Buchbesprechung

von Andreas Maier




Franz Josef Schötz
Zur Geschichte der Botanik an der Universität Ingolstadt 1472-1800. Die Botanik als Teil der Medizin

Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Bayerische Akademie der Wissenschaften; Auflage: 1 (3. Juli 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN: 3769625633
Preis: 54,00 €

Spannende Universitätsgeschichten - Angenehme Enttäuschung

Eine der undankbarsten Aufgaben, die sich ein Professor vornehmen kann, ist die, eine Universitätsgeschichte zu schreiben. Er muß in staubigen Kellern moderige Akten suchen, sich mit der pompösen verzwirbelten Schreibweise vergangener Jahrhunderte vertraut machen, in der fremdartigen Ausdrucksweise ihren damaligen Sinn suchen, das Wichtige vom Unwichtigen scheiden und dies dann in gefälliger Form niederschreiben, auf dass es länger lebe als bis zum Festvortrag oder Jubiläum. Der Lohn für diese Mühen - sie dehnen sich oft über Jahre - ist ein in jeder Hinsicht bescheidener. Universitätsgeschichten kauft kein Mensch und die Ehre, die der Autor daraus zieht, bleibt auch gering. "Bloß gut, dass ich mich nicht hab dazu breitschlagen lassen", denken die Kollegen, wenn sie dem Autor zu seinem Werk gratulieren.

In der Regel wird daher das Schreiben einer Universitäts- oder Institutsgeschichte an einen Emeritus abgedrückt. Der, froh um eine Aufgabe, die ihn vor der Absturz in die Bedeutungs- und Interesselosigkeit bewahrt, beginnt das Werk mit Feuer, um Monate später festzustellen, daß dies doch nicht seine Sache ist. Fertig machen muß er es aber, weil er es versprochen hat, und so steht am Ende ein Werk, das sich etwa so interessant liest wie die Sequenz eines Stückes Junk-DNA.

Aus diesen Überlegungen heraus habe ich das mir unverlangt zugeschickte Werk Zur Geschichte der Botanik an der Universität Ingolstadt 1472-1800 von Franz Josef Schötz mit äußerster Reserve aufgeschlagen. Ausblick und Vorwort bestätigten mein Vorurteil: In der Tat schien hier wieder ein Emeritus das Opfer der Repräsentationssucht höherer Universitätskreise geworden zu sein, und dass der Verlag CH Beck, dem ich einige der langweiligsten Bücher meiner Bibliothek danke, das Buch in Kommission übernommen hat, besserte meine Laune nicht, genau so wenig wie der weiße Schimmel im ersten Absatz, wo der Autor versichert, dass die Kenntnis des Lateinischen "immer mehr abstirbt".

Da ich nun selber Autor einer Universitätsgeschichte bin und ich es nicht für ausgeschlossen hielt, auf den restlichen 200 Seiten, den einen oder anderen brauchbaren Hinweis für eine zweite Auflage von "Die Zunft" zu finden, las ich weiter und je weiter ich las, desto mehr ward ich gefesselt.


Ansprechend, humorvoll und spannend

Zum einen ist das Buch ansprechend aufgemacht: Feines Papier, schöne Schrift, gut wiedergegebene Zeichnungen, mehrere Farbtafeln, zum anderen und wichtiger: Schötz ist trotz einer gewissen Trockenheit und eines zurückhaltenden Humors leicht zu lesen, spannend und interessant. Den Einwand, dass ein Universitätsgeschichtsschreiber einen Text über Universitätsgeschichte interessant finden möge, ein gewöhnlicher Leser aber dennoch darüber einschlafen könne, kann ich nicht widerlegen. Doch probieren Sie nur Schötz' Beschreibung des Lebens des Professors Schrank, oder die Geschichte des 70-jährigen Krieges der Universität Ingolstadt um ihren botanischen Garten, oder die Intrigen der Professoren Morasch und Treyling. Die Affäre Morasch-Treyling ähnelt mit ihren sexuellen Verleumdungen durchaus Entsprechendem aus dem Roman "Der Campus". So wurde Morasch in einem Brief an den Kurfürsten beschuldigt nach ganz kürzlichem Hintrith sein anderten Ehe-Consortin sich dieser Tagen ganz unvermutet nunmehro zum dritten Mahl verehelicht, und zwar mit einem solchen Weibsbild, welche vor drei und einem halben Jahr bey eben gedachten Professor Morasch als Köchin in Diensten gestanden, werenter Zeit unehelich geschwängert, in dessen Behausung Kindsmutter geworden. Ich will nichts vom Bücherschreiben verstehen, wenn Ihnen Schötz' Buch nicht die eine oder andere heitere Stunde bereitet.


Damals wie heute: Rangkämpfe und Streitigkeiten

Schötz' Werk nötigt auch Respekt ab: Er hat nicht nur aus anderen Büchern Informationen zusammengetragen, er baute sein Werk vielmehr von den Grundmauern her eigenhändig auf. Die wesentlichen Teile scheinen auf selbst und erstmals übersetzten Aktenstücken zu beruhen. Mit diesem Material hat Schötz einen ansprechenden Bau gestaltet, in dessen Zimmern sie die Denkweise vergangener Jahrhunderte betrachten können, die Lebensformen und Lebensläufe der Professoren, Rangkämpfe, kleinliche Besoldungsstreitigkeiten, die Verhältnisse zwischen Regierung und Universität (damals schon so problematisch wie heute) und den Durchbruch der Naturwissenschaften. Man lernt frühere Menschen und frühere Verhältnisse kennen und hat zum Schluß das Gefühl, die heutige Universität besser zu verstehen.

Für Leute, die es nicht wissen: Die Universität Ingolstadt war die Vorläuferin der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Fazit: Von der "Geschichte der Botanik an der Universität Ingolstadt 1472-1800" war ich angenehm enttäuscht. Nur eine Verbesserung wäre angebracht: Schötz sollte an den Anfang seines Buches eine kurze allgemeine Einführung in die Organisation der alten Universität stellen und eine spezielle Einführung in die Organisation der Universität Ingolstadt: Rolle und Aufgaben von Rektor, Dekanen und Fakultäten, Selbstverwaltung und Beziehung zur Regierung, Geldquellen und Finanzierung der alten (Ingolstädter) Universität. Neulingen in der Universitätsgeschichte bleibt sonst der tiefere Einblick verschlossen.






Letzte Änderungen: 15.09.2006





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