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Überdenken

Schaffen Forschungsverbünde besseres Wissen?

Fünf flotte Thesen von Jürgen Mittelstraß

Von Jürgen Mittelstraß, Konstanz


1. These:

Forschungsverbünde sind Ausdruck des kooperativen Wesens der Wissenschaft – im üblichen disziplinären wie im unüblichen, aber wünschenswerten transdisziplinären Zusammenhang. Dieses steht in einem dialektischen Verhältnis zu ihrem Wettbewerbswesen (Wettbewerb um die besten Theorien, die besten Methoden, die besten Wissenschaftler) – dialektisch, weil es darum geht, das eine vom anderen her zu denken und umgekehrt. Ein Denken in Forschungsverbünden, das diese Dialektik übersieht, indem es Kooperation zum alleinigen Kriterium von Forschungsförderung macht, stärkt nicht die Generierung besseren Wissens und die Kreativität der Forschung, sondern erstickt sie.

2. These:

Ausdruck einer derartigen Fehlentwicklung ist die herrschende Netzwerk-Rhetorik. Alles soll mit allem in der Forschung verbunden, „vernetzt“ werden. Übersehen wird, dass sich exzellente Forschung immer schon selbst vernetzt; aufwendige und teure Netzwerkprogramme, wie sie in den Rahmenprogrammen der EU angelegt sind, zeugen von einem Europa der (Wissenschafts-)Bürokraten, nicht von einem Europa der Forscher. Man könnte auch sagen: als Europa in der Forschung nichts mehr einfiel, fielen ihm die Netzwerke ein. Das viele Geld, das hier jahrein, jahraus in die Bildung von Netzwerken gesteckt wurde, wäre in der tatsächlichen Forschung besser angelegt gewesen. Wie, das zeigt eindrucksvoll der European Research Council (immerhin auch eine europäische Erfindung).

3. These:

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Illustr.: iStock / Akindo

Erst kamen die Netzwerke, dann die Cluster. Im Rahmen der Exzellenzinitiative wird in Deutschland zusammen mit der Institution der Graduiertenkollegs Forschung in eine immer gleiche (institutionelle) Richtung gelenkt. Übersehen wird, dass Exzellenz in der Regel gegen den Mainstream gewonnen wird, nicht in oder mit ihm. Wo dieser sich auch noch einen insti- tutionellen Ausdruck verschafft, siegt das Gleichmaß über das wirklich Maßgebende. Mit anderen Worten: Das Institutionelle muss der Forschung folgen, nicht umgekehrt die Forschung dem Institutionellen. Dies muss der wissenschaftsorganisatorische Verstand wohl erst noch lernen.

4. These:

Zum verordneten Gleichmaß gehört in Deutschland heute auch die feste Ordnung von universitärer und außeruniversitärer Forschung. Dabei waren die Kaiser-Wilhelm-Institute, mit denen alles begann, nicht die institutionelle Konsequenz einer Forschungsentwicklung, die einer eigenen Logik folgt, sondern die Antwort auf die historische Unfähigkeit der Universität, in Forschungsschwerpunkten zu denken. Das kann und sollte keine Bestandsgarantie für das real existierende System der universitären und außeruniversitären Forschung bedeuten. Das Wissenschaftssystem muss sich bewegen, wenn sich die Forschung bewegt. Warum – weil nun einmal die forschende und lehrende Universität den Kern eines Wissenschaftssystems bildet – nicht wieder in eine universitäre Richtung?

5. These:

Subjekt der Forschung ist heute nicht länger der Forscher, sondern die Forschungseinrichtung. Wir sprechen, wenn wir vom forschenden Handeln sprechen, von der Forschung; der Forscher selbst verschwindet hinter der Einrichtung, in der er forscht. Hinter dieser Entwicklung steckt eine Industrievorstellung von Forschung. Nur die Geisteswissenschaften haben sich noch eine Erinnerung daran bewahrt, dass das Subjekt der Forschung noch immer das individuelle forschende Subjekt ist. Zugleich wird in der Universität im Zuge der Bologna-Reform das Industriemodell der Forschung auf die Lehre übertragen. So wie der Forscher forscht, wie die Einrichtung forscht, lernt jeder und jede, wie alle lernen. Dem Industriemodell der Forschung entspricht ein Kasernenmodell der Lehre. Fazit: Für wie dumm hält sich die Wissenschaft selbst, wenn sie sich ihre Forschungs- und Lehrformen vom organisierenden und verwaltenden Verstand vorschreiben lässt.

(Zuerst erschienen in der Schriftenreihe „Debatte“, Heft 11, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) mit dem Titel „Forschungsverbünde in der Wissenschaft – Chance oder Zwang?“, Protokoll S. 59-60)



Zum Autor

Jürgen Mittelstraß ist emeritierter Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Konstanz und Direktor des Konstanzer Wissenschaftsforums.

Letzte Änderungen: 12.07.2017

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