Bekannter durch Retractions

20. Juli 2022 von Laborjournal

Eine Retraktion Ihres neuesten Artikels wäre das Beste, das Ihnen passieren kann – zumindest hinsichtlich Ihres Bekanntheitsgrades. Diese Aussage macht keinen Sinn, finden Sie? Schließlich kann eine widerrufene Publikation nicht mehr zitiert werden – schon allein weil sie Fehler enthält? Weit gefehlt.

Sicher ist es nicht Ihr Ziel, zu publizieren, um Ihre Publikation zurückgezogen zu sehen. Trotzdem geschah das – entweder infolge von Täuschungsversuchen oder infolge ehrlicher Fehler – laut der Datenbank von Retraction Watch im letzten Jahrzehnt jedes Jahr durchschnittlich 15 Prozent häufiger als noch im Jahr zuvor (siehe Tabelle).

Mit einer Retraktion sollte eine Publikation und ihr gesamter Inhalt sowohl aus dem Speicher der Wissenschaftsgemeinde als auch aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt sein – so als hätte sie nie existiert. Jedoch existiert kein Automatismus, jeden einzelnen Forschungstreibenden – geschweige denn die öffentliche Wahrnehmung – über widerrufene Artikel in Kenntnis zu setzen.

Zudem gibt es manchmal auch keine andere als die zurückgezogene Publikation, die zum Beispiel eine bestimmte Methode beschreibt. Überhaupt muss ja nicht alles an einem zurückgezogenen Artikel falsch sein.

Aus diesen und noch anderen Gründen werden widerrufene Artikel weiterhin zitiert – wenn auch weniger häufig. Also unterbinden Retraktionen demnach wenigstens halbwegs die Verbreitung falscher Information? Nein, nicht einmal das.

Selbst unter den zehn meistgeteilten Publikationen des Jahres 2020 finden sich zwei zurückgezogene Artikel. Und das sind keine Einzelfälle – ganz im Gegenteil. Eine Analyse US-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler vom Juni 2022 (PNAS. doi: 10.1073/pnas. 2119086119) zeigt vielmehr, dass später widerrufene Publikationen im Durchschnitt häufiger erwähnt werden als korrekte Artikel. Sie quantifizierten, wie viel Aufmerksamkeit 3.985 widerrufene Artikel vor und nach ihrer Retraktion auf 14 Online-Plattformen erhielten. Im Vergleich zu nicht-zurückgezogenen Artikeln erfreuten sich die fehlerhaften Publikationen tatsächlich höherer Aufmerksamkeit – und zwar nicht nur in sozialen Medien wie Twitter, Facebook und Reddit, sondern vor allem auf kuratierten Plattformen wie Online-Nachrichtendiensten und Internet-Enzyklopädien.  Diesen Beitrag weiterlesen »

„Wissenschaftliches Fehlverhalten ist das auch!“

13. Juli 2022 von Laborjournal

Aus unserer Reihe „Gut gesagt!“ zum Thema „Sampling Bias“:

 

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[…] Selbstverständlich werden in der Exploration beim schrittweisen Einfokussieren auf das gewünschte Phänomen Ergebnisse produziert, die nicht den Erwartungen entsprechen. Was passiert mit diesen? Am ehesten liefern junge PhD-Studenten noch ehrliche Auskunft. Natürlich werden unerwünschte Ergebnisse gerne aussortiert, in die Schublade verbannt, weggeworfen. Oft mit fadenscheinigen Begründungen: „Das Kit war abgelaufen oder schlecht.“ Es werden also häufig Daten auf gewünschte Resultate selektiert. Sampling Bias nennt man das, und wissenschaftliches Fehlverhalten ist das auch. Manche Gruppenleiter bekommen sowas häufig gar nicht mit, weshalb man erstaunt-verärgerte Blicke erntet, wenn dieses Problem thematisiert wird. Andere wiederum benutzen ihre Seniorität um Daten basierend auf ihrer großen Erfahrung auszusortieren. Hier helfen nur Aufklärung, lückenlose Dokumentation und umfassende Supervision. Vertrauen ist falsch, Kontrolle die einzige Alternative. Denn Sampling Bias hat selbstverständlich verheerende Auswirkung auf die Repräsentativität der Ergebnisse – wofür sind schon subjektiv ausgewählte Daten stellvertretend? […]

 

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… Schrieb Tobias Straub, Leiter der Bioinformatik am Biomedizinischen Centrum der Universität München, in Laborjournal 7-8/2020 („Make Experimentation Great Again!“, S. 30-33).

 

Formvollendetes Headbanging

27. Juni 2022 von Laborjournal

Der Wolf hat große Augen, damit er Sie besser sehen kann. Er hat große Ohren, damit er Sie besser hören kann, und er hat einen großen Mund, damit er Sie besser fressen kann. Gewisse Merkmale von Tieren wurden bereits von den Gebrüdern Grimm als Anpassung an deren Überlebensbedürfnisse erkannt. Und die Grimms haben ja nur aufgeschrieben, was sich die Menschen seit Jahrhunderten erzählt haben. Eine frühe Ahnung von Evolution. Und die zugrunde liegende Erkenntnis: Form follows function.

Leider ist dieser Zusammenhang in der Evolution nicht immer eindeutig, und möglicherweise folgt die Form manchmal zwei oder noch mehr Funktionen. Und damit wären wir bei der Giraffe angekommen …

„Warum hat die Giraffe so einen langen Hals?“ – „Damit sie besser Blätter von hohen Bäumen fressen kann,“ lautete meist die Antwort. Schon Lamarck und später Charles Darwin vermuteten, der lange Giraffenhals sei eine Anpassung daran, wie hoch die Nahrung hängt. Aber schon früh kamen Zweifel auf: Warum gab es diese Anpassung nur bei Giraffen? Und: Wäre es nicht „billiger“ gewesen, einfach nur die Beine zu verlängern? Auf der anderen Seite: Wenn man bereits einen langen Hals gehabt hätte, bevor Nahrung in größeren Höhen erreichbar war, wäre das natürlich ein Vorteil gegenüber einem kurzhalsigen Dasein gewesen. Aber warum hätten die Giraffen schon vorher einen langen Hals bekommen sollen?    Diesen Beitrag weiterlesen »

Braucht die Menschheit wirklich Männer?

22. Juni 2022 von Laborjournal

Spontane Jungfernzeugung beim Menschen? Gibt es das, außerhalb der Köpfe katholischer Fundamentalisten oder denen von Eso-Spinnern? Jedenfalls ist die ungeschlechtliche Fortpflanzung beim Menschen wissenschaftlich nicht belegt.

Aber es gibt Anekdoten wie die folgende:

Neulich an der Repro-Bench: Biologin Y bereitet die Eizellen von Patientin R für die ICSI  (Intracytoplasmatische Spermieninjektion) vor. Dazu wird der COC (cumulus oocyte complex) zerlegt in Cumuluszellen und die eigentliche Eizelle. Denudieren nennt man das. Cumuluszellen dienen im Follikel des Eierstockes gewissermaßen als Feeder-Zellen für die Eizelle. Für die Injektion des Spermiums müssen die Eizellen jedoch „nackich“ gemacht werden (denudieren, nude = nackt). Dies geschieht, indem der COC in eine Hyaluronidase-Lösung gebracht und mittels einer Kapillare, deren Innendurchmesser nur wenig größer ist als der Durchmesser einer Eizelle, mehrfach auf- und abpipettiert wird. Durch dieses Triturieren wird die Hyaluronan-Bindung zwischen Cumulus- und Eizellen biochemisch gespalten und mechanisch getrennt. Übrig bleibt die einsame injizierfähige Eizelle, die idealerweise die erste Reifeteilung absolviert hat (erster Polköper vorhanden) und sich in der Meiose II befindet.

Frau Y nimmt sich die Eizellen der Patientin R vor. „Was ist denn das!?“, stutzt Frau Y. Nicht eine Eizelle präsentiert sich ihr, sondern ein bereits geteilter vierzelliger Embryo … Erschrocken stellt die Biologin das Kulturschälchen in den Brutschrank zurück und atmet tief durch. Zu kritischer Selbstreflektion von frühsten Biologinnenbeinen an erzogen, lässt Frau Y panisch alle Vorgänge der letzten Stunden im In Vitro Fertilisations (IVF)-Labor in Gedanken Revue passieren. Gab es eine Verwechslung mit dem Embryo einer anderen Patientin? Wurde in geistiger Umnachtung bereits eine Befruchtung durchgeführt? Nein, Frau Y ist sich absolut sicher: Dieser Embryo hat noch kein Spermium „gesehen“. Eine spontane parthenogenetische Befruchtung in vitro….! Das muss ein Hirngespinst sein. Doch am nächsten Tag stellt Frau Y bei der mikroskopischen Kontrolle der Embryonen von Frau R. fest, dass es sich weder um ein Hirngespinst noch um ein Artefakt handelt: der Embryo hat sich normgerecht weiterentwickelt zu einem Bilderbuch-Achtzeller! Diesen Beitrag weiterlesen »

Getrübte Titelfreuden?

11. Mai 2022 von Laborjournal

Könnte es eventuell eine zweifelhafte Freude sein, mit der eigenen Veröffentlichung auf dem Titelblatt einer Journal-Ausgabe zu landen?  …

Zu meiner eigenen aktiven Zeit im Labor – die mittlerweile schon eine ganze Weile her ist – lief es jedenfalls so: Jedes Mal, wenn das Paper einer Gruppe es bis auf das Cover eines guten Journals geschafft hatte, gab es eine zumindest mittelgroße Feier im gesamten Institut. Man wertete dies schlichtweg als ganz besondere Form der Wertschätzung für den jeweiligen Inhalt – und entsprechend groß war deshalb die Freude.

Bis heute scheint sich an dieser Freude nicht wirklich was geändert zu haben – wie ein kurzer Blick nach Twitter verrät. Da jubelt beispielsweise letzte Woche einer, dass eine Studie mit seiner Beteiligung durch die Cover-Illustration der Mai-Ausgabe von Lancet Oncology ganz besonders gewürdigt wird.

Einen Tag danach verkündet eine walisische Professorin:

Und wieder einen Tag später wird folgende Nachwuchsforscherin geradezu euphorisch:

„Doch wird die Freude allzu groß, legt irgendwo ein Spielverderber los.“ Und in diesem Fall könnten drei italienische Wirtschaftsforscher diese Rolle besetzen. „Cover effects on citations uncovered: Evidence from Nature“ übertitelten sie ihre Studie, die gerade frisch im Journal of Infometrics erschien (16(2): Art. 101293; im Preprint hier lesbar). Im Abstract schreiben sie:    Diesen Beitrag weiterlesen »

Endlich Frühling! …

4. Mai 2022 von Laborjournal

… Zeit, den Pandemie-Winter abzuschütteln, das Fenster aufzureißen und das Frühjahr tief in die Lungenflügel zu saugen. Oh, wer liebt nicht diesen Frühlingsduft von Schnee­glöck­chen, Narzissen und Krokussen, der an vergangene Picknicks erinnert und auf laue Sommerabende hoffen lässt. Macht es Ihnen nicht auch direkt gute Laune, wenn dieses ganz bestimmte Aroma frisch gemähten Rasens in der Luft liegt?

Doch im Gegensatz zu Ihrer Hochstimmung ist dieser Duft eigentlich ein Zeichen der derzeitigen Übellaunigkeit Ihrer Grünfläche. Entkommen kann sie der mähwütigen Kleingärtnerschar schließlich nicht. Ohnmächtig bleibt ihr nur eines: ein chemisches SOS abzusetzen. Was dem Rasenmähermann und der Rasenmäherfrau dann in die Nasenhöhlen strömt, ist ein wahrer Cocktail an Alkoholen und Aldehyden. Einem Großalarm gleich metabolisieren verletzte Grünpflanzen nämlich α-Linolensäure mithilfe von Lipoxygenasen und Hydroperoxidlyasen zu flüchtigem cis-3-Hexenol – aka „frisch gemähtem Gras“ – und reduzieren, isomerisieren und verestern es alsdann zu einer Vielfalt grüner Blattduftstoffe.

Natürlich macht Ihre Rasenfläche das nicht Ihres Schreberglücks wegen, sondern aus Überlebensgründen. Der chemische SOS-Ruf warnt nicht nur Pflanzenkumpane in der Nachbarschaft und wirkt toxisch auf Pilze und Bakterien, sondern wehrt fressgierige Herbivoren ab. Denn Hexenol-Derivate locken parasitierende Schlupfwespen an, die ihre Eier unter anderem in gefräßige Insekten-Larven legen. Während das für die Pflanzenschädlinge den Tod bedeutet, hilft es gegen Ihre eiserne Rasenmähermaschinerie natürlich nicht. Beim nächsten Grünflächen-Stutzen denken Sie daran, dass das Duftbouquet keine persönliche Einladung an Sie zum Verweilen ist, sondern Ihre Wiese Sie gerade als Fressfeind ächtet.  Diesen Beitrag weiterlesen »

Humor ist, wenn man trotzdem …

6. April 2022 von Laborjournal

 

Humor ist bekanntlich Geschmackssache. Schließlich können die Antennen dafür individuell stark variieren – und manchen fehlen sie gar völlig.

Wie aber sieht es damit in Wissenschaft und Forschung aus?

Als wir beispielsweise vor zwanzig Jahren Sidney Brenner – kurz bevor er den Nobelpreis kriegen sollte – fragten, wie wichtig für ihn Humor in der Wissenschaft sei, antwortete er:

Absolut essentiell. Ich denke, zu viele Wissenschaftler nehmen sich selbst zu ernst. Humor ist ein Teil des Lebens, und daher auch der Wissenschaft. Er dreht die Dinge herum und verschafft einem einen anderen Blickwinkel. Und so kann Humor auch zu neuen Erkenntnissen führen. Oder gar beim Entwickeln von Ideen helfen. In der Tat muss eine gute Idee nicht nur gut sein, sondern in gewissem Sinne auch witzig.

Im Geiste unterschrieben wir das. Schließlich ist ja auch von weiteren großen Namen aus der Wissenschaftsgeschichte durchaus bekannt, dass sie zum Lachen nicht unbedingt in den Keller gingen: Albert Einstein, Francis Crick, Kary Mullis, …

Bei anderer Gelegenheit schauten wir uns dann um, wie es mit dem Humor in wissenschaftlichen Originalartikeln – also „Papern“ – steht. Und tatsächlich spürten wir so manches Beispiel für einen gewissen „Guerilla-Humor“ in Abbildungen auf – siehe etwa hier, hier oder hier.

Und witzige Titel? Zumindest kann es wohl kaum als bierernst gelten, wenn Autorinnen und Autoren ihre Artikel mit abgewandelten Film-, Song- oder Literatur-Zitaten überschreiben – wie etwa „Everything you always wanted to know about sex … in flies“. Gerade hierfür fanden wir am Ende sogar richtig viele Beispiele, und hatten sie seinerzeit hier zusammengetragen.

Scheint also doch alles in allem ein eher lustiges Völkchen zu sein, diese Forscher.

Doch dann kam eine gewisse Ernüchterung. Diesen Beitrag weiterlesen »

Schwaches Data Sharing

24. März 2022 von Laborjournal

Bisweilen zieht sich eine gewisse kollegiale Schlampigkeit durch die Forscherzunft. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Kolleginnen und Kollegen auf Anfrage weitere Informationen zu den eigenen publizierten Studien mitzuteilen. Dazu berichten wir beispielsweise Folgendes unter „Inkubiert“  in unserem aktuellen Heft:

Dass gerade Letzteres es häufig nahezu unmöglich macht, publizierte Ergebnisse durch „Nachkochen“ zu bestätigen, illustriert eine frische Arbeit zur Replizierbarkeit von Studien aus der präklinischen Krebsforschung (eLife 10: e67995). Insgesamt wollten deren Autoren 193 Experimente aus 53 Arbeiten replizieren. Jedoch fehlten darin zu viele wichtige Informationen über Methodik und Ergebnisse – oder waren zumindest ungenügend. Am Ende konnten sie für kein einziges Experiment ein Protokoll zu dessen Wiederholung entwerfen, ohne die Originalautoren um klärende Details zu bitten. Allerdings antwortete jeder Dritte von ihnen daraufhin überhaupt nicht, und nur ein Viertel lieferte wirklich hilfreiche Unterstützung.

Und siehe da, gerade eben sind wir über eine weitere Studie gestolpert, die ganz frisch über ähnlich schwaches Verhalten hinsichtlich Data Sharing berichtet. Ihr Titel lautet „Frequency of receiving requested data for a systematic review and associated factors: A cross-sectional study“, verfasst hat sie ein brasilianisches Autorenteam (Account. Res. 29(3): 165-77). Sinngemäß übersetzt steht als Kernergebnis im Abstract:

Ziel dieser Studie war es abzuschätzen, wie häufig man Daten erhält, die für das Verfassen eines systematischen Reviews angefordert wurden. Dazu kontaktierten wir per E-Mail Autoren von Studien mit dem Anliegen, dass wir zusätzliche Daten von ihnen benötigten. […] Von den 164 angeschriebenen Studien antworteten 110 (67,1 %), 51 schickten angeforderte Daten (31,1 %). Die mittlere Zeit bis zum Erhalt einer Antwort […] betrug 36 Tage. […] Das Anfordern von Daten für einen systematischen Review kostete folglich viel Zeit und hatte überhaupt nur bei drei von zehn Studien Erfolg.

Könnte es sein, dass die ach so gerne beschworene Scientific Community in punkto kollegiales Verhalten doch deutlich mehr Luft nach oben hat, als viele von ihrer eigenen Zunft gerne wahrhaben wollen? Und dass man vom hehren Ideal des freien Datenaustauschs zugunsten einer Open Science weiter entfernt ist, als man dachte? Schließlich scheint dieser ja noch nicht einmal auf direkte Nachfrage gut zu klappen.

Ralf Neumann

(Illustr.: pngtree)

Hilft Training gegen unethische Forschungspraxis?

16. März 2022 von Laborjournal

Letzte Woche ist unser neues Heft 3/2022 erschienen – und darin ab Seite 21 der Artikel „Gute wissenschaftliche Praxis – ein alter Hut, oder!?“ von Henrik Müller.

Im Vorspann des Artikels heißt es:

Wissenschaftsskandale entstammen häufig den Lebenswissenschaften. Mangelt es Biologen und Medizinern an Integrität? Oder existieren einfach nur keine guten wissenschaftsethischen Fortbildungsver­an­stal­tun­gen?

Es geht also um folgendes:

Nachdem inzwischen schon lange Richtlinien, Regeln und Verhaltenskodizes für Integrität in der Forschung formuliert und ausgegeben sind, könnte man doch meinen, dass man der Forscherzunft die entsprechenden Inhalte nur eindringlich beibringen müsste – und schon wären Forschungsfälschung und Reproduzierbarkeitskrise samt zugehörigem Vertrauensverlust weitgehend Geschichte. Und so wurden für den wissenschaftlichen Nachwuchs an vielen Orten verpflichtende Lehrveranstaltungen über Integrität in der Forschung aus dem Boden gestampft.

Soweit also die Theorie! Aber wie sieht die Praxis aus? Wie kann wissenschaftliche Integrität erfolgreich gelehrt werden? Genau das hat sich unser Autor Henrik Müller für seinen Artikel anhand konkreter Beispiele einmal genauer angeschaut …

Doch kaum war das Heft mit dem Artikel in der Druckerei, stieß unser Chefredakteur in Times Higher Education auf einen Artikel mit dem Titel „Around one in 12 postgraduate researchers would publish fraudulent results if it helped them get ahead, says study“. Darin wurde eine internationale Studie zusammengefasst, die gerade in Frontiers of Psychology (doi: 10.3389/fpsyg.2021.621547) erschienen war – und in deren Abstract die Autoren sinngemäß schreiben:

Betrügerische oder unethische Forschungspraktiken haben über die wissenschaftliche Welt hinaus für viel Aufsehen gesorgt. Will man die Wissenschaft indes verbessern, muss man in der Ausbildung von der Doktoranden damit beginnen. Schließlich sind sie die Wissenschaftler von morgen.

In vier Studien mit 765 Doktoranden untersuchten wir daher, ob Doktoranden zwischen ethischen und unethischen oder sogar betrügerischen Forschungspraktiken unterscheiden können. Überdies prüften wir die Bereitschaft der Doktoranden, Forschungsergebnisse aus zweifelhaften Praktiken zu veröffentlichen – und testeten, ob die Entscheidung durch Druck von Vorgesetzten oder Kollegen beeinflusst wird. Parallel befragten wir 36 akademische Führungskräfte (Dekane, Prodekane und AG-Leiter) und baten sie vorherzusagen, wie sich die Doktoranden in den hypothetischen Szenarien verhalten würden.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass einige Doktoranden relativ schnell bereit sind, Ergebnisse zu veröffentlichen, die durch offenkundigen Betrug und Datenfälschung zustandekommen. Alarmierend dabei ist, dass einige Hochschullehrer dieses Verhalten unterschätzen. Offenbar müssen diese stärker im Blick haben, dass Doktoranden unter größerem Druck stehen können, als ihnen bewusst ist – und dass sie daher besonders anfällig für die Anwendung von fragwürdigen Forschungspraktiken sein können.

In konkreten Zahlen kam bei der Umfrage heraus, dass etwa jede zwölfte Doktorandin oder Doktorand bereit wären, unsaubere Daten zu veröffentlichen, wenn dies für die weitere akademische Karriere von Nutzen wäre.

Die Frage ist nun, ob man diesen Anteil durch besseres Research Integrity Training noch weiter nach unten drücken könnte? Dazu bemerkte der belgische Erstautor Rens van de Schoot in dem Times-Higher-Education-Artikel mit Blick auf die eigenen Umfrageergebnisse ziemlich ernüchternd:

Sicher, man hätte erwarten können, dass eine Schulung oder Fortbildung in Forschungsethik einen Unterschied macht – aber das war nicht der Fall.

Auch in unserem Artikel berichtete ein Veranstalter von Research-Integrity-Kursen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hinterher zwar besser über gute und schlechte Forschungspraxis bescheid wüssten. Ob damit auch deren eigene moralische Urteilskraft gereift sei, wagte er allerdings nicht zu beurteilen. Um dies zu ermöglichen, wäre es vor allem wünschenswert, wenn die Dozenten solcher Kurse sich öfter als bisher die Mühe machen würden, den Lehrerfolg ihrer Veranstaltungen zu evaluieren.

Ralf Neumann

 

Löchrige Forscherinnen-Pipeline

23. Februar 2022 von Laborjournal

Immer wieder fragen wir in unseren regelmäßigen Rätseln „Kennen Sie sie/ihn?“ nach bemerkenswerten Forscherinnen der vergangenen Jahrzehnte. Und nahezu jedes Mal dienen sie dabei gleichsam als Beispiele, wie schwer es damals selbst Frauen mit außerordentlichen Qualitäten hatten, sich in der Männer-dominierten Wissenschaft adäquat durchzusetzen. Besonders krasse Beispiele siehe etwa hier, hier und hier.

Das ist bis heute besser geworden, keine Frage. Dennoch bleibt hinsichtlich adäquater Karrieremöglichkeiten für Frauen in den Lebenswissenschaften offenbar weiterhin Luft nach oben.

Demonstriert wird dies wieder einmal neu durch Daten des Schweizer Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2020. Unter dem Titel „Gender Monitoring (Teil 2): je höher die Karrierestufe, desto weniger Frauen“ fasst der Schweizerische Nationalfonds (SNF) diese folgendermaßen zusammen:

Der Rückgang des Frauenanteils auf den akademischen Karrierestufen wird auch als Leaky Pipeline bezeichnet, als undichte oder lecke Rohrleitung. Die Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2020 zeigen ein eindeutiges Bild: An den Universitäten und ETH ist die Leaky Pipeline ausgeprägt – und zwar in allen Fachbereichen.

So bildeten 2020 während eines Studiums in den Lebenswissenschaft Frauen noch die Mehrheit, um dann über die einzelnen akademischen Karrierestufen bis hin zur Professur auf einen Anteil von nur noch 23 Prozent zusammenzuschrumpfen. Siehe hier:

Ein ähnliches Bild zeichnen die Schweizer Daten zu den Anträgen auf die Förderinstrumente, die der SNF für die verschiedenen akademischen Karrierestufen installiert hat: Beim Förderinstrument DocMobility für die Doktorandinnen und Doktoranden sind erstere mit 60 Prozent in der Mehrheit, bei der reinen Projektförderung für „fertige“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler liegt der Frauenanteil nur noch bei 26 Prozent.

Der SNF bilanziert daher:

Die Leaky Pipeline ist also auch bei den Förderinstrumenten des SNF ausgeprägt. Der Anteil an Forscherinnen, die ein Gesuch um Finanzierung einreichen, ist auf den späteren Karrierestufen zu gering. Mit einer Reihe von Maßnahmen versuchen wir seit einigen Jahren dies zu ändern. Dazu gehören zum Beispiel zusätzliche finanzielle Leistungen für Eltern, oder dass wir in SNF-unterstützten Projekten Teilzeitarbeit ermöglichen. Wir fördern ebenfalls explizit Professuren von Frauen. Die Wirkung dieser Maßnahmen beobachten wir genau und werten sie aus. Zusammen mit den Maßnahmen der Hochschulen sollen sie dazu führen, dass mehr Frauen eine Karriere in der Wissenschaft verfolgen.

Die Absichten sind lobenswert, aber ob die konkreten Maßnahmen tatsächlich ausreichen, um die Löcher in der „Frauen-Pipeline“ besser zu stopfen? Was wohl unsere betroffenen Leserinnen dazu meinen? …

Ralf Neumann

(Illustr.: A. Marshall)