Information 4
Information 5
Information 6

Winzlinge ganz groß

Publikationsanalyse 2006-2009: Süßwasser- & Meeresbiologie
von Lara Winckler, Laborjournal 04/2012

Die meistzitierten Artikel Die meistzitierten Reviews Die meistzitierten Köpfe

Bild der meistzitierten Köpfe (ca. 130 kb)



... und Riesen ganz klein. (Fotolia/ ThautImages, AlienCat; Montage: LW)

Klare Gewinner in diesem Vergleich sind das Bremer Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie – und marine Mikroben.

Craig Venter machte es populär und jetzt wollen‘s alle: Mikroben einsammeln und sequenzieren. Anhand der Genome alles mögliche über Evolution, Biodiversität und Wettbewerbsvorteile bei Futtersuche und Fortpflanzung herauszufinden ist ein verlockender Gedanke, gegen den auch die Süß- und Salzwasserbiologen nicht gefeit sind. Die Sichtbarkeit in der Community kommt dann fast von alleine. So brachten Frank-Oliver Glöckner (2.), Leiter der Mikrobiellen Genomik am Max-Planck-Institut (MPI) für marine Mikrobiologie Bremen, und sein Team ihren Artikel zum rRNA-Analysesystem SILVA nicht nur unter die Top 10, sondern auf Platz 2 der bis heute meistzitierten Artikel aus den Jahren 2006 bis 2009. Nur ein Artikel zur Mikrobenvielfalt in der Tiefsee von Gerhard Herndl (1.), Meeresbiologie/aquatische Biologie an der Uni Wien, sammelte noch mehr Zitierungen. Dieser stammt, wie die meisten von Herndls vielzitierten Arbeiten aus den Jahren 2006 bis 2009, noch aus seiner Zeit am Royal Netherlands Institute for Sea Research in Den Burg, wo er bis 2008 forschte.

Gut ein Drittel der 50 bis heute meistzitierten deutschsprachigen Süßwasser- & Meeresbiologen arbeitete 2006 bis 2009 zumindest zeitweise am Bremer MPI, dem bei weitem stärksten Institut in dieser Analyse, und alle hatten die marinen Mikroorganismen fest im Blick – wenn auch von unterschiedlichen Standpunkten aus. So erforschten Bio-geochemiker wie der 2011 emeritierte Bo Barker Jørgensen (13.) und sein Nachfolger Marcel Kuypers (6.), Leiter der Biogeochemie am Bremer MPI, mikrobiologische und biogeochemische Prozesse, die Stoffkreisläufe im Meer kontrollieren. Die Geomikrobiologen um Antje Boetius (10.), Leiterin der Brückengruppe von Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) Bremerhaven und Bremer MPI, gehen auf Tauchfahrt: Da sich die Meeresboden-Mikroben im Labor nicht halten lassen, kommen die Forscher eben zu ihnen nach Hause – mit dem Tiefsee-Observatorium „Hausgarten“ beobachten sie sie bei ihren alltäglichen Verrichtungen. „Seit kurzem wissen wir, dass jedes Gramm Schlamm aus der Tiefsee bis zu 10.000 Arten von Mikroorganismen enthält, von denen die meisten unbekannt sind“, so Boetius. Das will sie, unterstützt von einem Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC), ändern.


Fische und Algen

Obwohl in der Überzahl, sind die Mikrobenforscher nicht die Alleinherrscher in dieser Publikationsanalyse. Allein drei der Top 10 rekrutieren sich aus anderen Disziplinen, wie der Oldenburger Marineökologe Helmut Hillebrand (7.). Oder der Molekularbiologe Werner Müller (5.) von der Mainzer Physiologische Chemie, der in Schwämmen und anderen marinen Organismen nach bioaktiven Substanzen sucht, die sich gegen Tumoren einsetzen lassen.

Der Konstanzer Axel Meyer (4.) forscht zwar vorrangig an Fischen, doch eigentlich ist er Evolutionsbiologe. Zwei Tiere tragen daher seinen Namen, die keine Fische sind: ein Wurm aus dem Baikal-See, Opisthocystis meyeri, und ein malegassischer Baumfrosch, der auf den Namen Boophis axelmeyeri mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht hört. Meyer interessiert sich für Artentwicklung und Evolution der Biodiversität speziell der Buntbarsche (Cichlidae) afrikanischer Seen.

Genauso übrigens wie Ole Seehausen (12.), Leiter der Abteilung Fischökologie und Evolution am Wasserforschungs-Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschule, kurz Eawag, in Kastanienbaum. Zusammen mit Eawag-Kollege Thomas Egli (23.) und Meyers ehemaligem Mitarbeiter Walter Salzburger (15.), jetzt an der Basler Zoologie, vertritt er die Schweizer Süßwasser- & Meeresbiologie. „Die Cichliden sind Lehrbuchbeispiele für schnelle Artbildung“, erklärte Seehausen 2010 gegenüber Science-Watch.com, und „Speziation gehört derzeit zu den aktivsten Feldern in evolutionärer und ökologischer Forschung“. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein: Seinen Artikel zur Artbildung zitierte die Forschergemeide so reichlich, dass dieser es auf Platz 7 der bis heute meistzitierten brachte.

Wie nicht anders zu erwarten, finden sich neben all den Spezialisten für Fische und Mikroben auch welche für Algen. Sie nähern sich ihren Forschungsobjekten ebenfalls über deren Genome. Der Konstanzer Peter Kroth (30.) etwa verglich mutierte Plastiden-Genome von Kieselalgen mit dem Wildtyp und beschrieb so die Regulation der Photosynthese in Diatomeen. Klaus Valentin (34.) und seine Mitstreiter am AWI veröffentlichten 2010 das komplette Genom der Braunalge Ectocarpus siliculosus (Nature, 465(7298):617), und auch sie wagten weitreichende Aussagen bis hin zur Entstehung der Vielzelligkeit.

Außerdem ist mit Ulf Karsten (48.) ein Mangrovenforscher unter den 50 bis heute meistzitierten Meeres- und Süßwasserbiologen aus dem deutschsprachigen Raum.

Abgrenzungsprobleme zu anderen Disziplinen gab es vor allem bei den Geochemikern, wenn es um Kohlen- oder Stickstoffkreisläufe ging, und einigen Gewässerforschern und Ozeanologen, die sich tatsächlich „nur“ für Wasser interessierten. Auch diverse Ökologen und Umweltforscher sorgten für kurzzeitiges Kopfzerbrechen.

Trotz so mancher Initiative zur Rettung der Biodiversität auf dem Land und im Wasser verschwinden die Arten zuweilen schneller, als man sie erforschen oder auch nur entdecken kann. Mikroben werden jedoch auf absehbare Zeit wohl erstmal nicht dazu gehören. In der Produktion von Medikamenten, Nahrungsmitteln und Baumaterialien haben sie sich ihren Platz schon längst gesichert. Nun erobern sie auch die wissenschaftliche Zukunft – eine sichere Zukunft, denn Mikroben sind hipp und es wird sie immer geben.



Wie die Tabellen entstanden

Berücksichtigt wurden Artikel mit Erscheinungsjahr zwischen 2006 und 2009 sowie mindestens einem Autor mit Adresse im deutschen Sprachraum. Die „Köpfe” arbeiteten von 2006 bis 2009 zumindest zeitweise an einem Institut für Meeres- oder Süßwasserbiologie, publizierten zu einem großen Teil in Zeitschriften für Meeres- oder Süßwasserbiologie oder arbeiteten in erster Linie an für die Meeres- oder Süßwasserbiologie bedeutsamen Projekten.

Für die Berechnung der Zitierungen zählen wir zusammen, wie oft jeder der in Frage kommenden Originalforschungsartikel - veröffentlicht in den Jahren 2006 bis 2009 - bis heute zitiert wurde. Reviews zählten für die „Köpfe“-Wertung nicht.

Der Hirsch-Index (h-Index) bezieht sowohl die Anzahl der Publikationen eines Forschers als auch deren Zitierhäufigkeit mit ein. Einen hohen h-Index kann man als Maß des wissenschaftlichen Einflusses des Autors ansehen. Der h-Index wird folgendermaßen ermittelt: Alle veröffentlichten Originalforschungsarbeiten eines Autors werden nach der Zahl ihrer Zitierungen absteigend aufgelistet: Der h-Index ist die Nummer in der Rangliste, an der die Zahl der Zitierungen noch mindestens dem Rang des Artikels entspricht. Ein Wissenschaftler hat zum Beispiel einen h-Index von 20, wenn 20 seiner Veröffentlichungen mindestens 20-mal zitiert wurden.

In unserer Publikationsanalyse berechnen wir den h-Index eines Teils der Originalforschungsartikel, nämlich jenen aus dem betrachteten Veröffentlichungszeitaum (2006 - 2009).

Die Zahlen für Zitierungen und Artikel lieferte die Datenbank „Web of Science“ des Thomson-Institute for Scientific Information (ISI) in Philadelphia. Stichtag war der 15.3.2012.

Wichtig: Fehler, die bereits in den Datenbanken stecken, können wir in der Regel nicht erkennen.




Die meistzitierten Artikel

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Sogin ML, ..., Herndl GJ.Microbial diversity in the deep sea and the underexplored „rare biosphere“. PNAS 2006, 103(32):12115-20655
2.Pruesse E, Quast C, Knittel K, Fuchs BM, ..., Glöckner FO.SILVA: a comprehensive online resource for quality checked and aligned ribosomal RNA sequence data compatible with ARB. Nucleic Acids Res 2007;35(21):7188-96568
3.Wuchter C, ..., Herndl GJ, ..., Sinninghe Damsté JS.Archaeal nitrification in the ocean. PNAS 2006, 103(33):12317-22302
4.Elser JJ, ..., Hillebrand H, ..., Smith JE.Global analysis of nitrogen and phosphorus limitation of primary producers in freshwater, marine and terrestrial ecosystems. Ecol Lett 2007, 10(12):1135-42275
5.Grimm V, Berger U, Bastiansen F, ..., Huth A, ..., Jepsen JU, ..., Muller B, ..., Piou C, ..., Ruger N, ..., Visser U, DeAngelis DL.A standard protocol for describing individual-based and agent-based models. Ecol Model 2006, 198(1-2):115-26245
6.Pörtner HO, Knust R.Climate change affects marine fishes through the oxygen limitation of thermal tolerance. Science 2007, 315(5808):95-7229
7.Seehausen O,..., Magalhaes IS, ..., Schneider MV, ..., Okada N.Speciation through sensory drive in cichlid fish. Nature 2008, 455(7213):620-6199
8.Bowler C, ..., Beszteri B, Gruber A, ..., Valentin K, ..., Kroth PG, LaRoche J, ..., Lommer M, ..., Medlin LK, ..., Grigoriev IV.The Phaeodactylum genome reveals the evolutionary history of diatom genomes. Nature 2008,456(7219):239-44194
9.Barluenga M, Stölting KN, Salzburger W, Muschick M, Meyer A.Sympatric speciation in Nicaraguan crater lake cichlid fish. Nature 2006, 439(7077):719-23179
10.Inagaki F, ..., Jørgensen BB.Biogeographical distribution and diversity of microbes in methane hydrate-bearing deep marine sediments, on the Pacific Ocean Margin. PNAS 2006, 103(8):2815-20156



Die meistzitierten Reviews

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Dudgeon D, ..., Gessner MO, ..., Sullivan CA.Freshwater biodiversity: importance, threats, status and conservation challenges. Biol Rev 2006, 81(2):163-82355
2.Duce RA, LaRoche J, ..., Kuypers MM, ..., Voss M, ..., Zamora L.Impacts of atmospheric anthropogenic nitrogen on the open ocean. Science 2008, 320(5878):893-7156
3.Francis CA, Beman JM, Kuypers MM.New processes and players in the nitrogen cycle: the microbial ecology of anaerobic and archaeal ammonia oxidation. ISME J 2007, 1(1):19-27153
4.Seehausen O.African cichlid fish: a model system in adaptive radiation research. Proc Biol Sci 2006, 273(1597):1987-98124





Die meistzitierten Köpfe

Rang Name Ort Zit. Art. h-Index
1.Gerhard J. HerndlMeeresbiol., Uni Wien (bis 2008 NL)15823615
2.Frank O. GlöcknerMol. Ökol., MPI Mar. Mikrobiol., Bremen14802715
3.Rudolf AmannMol. Ökol., MPI Marine Mikrobiol., Bremen 13813321
4.Axel MeyerZool. & Evol.biol., Uni Konstanz12095821
5.Werner E. G. Müller Angew. Mol.gen., Physiol. Chemie, Uni Mainz 12048321
6.Marcel M. M. Kuypers Biogeochem., MPI Marine Mikrobiol., Bremen 11292818
7.Helmut HillebrandChem. & Biol. d. Meeres (ICBM), Uni Oldenburg 10283116
8.Katrin KnittelBiogeochem., MPI Marine Mikrobiol., Bremen1011109
9.Bernhard M. Fuchs Mol. Ökol., MPI Marine Mikrobiol., Bremen 9911312
10.Antje BoetiusMPI Marine Mikrobiol., Bremen & AWI Bremerhaven9493316
11.Hans-Otto PörtnerMeereszool., AWI Bremerhaven8214515
12.Ole SeehausenFischökol. & -evol., Eawag Kastanienbaum & Uni Bern7953512
13.Bo B. JørgensenBiogeochem., MPI Marine Mikrobiol., Bremen 7723715
14.Ulf RiebesellMarine Biogeochem., GEOMAR, Kiel7343215
15.Walter SalzburgerZool., Uni Basel (bis ‘07 Lausanne, bis ‘06 Konstanz) 7242316
16.Martin PlathEvol.ökol., Uni Frankfurt (bis 2007 Potsdam) 7166315
17.Peter ProkschPharmazeut. Biol. & Biotechnol., Uni Düsseldorf7156916
18.Christian QuastMikrob. Genomik, MPI Marine Mikrobiol., Uni Bremen71455
19.Gaute LavikBiogeochemie, MPI Marine Mikrobiologie Bremen 6901712
20.Dirk de BeerBiogeochemie, MPI Marine Mikrobiologie Bremen 6904114
21.Linda K. MedlinAWI Bremerhaven (s.‘08 Plymouth, s.‘09 Banyuls) 6884014
22.Heinz-C. SchröderAngew. Mol.biol., Physiol. Chemie, Uni Mainz 6685015
23.Thomas EgliUmweltmikrobiol., Eawag CH-Dübendorf 6342516
24.Daniel HeringAngew. Zool./Hydrobiol., Uni Duisburg-Essen5922414
25.Jens KrauseLeibniz-Inst. f. Gew.ökol. & B.fisch. (IGB) Berlin5463312
26.Ulf DieckmannEvol.ökol., Angew. Syst.anal. (IIASA), Laxenburg5423215
27.Julie LaRocheMarine Biogeochem., GEOMAR Kiel5261411
28.Phyllis LamBiogeochemie, MPI Marine Mikrobiologie Bremen52298
29.Helge NiemannMPI Marine Mikrobiol., Bremen & AWI Bremerhaven 5221312
30.Johannes F. ImhoffWirkstoff-Zentrum (KiWiZ), GEOMAR Kiel 5185313
31.Peter G. KrothBiologie, Uni Konstanz 484189
32.Dagmar WöbkenMikrob. Ökol., Uni Wien (b.‘11 USA, b.‘09 Bremen)4771211
Manfred MilinskiEvol.ökol., MPI Evolutionsbiologie Plön4771913
34.Michael RichterMikrob. Genomik, MPI Marine Mikrobiol., Bremen45788
35.Christian WilhelmPflanzenphysiologie, Uni Leipzig4562713
36.Klaus-U. ValentinPolarbiol. Ozeanogr., AWI Bremerhaven45297
37.Henner HollertUmweltforsch. RWTH Aachen (bis 2007 Heidelberg)4472513
38.Tina LösekannGeomikrobiol., Uni Tübingen (b.‘08 USA, b.‘06 Bremen)43655
39.Nicole DubilierMol. Ökol., MPI Marine Mikrobiol., Bremen434159
40.Hans-Peter GrossartLimnol., IGB Berlin-Stechlin4343313
41.Christian SturmbauerZool., Uni Graz4152814
42.Ansgar GruberBiol., Uni Konstanz 40587
43.Ruben SommarugaAquat. Photobiol. & Planktonökol., Uni Innsbruck 4002712
44.Werner KloasÖkophysiol. & Aquakultur, IGB Berlin4003112
45.Richard SeifertBiogeochemie & Meereschemie, Uni Hamburg 3862012
46.Christian WienckeMeeresbot., AWI Bremerhaven 3813013
47.Matthias LiessAquat. Ökotoxikol., UFZ Leipzig-Halle 3782414
48.Hanno TeelingMol. Ökol., MPI Marine Mikrobiol., Bremen36877
49.Jakob PernthalerLimnol., Pflanzenbiol., Uni Zürich, Kilchberg3681813
50.Allan D. CembellaÖkol. Chemie, AWI Bremerhaven3682214
51.Ulf KarstenAngew. Ökol., Uni Rostock 3633412
52.Marc MußmannMol. Ökol., MPI Marine Mikrobiol., Bremen 360109
53.Dirk SteinkeZool. & Evol.biol., Uni Konstanz (seit 2009 Kanada)3561211






Letzte Änderungen: 29.10.2012


Impressum | Datenschutz | Haftungsausschluß

© 1996-2016 LJ-Verlag GmbH & Co. KG, Freiburg, f+r internet agentur, Freiburg,
sowie - wenn nicht anders gekennzeichnet - bei den jeweiligen Autoren und Fotografen.