Auf den Nerv gefühlt

Zitationsvergleich 2000 bis 2002: Neurowissenschaften, nicht-klinischer Teil
von Lara Winckler, Laborjournal 01/2006

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Bild der meistzitierten Köpfe (ca. 100 kb)


Die Neurowissenschaften - zumindest die nicht-klinischen Disziplinen - scheinen sich von der reinen Krankheitsforschung ab- und den physiologischen Grundlagen zuzuwenden. Doch unter den Top 10 dominiert auch 2000 bis 2002 wieder die Erforschung der Nerven- und speziell der Gehirnerkrankungen.

Die historisch belegte Erforschung des Gehirns währte schon annähernd 7000 Jahre, als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Wissenschaftler in Gehirn und Rückenmark Nervenzellen und Nervenfasern entdecken. Der deutsche Anatom Wilhelm von Waldeyer stellt 1891 in seiner Neuronentheorie die Behauptung auf, Fasern und Nervenzellen würden ein Einheit bilden: die Neuronen, aus denen das ganze Nervensystem bestehe. Santiago Ramón y Cajal, ein spanischer Mediziner, verlieh der Neuronentheorie in seinen Arbeiten über die Struktur des Nervensystems zusätzliches Gewicht - und erhielt dafür 1906 zusammen mit seinem Neuronen-färbenden italienischen Kollegen Camillo Golgi den Nobelpreis für Medizin.


Wo Neuro draufsteht, ...

Seit diesen ersten Gehversuchen hat sich viel getan in der Neuroforschung. Inzwischen ist auch klar, dass das Nervensystem nicht isoliert betrachtet werden kann. Und so wurden durch den Zusatz "Neuro-" allerlei neue Forschungsdisziplinen geschaffen: Neuroimmunologen wie Hartmut Wekerle (30.) vom MPI für Neurobiologie in Martinsried befassen sich mit entzündlichen Erkrankungen des Gehirns, etwa der Multiplen Sklerose; Chloridkanalforscher wie Thomas J. Jentsch (8.) und Michael R. Bösl (42.) vom Zentrum für Molekulare Neurobiologie Hamburg (ZMNH) finden diese auch in Synapsen. Und auch Pharmakologen werden in die Reihen der Neurowissenschaften aufgenommen, wenn sie wie Josef Krieglstein (38.) von der Uni Marburg Neuroprotektion erforschen, oder GABA(A)-Rezeptoren in Hippocampus und Temporallappen wie Jean-Marc Fritschy (18.) von der Pharmakologie der Uni Zürich.


...ist auch Neuro drin

Dabei neurowissenschaftliche Grundlagenforscher nicht mit Zellphysiologen, Molekularbiologen und all den anderen über einen Kamm zu scheren, ist nicht immer trivial. Nerven findet man schließlich in fast jedem Lebewesen, manche Lebewesen sogar im Nervensystem. Und da auch die Pflanzenneurobiologie in den einschlägigen Kreisen neuerdings wieder im Gespräch ist (siehe Laborjournal 10/2005), ziehen wir - wie gehabt - wenigstens zu den klinischen Neurowissenschaften eine klare Grenze: Alle, die in klassischen klinischen Disziplinen wie der Neurologie tätig sind, werden im Ranking "Klinische Neurowissenschaften" in der nächsten Ausgabe des Laborjournals verglichen. In diesem Zitationsvergleich werden diejenigen berücksichtigt, die nicht-klinische Hirn- und Nerven-Forschung betreiben, sowie die vorklinischen Neurowissenschaftler und die klinisch-theoretischen Mediziner.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Hans Lassmann (3.) wechselte 1999 von der Wiener Neurologie an das Wiener Institut für Hirnforschung und tauschte damit die klinische gegen die Grundlagenforschung. Auch gibt es Grundlagenforscher, die mit den Klinischen zusammenarbeiten, wie Wolf Dieter Heiss (39.) vom Kölner MPI für Neurologische Forschung mit der Neurologischen Universitätsklinik in Köln. An einigen Instituten sind die Grenzen hausintern verwaschen: Am C&O Vogt Institute for Brain Research an der Heinrich-Heine-Uni Düsseldorf betreibt Thorsten Schormann (48.) neuroanatomische Grundlagenforschung, während eine Tür weiter, in der Abteilung "Neurodegeneration", bereits die klinischen Fälle auf den Tisch kommen.

Diejenigen, die an Krankheiten des Nervensystems forschen, sind mit 20 Vertretern unter den Top 50 in der Minderheit, doch unter den Top 10 sind sie die stärkere Fraktion: Es steht sechs zu vier für Alzheimer, Parkinson & Co. Der erste Platz ist mit Karl Zilles (1.) noch der Entstehung von Gedächtnis und der Generierung von Bewegung gewidmet. Die Plätze zwei bis sechs werden von Florian Holsboer (2.) mit Depressionen belegt, von Hans Lassmann (3.) mit Multipler Sklerose, sowie von Christian Haass (4.) und Konrad Beyreuther (5.) mit der Alzheimerschen Erkrankung. Adriano Aguzzi (6.) vertritt die Prionenforscher. Der klare Gewinner ist Morbus Alzheimer (MA): Sieben der Top 50 Neurowissenschaftler befassen sich mit MA.

Dreißig der Top 50 interessieren sich mehr für synaptische Übertragung und Plastizität wie Melitta Schachner Camartin (7.)aus Hamburg, neuronale Gap Junctions wie Klaus Willecke (10.), Bonn, oder Glutamatrezeptoren und ihre Rolle bei Angst, Schmerz und Neuroprotektion wie der Basler Fabrizio Gasparini (31.).

Das weitaus meistzitierte Paper dieses Rankings stammt von der Arbeitsgruppe um Nikos K. Logothetis (16.) vom MPI für Biologische Kybernetik in Tübingen. Sie studierten darin die funktionelle Organisation des Gehirns über die Messung neuronaler Aktivität.




Wie die Tabellen entstanden

Berücksichtigt wurden Papers mit Erscheinungsjahr zwischen 2000 und 2002 sowie min-des-tens einem Autor mit Adresse im deutschen Sprachraum. Die Zahlen für Zitate und Artikel lieferte die Datenbank "Web of Science" des Thomson-Institute for Scientific Information (ISI) in Philadelphia. Stichtag war der 30. Jan. 2006.

Die "Köpfe" arbeiteten wäh-rend des Be-wertungszeitraums an einem physiologischen Institut, publizierten überwiegend in physiologischen Jour-nals oder arbeiteten vor-rangig an physiologisch relevanten Projekten. Reviews zählten für die "Köpfe"-Wertung nicht.

Wichtig: Fehler, die bereits in den Datenbanken stecken, können wir nur selten erkennen.




Die meistzitierten Artikel

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Logothetis NK, Pauls J, ..., Oeltermann ANeurophysiological investigation of the basis of the fMRI signal NATURE 412 (6843): 150-157 JUL 12 2001676
2.Lucchinetti C, Brück W, Parisi J, Scheithauer B, Rodriguez M, Lassmann HHeterogeneity of multiple sclerosis lesions: Implications for the pathogenesis of demyelination. ANNALS OF NEUROLOGY 47 (6): 707-717 JUN 2000451
3.Chen MS, Huber AB, van der Haar ME, Frank M, Schnell L, AA, Christ F, Schwab MENogo-A is a myelin-associated neurite outgrowth inhibitor and an antigen for monoclonal antibody IN-1 NATURE 403 (6768): 434-439 JAN 27 2000382
4.Brüning JC, ..., Schubert M, ..., Klein R, ..., Kahn CRRole of brain insulin receptor in control of body weight and reproduction SCIENCE 289 (5487): 2122-2125 SEP 22 2000335
5.Fassbender K, ..., Runz H, Kuhl S, ..., Beyreuther K, Hartmann TSimvastatin strongly reduces levels of Alzheimer‘s disease beta-amyloid peptides A beta 42 and A beta 40 in vitro and in vivo PNAS 98 (10): 5856-5861 MAY 8 2001305
6. SC, Wernig M, Duncan ID, Brüstle O, Thomson JAIn vitro differentiation of transplantable neural precursors from human embryonic stem cells NATURE BIOTECHNOLOGY 19 (12): 1129-1133 DEC 2001269
7.Steffan JS, ..., Wanker EE, ..., Thompson LMThe Huntington‘s disease protein interacts with p53 and CREB-binding protein and represses transcription PNAS 97 (12): 6763-6768 JUN 6 2000268
8.Takamori S, Rhee JS, Rosenmund C, Jahn RIdentification of a vesicular glutamate transporter that defines a glutamatergic phenotype in neurons NATURE 407 (6801): 189-194 SEP 14 2000240
9.Cherny RA, ..., Beyreuther K, ..., Bush AITreatment with a copper-zinc chelator markedly and rapidly inhibits beta-amyloid accumulation in Alzheimer‘s disease transgenic mice NEURON 30 (3): 665-676 JUN 2001234
10.Löw K, ..., Brünig I, .., Fritschy JM, ..., Blüthmann H, ..., Rudolph UMolecular and neuronal substrate for the selective attenuation of anxiety SCIENCE 290 (5489): 131-134 OCT 6 2000 226





Die meistzitierten Reviews

Rang Autoren Paper Zitierungen
1.Jentsch TJ, Stein V, Weinreich F, Zdebik AAMolecular structure and physiological function of chloride channels PHYSIOLOGICAL REVIEWS 82 (2): 503-568 APR 2002288
2.Willecke K, Eiberger J, Degen J, Eckardt D, Romualdi A, Güldenagel M, Deutsch U, Sohl GStructural and functional diversity of connexin genes in the mouse and human genome BIOLOGICAL CHEMISTRY 383 (5): 725-737 MAY 2002276
3.Holsboer FThe corticosteroid receptor hypothesis of depression 23 (5): 477-501 NOV 2000268





Die meistzitierten Köpfe

Rang Name Ort Zitierungen Artikel h-Wert
1Karl ZillesC.& O. Vogt-Inst Düsseldorf & Res Cent Jülich22428527
2Florian HolsboerMPI für Psychiatrie München18607924
3Hans LassmannHirnf Wien & MPI Neurob Martinsried17743822
4Christian HaassAlzheimer Lab, Biochemie LMU München17683923
5Konrad BeyreutherZentr Mol Biol, Uni Heidelberg16855021
6Adriano AguzziNeuropathologie Unispital Zürich15605023
7Melitta Schachner CamartinZentr Mol Neurobiol Hamburg15546725
8Thomas J. JentschZentr Mol Neurobiol Hamburg (ZMNH)15442219
9Wolfgang BrückNeuropathol Göttingen & Charité Berlin15295118
10Klaus WilleckeMolekulargenetik Uni Bonn14474322
11Reinhard JahnNeurobio, MPI Biophysikal Chemie Göttingen13693021
12Hans A. KretzschmarNeuropathologie LMU München13364722
13Martin E. SchwabInst Hirnforschung Uni Zürich 12953318
14Rüdiger KleinMPI Neurobiol Martinsried (bis 2001 EMBL HD)11712316
15Harald SteinerAlzheimer Lab, Biochemie LMU München11051916
16Nikos K. LogothetisMPI Biol Kybernetik Tübingen10871913
17Erwin NeherMembrbiophys, MPI Biophysikal Chemie Göttingen10722519
18Jean-Marc FritschyPharmakol & Toxikol, Uni & ETH Zürich10673217
19Christian RosenmundNeurogen, MPI Exp Med Göttingen10431413
20Bert SakmannZellphysiol MPI Med Forschung Heidelberg10212221
21Barry J. DicksonInst Mol Pathol (IMP) Wien10161611
22Angela D. FriedericiNeuropsych, MPI Kogn & Neurow Leipzig9804018
23Joram FeldonVerhaltensbiol Uni & ETH Zürich9355718
24Rainer KuhnTA Nervous System, Novartis Basel9272817
25Rainer LandgrafNeuroendokrinol, MPI Psychiatrie München9004018
26Erich E. WankerMDC Berlin / bis 2001 MPI Mol Gen Berlin8881411
27Rudi LurzMPI Mol Gen Berlin8792818
28Otmar D. WiestlerNeuropathol Uni Bonn8774517
29Werner SieghartMol Neurobiol & Psychiatrie Uni Wien8623817
30Hartmut WekerleNeuroimmunol, MPI Neurobiol Martinsried7921913
31Fabrizio GaspariniTA Nervous System, Novartis Basel7912315
32Anja CapellAlzheimer Lab, Biochemie LMU München7871212
33Paul SaftigBiochemie Uni Göttingen7821816
34Pico CaroniFriedrich Miescher Inst (FMI) Basel7751311
35Nadim J. ShahMedizin, Forschungszentrum Jülich7683016
36Peter ProppingHumangenetik Uni Bonn7625715
37Wolf Dieter HeissHumangenetik Uni Bonn7555216
38Josef KrieglsteinPharmakol & Toxikol Uni Marburg7513917
39Wieland B. HuttnerNeurobiol Heidelberg & MPI MCB Dresden7432212
40Nils BroseMol Neurobiol, MPI Exp Med Göttingen7361210
41Heinrich BetzNeurochemie, MPI Hirnforschung Frankfurt7323616
42Michael R. BöslMPI Neurobiol Martinsried72899
Georg W. KreutzbergNeuromorphol, MPI Neurobiol Martinsried7281814
44Gerd MulthaupBiochemie FU Berlin (bis 2002 ZMB Heidelberg)7271816
45Jon PaulsMPI Biol Kybernetik Tübingen71322
46Horst BlüthmannPharma Res Gene Technol, Roche Basel7072014
47Michael FrotscherNeuroanat, Zentr Neurowiss Uni Freiburg7033216
48Thorsten SchormannNeuroanat, C & O Inst Hirnf Düsseldorf7021812
49Volker HölltPharmakologie Uni Marburg6923116
50Uwe HeinemannNeurophysiol Charité & FU Berlin6755815






Letzte Änderungen: 24.04.2006





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