Die Gründung der Uni Berlin


Mythen und Märchen entstehen bei vielen Gelegenheiten. Eine günstige scheint die Gründung der Uni Berlin gewesen zu sein. Die Gründung sei der Wendepunkt der Universitätsgeschichte, heißt es. Wilhelm von Humboldt habe eine Universität neuen Typs entworfen, wo in Einsamkeit und Freiheit geforscht würde, in die ein neuer Geist eingezogen sei.
Es war alles ganz anders.
Eigentlich wollte man keine neue Uni gründen. Im Gegenteil. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts forderten immer mehr und immer einflußreichere Leute das Ende der Unis. Bis hinauf zum preußischen Minister von Massow, der sich mit der Absicht trug, die Unis zugunsten von Fachhochschulen abzuschaffen.
Es schien nicht nötig zu sein. Um die Jahrhundertwende gaben über die Hälfte der deutschen Unis von selbst den Geist auf.
Da schlugen 1806 die Franzosen die Preußen bei Jena und Auerstädt. Halle, die Renommieruni Preußens, kam damit in französische Hände und wurde geschlossen. Preußen blieben die Universitäten Frankfurt/Oder und Königsberg. Doch die waren in einem beklagenswerten Zustand und irgendeine höhere Ausbildung hielt die preußische Verwaltung für notwendig. Der Kabinettsrat Beyme hatte schon 1802 dem preußischen König den Plan einer neuen allgemeinen Lehranstalt vorgetragen. Diese Anstalt sollte keine Uni sein, denn der liberale Beyme verachtete das Zunftwesen. Sie sollte auch nicht für einen Beruf ausbilden, sondern sich der reinen Wissenschaft widmen, ohne Fakultäten, ohne Promotionen.
Damals war der König nicht interessiert.
Nach der Niederlage gegen die Franzosen sah die Sache anders aus. Die militärische Vormachtstellung Preußens war gebrochen, und der König glaubte nun, den preußischen Einfluß auf Deutschland mit Hilfe einer angesehenen Lehranstalt zurückgewinnen zu können. Beyme durfte vorwärtsschreiten. Er forderte eine Reihe Gutachten an: von dem Philosophen Fichte , dem Humanisten Wolf , dem Mediziner Hufeland , dem Juristen Schmalz u.a.
Wolf schreibt Tag und Nacht, um der erste zu sein, der eine Denkschrift einreicht. Ihm geht es ums Geld (seit der Schließung der Uni Halle ist er arbeitslos) und darum, seine Schüler in die neuen Stellen zu drücken. Tiefes Nachdenken widmet er auch der Titelfrage. So schlägt er vor, den Profs der neuen Anstalt den Titel Hofrat zu verleihen, "weil in Berlin oft schon die Schullehrer Professor genannt würden".
Fichte brütet in der Abgeschlossenheit seines Berliner Gartens über einem idealistischen Entwurf, nach dem das neue Institut an der Philosophie genesen soll. Denn allein Philosophie sei Wissenschaft. Was Philosophie ist, bestimmt Fichte.
Der Jurist Schmalz fordert freie Konkurrenz und die Abschaffung der Kooptation. Jeder soll lesen können, was und wie er will und die Lehrer vom Honorar leben. Schmalz lehnt die alten Formen ab, "welche einen Zunftgeist nähren". Weg mit Zunftgeist und Zunftzwang, das ist auch die Meinung der anderen Gutachter - versichern sie wenigstens.
Zünfte also will man nicht mehr. Aber Wettbewerb? Kein garantiertes Einkommen? Das könnte ungemütlich werden. Schmalzens Vorschlag findet keine Freunde.
Obwohl Beyme seine Gutachter zur Geheimhaltung verpflichtete, teilen die ihren Freunden von dem Plan mit. Denn so richtig gut tut die ihnen zuteil gewordene Ehre nur, wenn auch andere davon wissen. Sie umschwirren den Beyme wie Fliegen den Honig, jeder will als der wahre Vertraute des mächten Kabinettrats gelten und um die Gutachter schwirren in noch höheren Frequenzen ihre Schüler. Bald brät und köchelt es in der Gerüchteküche, daß die Schwaden von Königsberg bis Freiburg ziehen.
So erhält auch der Theologe Schleiermacher Kunde von Beymes Plan. Von ihm erbat Beyme kein Gutachten, weil der nüchterne Beyme den überspannten Transzendentalphilosophen, der den Romantikern nahestand und bei seinen Predigten gelegentlich in Tränen ausbrach, nicht ausstehen konnte. Schleiermacher, aus alter Prediger- und Professorenfamilie und ein gewiefter Kirchenpolitiker, schreibt trotzdem seine "Gelegentlichen Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn". Womit er die mittelalterlichen Universitäten meint, die mit neuem Geist zu füllen seien. Und dieser Geist heißt Schleiermacher.
Allein, anno 1808, kommt der Freiherr von Stein ans Ruder, und Stein hat kein Interesse an "allgemeinen Lehranstalten". Er schiebt Beyme ans Kammergericht ab.
Doch nach ein paar Monaten muß auch Stein gehen. Leiter der Sektion für Kultur & Unterricht wird nun Wilhelm von Humboldt, der Säulenheilige der Universitätsreformer, der Schutzpatron der Professoren. Der Kürze halber nenne ich ihn Wibo.
Wibo


Der hl. Wibo ist einer jener Leute, die für ein Genie gelten, ohne daß jemand sagen könnte, wieso. Geboren 1767, ist er 42 Jahre alt, als er 1809 zum Leiter der Sektion ernannt wird. Zuvor war er Gesandter in Rom. Die neue Stelle erhielt Wibo auf Vorschlag von Stein, der den Wibo aber insgeheim für einen weltfremden Schöngeist hält.
Wibo greift das Uni-Projekt wieder auf und läßt sich dabei von Wolf beraten, den er als Übersetzer des Homer verehrt. Wolf findet das nur recht und billig und schraubt seine Geldforderungen ins Unermeßliche. Weil ihm Wibo die Gelder nicht schnell genug verschafft, besorgt er sich Rufe (um sie dann abzulehnen). Schließlich wird Wolf alles bewilligt, auch die Lehrstühle seiner Schüler. Nur den Titel Staatsrat erhält er nicht, weil Wibo seinem verehrten Meister die staatsrätlichen Verpflichtungen ersparen will. Daraufhin ist Wolf beleidigt und verweigert die Mitarbeit. Und später, als sich an der Lehranstalt schon wieder zünftige Organisationsformen ausbilden, trotzt der zunftfeindliche Wolf erst recht. Fakultätssitzungen widern ihn an: "denn da, wie Voltaire sagte, schon aus vier klugen Leuten, in ein Kollegium vereinigt, eine neue, nicht immer kluge Person wird, wie mußte es gehen, da 28 Mann ein Kollegium formierten, worin zum Exempel die Ansetzung neuer Lehrer per plurima! beschlossen oder angeraten wurde."
Nun schlägt die Stunde von Schleiermacher, der heiraten will und eine sichere Stelle braucht. Und welche Stelle ist sicherer als die eines zünftigen Professors? Während Wolf schmollt, gewinnt Schleiermacher Einfluß bei Wibo, denn Schmalz war Wibo unsympathisch und Fichtes dünne Wortgase ließen sich nicht zu konkretem Gestein verdichten, aus dem sich etwas festes hätte bauen lassen. Schleiermacher wird Wibos Vertrauter, bekommt Wolfs Stelle in der Unterrichtsverwaltung, sitzt als einziger Professor in der Kommission, welche die Berufungs- und Organisationsfragen unter Wibos Vorsitz erledigt. Schleiermacher schlägt vor, spricht vor und - schließlich - schreibt er vor.
Denn lange dauert Wibos Vorsitz nicht. Als ihm der Ministertitel verweigert wird, tritt er zurück: im Jahre 1810, ein paar Wochen nachdem die neue Universität den Lehrbetrieb aufgenommen hat. Auch kümmerte sich Wibo mehr um die finanzielle Seite der Gründung. Er schreibt zwar "Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin", allein, seine Vorschläge wurden nie verwirklicht.
Den Professoren war das recht. Wibo war nämlich kein Freund der Selbstverwaltung und hätte die Professorenherrschaft an der neuen Uni verhindert oder eingeschränkt. "Die Ernennung der Universitätslehrer muß dem Staat ausschließlich vorbehalten bleiben " schrieb er, und tatsächlich, die Ernennung der ersten Professoren ging nicht per Kooptation vor sich. Nicht eine Fakultät berief, sondern Wibo und Schleiermacher.
Das änderte sich bald. Zwar wurde der zunftfeindliche Fichte erster Rektor, aber Schleiermacher sägt ihn mit einer Duellgeschichte ab. Und danach wurde die Verfassung der neuen Uni von Schleiermacher und seinem treuen Schüler Boeckh entworfen. Dem Schleiermacher, liebe Professoren, habt ihr Beamtenstatus und Kooptationsrecht zu danken! Er sprühte die Nebel der idealistischen Philosophie, um das alte zünftige Wesen zu verschleiern, das aufs neue aus den Sümpfen der Romantik kroch.
Wibo also war die Triebkraft der Unigründung und Schleiermacher füllte sie mit zünftigen Geistern. Am Erfolg der neuen Uni sind sie beide unschuldig. Denn gerade die geisteswissenschaftlichen Fakultäten, die den beiden allein am Herzen lagen, versanken bald in Bedeutungslosigkeit, ja Obskurität (z.B. Schellings Naturphilosophie) und die wichtigste naturwissenschaftliche Entdeckung, die in jener Zeit (1828) in Berlin gemacht wurde, die Harnstoffsynthese, kam von der städtischen Gewerbeschule.
Erst der Sohn eines Schuhmachers, Johannes Müller, sorgte 1833, also Jahrzehnte nach Wibo, für den Durchbruch der naturwissenschaftlich orientierten Medizin an der Berliner Uni und legte damit den Grundstein zu ihrem Ruhm.

Erstveröffentlichung: September 1995



Letzte Änderungen: 08.09.2004





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