“Junk Journals” und die “Peter-Panne”

2. Februar 2012 von Ralf Neumann

Wie war das nochmal mit der Schadenfreude? Na ja, jedenfalls muss die Zeitschrift Molecular Biology, ein Open Access Online-Journal der OMICS Publishing Group, gerade richtig viel Gelächter einstecken. Und das offenbar mehr als zu Recht.

Geht man nämlich in der Liste von Molecular Biologys Editorial Board Members an die letzte Stelle, so findet man dort diesen Eintrag:

Zieht man die Maus rechts daneben auf dessen “Research Interest”, poppt folgendes auf:

Und geht man eins drüber auf “Biography” erfährt man: Diesen Beitrag weiterlesen »

Boykott gegen Elsevier

30. Januar 2012 von Ralf Neumann

Die Forschergemeinde macht mobil gegen das Geschäftsgebahren des Scientific Publishing-Giganten Elsevier. Schon lange geht es vielen auf den Geist, dass man die Elsevier-Journals für großes Geld kaufen muss, um die  Ergebnisse der Kollegen, inklusive der eigenen, lesen zu können — obwohl diese zum allergrößten Teil durch die Leistungen Steuerzahler-geförderter Forschung entstanden sind.

Das Fass zum Überlaufen brachte jetzt offenbar der neueste Geschäftstrick der Holländer, nach dem man Zeitschriften nur noch in “Bündeln” abonnieren kann. Konkret heißt das, dass Bibliotheken Elsevier-Edelblätter wie etwa die Cell-Journals im Paket mit etlichen ungewollten “Ladenhütern” bestellen müssen, die kaum einen interessieren. Und das kostet natürlich gleich mal einen ganzen Happen mehr als die jeweiligen Edelblätter alleine.

Die Community jedenfalls scheint jetzt ernst zu machen. Seit einigen Tagen läuft auf der Seite “The Cost of Knowledge” folgende Protestaktion gegen die Elsevier-Politik, in der die Unterzeichner erklären, dass sie den Verlag jetzt solange boykottieren werden, bis er sein Geschäftsmodell radikal ändert:

(Mehr Details dazu gibt es auch auf der Seite des Initiators, Fields-Medaillen-Gewinner Tim Gowers.)

Bislang haben auf der Seite über 1.600 Forscher Elsevier wissen lassen, dass sie für den Verlag in Zukunft…:

… won’t publish, won’t referee, won’t do editorial work.

Von Sonntag nachmittag auf Montag morgen alleine sind knapp 300 neue Unterzeichner dazugestoßen. Es könnte also tatsächlich eine “kritische Masse” zusammenkommen. Durchaus zurecht, wie auch wir von der Laborjournal-Redaktion meinen.

Autoren am Rande des Nervenzusammenbruchs (9) — Was tun mit den Toten?

26. Januar 2012 von Ralf Neumann

Im Jahr 1998 starb überraschend Werner Risau, Endothel-Experte am damaligen Bad Nauheimer MPI für Physiologische und Medizinische Forschung. Zehn Jahre später ziert sein Name den vorletzten Platz in der Autorenliste des Papers “Inducible endothelial cell-specific gene expression in transgenic mouse embryos and adult mice” (Exp. Cell. Res. 314(6): 1202-16). In der Fußnote zu seinem Namen steht:

This work is dedicated to the memory of Werner Risau (1953–1998), in whose department this project was initiated.

Bitte nicht falsch verstehen: Keiner missgönnt Werner Risau diese nachträgliche Ehrung. Aber rein formal gesehen — rechtfertigt solch eine, doch etwas dünne, Begründung die Ehren-Autorenschaft eines lange Verstorbenen? Und allgemeiner — wie weit darf man generell gehen mit posthumen Ko-Autorenschaften? Immerhin kann man in solchen Fällen schnell argwöhnen, dass so manch kleines Licht das eigene Paper durch die Hinzunahme eines großen Namens umso heller erstrahlen lassen will. Diesen Beitrag weiterlesen »

Zitat des Monats (8)

24. Januar 2012 von Ralf Neumann

Der US-Neurowissenschaftler und Buchautor Michael S. Gazzaniga verriet der New York Times im Interview (siehe Video) kürzlich folgendes darüber, wie Forschung tatsächlich funktioniert:

This whole idea that you write up an experiment laying out all methods and questions you’re going to answer beforehand; it’s nonsense. That’s not the way it works. You’re just trying whatever it is you’re trying; you don’t know what’s going to happen, and then whoosh! — the thing pours right out there and generates the next questions, questions you never would have thought of before.

Klingt irgendwie anders, als es zum Beispiel im “Scientific Method Song” besungen wird. Oder in folgender Graphik illustriert:

Autoren am Rande des Nervenzusammenbruchs (8)

19. Januar 2012 von Ralf Neumann

Bei Originalartikeln ist die Formulierung des Titels ja ziemlich festgelegt. Anders ist dies bei Reviews, News & Views, Opinion Pieces, Essays und anderen ähnlichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Da haben die Autoren mehr kreative Freiheit für die Titelzeile — und bisweilen nutzen sie diese sogar.

Gar nicht mal so selten kommt es dabei zu Anleihen bei den Titeln allseits bekannter Romane, Filme oder Songs:

Tarnen und Täuschen,…

16. Januar 2012 von Ralf Neumann

… ein oftmals überlebenswichtiges Konzept für viele Organismen in der freien Wildbahn. Welch raffinierte Strategien sich dabei bisweilen entwickeln, zeigt das folgende Video des Kieferfisches Stalix cf. histrio, der sich als Teil des Kraken Thaumoctopus mimicus tarnt. Dieser Krake wiederum ahmt selbst mit seinen hell-dunkel geringelten Armen das Aussehen und die Bewegungen von Rotfeuerfischen, Seeschlangen und giftigen Plattfischen nach — und wird daher, gleichsam mit Stalix, von Räubern in Ruhe gelassen.

Godehard Kopp von der Universität Göttingen filmte diese “opportunistische Mimikry” im vergangenen Sommer vor der Nordspitze der indonesischen Insel Sulawesi. Und zusammen mit zwei US-Kollegen veröffentlichte er in Coral Reefs jetzt diesen “Fisch,-der-auf-einem-Kraken-Trittbrett-fährt,-welcher-wiederum-so-tut,-als-wäre-er-mehrere-giftige-Fische”. (Mehr auch hier.)

Vom Wert des genauen Hinschauens

12. Januar 2012 von Ralf Neumann

Wie war das nochmal, wie Wissenschaft funktioniert?

  • Beobachte ETWAS (möglichst etwas Neues).
  • Beschreibe ES.
  • Überlege dir, warum oder wozu ES da ist.
  • Knobele Strategien aus, wie du testen kannst, dass ES eben darum oder dazu da ist.
  • Teste, teste, teste,… — wiederhole, wiederhole, wiederhole,…
  • … bis Konsens besteht, dass ES darum oder dazu da ist.

Projekte zu den Schritten 1 und 2 werden heutzutage oftmals etwas geringschätzig als “rein deskripitv” abqualifiziert — im Gegensatz zu vermeintlich viel “edleren” Projekten zur Entschlüsselung von Sinn und Funktion von ETWAS. Dabei ist durch das Schema selbst schon klar: Jegliche Suche nach Sinn und Funktion von ETWAS ist zwingend abhängig von sorgfältiger Beobachtung und Beschreibung. Und das kann bisweilen ganz schön knifflig sein…

Ein schönes Beispiel, wie wichtig allein die Wahl der Bedingungen ist, unter denen man beobachtet, lieferte im letzten Jahr das Paper “Stable structural color patterns displayed on transparent insect wings” von Ekaterina Shevtsova und ihren Kollegen von der Universität Lund (PNAS vol. 108: 668-73). Das Team nahm sich jede Menge Insektenflügel und fotografierte sie vor schwarzem statt, wie üblich, vor hellem Hintergrund (siehe Foto oben). Und siehe da — was zuvor im Hellen ziemlich unspektakulär aussah, schillerte plötzlich fast schon wie Schmetterlingsflügel in allen möglichen Farben… Diesen Beitrag weiterlesen »

Blick zurück nach vorn

9. Januar 2012 von Ralf Neumann

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. A. N. Gestaubt, Praeteriologisches Institut Universität Trübingen.

LJ: Hallo, Herr Gestaubt, Sie kommen aus dem Seminar. Worum ging’s?

Gestaubt: Wissenschaftsgeschichte. Heute waren die Chromosomen inklusive der Entwicklung der Cytogenetik als Disziplin dran.

LJ: Klingt nett. Apropos “nett”: Viele qualifizieren ja die Wissenschaftsgeschichte etwas süffisant als reine “Nice-to-know”-Forschung ab — also ohne großen Nutzen, und damit in bewusstem Gegensatz zur “Need-to-know”-Forschung. Wie sehen Sie das?

Gestaubt: Ach ja, das alte Vorurteil. Jetzt mal ehrlich: Wir brauchen auch keinen “Harry Potter” und auch keinen “Faust” zum Überleben der Menschheit. Dennoch sind verdammt viele Leute froh, dass wir die Beiden haben. Ich kann diesen Quatsch von wegen “Umso besser, je mehr Nutz” nicht mehr hören. Zumal es in unserem Zusammenhang sowieso nicht stimmt.

LJ: Inwiefern?

Gestaubt: Schauen Sie sich doch mal die aktuelle Forschungsförderung an. Was würden die maßgeblichen Leute nicht dafür geben, wenn man ihnen sagen könnte, nach welchen Mustern und unter welchen Rahmenbedingungen ich potentiell maximale Erkenntnisse bekomme? Diesen Beitrag weiterlesen »

Ein Held des Forscheralltags,…

5. Januar 2012 von Ralf Neumann

… zumindest wie ein Laborausstatter ihn sieht. Vorhang auf für “The Ph.Diddy is on the scene” von Life Technologies:

Auffällig, dass sich offenbar immer mehr Firmen an Labor-Musikvideos versuchen (siehe etwa hier und hier). Wen sie damit insbesondere ansprechen wollen, beschreiben die Leute von Life Technologies im “Acknowledgement” zu ihrem Werk:

This video is inspired by all the dedicated everyday-heroes-of-science. Invitrogen recognizes your passion and admires your perseverance!

Ob sie sich da nicht ein bisschen zu sehr den potenziellen Kunden anbiedern?…

Wie auch immer, eine Kurzbeschreibung des Videos samt den kompletten Lyrics gibt’s jedenfalls auf der Youtube-Seite von Life Technologies.

Retrovirus

2. Januar 2012 von Ralf Neumann

Beginnen wir das neue Jahr mit folgendem netten Cartoon des portugiesischen Genetikers Pedro Miguel do Nascimento Veliça:

Dieser Cartoon ist indes das Remake des unten folgenden früheren Cartoons, in dem Veliça den Unterschied zwischen Virus und Bakteriophagen noch nicht ganz so ernst nahm: Diesen Beitrag weiterlesen »