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Rückkehr ja, aber...

Wollen deutsche Forscher aus den USA wieder zurück? Die Gemeinschaftsinitiative GAIN von DFG, DAAD und Alexander von Humboldt-Stiftung bietet Hilfe. Ein Gespräch mit Katja Simons, die das New Yorker GAIN-Büro leitet.

(22.11.2005) Der sogenannte "brain drain" ist nach wie vor ein heiß diskutiertes Thema, in dessen Zusammenhang häufig der Ausdruck "brain gain" fällt. Wer aber denkt, dass es sich dabei nur um ein nettes Wortspiel handelt, der hat sich geirrt. Denn es gibt tatsächlich eine Organisation, die sich diesen "brain gain" zum Ziel gemacht hat - die Gemeinschaftsinitiative GAIN (German Academic International Network) der Wissenschaftsorganisationen DFG, DAAD und Alexander von Humboldt-Stiftung. Laborjournal sprach mit Katja Simons, der Projektleiterin dieser Initiative, die ihren Sitz in New York in der DAAD Außenstelle hat.

LJ: GAIN versteht sich als eine Anlaufstelle für deutsche Wissenschaftler in Nordamerika. Was sind Ihre Missionen?

Katja Simons: Wir wissen ja, dass sehr viele junge deutsche Wissenschaftler in die USA gehen, um dort zu arbeiten, Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. Mit GAIN möchten wir aber denen, die sich in Nordamerika aufhalten, neue Perspektiven für eine Fortsetzung ihrer Laubahn in Deutschland geben. Die Mission ist sozusagen, Rückkehrwilligen Information über Möglichkeiten in Deutschland zu bieten. Natürlich geht es nicht nur um Rückkehrförderung im engeren Sinne, sondern auch um das Kontakt halten und die weitere wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den deutschen Wissenschaftlern, die sich für einen längerfristigen Aufenthalt in den USA entschieden haben.

LJ: Wie sieht die Umsetzung Ihrer Ziele in der Praxis aus?

Katja Simons: GAIN ist ein Informations- und Kontaktportal. Zum einen organisieren wir kleinere lokale Veranstaltungen, aber auch Großveranstaltungen mit viel Prominenz aus Deutschland - wie gerade in San Diego, zusammen mit den Wissenschaftsorganisationen und der German Scholars Organisation. Wir hatten das letztes Jahr unter GAIN-Federführung in Cambridge mit den Präsidenten der DFG, der Max-Planck-Gesellschaft, der Hochschulrektorenkonferenz und vielen Vertretern der außeruniversitären Einrichtungen, Stiftungen und Wirtschaftsunternehmen. In New York haben wir auch mal eine Gesprächsrunde mit Nobelpreisträger Günter Blobel gehabt. Außerdem konnten wir dieses Jahr acht GAIN-Nominees zur Lindauer Nobelpreisträgertagung an den Bodensee schicken. Weiter haben wir eine Webseite mit Informationen (www.gain-network.org), auf der man sich auch in ein Online-Wissenschaftlerverzeichnis eintragen kann.

LJ: Wie wird dieses Verzeichnis angenommen? Besteht reger Austausch untereinander?

Katja Simons: Wir müssen noch evaluieren, wie das angenommen wird. Wichtig ist aber, dass das Online-Verzeichnis eine Anregung aus der Community selbst war. Mittlerweile haben sich etwa 300 von den 1000 Personen im Netzwerk in das Online-Verzeichnis eingetragen. Natürlich wissen wir aber, dass das Internet nur begrenzt Kontakte etablieren kann und dass der Austausch bei Veranstaltungen, das "face to face", wichtiger ist.

LJ: Gibt es noch weitere Wege, auf denen Sie informieren?

Katja Simons: Wir haben auch einen monatlichen Newsletter, in dem wir die Nachwuchswissenschaftler in Nordamerika gezielt informieren - zum Beispiel über die Lichtenbergprofessur der Volkswagenstiftung oder die neue BMBF-Förderung "ExistGo-Bio", eine Förderung von Biotech-Forscherteams. Denn je länger die Wissenschaftler hier sind, desto weniger wissen viele auch über die aktuellen Veränderungen in Deutschland.

LJ: Was interessiert denn vor allem?

Katja Simons: Zum Beispiel die Exzellenzinitiative und auch, wo werden sonst noch Stellen für Nachwuchswissenschaftler frei. Interesse besteht deshalb an neuen Programmen, zum Beispiel für Nachwuchsgruppenleiter von der Helmholtz-Gemeinschaft oder den Max-Planck-Nachwuchsgruppenstellen. Und an den Juniorprofessuren - da wissen noch nicht so viele, dass tenure track nach dem Hochschulgesetz sogar möglich ist. Klar, es gibt noch kein so etabliertes Verfahren wie in den USA. Das fordern die Leute hier natürlich: Wir kommen erst zurück, wenn wir wirklich auch eine klare Perspektive in Deutschland bekommen und nicht von einer befristeten Stelle zur anderen müssen. Das war zum Beispiel Thema der Tagung vor zwei Wochen am MIT-Faculty Club in Cambridge, zu der über 140 Wissenschaftler kamen. Wir haben über Hochschulentwicklung, Hochschulreform, wie auch über die Nachwuchsförderprogramme der DFG diskutiert. Die Leute waren sehr dankbar für die Informationen, aber bei solchen Veranstaltungen wird auch immer viel Kritik an den Verhältnissen in Deutschland laut.

LJ: Was sind die häufigsten Kritikpunkte?

Katja Simons: Im Vergleich mit den USA ist wichtig, jungen Wissenschaftlern frühzeitig unabhängige Forschung zu ermöglichen, Mittel zur Verfügung zu stellen und auch mehr Stellen. Die Juniorprofessur ist zum Beispiel ein erster Schritt, aber noch lange nicht genug. Zudem wird immer wieder erwähnt, dass Stellen klar und international ausgeschrieben werden müssen, wie auch das Verfahren zügiger, transparenter werden muss, damit es attraktiv ist.

LJ: Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Gesichtspunkt, den Deutschland ändern sollte, um seine "hellen Köpfe" aus dem Ausland zurückzugewinnen?

Katja Simons: Ich denke, das Wichtigste ist klare Karrierestrukturen und die Möglichkeit zum tenure track einzuführen. Da sind jetzt die Hochschulen gefragt. Sie sollten auch mal proaktiv Wunschkandidaten im Ausland umwerben.

LJ: Kommen denn Universitäten oder andere Forschungsinstitutionen bei dieser Suche konkret auf Sie zu?

Katja Simons: Bisher nicht. Deshalb vermitteln wir Informationen an die jungen Wissenschaftler selbst. Auf unserer Webseite finden sie zum Beispiel kommentierte Links zu über 30 Jobbörsen. Und natürlich wird im Newsletter veröffentlicht, wenn es wichtige Ausschreibungen und neue Möglichkeiten in Deutschland gibt.

LJ: In letzter Zeit wurde vermehrt diskutiert, dass der "brain drain" gar nicht so groß wäre und übersteigert dargestellt würde. Was sagen sie dazu?

Katja Simons: Es gibt keine wirklich verlässlichen Zahlen. Man kann es so sehen, oder auch so. Deutschland ist aber im europäischen Vergleich Spitzenreiter im Export von jungen Wissenschaftlern. Wir haben über 6000 promovierte deutsche Wissenschaftler in den USA, und das ist schon ein heftiges Potential. Was man auch nicht vergessen darf: es handelt sich um die Besten der Besten. Deswegen müssen wir uns auf alle Fälle um einen "brain gain" bemühen.

LJ: Die meisten Wissenschaftler wollen allerdings nur für ein paar Jahre bleiben.

Katja Simons: Das stimmt. Wir müssen aber trotzdem aufpassen, dass die nicht hängen bleiben. Ich denke, "brain drain" ist nach wie vor ein Thema. Denn die Leute sind schon versucht hier zu bleiben, da die Möglichkeiten in den USA sehr gut sind. Nachdem sich aber in Deutschland zur Zeit sehr viel tut, müssen wir darauf achten, dass diese Leute diese Entwicklung auch mitbekommen.

LJ: Wie ist die Erfolgsbilanz von GAIN in seinen ersten zwei Jahren? Haben Ihre Anstrengungen schon sichtbare Früchte getragen?

Katja Simons: Auf jeden Fall. Das zeigt der Zulauf bei Veranstaltungen und das Feedback der Wissenschaftler, die sagen, dass sie das Forum nicht mehr missen wollen und wirklich auch dankbar sind für das Signal: Ihr seid uns wichtig in Deutschland und wir tun etwas für Eure Situation daheim. Insofern ist die Bilanz sehr positiv. Aber klar, wir müssen GAIN immer weiter bekannt machen. Nordamerika ist groß und deshalb ist es auch nicht immer einfach, die Deutschen ausfindig zu machen. Zudem arbeiten wir auch immer mehr mit anderen nationalen Netzwerken zusammen. Dazu etabliert sich übrigens in den USA gerade ein europäisches Netzwerk für Wissenschaftler, das sich "ERA-Link" nennt- was für "European researchers abroad" steht.

Das Gespräch führte Annette Hupfer



Letzte Änderungen: 22.11.2005
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