Neulich kam per Email eine Art Rätsel in unsere Redaktion. „C. aus K.“, ein — wie er selber sagt — „vergleichsweise unregelmäßiger aber dennoch langjähriger Leser“ schrieb uns:
„[…] Was bisher nicht im Repertoire von LJ erschien, sind die Wissenschaftssünden, die weniger offensichtlich sind, weil sie sich subtil über sehr lange Zeiträume hin entwickeln und ganz dick eingepackt sind in tatsächlich ernstzunehmende, grundehrliche und seriöse Forschungsarbeiten. Man muss schon genau hinsehen, um so manch faulen Kern heraus zu pellen. Um das anzuregen, sende ich hier im Anhang ein kleines Manuskript zu einer weniger vordergründigen Geschichte. Diese tragische Variante von ‘Cantors Dilemma’ ist im Gegensatz zu Carl Djerassis Roman in fast allen Punkten wahr. […]“
Wenngleich C. aus K. versichert hatte, „was und wer in der Geschichte gemeint [sei], [fände] man schnell heraus“, brauchte unsere Volontärin eine ganze Weile. Mal sehen, wie es den LJ-Blog-Lesern ergeht. Hier also C.’s „Manuskript“:
H.’s Doppel-Dilemma
von C. aus K.
Denkt Euch eine Arbeitgruppe (nennen wir sie AG H. aus L. im vereinigten Königreich) die dazu beitragen möchte, Wirkung und Funktion einer für einen zellulären Botenstoff gehaltenen Substanz aufzuklären. Diesen Beitrag weiterlesen »
Der Autor des Blogs Lounge of the Lab Lemming präsentierte gerade eine hinterhältig-böse Fantasie, wie man seine übelsten Wettbewerber ärgern könne: Man verfasse ein 40-seitiges Manuskript, das überhaupt keinen Sinn macht, schicke es unter falschem Namen und falscher Adresse an das Journal mit dem meistgehassten Chief Editor und gebe die drei ungeliebtesten Konkurrenten als mögliche Gutachter an. Und dann sollen die sich mal abstrampeln…
Schön-böse Idee. Allerdings fragt sich, wer hier wen mehr blockiert. Denn was wird wohl länger dauern: 40 Seiten Unsinn zu fabrizieren; oder 40 Seiten Unsinn als solchen zu erkennen — und ihn in die Tonne zu treten?
… — die Luft wird dünner. 83 Scientific Publishers, darunter solche „Giganten“ wie Elsevier und Springer, haben sich für die Datenbank CrossCheck eingeschrieben, die es ihnen erlaubt mit einer Software namens iThenticate eingereichte Manuskripte auf Plagiarismus zu durchleuchten.
Doch ist es weniger die Software, die das Ganze zu einem machtvollen Instrument machen könnte, sondern vielmehr die schiere Größe der Datenbank. Denn hier ist ziemlich Unerwartetes geschehen: Alle 83 Verleger mussten zustimmen ihre eigenen Manuskript-Datenbanken mit CrossCheck zu teilen – und sie taten es. Auf diese Weise ist CrossCheck inzwischen auf 25,5 Millionen Volltext-Artikel aus nahezu 50.000 Zeitschriften und Büchern angeschwollen, mit denen die Verlage nun „verdächtige“ Manuskripte relativ bequem abgleichen können.
Und „verdächtige“ Manuskripte scheint es genug zu geben. Testläufe verschiedener Journals brachten einen Anteil von 6 bis 23 % „Verdächtigen“ unter allen eingereichten Manuskripten. Diesen Beitrag weiterlesen »
Kollege Rehm bat mich gerade, auch hier im Blog auf Alexander Lerchls Fortsetzungs-Reportage „Komische Kometen“ auf Laborjournal online hinzuweisen. Hier ist Hubert Rehms aktuelle Zusammenfassung:
Alexander Lerchl hat in seine zehnteiligen Folge „Komische Kometen“ die Hintergründe der Wiener Handy-Studien dargestellt. Er hat zudem die (Nicht-) Reaktionen der Verlage und Zeitschriften beschrieben und die zweifelhaften Reaktionen der Institution Universität. Seine Recherchen, Erlebnisse und Erfahrungen brachten Lerchl zu dem Schluß, daß die „Selbstreinigungskräfte“ der Wissenschaft nicht wirken. Es brauche, so Lerchl in seiner letzten Folge 10, eine Europaweite Agentur nach Vorbild des US-amerikanischen Office of Research Intergrity. Diese Agentur sollte nicht nur eine Beratungs- und Vermittlungseinrichtung sein, sondern auch Aufklärungsarbeit leisten und Weisungsbefugnis haben: gegenüber den wissenschaftlichen Zeitschriften, gegenüber den Universitäten und gegenüber anderen wissenschaftlichen Einrichtungen.
Laborjournal schließt sich Lerchls Appell an und merkt zudem an, daß eine solche Agentur nicht von vielbeschäftigten ehrenamtlichen Lehrstuhlinhabern betrieben werden kann, die für die zu untersuchenden Vorgänge am Feierabend pro Woche ein viertel- oder halbes Stündchen aufwenden können und sich alle drei Monaten einmal auf einer Sitzung mit den Angelegenheiten befassen. Hier müssen Leute ran, denen die Aufklärung eines Falles ein zentrales Anliegen ist, dem sie sich ganztägig widmen. Dann würden sich die Untersuchungen auch nicht mehr über Jahre hinziehen — was für alle Beteiligten unerträglich ist — sondern in ein paar Wochen erledigt sein.
Während Fehlerbalken noch relativ einfach zu bereinigen sind, ist die Korrektur von fotografischen Daten doch erheblich aufwendiger. Hier könnte das neue Content-Aware-Fill in Adobes CS5 den Durchbruch bedeuten.
Ein originales Adobe-Video finden Sie übrigens unter hier.
Bloggerin Isis the Scientist warf kürzlich die Frage auf, was man als Autor eines Papers machen soll, wenn sich die Co-Autoren mit ihrem Job — dem Lesen respektive Korrigieren der Publikation vor der Einreichung – sehr viel Zeit lassen. Manchmal mag das nicht schlimm sein, aber was ist, wenn man selber dieses Paper braucht, um sich z. B. auf eine Postdoc-Stelle zu bewerben, und man dementsprechend unter Zeitdruck steht? Diesen Beitrag weiterlesen »
Kollege Rehm bat mich gerade, auch hier im Blog auf seine Fortsetzungs-Reportage „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“ auf Laborjournal online hinzuweisen. Momentan erscheint dort täglich eine weitere Folge der Geschichte um vermeintliche oder tatsächliche Datenfälschung. Der Unterschied zu den vielen anderen bekannten Daily Soaps: Es hat sich alles tatsächlich zugetragen. Hier ist Hubert Rehms aktuelle Zusammenfassung:
Seit zwei Wochen läuft auf Laborjournal online die Serie „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“. Was bis jetzt geschah: Zur Jahreswende 2007/2008 gab es eine Auseinandersetzung der Nachwuchsforscher Nikolai Savaskan, damals Postdok am Institut für Anatomie der Charité, mit dem Forschungs-Quereinsteiger Markus Kühbacher. Kühbacher wirft Savaskan vor, in einem gemeinsamen Manuskript Daten gefälscht zu haben. Obwohl dieses Manuskript nie veröffentlicht wurde, schaukelt sich die Sache auf. Der DFG Ombudsman in Hamburg wird angerufen. Die Vermittlung scheitert und der Ombudsman gibt die Sache an die DFG-Kommission zur Aufklärung von Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ab. Weil Savaskan ein Zögling des damaligen Institutsdirektors Robert Nitsch ist und dieser, nach Kühbachers Ansicht, nicht adäquat reagiert, untersucht Kühbacher die Publikationen von Nitsch auf Auffälligkeiten. Er findet auch einige. Weil Kühbacher zudem durch das Verhalten der Sprecherin des Ombudsman Ulrike Beisiegel irritiert ist, untersucht er auch deren Publikationen. Auch hier meint er Auffälligkeiten gefunden zu haben…
Seit einigen Tagen kursiert ein Text von Polskaweb, einer “polnischen Zeitung in deutscher Sprache”, durch Foren und Blogs. Dessen Kernbehauptung:
Ein Holländer befindet sich im Fadenkreuz von Ermittlern um einen immer wahrscheinlicher erscheindenen Korruptions- und Betrugsskandal von nie dagewesenem Ausmaß. Der Mann heisst Albert Osterhaus und ist Professor für Virologie am Klinikum der Erasmus-Universität in Rotterdam. Er führt eine Gruppe von namhaften Virologen an, welche zuletzt Sars, Vogel- Robben- und Schweinegrippe in Europa salonfähig gemacht haben. Die niederländische Regierung hatte wegen zahlreichen Ungereimheiten in Zusammenhang mit den neuen Grippen einen Untersuchungsausschuss bestellt, der jetzt u.a. herausgefunden hatte, dass sich auf Osterhaus Konten “größere” Geldeingänge befinden, welche ausgerechnet durch Hersteller von Impfmitteln gegen die Influenza A/H1N1 und A/H5N1 an ihn persönlich überwiesen worden waren. Schweine- und Vogelgrippe könnten also wie schon bereits laut gemunkelt wird, reine Erfindungen eines kriminellen Netzwerkes von Pharma- Produzenten und skrupellosen Wissenschaftlern sein, denn die Osterhaus Truppe sitzt auch in den wichtigsten Gremien der WHO.
Nun ja, Vogel- und Schweinegrippe sind sicher keine “reinen Erfindungen” — aber gewisse Pandemie-Szenarien inklusive der “passenden” Gegenmaßnahmen könnte man schon erheblich pushen, wenn man an den richtigen Stellen sitzt. Und das tut Albert Osterhaus zweifelsohne.
Dennoch wirkt die ganze Geschichte natürlich eher wie die Verschwörungstheorie einer — nun ja — etwas komischen Quelle. Wenn da allerdings nicht sechs Wochen vorher ein Artikel in Science erschienen wäre, der zumindest Andeutungen in ähnlicher Richtung machte. Es könnte also durchaus noch etwas nachkommen. Wir sind gespannt…
… ist ausgeliefert und damit freigegeben für Diskussion, Gemeckere und Lobhudelei. Entweder direkt als Kommentar auf diesen Blog-Eintrag oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de.
Eine Mail hat uns bereits zum Artikel “Die Verantwortung des Wissenschaftlers” (S. 16) erreicht. Darin moniert der Schreiber, dass der Fälschungsfall im Labor von Peter Chen an der ETH Zürich gerade nicht geeignet wäre, den Sittenverfall in der Forschung zu dokumentieren, der laut Artikelautor Rüdiger Paschotta durch die Strategie der “Großprofessoren” Einzug gehalten habe. Denn Peter Chen, so führt der Mail-Autor glaubhaft aus, betreibe gar kein “Großlabor” und stünde schon gar nicht “unrechtmäßig” auf irgendwelchen Veröffentlichungen. Das Fazit seiner Mail daher :
Grau ist alle Theorie, im praktischen Laboralltag ist vertrauensvolle Kooperation auch mit dem Chef ein hohes Gut. Wenn ein Chef in paranoider Weise alle immer der Fälschung verdächtigt, dann gehört er in die Psychiatrie. Peter Chen ist nach meinen mageren Kenntnissen von Interna hiervon nicht betroffen. Er ist ein sehr guter Wissenschaftler, der reingeflogen ist, leider. Aber das kann vielen passieren, passiert vielen.
Klingt, als müssten wir uns der Sache nochmal annehmen.
Im September wurde in Laborjournal (Ausg. 9/2009) ja der Frankfurter Skandalprofessor Reiner Protsch von Zieten (“PvZ”) gesucht (zur Affäre siehe hier oder hier). Da immer noch richtige Lösungen in der Redaktion eintreffen: Das Rätseln kann beendet werden, die Lösung steht seit Tagen in der aktuellen LJ-Ausgabe 10/2009 auf Seite 66 (Printversion).
Einer von denen, die uns rechtzeitig die richtige Rätsellösung mailten, lieferte uns frei Haus auch noch eine Protsch-Anekdote aus seiner Frankfurter Studentenzeit mit, die wir allen Lesern hier nicht vorenthalten wollen: Diesen Beitrag weiterlesen »