Die Seite heißt pwned experiments und erinnert ein wenig an die guten alten “Laborkatastrophen”, die Laborjournal vor über einem Jahrzehnt brachte. Der Unterschied: die Missgeschicke, die auf pwned experiments referiert werden, sind tatsächlich passiert. Darunter solche Klassiker wie völlig missratene Gele oder durch Unwucht zerstörte Rotoren.
Schon ungewöhnlicher: ein abgebrannter Heizrührer, weil der arme Experimentator im Kühlraum (!) statt der Rührfunktion den Heizblock angestellt hatte — und das Methanol im Puffer sich entzündete. Nicht nur lustig dagegen die Geschichte, wie es zu radioaktiven Fußspuren in einem gewissen Institut kam — samt der entsprechenden Konsequenzen.
Allerdings: Seit Ende letzten Jahres haben sich lediglich ein Dutzend solcher Pannen auf die Seite verirrt. Wir dagegen sind sicher: es gibt viel mehr. Dem Autor dieser Zeilen fällt beispielsweise sofort jene köstliche Szene aus seiner Laborzeit ein, in der ein Diplomand den Verbindungsschlauch eines neuen Bunsenbrenners statt ans Gas versehentlich an einen ähnlich aussehenden Hochdruck-Wasseranschluss koppelte — und dann aufdrehte…
Wie heißt es so schön: Aus Fehlern lernt man. Wer also auch solche oder ähnliche Laborpannen erlebt hat — immer her damit. Entweder hier im Blog, oder per E-Mail an redaktion@laborjournal.de.
Neulich kam per Email eine Art Rätsel in unsere Redaktion. „C. aus K.“, ein — wie er selber sagt — „vergleichsweise unregelmäßiger aber dennoch langjähriger Leser“ schrieb uns:
„[…] Was bisher nicht im Repertoire von LJ erschien, sind die Wissenschaftssünden, die weniger offensichtlich sind, weil sie sich subtil über sehr lange Zeiträume hin entwickeln und ganz dick eingepackt sind in tatsächlich ernstzunehmende, grundehrliche und seriöse Forschungsarbeiten. Man muss schon genau hinsehen, um so manch faulen Kern heraus zu pellen. Um das anzuregen, sende ich hier im Anhang ein kleines Manuskript zu einer weniger vordergründigen Geschichte. Diese tragische Variante von ‘Cantors Dilemma’ ist im Gegensatz zu Carl Djerassis Roman in fast allen Punkten wahr. […]“
Wenngleich C. aus K. versichert hatte, „was und wer in der Geschichte gemeint [sei], [fände] man schnell heraus“, brauchte unsere Volontärin eine ganze Weile. Mal sehen, wie es den LJ-Blog-Lesern ergeht. Hier also C.’s „Manuskript“:
H.’s Doppel-Dilemma
von C. aus K.
Denkt Euch eine Arbeitgruppe (nennen wir sie AG H. aus L. im vereinigten Königreich) die dazu beitragen möchte, Wirkung und Funktion einer für einen zellulären Botenstoff gehaltenen Substanz aufzuklären. Diesen Beitrag weiterlesen »
Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Dr. D. Enk, Cerebrologisches Institut Universität Wankelheim.
LJ: Hallo, Herr Enk. Woher kommen Sie gerade?
Enk: Von meiner Technischen Angestellten.
LJ: Experimente besprochen?
Enk: Nein. Ich habe sie gefragt, ob sie Koautorin auf unserem neuesten Paper sein möchte.
LJ: Und? Was hat sie gesagt?
Enk: Sie war ziemlich überrascht. Schließlich war sie noch nie auf einem unserer Paper mit drauf. Diesen Beitrag weiterlesen »
Warum sind die „kleinen grünen Männchen“ vom Mars eigentlich grün? Weil sie Photosynthese machen können? Eine ganze Handvoll Science Fiction-Romane aus der Pulp-Reihe der 30er bis 50er Jahre proklamierte jedenfalls genau dieses.
Versteckt sich jedoch dahinter womöglich der Traum vom photosynthetischen Menschen, der seinen Energiebedarf wie die Pflanze einzig aus dem Sonnenlicht deckt? Gut möglich. Wobei man sich allerdings im gleichen Atemzug fragen muss, warum die Evolution bisher so gar keine photosynthetischen Tiere hinbekommen hat (abgesehen von Ausnahmen wie der Algen-versklavenden Seeschnecke Elysia chlorotica). Die Bausteine oder Module dazu waren jedenfalls in der Evolutionsgeschichte dauernd parallel verfügbar.
Was indes die Evolution nicht vollbringen konnte (oder wollte), das versuchen inzwischen — wer hätte es gedacht — eine ganze Handvoll Forscher. Zum Beispiel Pamela Silver und ihre Gruppe an der Harvard Medical School. Diese spritzten Zebrafisch-Embryonen einfach mal fluoreszenzmarkierte Blaualgen (Cyanobakterien), welche bekanntlich 50% der gesamten Photosynthese auf Erden machen. Und siehe da, die grünen „Power-Pakete“ nisteten sich über die gesamte Entwicklung stabil in Fischzellen ein (siehe dieses Video). Ganz anders als im Fall von etwa E. coli, die der Fisch sofort eliminiert, scheint dieser also extrem tolerant gegenüber den Blaualgen.
Zwar reichte die Energie, welche die Algen auf diese Art in den Zellen produzierten, dem Fisch natürlich noch lange nicht. Aber was wären Silver und Co. für Forscher, wenn sie nicht bereits einige Ideen zur weiteren Optimierung dieser erzwungenen „Power-Endosymbiose“ hätten.
(Kürzlich erhielten wir unten folgende Mail, deren Inhalt wir hiermit zur Diskussion stellen:)
Liebe Laborjournal-Redaktion,
[...] die kritischen Anmerkungen zu angeblich bahnbrechenden Forschungsergebnissen und deren hanebüchener Entstehung erfeuen uns immer wieder. Danke dafür!
In diesem Kontext ist mir neulich folgende Veröffentlichung in die Hände gefallen: Lee, J-L., E. L. Levin: A comparative study of the ability of EMA and PMA to distinguish viable from heat killed mixed bacterial flora from fish fillets (J of Microbiological Methods 76 (2009) 93-96). Sicherlich läßt sich darüber streiten, ob ich für derartige Versuche gleich mit Mischkulturen arbeiten sollte. Man könnte auch verschiedener Meinung sein darüber, ob ich zur Untersuchung der Wirkung einer Substanz auf lebende und tote Keime nicht NUR lebende oder NUR tote Keime einsetzen sollte (in der Veröffentlichung wurden gleich Mixturen lebender und toter untersucht).
Was aber in meinen Augen GAR NICHT GEHT, liest sich auf Seite 94 so, ich zitiere: “Interestingly, we consistently obtained a Ct value from the negative controls where no DNA was added to Rti-PCR reagents (data not shown). The false positive of this Ct value was presumably derived from bacterial contamination of PCR reagents (Greisen et al., 1994, Corless et al., 2000)” Wir finden: nicht INTERESTINGLY, sondern durch einfache Schlamperei zu erklären. Dafür würden wir uns zwei Wochen im Keller schämen, aber VERÖFFENTLICHEN würden wir sowas nicht! Gut allerdings, dass es dafür noch Literaturstellen dazu gibt… Und WAS geben denn eigentlich alle anderen Ergebnisse her, wenn die Kontrollen nicht das halten, was ihr Name verspricht??
Zwei sogenannte Jungforscher (weil unter 40) waren es, die zusammen 50.000 Euro für “wegweisende Forschung” bekamen: Petra Dittrich von der ETH Zürich und Matthias Selbach vom MDC in Berlin.
Selbach untersucht, welchen Einfluss microRNAs auf die Translation haben. Mit dem von ihm und Kollegen entwickelten pulsed SILAC genannten Verfahren konnte er die Wirkung von miRNAs auf das gesamte Proteom einer Zelle messen. Wie das geht? Man gibt vergleicht das Proteom von Zellen, die man mit miRNAs und kurze Zeit (puls) mit stabilen Isotopen inkubiert hat, mit Zellen, die nicht mit miRNAs inkubiert wurden. Der Vergleich der markierten, de novo synthetisierten Proteine zeigt, wie die kleinen RNAs quantitativ die Translation beeinflussen.
Petra Dittrich entwirft Mikrochips für die Zellanalytik. Auf Silizium- und Kunststoffsubstraten bringt sie winzige Kanäle, Pumpen, Ventile und Reaktionskammern an, worin sie Reaktionen im Nanoliter-Maßstab durchführen kann. Derzeit arbeitet sie an eine Chip, auf den man einzelne Zellen aufbringen und sie mit winzigen Pinzetten festhalten kann. Das ermöglicht die Beobachtung einzelner Zellen. Auch kann sie auf Chipfs künstliche Zellen aus Lipidmembranen herstellen.
Der Stand ist aufgebaut, die Hefte sind gestapelt, Buttons, LJ-Taschen und Ostereier warten auf LJ- und LT-Fans.
Wo wir sind? In Halle B1, Stand 408. Der erste Besuch: eine Oberstabsärztin mit Laub und Stern. Die kriegt künftig auch LJ ins Haus.
Derweil war Redakteur N. auf der ersten Pressekonferenz, kam zurück und stellte fest, dass die Geräte (es war eine Acquity UPLC von Waters, siehe Foto links) bald intelligenter sind als er selber. Worauf Reporterin H. meinte, das sei auch nicht schwer.
Die Maschine macht alles vollautomatisch. Man könnte denken, man stellt die Probe ins Gerät, drückt den Knopf — und dann hat der Forscher Zeit um Kaffee zu trinken und Laborjournal zu lesen. Aber pustekuchen: nach sagenhaften 90 Sekunden ist die UPLC fertig!
Hilfe, wann sollen denn unsere Leser dann Zeit für’s LJ haben?
Wissen Sie, wie so mancher Feierabend einiger Laborjournal-Redakteure aussieht? Kurz ein paar wichtige Dinge mit der Familie klären, Abendessen vorbereiten, essen und dann, wenn’s eigentlich gemütlich werden könnte… — mit dem Nachwuchs auf irgendwelche Klassenarbeiten lernen. Das kommt besonders gut, wenn besagter Redakteur bereits den ganzen Tag lang Texte hochkomplexen Inhalts gelesen, bearbeitet oder selbst verfasst hat. Aber wie Kollege H. immer sagt: “Dem Redaktör ist nix zu schwör” — also zusammenreißen und unverdrossen ran an die Entstehung der Zünfte, die Brechungsgesetze, ‘backshift of tenses in reported speech’,….
Wie schnell dem LJ-Redakteur jedoch diese mühsam aufgesetzte, pseudofröhliche “Lernen macht Spaß”-Fassade wieder aus dem Gesicht fällt, sobald ihn sein pubertierender Nachwuchs nur mit supercoolem “Null Bock”-Blick mustert und dessen erste Äußerungen eigentlich nur nach “Leck mich doch am Arsch” klingen — das im Detail zu beschreiben, erspart er sich hier. Worauf er lieber aufmerksam machen will, ist eine neue Science-Studie zum Thema, über die er unter anderem folgende Nachricht las:
Mit dem Beginn der Pubertät ist die optimale Zeit für das Lernen vorbei. Schuld daran sind US-Forschern zufolge unter anderem Veränderungen im Hippocampus des Gehirns, die dessen Erregbarkeit bremsen und die Lern- und Gedächtnisleistung der Heranwachsenden verringern. Zumindest bei Mäusen lässt sich die pubertäre Lernschwäche mit Hilfe eines Stresshormons allerdings aufheben, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt «Science» (Bd. 327, S. 1515). Diesen Beitrag weiterlesen »
Kollege Rehm bat mich gerade, auch hier im Blog auf seine Fortsetzungs-Reportage „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“ auf Laborjournal online hinzuweisen. Momentan erscheint dort täglich eine weitere Folge der Geschichte um vermeintliche oder tatsächliche Datenfälschung. Der Unterschied zu den vielen anderen bekannten Daily Soaps: Es hat sich alles tatsächlich zugetragen. Hier ist Hubert Rehms aktuelle Zusammenfassung:
Seit zwei Wochen läuft auf Laborjournal online die Serie „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“. Was bis jetzt geschah: Zur Jahreswende 2007/2008 gab es eine Auseinandersetzung der Nachwuchsforscher Nikolai Savaskan, damals Postdok am Institut für Anatomie der Charité, mit dem Forschungs-Quereinsteiger Markus Kühbacher. Kühbacher wirft Savaskan vor, in einem gemeinsamen Manuskript Daten gefälscht zu haben. Obwohl dieses Manuskript nie veröffentlicht wurde, schaukelt sich die Sache auf. Der DFG Ombudsman in Hamburg wird angerufen. Die Vermittlung scheitert und der Ombudsman gibt die Sache an die DFG-Kommission zur Aufklärung von Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ab. Weil Savaskan ein Zögling des damaligen Institutsdirektors Robert Nitsch ist und dieser, nach Kühbachers Ansicht, nicht adäquat reagiert, untersucht Kühbacher die Publikationen von Nitsch auf Auffälligkeiten. Er findet auch einige. Weil Kühbacher zudem durch das Verhalten der Sprecherin des Ombudsman Ulrike Beisiegel irritiert ist, untersucht er auch deren Publikationen. Auch hier meint er Auffälligkeiten gefunden zu haben…
Irgendwie kriegen sowas nur die Engländer hin. Am 30. Januar um 10:23 Uhr schluckten über vierhundert britische Skeptiker vor mehreren Filialen der Apothekenkette BOOTS jeweils eine massive Mega-Überdosis homöopathischer Kügelchen. Schließlich behaupten Homöopathie-Anhänger immer wieder, dass gesunde Menschen nur mal zuviele Kügelchen schlucken sollten — dann würden sie schon sehen, wie sie wirken.
Nun ja, der Massen-Selbstversuch im Rahmen der Kampagne ’1023 — There’s nothing in it‘ brachte vor allem folgendes Resultat: Zu Schaden kam niemand, nicht mal gemerkt hat jemand was (außer den Zucker) — aber jede Menge Spaß hatten die Skeptiker, wie die gesammelten Videos und Bilder der Aktionen zeigen. Ansonsten ist das Ganze wohl wieder einzureihen als neue Folge der bereits mehr als 200 Jahre währenden Serie “Wie beweise ich, dass Homöopathie tatsächlich wirkt — oder auch nicht”.