gezwitscherte Paper-Probleme

28. April 2021 von Laborjournal

Can tweets be used to detect problems early with scientific papers? A case study of three retracted COVID-19/SARS-CoV-2 papers – so lautet der Titel eines frischen Scientometrics-Papers von Robin Haunschild und Lutz Bornmann, beide Forschungsevaluations- und Bibliometrie-Spezialisten bei der Max-Planck-Gesellschaft. Ob man methodische Fehler, Daten-Irrtümer, falsche Interpretationen oder gar gezielte Manipulationen in Forschungsartikeln aufgrund entsprechender Hinweise auf Twitter womöglich frühzeitig erkennen könne, wollten sie also wissen.

Übersetzt fassen sie im Abstract als Ergebnis zusammen:

[…] In dieser Fallstudie analysierten wir Tweet-Texte von drei zurückgezogenen Publikationen über COVID-19 […] und deren Retraction Notices. Hinsichtlich einer dieser Publikationen fanden wir keine Frühwarnzeichen in Tweet-Texten, dagegen fanden wir aber Tweets, die bereits kurz nach dem jeweiligen Veröffentlichungsdatum Zweifel an der Gültigkeit der beiden anderen Publikationen aufkommen ließen.

Und sie schlagen daher vor:

Eine Erweiterung unserer aktuellen Arbeit könnte zu einem Frühwarnsystem führen, das die wissenschaftliche Gemeinschaft auf Probleme mit bestimmten Publikationen aufmerksam macht. Andere Quellen, wie beispielsweise Blogs oder Post-Publication-Peer-Review-Seiten könnten in ein solches Frühwarnsystem einbezogen werden. Die in dieser Fallstudie vorgeschlagene Methodik sollte daher anhand größerer Publikationsmengen validiert werden – und zudem Publikationen als Kontrollgruppe enthalten, die nicht zurückgezogen wurden.

Damit unterfüttern die beiden Autoren das, was unser „Wissenschaftsnarr“ in seiner Laborjournal-Kolumne vor einem halben Jahr folgendermaßen als Beobachtung preisgab:

[…] Die spannendsten und besten Reviews finden sich aber derzeit ohnehin erst nach der betreffenden Publikation – seien es Preprints oder reguläre Artikel. Und diese finden inzwischen vor allem in den sozialen Medien statt. Auf gewisse Weise wurde mittlerweile auch die gründliche Qualitätskontrolle dorthin ausgelagert: Fast alle manipulierten oder sonstwie betrügerischen Arbeiten wurden zuletzt von skeptischen Lesern exponiert und dann via Twitter, PubPeer oder Blogs in den internationalen Diskurs gebracht. Und insbesondere wurden auch viele der COVID-19-Preprints letztlich auf diese Weise vom „Schwarm“ ge-reviewt.

Gerade in der Forschung finden ja nicht wenige Twitter und Co. „eher nervig“. Von solcher Art „Gezwitscher“ könnten wir uns aber dennoch alle sicherlich mehr wünschen.

Weitere Beobachtungen oder Meinungen dazu?

Ralf Neumann

 

Corona-Krise: Material-Engpässe im Labor

10. Februar 2021 von Laborjournal

In unserem aktuellen Heft berichten Vertreter der Laborausrüster-Industrie wie ihre Firmen die besonders starke Nachfrage in der Corona-Krise gemeistert haben beziehungsweise immer noch meistern. Unter anderem äußern sie mehrfach, dass in dieser Zeit gewisse Laborartikel und Verbrauchsmaterialien durchaus immer wieder knapp wurden. So heißt es darin etwa:

 

Anfang des Jahres sei die Unsicherheit groß gewesen, wie sich die Pandemie auf die Branche auswirken würde, sagt Peter Quick, Geschäftsführer der Promega GmbH in Walldorf und Vorstandssprecher der Fachabteilung Life Science Research (LSR) im Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH). Können die Lieferketten aufrechterhalten werden? Würden die aktuellen Ressourcen reichen?

Bereits Ende März 2020 stieg der Bedarf an PCR-Reagenzien sowie DNA- und RNA-Aufreinigungssystemen. Quick spricht von Hamsterkäufen der Labore. Bis heute gäbe es immer wieder Engpässe bei Verbrauchsmaterialien wie Pipettenspitzen oder Geräten etwa für NextGen Sequencing. Trotzdem habe die Branche, ist Quick sicher, die Krise gemeistert.

 

An anderer Stelle dann:

Einen Run auf Produkte rund um Nukleinsäure-Aufreinigung und -Amplifikation erlebte auch New England Biolabs (NEB) – und damit einhergehend Engpässe bei entsprechenden Rohstoffen. Auf einmal war es schwierig, eigentlich banale Dinge wie Nukleotide in hoher Qualität zu bekommen. „Es gab ja nicht nur eine lokal erhöhte Nachfrage“, sagt Thomas Möllenkamp. „Asien, Amerika, Europa – alle waren betroffen und benötigen auf einmal Masken, Handschuhe oder eben PCR-Reagenzien.“

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Lobet und preiset saubere Retractions!

20. Januar 2021 von Laborjournal

Stellen Sie sich vor: Sie stoßen auf einen Artikel, der laut Titel für Ihr Forschungsprojekt interessant sein könnte – aber sehen sogleich, dass er zurückgezogen wurde. Einen Klick weiter landen Sie bei der Retraction Notice – und lesen lediglich die dünnen Worte: „This article has been withdrawn.“

„Kryptischer geht’s nicht mehr“, denken Sie. Und zurück bleiben Fragen. Wer hat den Artikel zurückgezogen? Waren es die Autoren, der Editor – oder alle zusammen? Und warum wurde das Paper zurückgezogen? Gab es Messfehler? War etwas nicht reproduzierbar – und wenn ja, was genau? Traten Inkonsistenzen in den Daten zutage, sodass die Schlussfolgerungen nicht mehr haltbar waren? Oder schlimmer: Hat da jemand schlampig gearbeitet? Womöglich sogar bewusst Daten gefälscht?

„Wenn die so wenig dazu schreiben, wird es wohl Fälschung sein“, denken Sie. „Die wollen die Autoren halt nicht an den Pranger stellen.“ Und schon haben Sie den Autoren womöglich Unrecht getan.

Wundern muss das bei derart „zurückhaltender“ Informationspolitik allerdings nicht. Zumal das Beispiel keinen Einzelfall darstellt. Kürzlich erst präsentierte etwa ein vietnamesischer Autor eine Analyse von zweitausend Retraction Notices aus den Jahren 1975 bis 2019 (Learn. Publ. 33: 119-130). Eines seiner Ergebnisse: Über die Hälfte spezifizierte nicht, wer die Retraction initiiert hatte, fast jede zehnte war gar ohne jegliche Notice erschienen. Und wenn die Gründe für die Rücknahme erklärt wurden, dann oft nur ansatzweise und kaum nachvollziehbar.

Diese fehlende Transparenz ist sicher ein Hauptgrund dafür, dass Retractions einen derart schlechten Ruf haben. Mit der Folge, dass Journals sie am liebsten vermeiden oder wenigstens ganz weit hinten verstecken möchten.

Schlimmer aber ist, dass die vielen ehrlichen Forscher, die redliche Mängel in ihren eigenen Artikeln aufspüren und sie via Retraction den Kollegen anzeigen wollen, daher Angst vor Stigmatisierung haben müssen. Weil es ihnen vorkommen muss, als schlüge ihnen ein zurückgezogenes Paper eine hässliche Narbe in die Publikationsliste. Und dass sie sich daher womöglich lieber still verhalten.

Dabei würden sie doch im anderen Fall einen der höchsten Werte unserer Wissenschaftskultur hochhalten: die Selbstkorrektur. Wofür sie – ganz im Gegenteil – eigentlich gelobt und gepreist gehörten.

Ralf Neumann

Gut beobachtet ist gut geforscht!

7. Januar 2021 von Laborjournal

Neulich auf Twitter empörte sich mal wieder jemand darüber, wie gering im aktuellen Forschungstreiben die pure Beschreibung neuer Beobachtungen geschätzt werde. Ganz im Gegensatz zur Entschlüsselung funktioneller Mechanismen. Das ist es, was die Gutachter bei Journalen und Förderorganisationen sehen wollen – das ist es, was die Kollegen am meisten schätzen.

Besagter Twitterer war indes anderer Meinung. „In vielen Fällen ist die Frage nach dem Mechanismus einfach nur lächerlich“, ereiferte er sich am Ende. „Wenn jemand eine wirklich neue Beobachtung macht, muss der Mechanismus doch per definitionem unbekannt sein. Daher ist es doch ein Unding, die Leute zu nötigen, jahrelang mit der Mitteilung aufregender Beobachtungen zu warten, bis man irgendwann eventuell den Mechanismus dahinter entschlüsselt hat.“

Sofort sprang ihm Twitterer Nr. 2 zur Seite: „Mal ehrlich, allzu oft kommt die Frage nach dem Mechanismus doch von faulen Reviewern, die einen einfach noch mehr Arbeit machen lassen wollen.“

Twitterer Nr. 3 jedoch wollte beides nicht so stehen lassen – und entgegnete ihnen: „Ich bin ein Mechanismus-Fan! Wissenschaft ist doch gerade das Entschlüsseln von Mechanismen. Klar, auch Beobachtungen zu beschreiben ist sicherlich ein Teil davon. Doch erst in den Mechanismen offenbart sich endgültig die Schönheit der Natur.“

Na ja, auch mit etwas weniger Pathos bleibt „Schönheit“ bekanntlich vor allem Empfindungssache. So würden sicherlich nicht wenige der reinen Form der DNA-Doppelhelix unter ästhetischen Gesichtspunkten mehr „Schönheit“ zugestehen als jedem noch so ausgefuchsten biochemischen Mechanismus. Und eventuell unter intellektuellen Gesichtspunkten sogar ebenfalls.

Aber klar, die abschließende Antwort auf die allermeisten Forschungsfragen bietet letztlich der Mechanismus, der das untersuchte Phänomen steuert. Nur hätte man ohne vorherige – und vor allem auch vorurteilsfreie – Beobachtungen die große Mehrheit dieser Fragen gar nicht erst stellen können. Siehe etwa die Erstbeschreibung von Mikroorganismen durch van Leeuwenhoeks sowie Hookes Mikroskopie. Oder Mendels Erbsenzählerei. Oder Prusiners Prionen. Oder die reine Entschlüsselung von Genomsequenzen…

Und heißt es nicht sowieso, dass in der Wissenschaft das Stellen der richtigen Fragen wichtiger sei als das Finden von Antworten?

Wie auch immer, die Beschreibung von Beobachtungen und die Entschlüsselung von Mechanismen sind zwei Seiten derselben Medaille – untrennbar miteinander verbunden wie Yin und Yang.

Folglich sollte ein jeder Gutachter sich schämen, der eine Ablehnung ausschließlich mit dem Totschlag-Argument begründet, es handele sich ja nur um eine rein deskriptive Studie. Entweder war er dann wirklich faul, oder er hat Wissenschaft nur halb verstanden.

Ralf Neumann

Grenzen erkennen, Grenzen benennen

30. Dezember 2020 von Laborjournal

 

Bescheidenheit ist eine Zier, hieß es früher einmal. In der Forschung jedoch scheint das immer weniger zu gelten. Da hat vielmehr die Unsitte des „Überverkaufens“ von Ergebnissen zuletzt immer stärker zugenommen.

Angesichts des stetig zunehmenden Publikations- und Karrieredrucks ist dies allerdings auch kein Wunder. Vom Ende seines Zeitvertrags oder Ähnlichem bedroht, bläst der eine oder die andere ein Fiat-Uno-Resultat im Paper-Manuskript gern zu einem Porsche auf. So manche Pressestelle verstärkt es umgehend nochmals – und in den sozialen Medien gerät es dann sowieso außer Kontrolle.

Dennoch ist solches „Überverkaufen“ von Forschungsergebnissen kein wirklich neues Phänomen. Wobei es bisher vielleicht noch eindrücklicher beim Beschreiben von Forschungsvorhaben auftrat. Denn zumindest beim Gerangel um Forschungsgelder wimmelt es schon seit Jahrzehnten in den Anträgen sinngemäß von deutlich übertriebenen Versprechungen wie: „Letztendlich könnten die Ergebnisse des Projekts in ein völlig neues Therapiekonzept für Krebs münden.“ Oder den Anbau und Ertrag aller möglichen Nutzpflanzen revolutionieren. Oder das Geheimnis lüften, wie in unseren Gehirnen Bewusstsein entsteht. Oder ähnliches überzogenes Antrags-Geklapper.

In diesem Zusammenhang hatte der Ökotoxikologe John Sumpter von der Londoner Brunel University zuletzt eine interessante Idee geäußert. In einem Essay in Times Higher Education schlägt er vor, in wissenschaftlichen Artikeln den Abschnitt „Conclusions“ durch „Limitations“ zu ersetzen. In den „Conclusions“ würde ohnehin nur wiederholt, was schon weiter vorne steht, so Sumpter. Müssten die Autoren dagegen gezielt formulieren, wo die Grenzen für die Interpretation ihrer Ergebnisse liegen, erhielte man am Ende womöglich deutlich robustere Paper.

Auf jeden Fall hätten auf diese Weise wohl arg überzogene Schlussfolgerungen wie die folgende ein Ende: „Weitere Forschung in dieser Richtung könnte es nun ermöglichen, die Ausprägung des Darm-Mikrobioms durch gezielte Interventionen so zu steuern, dass die kognitive Entwicklung von Kleinkindern unterstützt wird.“ (Biol. Psychiat. 83(2), 148-59) Argh! Nicht zu Unrecht zeichnete der US-Mikrobiologe Jonathan Eisen dieses Paper in seinem Blog Phylogenomics mit dem „Overselling the Microbiome Award“ aus.

Ralf Neumann

(Illustr.: R@TTENcomiCS)

 

Von wem lernt man das Forschen?

2. Dezember 2020 von Laborjournal

Was lernen Labor-Frischlinge überhaupt von ihren Profs oder Gruppenleitern? Experimentelles Handwerk wohl nur selten — dazu haben diese in aller Regel zu lange selbst nicht mehr am Labortisch gestanden.

Der Autor dieser Zeilen erinnert sich jedenfalls mit großem Amüsement an die Momente aus seiner eigenen Laborzeit, in denen „sein“ Prof plötzlich ins Labor schwebte — und fragte: „Ich hab‘ gerade etwas Zeit, kann ich bei irgendwas helfen?“ Jedes Mal zuckten wir dann kurz zusammen, um uns sogleich betont lässig zurückzulehnen: „Danke, aber ich mach‘ heut‘ eh nur Auswertung…“ — „Hm, ungünstig! Muss gleich runter in den Dunkelraum, und da ist schlecht zu zweit zu arbeiten….“ — „Ach, schade! Muss gerade zwei Stunden auf meine Proben warten…“ – …

Oh Mann, der Chef hat mal wieder selbst was versucht…

Oder es läuft so, wie kürzlich ein Bekannter berichtete: „Unser Chef nimmt sich jedes Jahr eine ganze Woche, um selbst zu experimentieren. Das ganze Labor liegt dann lahm, weil wir ihn um Himmels willen nicht alleine lassen können und ihm alles zeigen müssen. Und am Ende, wenn er wieder in sein Büro verschwindet, müssen wir das ganze Chaos aufräumen, das er hinterlassen hat.“

Das Experimentelle ist es also weniger, was die „Chefs“ den Frischlingen beibringen. Aber sicher doch alles andere, was praktische Wissenschaft ausmacht: Daten sauber analysieren, interpretieren und einordnen; die richtigen Fragen ableiten; Hypothesen entwickeln; Teststrategien entwerfen; die Notwendigkeit von richtigen Kontrollen und genügend Wiederholungen klarmachen;… Oder?

Offenbar nicht wirklich. US-Sozialwissenschaftler haben mit den ihnen eigenen Methoden vielmehr Folgendes festgestellt: Junge Doktorandinnen und Doktoranden lernen sämtliche (!) Fähigkeiten und Fertigkeiten der experimentellen wissenschaftlichen Arbeit vier- bis fünfmal besser, wenn sich Postdocs oder fortgeschrittene Prä-Docs um sie kümmern, als wenn die „Chefs“ sie direkt betreuen. Weshalb sie folgern, dass demnach in der Doktoranden-Ausbildung eine Art „Kaskaden-Modell“ am zielführendsten sei (PNAS 116 (42) 20910-16).

Womit Rolle und Bedeutung von Postdocs und Senior-Docs für den gesamten Wissenschaftsbetrieb nochmals deutlich aufgewertet werden.

Ralf Neumann

 

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