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Überdenken

Open Access – Die Transformation gestalten!

Von Heinz Pampel, Potsdam


Der EU-Ministerrat will Open Access bis zum Jahr 2020 zum Standard des wissenschaftlichen Publizierens machen. Wissenschaftliche Einrichtungen sind jetzt gefordert, die Weichen für die Open-Access-Transformation zu stellen.

Essays
Illustr.: iStock / Akindo

Mit der Veröffentlichung der Open-Access-Strategie des Bundesforschungsministeriums im September 2016 wurden in Deutschland nun auch auf Bundesebene die Weichen in Richtung der Transformation von Subskription zu Open Access gestellt (BMBF, 2016). Während sich in den letzten Jahren bereits einige Bundesländer mit Strategieschriften zu Open Access bekannt haben (zum Beispiel Baden-Württemberg, Berlin und Schleswig-Holstein), stand dieser Schritt auf Bundesebene bisher noch aus. Mit dieser nationalen Strategie erhalten die vielfältigen und häufig bottom-up entstandenen Open-Access-Aktivitäten, die Forschende, Fachgesellschaften, wissenschaftliche Einrichtungen sowie Förderorganisationen seit vielen Jahren engagiert betreiben, den nötigen politischen Rückhalt. Diese Unterstützung ist auch dringend nötig, um sich der Zielmarke des EU-Ministerrates von hundert Prozent Open Access im Jahr 2020 annähern zu können (EU, 2017).

Die Umsetzung von Open Access gelingt nur mit langem Atem. Immerhin geht es um die Transformation eines Industriezweiges, der nach eigenen Angaben pro Jahr 2,5 Millionen Artikel in 28.000 Zeitschriften verlegt und dabei einen Umsatz von etwa zehn Milliarden US-Dollar generiert (STM, 2015).

Nach einer Studie der Max-Planck-Gesellschaft wäre eine flächendeckende Umstellung von Subskription zu Open Access auf internationaler Ebene ohne Mehrkosten möglich. Die MPG-Kolleginnen und -Kollegen sehen sogar Potenzial für Einsparungen (Schimmer, et al. 2015).

Die aktuell laufenden Verhandlungen der deutschen Wissenschaftsorganisationen mit Elsevier im Rahmen des DEAL-Projektes machen jedoch deutlich, wie sehr die Verlagsindustrie an ihren tradierten Geschäftsmodellen festhält und weiterhin auf Preissteigerungen setzt (http://www.projekt-deal.de). Vor dem Hintergrund von Elseviers skandalöser Verhandlungstaktik kann die Bedeutung des DEAL-Konsortiums gar nicht genug gewürdigt werden. Es ist bemerkenswert, dass dieses Vorhaben durch das gesamte deutsche Wissenschaftssystem unterstützt wird. Offensichtlich trifft das Motto des Verbundes der forschungsstarken Universitäten LERU, „Christmas is over. Research funding should go to research, not to publishers!“, auf enormen Widerhall in der Wissenschaft.

Die Forderung der Wissenschaft nach Open Access sollte jedoch keinesfalls auf ihre finanzielle Dimension reduziert werden. Denn, wie bereits in der richtungsweisenden „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ aus dem Jahr 2003 betont, stellt die konsequente Nutzung des Internets für die Generierung und Verbreitung von Wissen und Information den Kern von Open Access dar.

Über die intellektuelle Rezeption von Publikationen durch Menschen hinaus gewinnt die maschinelle Bearbeitung der Artikel für immer mehr Fächer an Bedeutung. Der Zugang über Programmschnittstellen auf Publikationen ist zur Beantwortung vieler drängender Forschungsfragen von essenzieller Bedeutung. Um beispielsweise die Beschreibung einzelner Gene aus Abertausenden von Publikationen extrahieren zu können, müssen genau die finanziellen, rechtlichen und technischen Barrieren beseitigt werden, die Open Access überwindet.

Die aktuellen Lobbyaktivitäten der Verlagsindustrie gegen eine Ausnahmeregelung für Text- und Datamining im Rahmen wissenschaftlicher Zwecke bei der Novellierung des EU-Copyrights machen jedoch deutlich, dass das Beharren der Verleger auf antiquierten Geschäftsmodellen die Anwendung digitaler Arbeitsmethoden hemmt. Die Forschung wird so ausgebremst – zum Nachteil der Gesellschaft.

Mit der OA2020-Initiative, die die deutschen Wissenschaftsorganisationen gemeinsam mit vielen Partnern weltweit fördern, soll die großflächige Transformation von Subskription zu Open Access im Zeitschriftenbereich auf internationaler Ebene vorangetrieben werden (http://oa2020.org). Diese Initiative wirkt auf jede wissenschaftliche Einrichtung in Deutschland, im Speziellen auf die Bibliotheken, die eine zentrale Rolle in der Transformation einnehmen. Schließlich geht es um die Umschichtung ihrer Etats: Mittel, die bisher für Subskriptionen ausgegeben wurden, sollen zukünftig für Publikationsgebühren (im Englischen auch Article Processing Charges, APCs genannt), über die sich viele Open-Access-Zeitschriften finanzieren, sowie für den Betrieb von Open-Access-Zeitschriften in akademischer Trägerschaft aufgebracht werden.

Um den Prozess der Transformation vorantreiben zu können, gilt es, folgende vier ­Voraussetzungen in wissenschaftlichen Einrichtungen zu schaffen:

  • Kooperation und Vernetzung der Wissenschaft,
  • Monitoring des Publikationsaufkommens,
  • Transparenz über Ausgaben und Kosten sowie
  • Standardisierung der Publikationen und der -prozesse.

Im Folgenden soll der Handlungsbedarf für Hochschulen und außeruniversitäre Einrichtungen anhand dieser vier Bereiche umrissen werden.

Kooperation und Vernetzung: Hier gilt es, den Dialog und die Entscheidungsfähigkeit auf internationaler Ebene zu verbessern. Anliegen muss es sein, gemeinsame Kriterien zur Open-Access-Transformation zu formulieren, die auf internationaler Ebene konsensfähig sind und den unterschiedlichen Publikationskulturen in den Fächern entsprechen. Ein Vorschlag für einen solchen Kriterienkatalog wurde in der Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ der Wissenschaftsorganisationen verfasst (Bruch, et al. 2015).

Monitoring: Um mit Verlagen über die Bedingungen der Open-Access-Transformation verhandeln zu können, ist es nötig, umfassende Daten über das Publikationsaufkommen einer Einrichtung zu erheben. Hierzu muss zum Beispiel die folgende Frage beantwortet werden: Wie viele Publikationen entstanden unter Beteiligung der Institutionsangehörigen im Jahr X? Da APCs dem „Corresponding Author“ einer Publikation in Rechnung gestellt werden, gilt es darüber hinaus zu klären, an wie vielen der Publikationen einer Institution Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als „Corresponding Authors“ im Jahr X beteiligt waren. Berücksichtigt man, dass viele Förderorganisationen, wie zum Beispiel die Europäische Kommission in Horizon 2020, Mittel zur Bezahlung von APCs bereitstellen, muss auch geklärt werden, wie viele der Artikel im Jahr X in Drittmittelprojekten entstanden sind.

Transparenz: Die von der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation (DINI) unterstützte „Open APC Initiative“ hat das Ziel, die Ausgaben wissenschaftlicher Einrichtungen für APCs zu erfassen und offenzulegen. Über diese Open-Data-Plattform, an der sich bereits über 40 deutsche Hochschulen und außeruniversitäre Einrichtungen beteiligen, werden Publikationskosten aggregiert und öffentlich dokumentiert. Der Datensatz macht die Entwicklung von APCs seit 2014 nachvollziehbar und Finanzflüsse an Verlage sichtbar (http://openapc.github.io). Die deutschen Wissenschaftsorganisationen unterstützen die Initiative durch den sogenannten „Appell zur Offenlegung von Publikationsgebühren“, der mittlerweile auch auf europäischer Ebene durch Science Europe mitgetragen wird.

Standardisierung: Es gilt, auf Verlage einzuwirken, damit Aufsätze in standardisierter Form maschinenlesbar publiziert werden. Nur so können Menschen und Maschinen mit den Veröffentlichungen arbeiten. Darüber hinaus müssen auch die Publikationsprozesse zwischen Verlagen und wissenschaftlichen Einrichtungen deutlich vereinfacht werden. Anliegen ist es zum Beispiel, dass Artikel nach ihrer Veröffentlichung automatisiert in Open-Access-Repositorien und Forschungs­informations­systemen gespeichert werden und Rechnungsdaten für APCs über standardisierte Schnittstellen maschinell von Verlagen an Einrichtungen gesendet werden.

Der hier kurz skizzierte Handlungsbedarf für wissenschaftliche Einrichtungen zeigt, dass die Open-Access-Transformation vielfältige Herausforderungen mit sich bringt, die tief in wissenschaftliche Einrichtungen und ihre Prozesse wirken. Deshalb gilt es, Open Access zur Chefsache zu machen! Wissenschaftliche Bibliotheken, die als zentrale Akteure den Transformationsprozess hin zu Open Access gestalten, benötigen die Unterstützung ihrer Einrichtungen und deren Angehörigen.

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Die Wissenschaftsorganisationen haben bereits 2012 Vorschläge für die Verankerung von Open Access an wissenschaftlichen Einrichtungen gemacht und die Strategien für die aktive Gestaltung der Open-Access-Transformation beschrieben: Ausgehend von der Unterzeichnung der „Berliner Erklärung“ und der Verabschiedung einer Open-Access-Leitlinie wird vorgeschlagen, Open-Access-Beauftragte zu installieren, die den Prozess auf Leitungsebene im engen Dialog mit der jeweiligen Bibliothek vorantreiben. Diese Aktivitäten auf strategischer Ebene sollten durch operative Maßnahmen und Infrastrukturen unterstützt werden: Der Aufbau und die Vernetzung von Open-Access-Repositorien, die Stärkung von eigenverlegerischen Aktivitäten sowie der bereits erwähnte systematische Umgang mit APCs sind zentrale Aktionsfelder, die es an wissenschaftlichen Einrichtungen aufzugreifen gilt (Fournier, et al. 2012).

Nur durch eine aktive und gestaltende Rolle der Wissenschaft kann der Transformationsprozess in ihrem Sinn vorangetrieben werden. Dies bedeutet auch, sich schwierigen Diskussionen zu stellen. So werden zum Beispiel in einem, durch das Geschäftsmodell der APCs geprägten, Open-Access-Publikationssystem die Ausgaben für publikationsstarke Institutionen höher sein als für Einrichtungen, bei denen wenig publiziert wird. Vor diesem Hintergrund muss auch die strategische Frage beantwortet werden, welche Bedeutung eigenverlegerische Tätigkeiten, die in Autonomie der Wissenschaft betrieben werden, zukünftig spielen sollen. Praxisbeispiele wie eLife oder die Open Library of Humanities zeigen, dass die Wissenschaft das Publizieren auch ohne gewinnorientierte Dienstleister gestalten kann. Des Weiteren machen die jüngst gegründeten Open-Access-Journale der Bill & Melinda Gates Foundation (Gates Open Research) und des Wellcome Trust (Wellcome Open Research) deutlich, dass es auch auf Seiten der Förderorganisationen ein wachsendes Interesse gibt, Form und Format von Veröffentlichungen, die im Rahmen geförderter Projekte entstehen, mitzugestalten. Eine durchaus spannende Entwicklung, da die Drittmittelgeber diejenigen Akteure sind, die mit ihren Kriterien der Mittelvergabe einen starken Einfluss auf das Publikationssystem haben.

Zu dieser Entwicklung passt, dass die Diskussion um „responsible metrics and evaluation for open science“ mit Blick auf das kommende europäische Forschungsrahmenprogramm (FP9) eine gewisse Dynamik bekommen hat. Eine Expertengruppe der EU-Kommission hat in diesem Jahr vorgeschlagen, neue und offene Metriken in den Blick zu nehmen und Maßnahmen zu ergreifen, um die Bedeutung des „Journal Impact Factor“ zu senken (EC, 2017).

Diese Empfehlung zeigt, dass der Kulturwandel hin zu Open Science deutlich an Relevanz gewinnt. So arbeitet in der Helmholtz-Gemeinschaft eine Expertengruppe an der Gestaltung dieses Prozesses. In einem Positionspapier der Forschungsorganisation werden die Vorteile von Open Science wie folgt beschrieben: „Der offene, das heißt durch möglichst wenige finanzielle, technische und rechtliche Hürden behinderte Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen wie Publikationen, Forschungsdaten und wissenschaftlicher Software erweitert die Transparenz in der Wissenschaft, verbessert die Verfahren der Qualitätssicherung und erhöht durch eine verbesserte Informationsversorgung die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft. Open Science dient somit immer auch der Verbesserung der guten wissenschaftlichen Praxis. Darüber hinaus fördert Open Science den Wissenstransfer in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.“ (Helmholtz-Gemeinschaft, 2015)

Dieses Zitat macht deutlich, dass Open Access nicht isoliert betrachtet werden sollte, sondern als Teil eines breiten Diskussionsprozesses über die Öffnung der Wissenschaft im Kontext der fortschreitenden Digitalisierung zu verstehen ist. Die Bedingungen dieser Öffnung müssen in der Wissenschaft diskutiert werden. Mit Blick auf die wissenschaftspolitische Bedeutung ist es wichtig, dass einzelne Forschende, Fachgesellschaften und wissenschaftliche Einrichtungen das Thema aufgreifen. Für Open Access bedeutete dies, dass die Weichen für den Transformationsprozess lokal in jeder Einrichtung gestellt werden müssen. Auf Basis dieser lokalen Positionierungen gilt es dann, im Rahmen von Konsortien (Beispiel: OA2020) der Marktmacht der Verlage kooperativ zu begegnen und die Entwicklung eines transparenten Open-Access-Publikationsmarktes auf Basis gemeinsamer Kriterien voranzutreiben.



Zum Autor

Heinz Pampel arbeitet als Referent im Helmholtz Open Science Koordinationsbüro der Helmholtz-Gemeinschaft am Deutschen GeoForschungsZentrum – GFZ in Potsdam.



Referenzen

[1] BMBF, 2016: Open Access in Deutschland. https://www.bmbf.de/pub/Open_Access_in_Deutschland.pdf
[2] Bruch, et al. 2015. Positions on creating an Open Access publication market which is scholarly adequate. http://doi.org/10.2312/allianzoa.009
[3] EC, 2017. Next-generation metrics. http://doi.org/10.2777/337729
[4] EU, 2016: Cuncil Conclusions on the Transition Towards an Open Science System. http://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-9526-2016-INIT/en/pdf
[5] Fournier, et al. 2012. Open-Access-Strategien für wissenschaftliche Einrichtungen. http://doi.org/10.2312/allianzoa.005
[6] Helmholtz-Gemeinschaft, 2015. Open Science – Chancen, Herausforderungen und Handlungsfelder. http://os.helmholtz.de/open-science-in-der-helmholtz-gemeinschaft/akteure-und-ihre-rollen/arbeitskreis-open-science/selbstverstaendnis-des-arbeitskreises-open-science-der-helmholtz-gemeinschaft/
[7] Schimmer, et al. 2015. Disrupting the subscription journals’ business model for the necessary large-scale transformation to open access. http://doi.org/10.17617/1.3
[8] STM, 2015. The STM Report. http://www.stm-assoc.org/2015_02_20_STM_Report_2015.pdf


Letzte Änderungen: 12.07.2017

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