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Schmarotzerforscher

Publikationsanalyse 2009-2013: Parasitologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 5/2015




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Die deutschsprachige Parasitenforschung wird nach Zitierungen insbesondere durch ein einziges Institut dominiert: das Schweizerische Tropen- und Public Health Institute in Basel. Top-Themen sind Malaria-Bekämpfung und Wurminfektionen sowie jenseits der Medizin ein wenig Wirt-Parasit-Koevolution.


Ein Rüsselbandwurm aus der Ordnung Trypanorhyncha. Zum Glück bohren die sich hauptsächlich in Fische. Foto: Andrew Florin

Der US-Schriftsteller William S. Burroughs dachte einmal, er gibt etwas besonders Philosophisches von sich, als er sinnierte: “Wer war wohl zuerst da, der Darm oder der Bandwurm?” Allerdings ist die Abhängigkeit zwischen Wirt und Parasit eine ganz andere, als sie hinter der analogen, ungleich berühmteren Frage steckt: „Wer war wohl zuerst da, die Henne oder das Ei?“ Natürlich muss ein neuer Lebensraum erst da sein, bevor irgendwelche Lebewesen ihn neu besiedeln können. Zugegebenermaßen sind diese „Ausgangs-Lebewesen“ vorher zwar auch schon da, allerdings werden sie erst nach der Neu-Besiedlung durch weitere Anpassung zu dem, was sich letztlich als stabile neue Art manifestiert.

Um Burroughs also konkret zu antworten: Die Vorgängerstrukturen für den Darm wie auch die freilebenden Vorfahren der Bandwürmer existierten wohl lange parallel. Dann war irgendwann zunächst der Darm fertig. Erst deutlich danach wanderten irgendwelche freilebenden Würmer in den Darm ein, fanden es ganz nett dort, entwickelten die nötigen Anpassungen für das „schlankere“ Leben im Darm – und etablierten sich am Ende stabil als neue Parasiten-Klasse der „Bandwürmer“.

Bandwurm-Philosophie

Heute ist bekannt, dass es im Laufe der Evolution viele machten wie die Bandwurm-Vorfahren: Man schätzt, dass Parasiten derzeit zwischen 40 und 50 Prozent der weltweiten Biodiversität ausmachen.Ein durchaus erfolgreicher Lebensentwurf, könnte man sagen.

Erfolgreich, aber oft auch gnadenlos egoistisch. Denn in ihrem Bestreben, möglichst viele Leistungen des jeweiligen Wirts für sich selber abzuzweigen, schwächen sie diesen natürlich. Und insbesondere diejenigen Parasiten, die sich nur vorübergehend in einem Wirt aufhalten, gehen dabei oftmals noch einen Schritt weiter: Sie machen den Wirt krank.

Krankmacher

Nimmt man diese beiden Parameter – große Biodiversität und Pathogenizitätsgefahr – so müsste man eigentlich meinen, die Parasitologie, oder „Schmarotzerkunde“, wie sie früher hieß, sei ein Gebiet umfangreicher Forschung innerhalb der Biomedizin. Dass dies im Vergleich mit anderen biomedizinischen Disziplinen nicht der Fall ist, dürfte bekannt sein.

Auch unser Publikationsvergleich spiegelt dies wider. Nehmen wir die fünfzig Forscherinnen und Forscher aus dem deutschen Sprachraum, die mit ihren parasitologisch relevanten Publikationen der Jahre 2009 bis 2013 bis heute am häufigsten zitiert wurden (siehe Tabelle Seite 35). Diese Fünfzig veröffentlichten in den fünf Jahren durchschnittlich jeweils 49,9 Artikel und sammelten damit bis heute im Mittel jeweils 653,5 Zitierungen. Das macht einen Gesamtschnitt von 13,1 Zitierungen pro Artikel für die fünfzig meistzitierten Parasitenforscher. Vergleichen wir nun diesen Wert mit den entsprechenden Werten anderer biomedizinischer Disziplinen: Nach genau demselben Berechnungsmuster kommt die Hautforschung für deren fünfzig meistzitierte Forscher auf 22,7 Zitierungen pro Artikel (LJ 1/2015), die Hormon- und Stoffwechselforschung auf 29,3 Zitierungen pro Artikel (LJ 11/2014) und die Herz- und Gefäßforschung gar auf 34,5 Zitierungen pro Artikel (LJ 10/2014).

Das Problem der kleinen „Zitiermasse“

Die meistzitierten Parasitenforscher aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz werden im Schnitt also deutlich weniger oft zitiert als deren meistzitierte Kollegen aus den anderen drei biomedizinischen Beispieldisziplinen. Heißt dies, die Parasitologen hierzulande liefern schlechtere, und damit weniger zitierenswerte Arbeit ab als ihre Kollegen aus anderen Disziplinen? Wohl kaum. Vielleicht sind sie sogar „besser“ als ihre Herz- und Hautforscherkollegen. Nur gibt es schlichtweg nicht so viele Parasitenforscher weltweit wie Herz- oder Hautforscher – und daher treffen deren Artikel letztlich auf eine viel kleinere potentielle „Zitiermasse“.

Passenderweise beschreibt der meistzitierte parasitologische Artikel des Analysezeitraums 2009-2013 mit deutschsprachiger Beteiligung die Genomanalyse des Bilharziose-Erregers Schistosoma mansoni – und greift damit zusätzlich noch auf die „Zitiermasse“ der Genomiker zurück.

Auch die Nummer 9 unter den zehn meistzitierten Artikeln (siehe Tabelle Seite 34) widmet sich diesem Saugwurm (Trematoda); ein weiterer dreht sich um die generelle Diagnose von Parasiten in Mensch und Tier (Platz 5) – der Rest der Liste ist Malaria-Forschung. Keine „organismischen“ Verschiebungen also – seit langem schon sind dies zumindest mengenmäßig die beiden großen Themengebiete der Parasitologie: Malaria und schmarotzende Würmer.

Wirkstoffe und ein Genom

Schlüsseln wir die zehn meistzitierten Artikel nach Art der Studien auf, resultiert folgende Verteilung: Einmal – wie gesagt – eine Genomanalyse, viermal Tests von Wirkstoffkandidaten, drei klinische Studien, ein methodischer Artikel zur Parasitendiagnostik – und auf Platz 10 ein Grundlagenartikel zur Infektion des Malaria-Erregers Plasmodium.

Schauen wir uns nun die Liste der fünfzig meistzitierten Parasitenforscher genauer an. Sofort fällt auf, dass womöglich noch nie zuvor ein Laborjournal-Publikationsvergleich derart klar von einem einzigen Institut dominiert wurde: Gleich 17 der fünfzig meistzitierten Köpfe arbeiteten im Analysezeitraum zumindest zeitweise am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut, das an die Universität Basel assoziiert ist. Mit den Wurmspezialisten Jürg Utzinger (1.) und Jennifer Keiser (3.), den beiden Trypanosoma- und Protozoen-Experten Reto Brun (2.) und Marcel Kaiser (4.) sowie Institutsdirektor Marcel Tanner (6.) rangieren gar fünf seiner Mitarbeiter auf den ersten sechs Plätzen.

Hopp Schwiiz!

Zu den 17 Baslern kommen noch zwei Zürcher und drei Berner Forscher, so dass summa summarum knapp die Hälfte der Top 50 den Arbeitsplatz in der deutschsprachigen Schweiz hat. So gut schlossen die Eidgenossen nicht annähernd in den Publikationsanalysen anderer biomedizinischer Disziplinen ab. Nachbar Österreich dagegen brachte nur einen einzigen Kollegen in die Liste: den Geflügelparasit-Experten Michael Hess (25.).

Und Deutschland? Auch hier dominiert vor allem eine Einrichtung: Das große Tropenmedizinische Institut der Universität Tübingen. Fünf Mitarbeiter rangieren unter den ersten Vierzig; Insitutsdirektor Peter Krem­sner schaffte es als Dritter gar, mitten in die erwähnte Basler Phalanx hineinzustoßen. Übertroffen wird Tübingen allerdings noch von Berlin, wo insgesamt sechs der Top 50 arbeiteten – allerdings an fünf verschiedenen Instituten. Weiterhin brachte noch das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin drei Kollegen unter die ersten Fünfzig, angeführt von Jakob Cramer auf Platz 28.

Wettrennen mit dem Wirt

Auch die nach Kremsner am nächstbesten platzierten Deutschen sollen nicht unerwähnt bleiben: Zum einen der Bonner Achim Hörauf (7.), der mit seinem Team vor allem untersucht, wie der Fadenwurm Onchocerca volvulus in Abhängigkeit von dem endosymbiontischen Bakterium Wolbachia die Flussblindheit verursacht; und zum anderen der Bandwurm-Spezialist und Leiter des Nationalen Referenzlabors für Echinokokkose am Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems, Franz J. Conraths (12.).

Dass Parasitenforschung aber nicht nur für Tier- und Humanmedizin interessante Erkenntnisse vermitteln kann, sondern vielmehr auch zur Beantwortung bestimmter Fragen der Evolutionsbiologie prädestiniert ist, klang ja schon in der Einleitung durch. Das Stichwort schlechthin ist hierbei sicherlich „Dynamik der Wirt-Parasit-­Koevolution“. Und tatsächlich finden sich in der Top 50-Liste Vertreter, die sich eher diesem Aspekt der Parasitenforschung widmen: der Zürcher Paul Schmid-Hempel (15.), Sven Klimpel aus Frankfurt (43.) sowie zumindest teilweise Trevor Petney vom Karlsruhe Institute of Technology (KIT).

Top-Frauenquote

Ganz zum Schluss aber, wie so oft, die Frauenquote: Ganze zehn Forscherinnen platzierten sich unter den Top 50. Damit ist die Parasitologie wenigstens in dieser Hinsicht eine absolute Topdisziplin innerhalb der Biomedizin.


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Letzte Änderungen: 05.05.2015


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