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Überdenken

Das Beziehungsgeheimnis:
Warum Netzwerke Leben und Karriere vereinfachen

Von Ulrike Kaltenhauser, Martinsried


„Beziehungen zu haben“ haftet ein schlechter Ruf an. Doch wieso eigentlich? Beziehungen sind etwas zutiefst Menschliches und zudem keine Einbahnstraße: In Netzwerken profitieren alle Akteure. Auch Sie.

Es ist das Ziel eines jeden Wissenschaftlers, erfolgreich zu sein. Doch stellt man sich die Frage was den Erfolg eines Menschen ausmacht, so ist das gar nicht so leicht zu beantworten. Einer Studie des Marktforschungs­instituts Resultate (Frankfurt) zufolge basiert beruflicher Erfolg zu 60 Prozent auf Beziehungen, zu 30 Prozent auf Selbstdarstellung und nur zu 10 Prozent auf Wissen. Das heißt, wer erfolgreich sein möchte, sollte großen Wert darauf legen, möglichst viele qualitativ hochwertige Kontakte zu knüpfen.

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Illustr.: iStock / Akindo

Obwohl Netzwerke am Anfang mehr Energie- und Zeiteinsatz fordern, liegen die Vorteile von Netzwerken auf der Hand. Trotz des anfänglichen Mehraufwands, der für die Arbeit in Netzwerken erforderlich ist, überwiegen die Vorteile, die sich aus der Zusammenarbeit für die einzelnen Netzwerkpartner ergeben.

Netzwerke ermöglichen es den darin wirkenden Akteuren, sich auf formellem oder informellem Weg Zugang zu den wichtigsten Faktoren des Erfolgs zu verschaffen. Sie gelangen über ihre Netzwerke an wertvolles Wissen, Informationen und einflussreiche Kontakte, denn in der Arbeitswelt geht es um Entscheidungen, die maßgeblich auf der Basis von Informationen getroffen werden. Netzwerke bilden damit die Grundlage für Innovation und Wertschöpfung. Diese beiden Faktoren hängen sehr von der Anzahl und Qualität der Interaktionen der einzelnen Netzwerkpartner ab. Sind die Partner gut vernetzt, so kommen sie schneller an wichtige Informationen, die ihnen dann einen Vorteil verschaffen können. So könnte man Netzwerke mit einem System von Transportwegen vergleichen, über die im Rahmen von gegenseitigen Austausch- und Wertschöpfungsprozessen wichtige Ressourcen transportiert werden.

Im Freistaat Bayern setzt man schon seit vielen Jahren gezielt auf die Erfahrung, dass sich das Bündeln der wissenschaftlichen Kapazitäten in Form von Netzwerken in jedem Fall auszahlt. Bereits in den frühen Neunziger Jahren wurde in Bayern durch die Bayerische Forschungsstiftung die Voraussetzung für die Förderung anwendungsorientierter Verbundprojekte geschaffen. Schnell stellte sich heraus, dass solche Netzwerkprojekte effizienter und mit einer deutlich höheren Ausbeute die angestrebten Ziele erreichen und sogar darüber hinaus Mehrwert erzeugen.

Inzwischen sind die Forschungsverbünde aus der bayerischen Forschungslandschaft nicht mehr wegzudenken. Neben der Bayerischen Forschungsstiftung fördern auch die verschiedenen Ministerien, wie zum Beispiel das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, gezielt wichtige, ausgewählte Themenbereiche und Technologien über Verbundprogramme.

So wurde nach der erfolgreichen Beendigung des Human Genome Projects im Jahre 2003, in dem erstmalig ein menschliches Genom strukturell aufgeklärt wurde – übrigens auch ein sehr gelungenes Netzwerkprojekt – mit dem Bayerischen Genomforschungsnetzwerk ein Verbundprojekt aus der Taufe gehoben, das die Aufklärung der Funktionen der Gene zum Inhalt hatte. Das für sieben Jahre konzipierte Programm hat inzwischen neben zahlreichen Patenten über 400 Veröffentlichungen hervorgebracht. Die zwölf Projektleiter haben 117 junge Wissenschaftler promoviert, und es konnten drei Unternehmen ausgegründet werden. Die durch das Programm geförderten Forschungsprojekte finden internationale Anerkennung, die sich durch eine Reihe von hochkarätigen Auszeichnungen wie den Dr. Josef Steiner Krebsforschungspreis oder den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis, und der Menge an zusätzlich eingeworbenen Fördermitteln nicht nur bei DFG, BMBF und EU, sondern auch bei der Bill & Melinda-Gates-Stiftung und anderen Stiftungen, geäußert hat.

Weitere Programme folgten, wie zum Beispiel das Bayerische Immunforschungsnetzwerk und das Bayerische Forschungsnetzwerk für Molekulare Biosysteme (BioSysNet). Auch bei BioSysNet zeigt sich durch zahlreiche Patentanmeldungen, zwei Leibniz-Preise und einer großen Anzahl hochkarätiger Veröffentlichungen, wie gut sich Netzwerken auf den Erfolg auswirkt.

Verbundforschung bildet eine der besten Grundlagen für Innovationen und Wertschöpfung und damit auch für wissenschaftlichen Erfolg. Worin liegt das Geheimnis des Erfolgs? Es ist keine neue Weisheit, dass eine Idee noch so gut sein kann – wenn niemand von ihr erfährt, ist sie zum Scheitern verurteilt. Aber das alleine kann den Erfolg von Netzwerken noch nicht erklären. Verbindungen, Gespräche und Kontakte zu Menschen, deren Wissen und Informationen über die eigene Kompetenz hinausführen, tragen einen erheblichen Anteil zum Erfolg der kooperierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei. So ist es also auch wichtig, dass ein Netzwerk eine fächerübergreifende Expertise repräsentiert. Interdisziplinäres Arbeiten ist bei komplexen Fragestellungen unumgänglich. Die Zusammenarbeit über die einzelnen Arbeitsgebiete hinaus ermöglicht es, Ergebnisse aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, zu interpretieren und neue Aspekte bei der Bewertung der Resultate mit einfließen zu lassen. Kooperationen mit den Netzwerkpartnern bereichern die Arbeit nicht zuletzt schon durch die Notwendigkeit, die eigenen Beiträge immer wieder in Frage zu stellen und in einem lebendigen Dialog dialektisch zu bewerten. Die Netzwerkpartner sollten die Bereitschaft haben, sich mit den Problemen der anderen auseinander zu setzen, einander ehrliches Feedback zu geben und konstruktive Kritik zu üben, aber auch anzunehmen. Dabei spielt das gegenseitige Vertrauen eine essentielle Rolle.

Über 15 Jahre betreue ich nun schon als Geschäftsführerin solche Netzwerkprojekte und bin immer wieder fasziniert, wie natürlich Wissenschaftler in einem solchen Programm Vertrauen zueinander fassen und wie schnell sich dann die Erfolge praktisch wie von selbst einstellen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass man versucht, nicht nur Fach- und Arbeitstreffen zwischen den Forscherinnen und Forschern zu organisieren, sondern den Menschen auch genügend Raum einräumt, um persönliche Bindungen aufzubauen. Ein zentraler Aspekt in Bezug auf den Kooperationserfolg eines solchen Netzwerks liegt darin, dass jeder einzelne Netzwerkpartner die Besonderheit erkennt, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Dazu gehört natürlich auch, dass sich die einzelnen Akteure an gewisse Regeln halten und zum Beispiel vertrauliche Informationen auch als solche behandeln.

Netzwerken sei „nicht Mittel zum Zweck, sondern eine Haltung im Leben“, schreibt Herbert Henzler, der ehemalige Chef der Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland, in seiner Biografie und trifft damit aus meiner Sicht einen ganz wichtigen Punkt. „Wenn jeder in einem Netzwerk nach dem Prinzip Geben und Nehmen lebt, ist jeder ein Gewinner. Du bist interessant, wenn du interessiert bist. Nimm den Menschen wichtiger als seine Funktion beziehungsweise Position. Stelle pro Woche einen Kontakt her und pflege pro Woche einen bestehenden,“ so Henzler.

Natürlich sind gerade für junge Nachwuchswissenschaftler die Kontakte zu den etablierten Wissenschaftlern im Rahmen eines Verbundforschungsprojektes von größter Bedeutung für ihren wissenschaftlichen Werdegang. Das Gute daran ist, dass sie in Verbundprojekten auch herausragenden Forschern auf Augenhöhe begegnen und damit den Kollegen gegenüber einen klaren Vorteil haben, denen solche Möglichkeiten nicht gegeben sind.

Durch die Arbeit in den zahlreichen Netzwerken, in denen ich beobachten konnte, wie unterschiedliche Menschen ihre Forschungsprojekte zum Erfolg führten, war es mir möglich, viel über die Kooperation von Menschen in Netzwerken zu lernen. Dennoch traue ich mir nicht wirklich zu, die Frage zu beantworten, ob Netzwerke tatsächlich das Leben vereinfachen, da gerade die Zusammenarbeit von ambitionierten Menschen nie einfach ist. Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass die Kooperation mit anderen Projektpartnern für alle Beteiligten einen Gewinn darstellt und sich in den meisten Fällen positiv auf die Karriere der einzelnen Akteure auswirkt. Die aktive Zusammenarbeit mit regen Geistern beflügelt den wissenschaftlichen Fortschritt. Es ist nicht immer einfach, aber in den meisten Fällen ein echter Mehrwert, Teil eines lebendigen Netzwerks zu sein.



Zum Autor

Ulrike Kaltenhauser ist promovierte Biologin und Geschäftsführerin des Forschungsnetzwerks BayGene, des Forschungsverbunds FORPLANTA, des Bayerischen Forschungsnetzwerks für Molekulare Biosysteme BioSysNet, sowie des Bayerischen Klimaforschungsnetzwerks.


Letzte Änderungen: 12.07.2017

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