Hunger und Stress

Zitationsvergleich 2000 bis 2003: Hormon- & Stoffwechselforschung
von Lara Winckler, Laborjournal 10/2006

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Insulin und Diabetes stehen weiterhin bei vielen Hormon- und Stoffwechselforschern im Mittelpunkt. Meistzitiert jedoch ist ein Stresshormonforscher, Fettgewebshormone wie Leptin und Adiponektin rücken nach, ebenso nach wie Wachstums- und Steroidhormone samt ihrer Wirkung auf das Immunsystem.

Die Hormon- und Stoffwechselforschung wird schon seit Jahren von dem Hormon Insulin und der Erforschung des Diabetes mellitus beherrscht. So auch in den Jahren 2000 bis 2003. Vierzehn der Top 50 der Hormon- und Stoffwechselforschung aus dem deutschsprachigen Raum untersuchen Insulin - Synthese, Freisetzung und Wirkung ebenso wie die Möglichkeiten der Insulintherapie bei Diabetes und Komplikationen wie die Insulinresistenz, Hauptursache des Typ 2 Diabetes.


Fettgewebshormone

Die Insulin- und Diabetesforscher stehen jedoch nicht ganz oben auf dem Treppchen, obschon sie vordere Plätze belegen: Vier finden sich unter den Top 10 wieder, darunter auf Platz drei Hans-Ulrich Häring, Direktor der Abteilung für Endokrinologie an der Uniklinik Tübingen, und sein Kollege Michael Sturmvoll (6.). Zusammen mit Andreas Fritsche (20.) erforschen Häring und Sturmvoll zudem das kürzlich entdeckte Fettgewebshormon Adiponektin, das vom Fettgewebe insulinresistenter Menschen vermindert produziert wird.

Tatsächlich sind hohe Plasma-Adiponektinspiegel direkt mit einem niedrigen Typ 2 Diabetes-Risiko verbunden, wie Andreas F. H. Pfeiffer (27.), Direktor der Endokrinologie am Uniklinikum Benjamin Franklin in Berlin und Abteilungsleiter im Potsdamer Institut für Ernährungsforschung, 2002 gemeinsam mit Joachim Spranger (46.) herausfand.


Hunger und Appetitzügler

Auch Matthias Tschöp (2.) beschäftigt sich mit der Regulation der Nahrungsaufnahme. In seinem Forschungsfokus steht das Magenhormon Ghrelin, das den Hunger reguliert, indem es dem Gehirn den aktuellen Status der Energieaufnahme signalisiert. Chronische Ghrelin-Überproduktion führt zu einer erhöhten Nahrungsaufnahme und schließlich zur Fettleibigkeit.

Tschöp nimmt in diesem Ranking allerdings eine Sonderstellung ein, da er nur wenige Monate am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam weilte. Nach Streichung sämtlicher Forschungsförderungen im Land Brandenburg kehrte er in die USA zurück und forscht nun in Cincinnati. In diesem Kontext ist auch der meistzitierte Artikel zu betrachten, den Tschöp 2000 zusammen mit seinen Kollegen an den Lilly Research Laboratories in Indianapolis veröffentlichte. Vor zehn Jahren erhielt Insulin Konkurrenz: 1995 beschrieb der Molekularbiologe Jeffrey Friedman ein von den Fettzellen (Adipozyten) sezerniertes Proteohormon mit Appetit-hemmender Wirkung: das Leptin.

Nun ist Leptin nicht der wirkungsvolle Appetitzügler, den sich die Wissenschaftler erhofft hatten. Wie sich bald herausstellen sollte, weisen die meisten fettleibigen Menschen einen hohen Leptin-Spiegel auf. Durch Leptinresistenz der Zielneurone haben sie ständig Appetit.

Sechs der Top 50-Wissenschaftler erforschen Leptin, darunter auch der "Schlaf-Forscher" Jan Born (22.) von der Klinischen Neuroendokrinologie der Uni Lübeck - wir berichteten in LJ 1-2/2006 über seine Arbeit. Ihn interessieren in erster Linie Mechanismen der Gedächtnisbildung während des Schlafes und deren hormonelle Regulation.

Stress und Angst Mit einem völlig anderen Thema befassen sich der meistzitierte Forscher, Florian Holsboer (1.), und seine Mitarbeiter Rainer Landgraf (13.), Martin Keck (37.) und Günter Stalla (47.) an der Neuroendokrinologie des MPIs für Psychiatrie in München, sowie die einzige im Ranking vertretene Wissenschaftlerin - Inga Neumann (49.), die 2002 die AG Holsboer verließ und an die Zoologie der Uni Regensburg wechselte: Sie erforschen die physiologischen und genetischen Ursachen gestörter Stresshormonregulation, die Rolle der Neuropeptide Vasopressin und Oxytozin bei der Regulation neuroendokriner und emotionaler Stressreaktionen, sowie in diesem Zusammenhang die Entstehung komplexer Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie Schlafstörungen, Depression und Angst.

Immer wieder aktuell und jeden Sommer neu in den Nachrichten sind die Wachstumshormone. Christian Strasburger (8.) von der Neuroendokrinologie am Klinikum Innenstadt der LMU München untersucht die Einsatzmöglichkeiten zur Wachstumsförderung bei kleinwüchsigen Kindern und Erwachsenen mit geschädigter Hypophysen-Hypothalamus-Region. Gemeinsam mit Martin Bidlingmaier (14.) hat Strasburger Mitte der 90er-Jahre ein Nachweisverfahren für Doping mit künstlichem Wachstumshormon entwickelt - und wurde von den zuständigen Organisationen ignoriert.




Wie die Tabellen entstanden

Berücksichtigt wurden Papers mit Erscheinungsjahr zwischen 2000 und 2003 sowie mindestens einem Autor mit Adresse im deutschen Sprachraum. Die Zahlen für Zitate und Artikel lieferte die Datenbank "Web of Science" des Thomson-Institute for Scientific Information (ISI) in Philadelphia. Stichtag war der 28. Sept. 2006.

Die "Köpfe" arbeiteten während des Bewertungszeitraums an einem physiologischen Institut, publizierten überwiegend in physiologischen Journals oder arbeiteten vorrangig an physiologisch relevanten Projekten. Reviews zählten für die "Köpfe"-Wertung nicht.

Wichtig: Fehler, die bereits in den Datenbanken stecken, können wir nur selten erkennen.




Die meistzitierten Artikel

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Tschöp M, Smiley DL, Heiman MLGhrelin induces adiposity in rodents NATURE 407 (6806): 908-913 OCT 19 2000895
2.Parving HH, Lehnert H, ..., Arner PThe effect of irbesartan on the development of diabetic nephropathy in patients with type 2 diabetes NEW ENGLAND JOURNAL OF MEDICINE 345 (12): 870-878 SEP 20 2001814
3.Tschöp M, ..., Heiman MLCirculating Ghrelin levels are decreased in human obesity DIABETES 50 (4): 707-709 APR 2001470
4.Brüning JC, Gautam D, ..., Krone W, Müller-Wieland D, Kahn CRRole of brain insulin receptor in control of body weight and reproduction SCIENCE 289 (5487): 2122-2125 SEP 22 2000379
5.Zulewski H, ..., Müller B, .., Habener JFMultipotential nestin-positive stem cells isolated from adult pancreatic islets differentiate ex vivo into pancreatic endocrine, exocrine, and hepatic phenotypes DIABETES 50 (3): 521-533 MAR 2001252
6.Shackleton S, ..., Schmidt H, Brabant G, ..., Trembath RCLMNA, encoding lamin A/C, is mutated in partial lipodystrophy NATURE GENETICS 24 (2): 153-156 FEB 2000249
7.Balsalobre A, ..., Tronche F, ..., Reichardt HM, Schütz G, Schibler UResetting of circadian time peripheral tissues by glucocorticoid signaling SCIENCE 289 (5488): 2344-2347 SEP 29 2000223
8.Cowley M, ..., Tschöp M, ..., Strasburger C, Bidlingmaier M, ..., Horvath TThe distribution and mechanism of action of ghrelin in the CNS demonstrates a novel hypothalamic circuit regulating energy homeostasis NEURON 37 (4): 649-661 FEB 20 2003219
9.Kishimoto T, Radulovic J, Radulovic M, ..., Schrick C, ..., Spiess JDeletion of Crhr2 reveals an anxiolytic role for corticotropin-releasing hormone receptor-2 NATURE GENETICS 24 (4): 415-419 APR 2000199
10.Herzig S, ..., Quinn R, ..., Schutz G, ..., Montminy MCREB regulates hepatic gluconeogenesis through the coactivator PGC-1 NATURE 413 (6852): 179-183 SEP 13 2001180





Die meistzitierten Reviews

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Hofbauer LC, Khosla S, Dunstan CR, Lacey DL, Boyle WJ, Riggs BLThe roles of osteoprotegerin and osteoprotegerin ligand in the paracrine regulation of bone resorption JOURNAL OF BONE AND MINERAL RESEARCH 15 (1): 2-12 JAN 2000357
2.Holsboer FThe corticosteroid receptor hypothesis of depression NEUROPSYCHOPHARMACOLOGY 23 (5): 477-501 NOV 2000315
3.Falkenstein E, Tillmann HC, Christ M, Feuring M, Wehling MMultiple actions of steroid hormones - A focus on rapid, nongenomic effects PHARMACOLOGICAL REVIEWS 52 (4): 513-555 DEC 2000313
4.Giustina A, ..., Von Werder K, Melmed SCriteria for cure of acromegaly: A consensus statement J CLIN END MET 85 (2): 526-529 FEB 2000251





Die meistzitierten Köpfe

Rang Name Ort Zitierungen Artikel
1Florian HolsboerNeuroendokr, MPI Psychiatrie München, 2742105
2Matthias Tschöp(seit 2003 USA) D Inst Ernähr, Potsdam , 241125
3Hans-Ulrich HäringEndokr & Metab, Uni Tübingen, 1919110
4Günther SchützMol Biol Cell, DKFZ Heidelberg, 159742
5Hans-Peter Hammes Endokr, Klinik Mannheim (bis 2000 Gießen) , 134016
6Michael StumvollEndokr & Metab, Uniklinik Tübingen, 130262
7Eberhard NieschlagInst Reprodmed, Uniklinik Münster, 114774
8Christian J. StrasburgerNeuroendokr, Klinik Innenst LMU München, 106347
9Georg BrabantKlin. Endokr, MH Hannover, 104957
10Hubert KolbD Diabetesforsch.inst Düsseldorf, , 99832
11Hendrik LehnertKlinik Endokr & Stoffwechselkr, Uni Magdeburg, 97731
12Bernhard O. BöhmEndokr, Diab & Stoffw, Uniklinik Ulm97050
13Rainer LandgrafNeuroendokr, MPI Psychiatrie München, 94939
14Martin BidlingmaierNeuroendokr, Klinik Innenst LMU München, 93528
15Werner F. BlumEli Lilly D, Bad Homburg (bis 2000 Gießen), 92261
16Clemens KirschbaumExp Psychol, Uni Düsseldorf (bis 2000 Trier), 92127
17Ralf PaschkeMed Klinik III, Uniklinik Leipzig, 88051
18Werner K. Waldhäuslbis 2005 Endokr & Stoffw, Inn Med III, Uni Wien78663
19Michael RodenEndokr & Metab, Int Med III, Uni Wien77952
20Andreas FritscheEndokr & Metab, Uniklinik Tübingen, 77640
21Stefan R. BornsteinEndokr, TU Dresden (bis 2004 D-dorf, 2001 USA)76645
22Jan BornKlin Neuroendokr, Uni Lübeck, 76261
23Werner A. ScherbaumEndokr, Diab & Stoffw, Uniklinik Düsseldorf74554
Arya M. SharmaEnd & Neph, HU Berlin & MDC Berlin, 74557
25Michael B. RankePäd Endokr, Uniklinik Tübingen, 74370
26Michael RistowHumanernährung, Uni Jena (bis 2004 Potsdam)73815
27Klaus H. DiedrichGeburtshilfe & Gynekol, Uni Lübeck, 724114
28Andreas F. H. PfeifferEndokr, CBF Berlin & D Inst Ernähr, Potsdam71634
29Peter Paul NawrothEndokr & Stoffw, Uni Heidelberg (bis 2001 Tüb.), 71333
30Rainer RupprechtNeuropham & Endokr, Klinik Innenst LMU München, 71251
31Wilhelm KroneKlinik Inn Med, Zentr Mol Med, Uni Köln69021
32Mathias FasshauerInt Med III, Uni Leipzig (2000 Boston USA), 68518
33Jürgen KratzschKinderklinik, Uni Leipzig , 68339
34Rainer H. StraubNeuroendokr.immunol, Uni Regensburg, 67250
35Günter EmonsGynekol & Geburtshilfe, Uni Göttingen, 67145
36Beat MüllerEndokr, Diab & Klin Ernähr, Unispital Basel67028
37Thomas GudermannPharm & Tox, Uni Marburg (bis 2000 Berlin), 65920
38Martin E. KeckNeuroendokr, MPI Psychiatrie München, 65424
39Joachim SpiessMol Neuroendokr, MPI Exp Med Göttingen, 64430
40Michael A. NauckDiab.zentr Bad Lauterberg (bis 2000 Bochum), , 64148
41Dirk Müller-WielandBiochem, Diab.zentr Düsseldorf (bis 2001 Köln), 63715
42Volker BurkartDiab.zentr Düsseldorf, , 6327
43Lorenz C. HofbauerEndokr & Diab, Zentr Inn Med, Uni Marburg62126
44Wieland KiessEndokr, Kinderklinik Leipzig, 61269
45Stephan JacobA.-Schweitzer-Klinik, Königsfeld (bis 2001 Tübingen), 60919
46Johannes KleinInt Med I, Uni Lübeck, 60619
47Joachim SprangerEndokr, CBF Berlin & D Inst Ernähr, Potsdam60523
48Günter K. StallaKlin Neuroendokr, MPI Psychiatrie München, 54232
49Holger M. ReichardtMol Biol Cell, DKFZ Heidelberg (2001 Würzburg), 5338
50Inga D. NeumannZool, Uni Regensburg (bis 2002 München), 51720
51Jens C. BrüningKlinik Inn Med, Zentr Mol Med, Uni Köln50010






Letzte Änderungen: 09.11.2006





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