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Götter, Geister und Designer müssen draußen bleiben

Auf vielfachen Wunsch ist das Interview mit Ulrich Kutschera zum Thema Kreationismus (siehe Laborjournal 6/2006) nun auch online verfügbar.

(22.06.2006) Der Kasseler Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera ist Experte für die Umtriebe deutscher Kreationisten. Seit zwanzig Jahren kämpft er in Artikeln, Büchern und Interviews gegen ihre religiös motivierte Evolutionskritik. Laborjournal befragt Kutschera über die Hintergründe der Bewegung, den Umgang mit Kreationisten und die aktuelle Situation in Deutschland...

Laborjournal: Die neueste Spielart des Kreationismus heißt "Intelligent Design" und kommt aus den USA. Warum hat die Bewegung dort so großen Einfluss?

Ulrich Kutschera: Die Verfassung der USA schreibt eine strikte Trennung von Staat und Kirche vor, daher gibt es an amerikanischen Schulen keinen Religionsunterricht. Nun sind 53 Prozent aller US-Amerikaner bibeltreue, meist evangelikale Christen. Viele wünschen, dass die biblische Schöpfungsgeschichte auch in der Schule gelehrt wird. Da es aber keinen Religionsunterricht gibt, wird versucht, die biblische Schöpfungslehre im Biologie-Unterricht zu verankern.

LJ: Bisher noch ohne Erfolg.

Kutschera: Ja, der Kreationismus ist schon mehrmals vor amerikanischen Gerichten gescheitert - erst die klassische Schöpfungslehre, dann der sogenannte "Wissenschaftliche Kreationismus" (creation science) und jetzt zuletzt die "Intelligent Design" (ID)-Bewegung. Im Dezember 2005 hat sogar ein konservativer Bundesrichter, der von Präsident Bush eingesetzt worden war, entschieden, dass ID Religion ist und somit nicht im Biologie-Unterricht gelehrt werden darf. Der Richter hat erkannt, dass es keine positiven Beweise für das Wirken eines Intelligenten Designers gibt und dass sich ID der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit entzieht. Es ist jetzt offiziell: "Intelligent Design" ist keine Wissenschaft, sondern Kreationismus in neuem Gewand.

LJ: Was hat sich in der Argumentation der Intelligent Design-Bewegung geändert?

Kutschera: Laut klassischem Kreationismus, der unter anderem von dem US-Ingenieur Henry Morris populär gemacht wurde, lässt sich der Ursprung der Arten rekonstruieren, wenn man die Bibel nur genau genug liest. Der "Wissenschaftliche Kreationismus", der ab 1980 aufkam, macht schon mehr Zugeständnisse an den naturwissenschaftlichen Kenntnisstand: Man erkennt das Alter der Erde an und auch die Mikroevolution, die Artbildungsprozesse. Nur die Makroevolution, also die Entstehung neuer Baupläne, wird abgelehnt. Der "Scientific Creationism" wurde 1987 von einem US-Gericht als Religion enttarnt und darf nicht im Schulunterricht gelehrt werden. 1990 hat man sich etwas Neues ausgedacht...

LJ: ...Intelligent Design...

Kutschera: ...hier gibt es nun keinerlei Bibelbezug mehr. Man spricht von einem Intelligenten Designer, nicht mehr vom biblischen Gott. Es gibt sogar ID-Anhänger, die sagen, Außerirdische könnten dahinter stecken. Das hab' ich mir mal auf einer Tagung sagen lassen dürfen. Allerdings sind alle prominenten ID-Anhänger gläubige Christen. Die ID-Vertreter erkennen das Erdalter an, die natürliche Selektion teilweise und die Mikroevolution uneingeschränkt. Sie lehnen aber ab, dass alles auf natürliche Art und Weise entstanden sei. Kernstück der ID-Theorie ist das Konzept der irreduziblen Komplexität der US-ID-Theoretiker Michael Behe und William Dembski. Danach seien Lebewesen so komplex gebaut, dass sie nicht auf Physik und Chemie reduziert werden können. Ihr Paradebeispiel ist die Bakterien-Flagelle. Die soll so kompliziert sein, dass nur ein übernatürliches, intelligentes Wesen sie "designed" haben kann.

LJ: Wie kam es zu Ihrem Engagement gegen den Kreationismus?

Kutschera: Als Postdoc in den USA habe ich die Debatte über den "Wissenschaftlichen Kreationismus" direkt mitbekommen. Wir haben 1987 in Stanford beim Pipettieren die Gerichtsverhandlungen im Radio mitverfolgt und darüber diskutiert. Ein deutscher Postdoc an der Michigan State University erzählte mir ein Jahr später, dass der Kreationismus auch in der BRD gut Fuß fasst und es sogar ein kreationistisches Schulbuch gibt. Das war der Vorläufer von "Evolution - ein kritisches Lehrbuch" von Reinhard Junker und Siegfried Scherer - letzterer ein Mikrobiologe an der TU München, der den Kreationismus in seiner deutschen Version verbreitet. 1988 bin ich mit der Erkenntnis nach Deutschland zurückgekehrt, dass Kreationismus kein US-Phänomen ist. Ich habe die Sache dann systematisch verfolgt und dokumentiert. Daraus sind eine Reihe Publikationen entstanden, nicht zuletzt mein Buch "Streitpunkt Evolution". Im Oktober 2002 wurde dann auf dem Biologentag in Potsdam unter meiner Leitung die AG Evolutionsbiologie des VdBiol gegründet.

LJ: Wer sind die Mitglieder der AG Evolutionsbiologie und was sind ihre Ziele?

Kutschera: Es ist ein Zusammenschluss von über fünfzig in Lehre und Forschung tätigen Evolutionsbiologen im deutschsprachigen Raum, die klar und öffentlichkeitswirksam Position beziehen gegen unwissenschaftliche Schöpfungslehren. Es kann nicht sein, dass ein Schüler, der für ein Referat recherchiert und "Makroevolution" bei Google eingibt, sofort bei den Kreationisten landet. Das Internet ist durchsetzt mit kreationistischen Parolen. Darum haben wir ein Portal eingerichtet, das wissenschaftlich fundierte Informationen zur Evolutionstheorie bietet. Wir müssen immer wieder zeigen, dass antievolutionistische Argumentationsstrategien unhaltbar und unwissenschaftlich sind.

LJ: Ist Deutschland denn so empfänglich für kreationistische Ideen?

Kutschera: Nach der letzten Spiegel-Umfrage im Dezember 2005 sind etwa 20 Prozent aller Deutschen Kreationisten, also christliche, bibeltreue Evolutionsgegner. Sie müssen bedenken, dass es auch in Deutschland eine große evangelikale Bewegung gibt. Mehr als 1,3 Millionen Deutsche sind evangelikale Christen mit fundamentalistischem Bibelverständnis, die die Evolution kategorisch ablehnen. Dazu kommen die Zeugen Jehovas und andere Sekten. Das ergibt ein enormes Leserpotential für entsprechende Bücher. Deshalb blüht ja auch der Buchmarkt zum Anti-Evolutionismus so bunt. Sogenannte "Sachbücher" wie "Darwins Irrtum" oder "Die Evolutionslüge" des Esoterikers Hans-Joachim Zillmer werden im Handel neben dem letzten Werk von Ernst Mayr angeboten und erreichen hohe Auflagen. Diese pseudowissenschaftlichen Machwerke wurden in andere Sprachen übersetzt und von einer großen Fangemeinde gelesen. Seriöse Evolutions-Fachbücher führen im Buchhandel hingegen ein Schattendasein.

LJ: Wie stehen die großen Kirchen zu dem Thema?

Kutschera: Deren offizielle Stellungnahme lautet: Evolution ja, aber von Gott gelenkt. Das ist die sogenannte theistische Evolutionssicht, wie sie auch in der Botschaft von Johannes Paul II. im Jahr 1996 zum Ausdruck kam. Aber der Wiener Kardinal Schönborn hat die Sache aufgeweicht und mit ihm haben sich Teile der katholischen Kirche öffentlich hinter die ID-Bewegung gestellt. In der evangelischen Amtskirche akzeptiert man die Evolutionstheorie weitgehend, aber, wie gesagt, immer vom biblischen Gott gelenkt: Hinter der Evolution stecke ein göttlicher Plan. Unsere naturwissenschaftliche Sicht der Welt wird von den Amtskirchen nicht geteilt. Größere Konflikte gibt es aber keine.

LJ: Welche Organisationen stehen in Deutschland hinter dem Kreationismus?

Kutschera: In erster Linie die Evangelikalen, die Zeugen Jehovas sowie kleinere Gruppierungen, die die wissenschaftliche Denkweise ablehnen. Eine einflussreiche Organisation ist die Anfang der 1980er Jahre gegründete "Studiengemeinschaft Wort und Wissen". Über "Wort und Wissen" und den Ableger "Genesisnet" ist ein Netzwerk in Deutschland entstanden, in dem auch zahlreiche Professoren Mitglieder sind, in erster Linie aus den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften sowie der Informatik. Einige Biologen sind auch bei "Wort und Wissen" aktiv. Man beschäftigt vier hauptamtliche Mitarbeiter, die nichts anderes tun als kreationistische Dogmen zu verbreiten: Vorträge halten, Internet-Beiträge platzieren, Bücher verfassen und auf Info-Ständen vertreiben, Schulungen und Studenten-Treffen veranstalten, Kinder über entsprechendes Informationsmaterial zu Anti-Evolutionisten erziehen und so weiter.

LJ: Wie sieht der Kreationismus aus, den sie propagieren?

Kutschera: Angefangen haben sie circa 1983 mit dem klassischen Kreationismus nach Henry Morris. Die alten Texte sind allerdings inzwischen aus dem Internet verschwunden. Damals ging es ihnen darum, ein bibeltreues Verständnis der Welt im Schulunterricht zu verankern, unter anderem über das Buch "Geschichte und Entstehung der Lebewesen, Daten und Deutungen für den Biologie-Unterricht" von Reinhard Junker und Siegfried Scherer (Erstauflage 1986). Junker war damals noch Biologie-Lehrer, später hat er einen Doktortitel in Theologie erworben. Scherer war an der Uni Konstanz und wurde dann auf eine C3-Professur nach München berufen. Die TU München hat damals einem bekennenden Junge-Erde-Kreationisten eine Propaganda-Plattform eingerichtet. Inzwischen wurde Herr Scherer hausintern auf einen Lehrstuhl befördert. Dies zeigt, welche kreationistischen Netzwerke gesponnen wurden.

LJ: Welche Spielart des Kreationismus vertritt "Wort und Wissen" heute?

Kutschera: Immer noch einen konservativen Bibelglauben. Neuerdings sympathisieren sie auch mit der US-ID-Bewegung. Aber es wird auch eine spezifisch deutsche Version des Kreationismus propagiert: das sogenannte Grundtypen-Konzept. Nach diesem Dogma wurden vor maximal 10.000 Jahren so genannte "Grundtypen" erschaffen - Hühnervögel, Weizenartige, Menschen. Die sollen dann über rasche Mikroevolutionsvorgänge die heutige Biodiversität hervorgebracht haben.

LJ: Und die Zeugen Jehovas?

Kutschera: Wir haben einen aktiven Zeugen Jehovas, der als Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung (MPIZ) in Köln Pro-ID-Propaganda betreibt.

LJ: Sie meinen Wolf-Ekkehard Lönnig. Ist die Affäre um ihn nicht inzwischen ausgestanden?

Kutschera: Nein, ich habe kürzlich im Internet noch einmal nachgeschaut. Wenn Sie am MPIZ Köln auf die Internetseite gehen, kommen Sie zur molekularen Pflanzengenetik von Heinz Saedler und von dort auf die Seite der Gruppe Lönnig. Es gibt dort nicht nur einen Link auf seine private Internetseite, wo Sie am laufenden Meter Propaganda gegen die Evolution abrufen können, sondern auch eine Seite unter "persönliche Meinung". Dort kann man einen Pro-ID-Aufsatz in englischer Sprache finden, mit der Dienstadresse von Lönnig. Die Institution MPIZ Köln hat sich somit bis heute nicht von diesen pseudowissenschaftlichen Thesen öffentlich distanziert. Im Grunde wird die Internetseite des MPIZ Köln noch immer als Verteiler zur Verbreitung von ID missbraucht. Es gibt übrigens noch einen zweiten bibeltreuen Christen am MPIZ Köln, einen Werner J. Gieffers, der sich - wie Lönnig und Scherer - mit dem Berliner Filmemacher Fritz Poppenberg zusammmengetan hat und kreationistische Videos bewirbt - immer unter Nennung des Namens MPIZ Köln, der Seriosität wegen.

LJ: Was sollte man dagegen tun?

Kutschera: Ich habe mehrfach versucht, unter Mithilfe des Präsidenten der MPG diese Praktiken zu unterbinden, aber es scheint nach deutschem Recht erlaubt zu sein, unter der Dienstadresse pseudowissenschaftliche Thesen zu verbreiten. Und so werden die mit unglaublichen Falschaussagen durchsetzten, die Wissenschaft pervertierenden Poppenberg-Kreationistenfilme noch immer mit dem Markenzeichen "Dr. Lönnig /Dr. Gieffers, MPIZ Köln" im Internet beworben. Auch die TU München wird noch immer auf der Werbeseite Poppenbergs genannt. Unzählige Schüler und Lehrer sind dadurch verunsichert und in die Irre geführt worden. Ein Laie denkt: Das sind MPIZ und TUM-Wissenschaftler mit akademischen Titeln. Die vertreten vielleicht einen alternativen Standpunkt, der von den "Normal-Biologen" nicht geteilt wird, aber an der Sache muss was dran sein.

LJ: Läuft das nicht unter Meinungsfreiheit?

Kutschera: Man muss die Meinungsfreiheit hoch halten: Lönnig et al. können selbstverständlich als Privatleute ihre kreationistischen Thesen verbreiten. Ich bestreite jedoch, dass jemand pseudowissenschaftlichen Humbug von sich geben und mit "Senior Scientist am MPIZ" unterschreiben darf, wie es Gieffers und Lönnig tun. Ein "Senior Scientist" ist ein Postdoc auf Lebenszeit, aber ein Außenstehender könnte denken, es wäre ein Institutschef. Diese Leute missbrauchen den Namen renommierter Institutionen, um ihren kreationistischen Parolen einen offiziellen, wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Kann das im Sinne des Steuerzahlers sein? Wir bezahlen unsere Forscher dafür, dass sie die wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise pflegen und nicht für die Verbreitung von Humbug.

LJ: Soll man sich als Wissenschaftler der öffentlichen Diskussion mit Kreationisten stellen oder eher nicht?

Kutschera: Das ist ein delikates Problem. Ich habe vor kurzem das Angebot abgelehnt, in Erfurt öffentlich mit dem Herrn Kollegen Scherer zu diskutieren. Ein solcher Dialog hätte nur signalisiert, dass unsere Ansichten gleichwertig sind. Das hätte mehr Schaden als Nutzen gebracht. Ich halte öffentliche Diskussionen für kontraproduktiv, weil beim Laien die Botschaft hängen bleibt, dass innerhalb der Biologie über die Evolution gestritten würde, was nicht stimmt. Ich empfehle, Auseinandersetzungen schriftlich zu führen. Deshalb bin ich auch Kardinal Schönborns Bitte, mit ihm im Österreichischen Fernsehen zu diskutieren, nicht nachgekommen. Mein Stellvertreter Thomas Junker ist der Einladung gefolgt. Die Organisatoren haben ihm vier bibeltreue Personen gegenüber gesetzt und ihm immer dann das Wort entzogen, wenn er ein Argument einbringen wollte - eine erbärmliche Methode zum Schutz religiöser Dogmen.

LJ: Wie gehen Sie denn mit Leuten um, die sagen: Die Evolutionstheorie verletzt meine religiösen Gefühle?

Kutschera: In der AG Evolutionsbiologie gibt es einige Biologen, die gläubig sind. Das widerspricht sich nicht, solange sie ihren Glauben nicht mit Wissenschaft vermengen. Und nehmen Sie den berühmten Theodosius Dobzhansky, von dem der Satz stammt: "Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Evolution." Dieser Hauptarchitekt der Synthetischen Theorie der biologischen Evolution war gläubiger Christ, der regelmäßig in die Kirche ging! Nicht der Glaube ist das Problem, sondern die Tatsache, dass Kreationisten diesen mit wissenschaftlichen Fakten vermischen, zu einer Art "Theo-Biologie".

LJ: Ist das Ihre Hauptmotivation, dem etwas entgegenzuhalten?

Kutschera: Ich will die wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise verteidigen. Wenn wir kreationistische Thesen zulassen - im Biologie-Unterricht oder anderswo -, dann müssen wir auch dem erdstrahlengläubigen Physiker erlauben, mit der Wünschelrute durch das Klassenzimmer zu laufen, und die homöopathiegläubige Chemielehrerin darf das Märchen vom Gedächtnis des Wassers unterrichten. Als nächstes kommen die Kaffeesatzleser und Astrologen. Zum Schluss lösen sich die Naturwissenschaften in Mystizismus auf und wir landen wieder im Mittelalter. Das kann nicht im Sinne eines aufrichtigen Wissenschaftlers sein.

LJ: Aber auch die moderne Naturwissenschaft hat ja gewisse philosophische Vorbedingungen.

Kutschera: Als Naturwissenschaftler muss ich den kritischen Realismus akzeptieren. Ich muss davon ausgehen, dass es eine reale Welt gibt, die nicht nur mein Traum ist. Des weiteren muss ich den Naturalismus anerkennen, dass es also Steine, Berge, Pflanzen und Tiere wirklich gibt. Und drittens muss ich abstrakte Fakten akzeptieren. Wenn wir zwanzig Skelette von T. Rex gefunden haben, die etwa 66 Millionen Jahre alt sind, muss ich es als Faktum hinnehmen, dass es im Mesozoikum einmal Populationen von Riesen-Dinosauriern gegeben hat, die später ausgestorben sind. Wer weder Realismus, noch Naturalismus, noch abstrakte Fakten akzeptiert, der hat in den Naturwissenschaften keine Perspektive.

LJ: Das schließt Gott aus?

Kutschera: Es gibt einen Generalkonsens, man könnte auch sagen einen Berufsethos: Nur Dinge, die experimentell und durch Dokumente nachweisbar sind, sind Gegenstand der Wissenschaft. Der Naturalismus ist die wissenschaftstheoretische Grundlage aller Naturwissenschaften. Götter, Geister und Designer können nicht Gegenstand der Theorienbildung sein. Es gibt weder Gottesbeweise noch positive, empirische Belege für das Wirken eines Intelligenten Designers. Wenn einer behauptet, ein Intelligenter Designer hätte die Bakteriengeißel gebastelt, dann muss ich als Wissenschaftler sagen: Wo sind die positiven Befunde? Diese gibt es nicht! Genauso wenig wie es einen reproduzierbaren Beleg dafür gibt, dass Wasser Informationen speichern kann. Das sind Märchen. In den Naturwissenschaften zählen nur Tatsachen.

LJ: Was entgegnet man dann einem Kreationisten, der einem vorwirft, die Evolutionstheorie sei doch auch nur eine Theorie?

Kutschera: Das ist als würde man sagen, Atome seien nur eine Theorie. Solche Aussagen zeugen schlicht und einfach von der Unkenntnis wissenschaftlicher Begriffe. In der Biologie basieren Theorien immer auf Fakten. Theorien sind gesicherte Hypothesensysteme und Hypothesen sind Interpretationen von Fakten, die sich immer wieder bewährt und erhärtet haben. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Evolution stattgefunden hat. Und die moderne Evolutionstheorie erklärt diesen Prozess des Andersartigwerdens der Organismen im Verlaufe der Jahrmillionen.

LJ: Die Kreationisten stellen Evolutionsbiologen gerne als Dogmatiker dar. Wie wehrt man sich dagegen?

Kutschera: Dieter Althaus, Ministerpräsident von Thüringen, hat mich in mehreren Interviews als "evolutionsgläubigen Darwinisten" bezeichnet. Dazu kann ich nur sagen: Wenn man - wie diese Bezeichnung andeutet - die Evolutionsbiologie für eine dogmatische Weltanschauung hält, dann muss man das auch für die Biologie insgesamt annehmen, ja für alle Naturwissenschaften. Dann wären Chemiker atomgläubige Daltonisten und Physiker photonengläubige Einsteinisten. Es gibt keinen rationalen Grund, sich die Evolutionsbiologie aus der Wissenschaft herauszugreifen und dann plötzlich mit biblischen Dogmen zu kommen, als seien diese ein ernsthaftes Konkurrenzmodell. Physiker würden nicht ernsthaft den Erdstrahlenglauben diskutieren, wir Biologen lehnen aus demselben Grund den ID-Kreationismus ab.

LJ: Mit welchen Argumenten muss man sich in der Diskussion mit Kreationisten noch herumschlagen?

Kutschera: Häufig wird so getan, als repräsentiere Darwins Artenbuch in seiner sechsten Auflage von 1872 unseren Kenntnisstand 2006. Dem muss man entgegenhalten, dass die Synthetische Theorie der Evolution weit über Darwin hinaus geht. Man muss verlangen, dass die Evolutionsbiologie in ihrer modernen Version zur Kenntnis genommen wird. Beliebt ist zudem, die Existenz von Zwischenformen zu leugnen. Daher habe ich das "Buch der Zwischenformen" verfasst, welches gerade bei Ulmer erschienen ist unter dem Titel "Evolutionsbiologie, 2. Auflage, 2006". Denn es gibt so viele connecting links, rezent wie fossil, dass es langweilig wird, sie immer wieder aufzuzählen. Aber die werden einfach ignoriert. Von den Altersbestimmungsmethoden wird gesagt, sie seien unzuverlässig. Das ist unhaltbar. 2004 wurde die geologische Zeitskala vereinheitlicht, nachzulesen in der 600 Seiten starken Monografie "A Geological Time Scale 2004", mit Tausenden von Datierungen. Es gibt keine Zweifel mehr am Alter der Erde und der Fossilabfolgen.

LJ: Vielleicht kann man die Auseinandersetzung mit den Kreationisten konstruktiv sehen, als Herausforderung, offene Fragen zu beantworten?

Kutschera: Selbstverständlich gibt es offene Fragen. Es wird immer ungelöste Probleme geben. Aber die Frage, ob Evolution stattgefunden hat und ob sie andauert, die ist seit 1859 entschieden. An diesem Punkt greifen die Evolutionsgegner an. Da kann man nur immer wieder sagen: Die in der Paläontologie datierten Fossilreihen beweisen, dass Evolution stattgefunden hat, und die aktuelle Neontologie-Forschung belegt, dass die biologische Evolution andauert.

LJ: Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Interview!

Brynja Adam-Radmanic

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Ulrich Kutschera sitzt auf dem Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie der Universität Kassel. Er ist Vizepräsident im Verband Deutscher Biologen (VdBiol) und Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie (www.evolutionsbiologen.de).

Aktuelle Buchveröffentlichungen:

- Prinzipien der Pflanzenphysiologie, 2. Auflage, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2002;

- Streitpunkt Evolution, LIT-Verlag, Münster, 2004;

- Evolutionsbiologie, 2. Auflage, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2006. (Hierin sind viele Sachinformationen nachlesbar, die im Interview ausgesprochen sind. Klicke hier)

Kommentare zu diesem Artikel

Prof. Kutschera versucht in dem Interview seinen Kollegen Scherer, der immerhin einen Lehrstuhl an einer der angesehensten deutschen Universitäten anvertraut bekommen hat, als kreationistischen Pseudowissenschaftler herabzusetzen, und unterstellt sogar, Scherer verdanke seine Professor wohl eng gesponnenen Èkreationistischen NetzwerkenÇ. Da präsentiert Kutschera eine äußerst unappetitliche Mischung aus Kollegenverleumdung und antikreationistischer Paranoia. Tatsächlich ist ein Lehrstuhl in München (Scherer) doch wirklich was; aber ein Professor in Kassel (Kutschera), was ist das schon, das klingt gar so nicht gut.... Denn die Gesamthochschule-Universität Kassel galt doch auch noch zur Zeit von Kutscheras Berufung als eine bekannte akademische Endstation für (halb-)linke, feministische und lindgrüne IdeologInnen und NetzwerkerInnen jeder Couleur. Und die sollte man doch - da wird sicherlich auch Kutschera mir zustimmen - wissenschaftlich mit größter Vorsicht genießen... Genau das kommt dabei heraus, wenn man Kutscheras Argumentationsstil einmal auf ihn selber anwendet. So ýein Professor aus KasselÑ sollte also ganz vorsichtig sein, wenn er meint, einen renommierten Professor aus einer anderen deutschen Universität verunglimpfen zu müssen! Herr Kutschera tut sich selber und vor allem der guten Sache der Evolutionsbiologie einen Gefallen, wenn er künftig bei evolutionstheoretischen Sachargumenten bleibt - aber da wird die Luft für darwinistische Dogmatiker bekanntlich zi

Georg Menting, 14-Jul-2006 19:34:55


Die Ansichten des Herrn Kutschera kann ich nicht unkommentiert lassen, da sie nicht den Tatsachen entsprechen. Die wissenschaftliche Denkweise als allein gültig im Gegensatz um Glauben darzustellen, ist zu quasi dogmatisch. Dann wiederum davon zu sprechen, dass Glaube und Wissenschaft sich nicht wiedersprechen ist paradox. Dass nichts in der Biologie einen Sinn ergibt, außer im Lichte der Evolution, ist daher sinnlos. - Dazu weitere Infos: DER SPIEGEL (52/1998) - 21.12.1998: Titel "Der erschöpfte Schöpfer. Die Astronomen entdecken Gott": Viele Himmelsforscher können sich die immer wundersamer erscheinende Entstehung des Universums nur durch einen Weltenlenker erklären. Der Papst verkündete schon die Versöhnung von Glauben und Wissen. LINK: service.spiegel.de/digas/servlet/find/DID=8453486 - "Die Naturwissenschaften braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln. Religion und Naturwissenschaft schließen sich nicht aus, wie heutzutage manche glauben und fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander. Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller Überlegungen." Max Planck (1858-1947), deutscher Physiker, Begründer der Quantentheorie - "Das strahlende Bild des Nazareners hat einen überwältigenden Eindruck auf mich gemacht. Es gibt nur eine Stelle in der Welt, wo wir kein Dunkel sehen. Das ist die Person Jesu Christi. In ihm hat sich Gott am deutlichsten vor uns hingestellt." Albert Einstein (1879-1955), zitiert in Konstan

towo, 11-Jul-2006 12:56:40


Götter, Geister und Designer müssen draußen bleiben - Hierzu weitere Infos: DER SPIEGEL (52/1998) - 21.12.1998: Titel : Der erschöpfte Schöpfer. 2Die Astronomen entdecken Gott": Viele Himmelsforscher können sich die immer wundersamer erscheinende Entstehung des Universums nur durch einen Weltenlenker erklären. Der Papst verkündete schon die Versöhnung von Glauben und Wissen. Link: service.spiegel.de/digas/servlet/find/DID=8453486 "Die Naturwissenschaften braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln. Religion und Naturwissenschaft schließen sich nicht aus, wie heutzutage manche glauben und fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander. Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller Überlegungen." Max Planck (1858-1947), deutscher Physiker, Begründer der Quantentheorie. "Das strahlende Bild des Nazareners hat einen überwältigenden Eindruck auf mich gemacht. Es gibt nur eine Stelle in der Welt, wo wir kein Dunkel sehen. Das ist die Person Jesu Christi. In ihm hat sich Gott am deutlichsten vor uns hingestellt." Albert Einstein (1879-1955), zitiert in Konstanzer Kalender 9. März 2004. "Die moderne Physik führt uns notwendig zu Gott hin, nicht von ihm fort. - Keiner der Erfinder des Atheismus war Naturwissenschaftler. Alle waren sie sehr mittelmäßige Philosophen." Sir Arthur Stanley Eddington (1882-1946), englischer Astronom und Physiker. Religion, Kunst und Wissens

towo, 03-Jul-2006 11:52:30


Götter, Geister und Designer müssen draußen bleiben - Die Ansichten des Herrn Kutschera kann ich nicht unkommentiert lassen, da sie nicht den Tatsachen entsprechen. Die wissenschaftliche Denkweise als allein gültig im Gegensatz um Glauben darzustellen, ist zu quasi dogmatisch. Dann wiederum davon zu sprechen, dass Glaube und Wissenschaft sich nicht wiedersprechen ist paradox. Dass nichts in der Biologie einen Sinn ergibt, außer im Lichte der Evolution, ist daher sinnlos. Dass Zeugen Jehovas eine Sekte sind ist falsch. Torsten K. Wottgen

towo, 30-Jun-2006 13:23:31






Letzte Änderungen: 07.07.2006
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