Beiträge zur Biochemie seltsamer Lebewesen (17)

Hü oder Hott – Ungelöste Probleme der Zentaurenbiologie

von Siegfried Bär (Laborjournal-Ausgabe 05, 2008)


Zentaure 1

Dieser Zeitschrift ist es ein Anliegen, der Vernachlässigung abseitig erscheinender Forschungsgebiete durch die offizielle Forschungsförderung entgegenzuwirken. Wir freuen uns daher, den renommierten Forscher Birgbert Rösselmann für einen Gastbeitrag zu seinen innovativen Ergebissen über die Biologie der Zentauren gewonnen zu haben.

Die Existenz von Zentauren, also Pferdemenschen, ist sowohl durch archäologische Funde als auch durch schriftliche Quellen belegt. Es sind Mischwesen, zusammengesetzt aus Kopf und Schultern eines Mannes und dem Körper und den Beinen eines Pferdes.

Nach Robert von Ranke-Graves wurde die früheste Darstellung von Zentauren auf einem Schmuckstück aus Mykene gefunden, doch gibt es unzählige Terrakottafiguren, Abbildungen auf Vasen, Mosaiken und Reliefs, die Zentauren – durchweg männlichen Geschlechts – abbilden. Des weiteren wird in der Universität von Tennessee das Skelett eines Zentauren aufbewahrt, das 1980 bei der griechischen Stadt Volos ausgegraben und auf ein Alter von 3.300 Jahren datiert wurde (siehe Foto). Verschwörungstheoretiker behaupten zwar, der Biologe William Willers habe es aus dem Skelett eines Menschen und eines Ponys zusammengesetzt und mit Tee gefärbt, aber dafür gibt es keine Beweise. Es ist auch unwahrscheinlich: Homer berichtet ebenso von Zentauren wie der römische Schriftsteller Ovid. Die Auswertung der Quellen lässt keinen vernünftigen Zweifel zu: Zentauren lebten – wenn auch ihr Verbreitungsgebiet auf das Griechenland der mykenischen Kultur (1600-1100 v. Chr.) beschränkt gewesen zu sein scheint.

Bisher hat sich niemand die Mühe gemacht, die mit der Existenz dieser Lebewesen verbundenen wissenschaftlichen Fragen zu klären. Da stehen zum einen die ungeheuer wichtigen Gender-Probleme im Raum:

  • Wieso gab es nur männliche Zentauren?
  • Wie pflanzten sich Zentauren fort?
  • Wie entstanden Zentauren? Begattung von Stuten durch Männer oder durch den Verkehr von Frauen mit Hengsten? Das macht einen Unterschied, wie man an den unterschiedlichen Phänotypen anderer Mischwesen wie Maultier und Maulesel sieht.
  • Wo lagen die Genitalien des Zentaurs? Vorne oder hinten? Die archäologische Evidenz ist in dieser Frage zweideutig. Bei älteren Artefakten lagen die Genitalien menschentypisch vorne, bei jüngeren pferdetypisch hinten. Wie lässt sich das erklären?
  • Wieso gibt es keine reversen Zentauri, also Wesen mit Pferdekopf und menschlichem Unterleib? Des weiteren blieben grundlegende physiologische Fragen der Zentaurenbiologie ungeklärt:
  • Haben Zentauren zwei Verdauungssysteme oder nur eines? Falls nur eines, ist es das eines Pferdes oder das eines Menschen? Mit anderen Worten: Essen Zentauren Hafer oder Müsli?
  • Haben Zentauren ein Menschen- oder ein Pferdeherz? Oder gar zwei Herzen? Auch die Genetik dieser Lebewesen wirft Rätsel auf:
  • Wieviele und welche Chromosomen besitzen Zentauren?
  • Sind ihre Mitochondrien menschlichen oder hippalen Ursprungs?
Selbst die Systematik der Zentauren ist unklar. Zwar gelten sie als Säugetiere, doch besitzen sie sechs Gliedmaßen und keine Milchdrüsen. Müssten Zentauren daher nicht unter die Insekten eingeordnet werden?


Zentauren-Liebesleben

Wir konnten nicht allen diesen Fragen nachgehen und beschränken uns daher auf das Grundlegende: auf Begattung und Fortpflanzung.

Mischwesen, zum Beispiel Maultierhengste, besitzen durchaus einen Geschlechtstrieb. Die Zentauren werden sogar als „wilde und lüsterne Wesen“ mit starkem Triebwesen beschrieben. So pflegten sie unter dem Einfluss von Wein Frauen zu belästigen. Wahrscheinlich haben sich Zentauren aber auch mit Stuten gepaart, was den antiken Berichterstattern wohl nicht erwähnenswert erschien.

Von homosexuellen Zentauren wird nichts berichtet. Lediglich in Südtirol, also weit abseits dem Verbreitungsgebiet der eigentlichen Zentauren, gibt es eine Homosexuellenorganisation namens Centaurus. Die Natur ihrer Mitglieder ist uns nicht bekannt.

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Nur Knochen blieben vom lustvollen Leben: Der Zentaur von Volos

Waren die sexuellen Aktivitäten der Zentauren von einem Fortpflanzungserfolg gekrönt? Vergleiche mit anderen Chimären sprechen erstmal dagegen. So ist zwar eine Kreuzung zwischen Pferd und Esel möglich, die entstehende nächste Generation (Maulesel aus Pferdehengst und Eselsstute, beziehungsweise Maultier aus Pferdestute und Eselhengst) ist aber infertil.

Bei der in vitro-Kreuzung von Schaf und Ziege entstehen „Schiegen“ (das ist erstaunlich, denn bei Ziege und Schaf handelt es sich nicht nur um verschiedene Arten, sondern um verschiedene Gattungen). Auch Schiegen können keine Nachkommen zeugen. Dies hängt vermutlich unter anderem mit der unterschiedlichen Chromosomenzahl der Eltern und dem daraus resultierenden ungeraden Chromosomensatz der Mischwesen zusammen.

Wahrscheinlich wird die unterschiedliche Chromosomenzahl bei der Entwicklung der ersten Generation dadurch kompensiert, dass überzählige Chromosomen/Gene durch Methylierung inaktiviert werden (ähnliche Mechanismen finden möglicherweise bei der Inaktivierung des zweiten X-Chromosoms beim weiblichen Geschlecht statt). Das verbleibende genetische Material kann einen lebensfähigen gesunden Organismus bilden, der aber keine fertilen Keimzellen produziert.

Trifft dies auch bei Zentauren zu? Licht auf diese Frage wirft eine Berechnung der Chromosomenzahlen. Das Pferd besitzt 64 Chromosomen, der Esel 62, das Kreuzungsprodukt zwischen Esel und Pferd jedoch 63 Chromosomen, also das arithmetische Mittel.

Das Karyogramm einer Schiege zeigt 57 Chromosomen: wiederum das arithmetische Mittel der Chromosomenzahl von Schaf (54) und Ziege (60).

Da der Mensch 46 Chromosomen hat und das domestizierte Pferd 64, müssten Zentauren 55 Chromosomen besitzen. Es ist allerdings wahrscheinlicher, dass Zentauren als Kreuzungsprodukte zwischen Menschen und der Wildform des Pferdes, dem Przewalskipferd (Equus ferus przewalskii), entstanden. Letzteres hat 66 Chromosomen und solche Zentauren hätten eine gerade Zahl von 56 Chromosomen.

Damit wäre eine Geschlechtszellenbildung nicht unmöglich. Przewalskipferde besorgten sich die Griechen wohl von skythischen Reitervölkern. Dennoch ist anzunehmen, dass die Begattung von Frauen durch Zentauren nur selten zu einer Zeugung führte und die Zentauren versucht haben, ihre geringe Fertilität durch die Häufigkeit der Begattungsvorgänge zu kompensieren. So entstand ihr Ruf der Lüsternheit.

Aber ist es wirklich möglich, Menschen mit Pferden zu kreuzen? Selbst die sowjetrussischen Versuche in Suchum, Menschen mit Primaten zu kreuzen, verliefen erfolglos (siehe Laborjournal 7-8/2006, S. 64, „King Kong“). Der genetische Abstand zwischen Mensch und Pferd ist nun noch größer als der zwischen Mensch und Affen: Immunologische Versuche zeigen, dass mit antihuman-Antikörpern beim Schimpansen 85 Prozent der Serumproteine ausfällen, mit Pferdeserum jedoch nur 2 Prozent.


Eine unglaubliche Theorie

Dies verweist die natürliche Hybridbildung ins Reich der Fabel, gleich ob es Mann mit Stute oder Hengst mit Frau getrieben hat – was beides übrigens auch rein begattungstechnisch nicht einfach sein dürfte. Wie bei der Schiege muss jemand bei der Entstehung der Zentauren künstlich nachgeholfen haben. Dies scheint prinzipiell möglich: Im April 2008 veröffentlichten Forscher der Universität Newcastle, sie hätten ein Mischwesen aus Mensch und Kuh geschaffen. Es überlebte immerhin drei Tage.

Bei den Zentauren, die 80 bis 90 Jahre alt wurden, müssen noch ausgefeiltere Methoden eingesetzt worden sein. In der Bronzezeit? Wir stellen hier eine auf den ersten Blick unglaubliche Theorie vor, die aber, wie Sie feststellen werden, einige Seltsamkeiten der Zentaurenbiologie zwanglos zu erklären imstande ist.

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Gemäldefunde jüngeren Datums, die den schlechten Ruf der Zentauren widerlegen sollten, erwiesen sich als Fälschungen.

Das Hauptproblem der Zentaurenbiologie ist offensichtlich die künstliche Nachhilfe, die für eine Kreuzung zwischen Mensch und Pferd erforderlich ist. Waren die alten Griechen dazu imstande und falls ja, was trieb sie dazu?

Nun, Pferde waren den Griechen mehr als Nutztiere. Sie wurden auf Vasen abgebildet und es wurden ihnen edle Eigenschaften zugeschrieben (trojanisches Pferd!). Was lag näher als das gutmütige Wesen, die ausdauernde Kraft und das Denkvermögen der Pferde (größere Köpfe!) mit menschlichen Begabungen zu verschmelzen? Vielleicht waren die als Palastanlagen deklarierten Bauten des alten Mykene in Wirklichkeit Institute für Züchtungsforschung? Immerhin stammt ja der Begriff Chimäre aus dem Griechischen und nirgends tauchen so viele Chimären auf wie in der griechischen Überlieferung: Pegasus, Hydra, Kerberos, Harpyie, Minotaurus, Satyr, Gorgonen ... . Offensichtlich setzten die alten Griechen mehrere Versuchsreihen in den Sand, bis der Pferdemensch gelang. Die zugehörige Forschungsbürokratie lag vermutlich im Palast des Knossos auf Kreta – auch Labyrinth genannt. Leider ist die alt-kretische Schrift, das Linear A, noch nicht entziffert, es wäre interessant zu wissen, welchen Umfang und welche Struktur altgriechische Forschungsanträge hatten.


Alkoholprobleme

Vorsichtig gemacht durch die Misserfolge (Harpyien!) schuf man als erste Prototypen nur Pferdemänner. Sollten sie sich als „edle“ Wesen bewähren, würde man Pferdeweiber herstellen, um die Fortpflanzung zu sichern. Und in der Tat: Der athletische Körperbau der neuen Lebewesen verkörperte das Ideal griechischer Ästhetik. Man setzte die Pferdemänner frei. Künstler, Handwerker und Schreiber verewigten sie, eine Protestbewegung wie heute beim Genmais blieb aus.

Doch die Pferdemänner enttäuschten die Erwartungen. Schon nach einigen Zentilitern mykenischen Weins fingen sie an, Griechinnen zu belästigen. Die Schöpfer hatten nicht berücksichtigt, dass Przewalskipferde keine funktionsfähige Alkohol-Dehydrogenase besitzen.

Damit war der Versuch gescheitert, einen besseren Menschen, den Pferdemenschen, zu züchten. Von diesem Rückschlag hat sich die Bessermenschenzucht erst im 20. Jahrhundert wieder erholt, als verschiedene kommunistische Regierungen und ab 1968 auch etliche ihrer Bewunderer dieses Problem mit sozialpädagogischen Maßnahmen angingen – bisher ebenfalls erfolglos.

Die alten Griechen scheinen die Züchtung von Chimären aufgegeben und die Zentauren in die Wälder verjagt zu haben. Dort blieb ihnen nur die Fortpflanzung mit Stuten. Dies führte zu einer Verdünnung ihres Genpools mit Pferdegenen. Schon nach einigen Generationen dominierte der Geno- und Phänotyp der Pferde. Diese Entwicklung ist an den Relikten erkennbar. So trägt etwa eine Terrakottafigur aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. das männliche Genital frontal am menschlichen Körperabschnitt, während ein Mosaik aus der Zeit um 120 n. Chr. schon die pferdetypische Lokalisation zwischen den Hinterläufen abbildet. Die Zentauren verdünnisierten sich sang- und klanglos in die Einöden Südeuropas.




Letzte Änderungen: 15.01.2010


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