Die Universität am Abgrund


Die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts ist die menschlich anrührendste Periode der deutschen Universität. Die intakte Familie wird die Grundlage der Selbstverwaltung, die Professorentochter zur Kernfigur der Berufungswesens (Moraw). An vielen Unis, besonders aber in Tübingen und Basel, kommt es zu matriarchalischen Lehrstuhldynastien, die jahrhundertelang an den Pfründen der alma Mater saugen.
Nach Akten der Uni Mainz sah das im Detail so aus:
Ein Professor stirbt. Am nächsten Morgen trudeln beim Kurfürsten, der formal die Lehrstühle vergibt, die Bittschriften ein: Vom Bewerber und von dessen Schwiegervater. Letzerer ist Professor und hat die Bewerbung seines Schwiegersohns lange zuvor bei der Fakultät politisch abgesichert (nach dem Aushilfeprinzip: hilfst du meinem Schwiegersohn, helf ich deinem Schwiegersohn). Ein paar Tage später präsentiert der Kurfürst den Bewerber der Fakultät, die ihn freudig akzeptiert. Macht der Kurfürst Schwierigkeiten, zum Beispiel mit einem eigenen Kandidaten, beruft sich die Fakultät auf ihr Statuten und nominiert den Schwiegersohn nun ganz offiziell. Doch normalerweise geht es ruckzuck: Spätestens nach vier Wochen hat der Schwiegersohn den Lehrstuhl inne und die Tochter ist versorgt (denn Lehrstühle werden inzwischen auf Lebenszeit vergeben). Bewundernswert, der prompte Geschäftsgang der guten alten Zeit: heute braucht man für das gleiche Ergebnis jahrelange Berufungsverhandlungen.
Natürlich gabe es auch damals schon Leute, die sich nicht an klare Regeln halten wollten oder konnten: Stänkerer eben oder Pechvögel. Dr. Kaspar Beusser zum Beispiel war so einer. Er bittet den Kurfürsten Georg Friedrich, ihm den freigewordenen Lehrstuhl im Zivilrecht zu übertragen. Um den Lehrstuhl hat er schon einmal gebeten, als nämlich der Inhaber, Dr. Valentinus Bleydenstatt, von "gefährlicher Leibesschwachheit" ergriffen wurde.

Hochwürdigster Kurfürst, Eure Kurfürstliche Gnaden seien meine untertänigste getreuwilligste Dienste in schuldigstem Gehorsam jederzeit bereit zuvoran. Gnädigster Herr!

Eure Kurfürstliche Gnaden mögen sich noch gnädigst daran erinneren, was an Diesselben Ich unlängst in untertänigster Bitte habe gelangen lassen: als damals Herr Dr. Valentinus Bleydenstatt in gefährlicher Leibesschwachheit begriffen gewesen, bat ich um seinen Lehrstuhl im Zivilrecht, der er bei hiesiger Universität innehat, falls selbiger Lerstuhl mit Bleydenstatts tödlichem Abgang freiwerden sollte. Da nun Herr Dr. Bleydenstatt, wie man mir berichtet, in verwichener Nacht sein Leben geendet, der Allmächtige liebe Gott wolle ihm väterlich gnädig und barmherzig sein, und also derselbe Lehrstuhl nunmehr ledig und Eure Kurfürstliche Gnaden anheim gefallen ist, so will ich meine damals abgegangne demütigste Bitte, und alles was ich mich damals gegen Eure Kurfürstliche Gnaden und dero Herrn Kanzler gehorsamst erbötigt gemacht, nochmals untertänigst wiederholen. Ich lebe in der getrosten Zuversicht, wenn dieser Lehrstuhl von Eurer Kurfürstlichen Gnaden etwa noch zur Zeit unvergeben sein sollte, daß Sie meine wenige Person vor anderen gnädigst nicht unbedacht lassen werden und empfehle hiermit Eure Kurfürstliche Gnaden der Göttlichen Obacht zu beständiger guter Leibesvermöglichkeit langwährender Kurfürstlichen Regierung und allem erwünschten Wohlstand, auch aber ganz untertänigst zu getreuesten immmermöglichsten schuldpflichtigsten Diensten. Gegeben Mainz, den 30 Juni Anno 1628
Ew. Kurf. Gnaden Untertänigster und gehorsamster Diener Caspar Beusser Dr.

Beusser bekommt die Professur nicht, denn sein Schwiegervater, kurfürstlicher Kanzler und einflußreicher Professor der juristischen Fakultät, ist schon seit 14 Jahren tot. Erfolgreich war ein Dr. Pfingsthorn, dessen Brief ähnlich höflich und dessen Schwiegervater lebendig war. Die Nutzanwendung für den potentiellen Professorenschwiegersohn ist: Bevor Du um dein Schätzli wirbst, schätze wann der Alte stirbt.
Paris
Nun gab es nicht nur Professoren an der Uni, sondern auch Studenten - aber immer weniger. Die Professoren jedoch, mit mageren Pfründen und anspruchsvoller Gattin - ihr verdankte man ja die Stelle - waren auf Hörergelder und lukrative Privatkollegien angewiesen. Sie lasen 20-30 Stunden die Woche und lechzten nach Hörern. Hierin lag ein Keim des Verderbens, da der Reiz des Studiums damals nur im freien Lebenstil, in der Befreiung vom Militärdienst und im Prestige der Grade lag, letzteres aber immer schäbiger wurde, blieb den Professoren nur, sich mit milder Justiz und milden Prüfungen gegenseitig die Studenten wegzulocken. Das Niveau sank, was mit der Zeit auffiel und die Grade weiter entwerteten, so daß der alte Anspruch der Graduierten auf sichere Pöstchen immer illusionärer wurde. Dies wiederum hielt die Jugend davon ab, ihre Zeit an der Uni zu vertrödeln. Ein Teufelskreis kam in Gang.
Denn die Ideen von Forschung und Lehrfreiheit sind der Uni immer noch fremd. Sie ist realitätsfeindlich, sieht ihre Aufgabe nur in der Vermittlung bestimmter durch Tradition und Autorität geheiligter lateinischer Texte, die seit Generationen die gleichen waren. So gründet die universitäre Medizin nach wie vor auf Galen und Hippokrates, verwendet esoterische Behandlungsmethoden wie zum Beispiel Aderlass und bleibt Quacksalberei bis ins 19. Jahrhundert. Geforscht wird in den Akademien, dort blühen die aufkommenden Naturwissenschaften.
Doch im Zeitalter der Aufklärung ist das Publikum kritischer geworden. Es fordert brauchbare Kenntnisse und macht sich lustig über die leere Bücherweisheit der Professoren. Die Unis seien "mönchische Anstalten, die sich mit gelehrten Grillen beschäftigen" sagte beispielweise Leibnitz.
Weil die alten Unis nicht reformfähig sind, werden neue gegründet. Die herausragendste dieser Neugründungen ist Göttingen (1734). In Göttingen wird das wesentliche Element des Zunftwesens, die Kooptation, aufgehoben: Der Kurator Gerlach von Münchhausen ernennt die Professoren ohne Mitwirkung der Fakultäten. Sei es, daß die Professoren dadurch mehr Zeit hatten, sich um ihr Fach zu kümmern, sei es, daß Münchhausen mehr Spürsinn hat als ein Professorenkomitee: in Göttingen sammelt sich was Ehrgeiz hat, hier gibt es Lehrfreiheit und Naturwissenschaft.
Den anderen Unis scheint es gegen Ende des 18. Jahrhunderts an den Kragen zu gehen: Pädagogen, Politiker und Philosophen wollen die "im Zunftwesen erstarrte" Uni abschaffen. Erstere zugunsten von Fachhochschulen, letztere zugunsten einer Art Akademie.
Auch die Professoren machen sich Gedanken. Der Juraprofessor Franz Hartleben schreibt 1783 für den Mainzer Kurator Bentzel ein Gutachten zur Reform der Mainzer Uni. Darin heißt es: "Würde es ein reizender Vorzug seyn, wenn in den Privilegien den Professoren zugesichert würde, daß bey Begebung der Professuren (...) ihre Kinder, falls sie die erforderliche Fähigkeit haben, allen anderen vorgezogen werden sollten."

Erstveröffentlichung: Mai 1995



Letzte Änderungen: 08.09.2004





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