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"Die Wunderforscher" - Siegfried Bärs Artikel
aus Laborjournal 10/2005, samt Reaktionen.

Leipziger Pharmazeuten publizieren eine Studie, mit der sie meinen die Wirksamkeit homöopathischer Präparate wissenschaftlich bewiesen zu haben. Kritik kommt überraschend wenig, obwohl die bitter nötig wäre. Siegfried Bär berichtet und kommentiert.

(15.11.2005) Leipzig ist als Universitätsstadt betrachtet eben so einzig in seiner Art, wie es an und für sich ist. Solch ein zweideutiges Gemisch von Ton, solch ein schielendes Ding von Volks- und Bürgercharakter trifft man im deutschen Reich ebenso wenig wieder wie das wunderbare Tier, das hier Student genannt wird. (Georg Friedrich Rebmann, der spätere Präsident des Mainzer Kriminalgerichtes, 1795 über Stadt und Universität Leipzig).

Seither hat sich, wie auch anderswo, einiges getan in Leipzig, und wie anderswo ist manches besser und vieles schlechter geworden. Die Leipziger Studenten beispielsweise, an denen Rebmann mit Ausnahme der Mediziner und Juristen wenig Gutes ließ, dürften sich kaum mehr von den Studenten anderer deutscher Universitäten unterscheiden. Der Lehrkörper der Leipziger Universität dagegen scheint sich in letzter Zeit einige geistige Knochenbrüche zugezogen zu haben. Darauf lässt die Publikation einer Leipziger Lehrstuhlinhaberin schließen, wie auch - vielleicht noch mehr - die Reaktion ihrer Leipziger Kollegen darauf.

Wirkung ohne ein Molekül

Am 14.11.2003 berichtete die Universität in einer Pressemeldung, dass die Diplomandin Franziska Schmidt und die Professoren Wolfgang Süß und Karen Nieber den mit 10.000 Euro dotierten Hans Heinrich Reckeweg-Preis erhalten hatten. Es sei ihnen der Nachweis gelungen, dass Lösungen von Belladonna auch dann noch wirksam seien, wenn sich kein Wirkmolekül mehr in der Lösung befinde. Voraussetzung sei, dass man nach den Regeln der Homöopathie verdünne. Zum Verdünnen müsse, wie bei den Martinis von James Bond, geschüttelt werden und nicht gerührt. Gewonnen wurden diese Erkenntnisse mit einem pharmakologischen Standardtest, der isometrischen Kontraktion des Rattendarms.

Nun sind die Abenteuer des Geheimagenten 007 glaubhafter als die Behauptung von Schmidt et al.. Bond mag die Wahrscheinlichkeit strapazieren, doch hält er sich wenigstens an physikalische Grundgesetze. Zudem sind die Geschichten nicht ernst gemeint.

Enormes Geschäft

Anders die Behauptungen von Süß, Schmidt und Nieber. Bei ihrer angeblichen erstmaligen Bestätigung der Homöopathie, die nach über 200 Jahren seit ihrer Erfindung in der Tat überfällig wäre, handelt es sich keineswegs um einen Jux auf Kosten gutgläubiger Presseleute. Die Behauptungen wurden im Februar 2004 in der Zeitschrift Biologische Medizin auf den Seiten 32-37 unter dem Titel "In Vitro Testung von homöopathischen Verbindungen" veröffentlicht.

Die Zeitschrift Biologische Medizin druckt naturheilkundliche und homöopathische Elaborate. Sie erscheint im Aurelia Verlag, der 1954 von Hans Heinrich Reckeweg gegründet wurde. Die verkaufte Auflage beträgt 16.000, die verbreitete seltsamerweise nur 15.800. Chefredakteurin der Zeitschrift ist Eva Schwartz, eine promovierte Biologin. Worüber sie promoviert hat, wollte sie mir nicht sagen, ebenso wenig, wer die 16.000 Hefte kaufe und wie sich die Differenz zur verbreiteten Auflage erkläre. Der Beirat der Zeitschrift besteht aus etwa 20 Medizinern, deren Namen mir ebenso unbekannt waren wie ihre wissenschaftlichen Verdienste.

Hans Heinrich Reckeweg (1905-1985) hatte eine Sonderform der Homöopathie, die Homotoxikologie, entwickelt. 1936 gründete er die Firma Heel, die seine Homöopathika vertrieb. Schon vor dem Krieg hatte Reckeweg damit ein Vermögen erworben. Heel wurde 1978 von der Delton AG, Bad Homburg, übernommen. Alleinaktionär ist Stefan Quandt. Heute ist Heel einer der größten Hersteller von Homöopathika in Deutschland und machte 2004 einen Umsatz von 126 Millionen Euro.Für die überwiegende Mehrzahl der nach Hunderten zählenden Mittel liegt meines Wissens nach kein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis vor. Leider wird er vom Gesetzgeber auch nicht gefordert. Ein Skandal für sich.

Dennoch, oder gerade deswegen, scheint Heel ein Interesse daran zu haben, sich mit wissenschaftlicher Seriosität zu schmücken. Es war schon das Streben Reckewegs, Homöopathie und Wissenschaft zu "vereinen". Als Mittel dazu dürfte der erwähnte Reckeweg-Preis dienen, der seit 1994 von der Heel-nahen Gesellschaft für Homotoxikologie vergeben wird. Frühere Preisträger erhielten den Preis jedenfalls meist für einen angeblichen Nachweis der Wirksamkeit von Heel Produkten, wobei es diese "Nachweise" allerdings nur in einem Fall in ein respektables Journal (Cancer) schafften. Wie das zuging kann ich nicht sagen, eine unabhängige Bestätigung dieser Arbeit gibt es jedenfalls nicht.

Soviel zum wirtschaftlichen Hintergrund der Veröffentlichung von Schmidt et al. in Biologische Medizin.

Nobelpreis oder Rausschmiss

Die Pressemitteilung der Uni Leipzig zu Schmidt et al. fand ein lebhaftes Medienecho: 3Sat, ORF1, BR, ARD, NDR und andere Rundfunksender berichteten. Dies, wie es bei Journalisten schlechter Brauch ist, ohne die Originalarbeit zu lesen - oder gar zu recherchieren, wie diese zustande gekommen war. Schlimmer noch: Auch die Leipziger Fakultätskollegen von Nieber und Süß schwiegen, und an anderen Universitäten hob sich ebenfalls öffentlich keine kritische Stimme.

Das ist seltsam. Wäre die Arbeit von Schmidt et al. korrekt, wäre dies eine wissenschaftliche Sensation, gegen die sich beispielsweise die Entwicklung der Massenspektrometrie oder der Patch Clamp- Technik wie eine Spielerei ausnimmt.

Hätten aber Schmidt et al. nicht recht, bedeutet das mindestens, dass die Inhaberin eines Pharmazeutischen Lehrstuhls nicht einmal einen pharmakologischen Standardtest beherrscht und esoterischem Gedankengut auf den Leim gegangen ist. Letzteres hat nichts mehr mit Wissenschaftsfreiheit zu tun, denn Esoterik ist keine Wissenschaft. Kurzum: Entweder muss man Frau Nieber für den Nobelpreis vorschlagen, oder man muss sie entlassen. Keinesfalls aber kann man schweigen.

Geschwiegen wurde aber. Mit drei Ausnahmen: Die emeritierten Wissenschaftler Gerhard Bruhn (Mathematiker), Erhard Wielandt (Physiker) und Klaus Keck (Chemiker) nahmen die Arbeit von Schmidt et al. unter die Lupe.

Schlichtes Lesen der Veröffentlichung von Schmidt et al. zeigte, dass Kontrollexperimente fehlten und die Schlussfolgerungen nicht belegt waren. Bruhn, Wielandt und Keck besorgten sich daraufhin eine andere Diplomarbeit aus der Gruppe Nieber. Daraus ergab sich, dass der entsprechende Diplomand der Gruppe Nieber schon im Oktober 2003, also vor der Veröffentlichung von Schmidt et al., Experimente angestellt hatte, die Schmidt et al. widersprachen. Zudem wollen Bruhn, Wielandt und Keck festgestellt haben, dass ein Teil der Ergebnisse des Diplomanden manipuliert war.

Auswertung unmöglich

Es lag nahe, sich die Diplomarbeit von Frau Schmidt anzusehen, die der Veröffentlichung Schmidt et al. zugrunde liegt. Mehrfachen Bitten von Bruhn, Wielandt und Keck, ihnen die Diplomarbeit von Frau Schmidt zuzuschicken, kam Frau Nieber nicht nach. Sie behauptet, dazu sei die Einwilligung der Diplomandin erforderlich, und die sei verschwunden.

Bruhn, Wielandt und Keck fassen ihre Erkenntnisse daraufhin in einem Kommentar zusammen. Das Wichtigste:

- Die Methode, mit der die Autoren ihre Messungen durchgeführt haben, liefert keine zuverlässigen Ergebnisse.

- Die Streuung der Messwerte ist so groß, dass eine korrekte Auswertung der experimentellen Daten unmöglich ist.

- Eine unseriöse Handhabung der Darstellung täuscht die Leser über die tatsächliche Streuung der Messwerte.

- Versuchsergebnisse aus der Arbeitsgruppe Nieber/Süß, die nicht erwähnt wurden, widerlegen die in der Veröffentlichung mitgeteilten Ergebnisse.

Frau Nieber nimmt zu diesem Kommentar Stellung (in Ausschnitten unter www.xy44.de/ Belladonna). Diese jedoch überzeugt Bruhn, Wielandt und Keck nicht - umso weniger, als ihnen Frau Nieber mitteilt, dass zur Berechnung eine Selektion der Messergebnisse vorgenommen wurde: Extremwerte habe man ausgelassen.

Seltsam ist auch, dass Frau Nieber intensive Diskussionen mit mehreren Wissenschaftlern geführt haben will, so mit Mario Mörl (Leipzig), Torsten Schöneberg (Leipzig) oder T. Müller (Hohenheim). Müller will aber nichts von einer intensiven Diskussion wissen.

Er habe lediglich um einen Sonderdruck von Schmidt et al. gebeten und dann die Diplomarbeit von Frau Schmidt sehen wollen. Den Sonderdruck habe er erhalten, die Diplomarbeit sei ihm verweigert worden. Schöneberg schrieb an Keck: Zwischen Frau Prof. Nieber und mir hat es nie ein Gespräch über die von ihnen zitierte Arbeit (Schmidt et al. S.B.) gegeben, noch habe ich Frau Prof. Nieber jemals autorisiert, meinen Namen in irgendeiner Form als Referenz für ihre Arbeiten zu nutzen.

Ähnlich Mario Mörl: Ich habe im Jahr 2004 als Poster-Gutachter lediglich ein Poster der Abteilung Nieber beim 3. Leipziger Research Festival of Life Science begutachtet und einem Studenten von Frau Nieber dabei meine Kritik an Kontrollexperimenten mitgeteilt. Mit Frau Nieber selbst habe ich in keiner Weise - weder bei der oben erwähnten Veranstaltung noch zu anderen Anlässen - über ihre Arbeit diskutiert.

Polemische Scharmützel

Auch Wolfgang Süß antwortet auf die Vorwürfe von Bruhn, Wielandt und Keck. Süß ist Pharmazeut, war Präsident des Verbandes der Krankenhausapotheker, ist Weiterbildungsbefugter der sächsischen Landesapotheker Kammer, sitzt im Fachausschuss der Deutschen Homöopathischen Arzneibuch-Kommission und im Präsidium der Deutschen Pharmakologischen Gesellschaft - und das ist nur ein kleiner Teil seiner Funktionen. Erstaunlich, wie er bei diesen vielfältigen Tätigkeiten noch forschen kann. Süß geht nicht auf die spezifischen Vorwürfe von Bruhn, Wielandt und Keck ein. Süß beschwert sich vielmehr über deren scharfen Ton, um dann selber scharf zu werden (boshafte Unterstellungen, polemische Darstellung, eines Wissenschaftler-Kollegen unwürdige Äußerung, Unverschämtheit etc.). Im übrigen sei er zur Lehre über homöopathische Arzneimittel verpflichtet und daher auch zur Forschung darüber. Süß sagt jedoch nicht, was er zu der Arbeit beigetragen hat und lehnt die Kommentierung der experimentellen Kritik ab. Da sei Frau Nieber die Fachfrau. Anstatt den ungleich naheliegenderen Gedanken aufzugreifen, dass mit den Experimenten seiner Koautoren was nicht stimme, spekuliert Süß über elektromagnetische Wellen und eine "Gedächtnisfunktion" des Wassers. Das originelle Argument von Bruhn & Co., so hohe Belladonna-Verdünnungen seien prinzipiell gar nicht herstellbar (siehe Kasten), kontert er mit dem noch ungleich originelleren Gegenargument, damit würden Bruhn & Co das vom Gesetzgeber in Kraft gesetzte Homöopathische Arzneibuch in den Bereich Esoterik verweisen.

Am 21.2.05 zeigen Bruhn, Wielandt und Keck den Fall den Dekanen von vier Leipziger Fakultäten an. Der Dekan der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie, Kurt Eger, antwortet den drei Beschwerdeführern mit einer Vorlesung über Homöopathie und versichert im Übrigen, dass Frau Nieber eine integre Person sei und es absurd wäre, Herrn Süß Unredlichkeit oder Manipulation zu unterstellen. Auf die Vorwürfe geht er nicht ein. Als die Beschwerdeführer per E-Mail nachhaken, schweigt Herr Eger. Er hat mit Frau Nieber mehrere Arbeiten publiziert.

Geschätzte Zurückhaltung

Auch der Ombudsman der Universität, Jörg Kärger, ein Physiker, befasst sich auf Veranlassung der Dekane mit dem Fall. Er schreibt am 28.3.05 in einem gewundenen Brief an die Beschwerdeführer, dass Herr Süß - den er persönlich kenne und schätze - in seiner Entgegnung überzeugend argumentiert habe.

Am 10.4.05 erhalten Wolfgang Süß und eine Doktorandin der Arbeitsgruppe Nieber von der sächsischen Gesundheitsministerin den Hahnemann-Preis der Stadt Meißen (Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, wurde 1755 in Meißen geboren).

Am 25.4.05 schreiben die Beschwerdeführer an den Vorsitzenden der Leipziger "Ständigen Kommission zur Untersuchung von Vorwürfen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens", Franz Häuser, der auch Rektor der Universität ist. Sie bitten ihn, zu prüfen, ob Schmidt, Nieber und Süß wissenschaftliches Fehlverhalten vorzuwerfen sei. Am gleichen Tag schreibt Ombudsman Jörg Kärger an die Beschwerdeführer, er habe die Laborbücher und Frau Schmidts Diplomarbeit erhalten und: Nach deren Durchsicht bin ich überzeugt, dass die Untersuchungen gründlich und in wissenschaftlicher Redlichkeit durchgeführt worden sind. Auf die von den Beschwerdeführern vorgebrachte experimentelle Kritik geht er nicht ein.

Die drei Beschwerdeführer fürchteten, dass Kärger damit die "Ständige Kommission" beeinflussen und ihr den Eindruck vermitteln wollte, dass die Vorwürfe bereits durch den Ombudsman geprüft und für haltlos befunden worden seien. Sie schreiben daher noch einmal an den Rektor. Sie bitten nochmals um die Originalregistrate beziehungsweise deren Kopien. Sie erhalten keine Antwort.

"Freund"liche Gutachter

Auf Rückfragen von Laborjournal beim Rektorat hieß es Ende August, die Sache sei in den Händen der erwähnten "Ständigen Kommission" und zwei auswärtige Gutachter würden die Unterlagen prüfen. Wer die Gutachter sind, wurde nicht gesagt, es handele sich aber nicht um Homöopathen-Freunde von Frau Nieber und Herrn Süß. Die "Ständige Kommission" besteht aus dem Rektor (Vorsitzender) Franz Häuser, dem Prorektor für Forschung Martin Schlegel, dem Vertrauensdozenten der DFG und Geophysiker Franz Jacobs, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Marlis Grunow, dem Wirtschaftswissenschaftler Rolf Hasse und einem Studenten.

Der Ausgang ist also weiterhin offen.



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GEHT D60?

- Behauptung:

Es ist aus prinzipiellen Gründen unmöglich, Belladonna-Lösungen D60 und D100 herzustellen.

- Begründung:

Bei dem Vorgang des Verdünnens bzw. Potenzierens wird eine Ausgangsverdünnung mit einem reinen Lösungsmittel gemischt. Das ist nur möglich, wenn das reine Lösungsmittel auch rein ist, d.h. nicht die zu verdünnende Substanz in der gleichen oder einer höheren Konzentration enthält.

Jeder Bach, der einen Berg hinunter plätschert, nimmt dabei unzählige Substanzen auf, die beim Plätschern gemischt und "geschüttelt" werden. Durch zulaufendes Wasser wird gleichzeitig verdünnt. Nach homöopathischen Vorstellungen entstehen dadurch "Abbilder" dieser Substanzen. Hahnemann spricht von "geistartigen Wesen". Atropinhaltige Tollkirschen, die im Einzugsgebiet der Mulde vom Busch fallen und deren Inhaltsstoffe vom Regen in einen Bach geschwemmt werden, gelangen schließlich in die Mulde.

Deren Wasser wird durch die Leipziger Wasserwerke in die Trinkwasserversorgung und die Labors der Universität geleitet. Wenn dabei die Menge Atropin, die in einer Tollkirsche enthalten ist, mit dem Leipziger Jahresverbrauch an Trinkwasser (34 Mio. Kubikmeter) gemischt wird, so entsteht eine ca. 10 hoch minus 20 molare Atropinlösung (ca. 6000 Moleküle pro Liter). Das entspricht einer Belladonna-Potenz von D17. Bei mehreren Tollkirschen erhöht sich der Gehalt entsprechend. Bei diesen niedrigen Konzentrationen arbeiten die zur Wasserreinigung verwendeten Ionenaustauscher nicht mehr effektiv, ändern also nichts an der Konzentration. Offensichtlich ist es nicht möglich, niedrigere Atropin-Verdünnungen als 10-20 herzustellen.

(Nach Gerhard Bruhn, Erhard Wielandt und Klaus Keck in "Pseudowissenschaftliche Forschung an der Universität Leipzig")

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KOMMENTAR

Ein von Homöopathen und ihren Sympathisanten regelmäßig vorgebrachtes Argument ist, dass man doch offen sein müsse für unkonventionelle Ansätze; dass es unwissenschaftlich sei, die Homöopathie von vornherein in Bausch und Bogen zu verdammen.

Dieses Argument sticht nicht. Die Homöopathie gibt es seit 1796, also seit über 200 Jahren. Sie war damals und noch einige Jahrzehnte danach, der an den Universitäten gelehrten Medizin zumindest in Teilbereichen überlegen. Dies deshalb, weil damals die universitäre Medizin genausowenig wissenschaftlich war wie die Homöopathie, letztere aber die harmloseren Mittel verschrieb. Geschütteltes Wasser richtet weniger Schaden an als exzessive Aderlässe oder hochdosierte Quecksilbersalben. Zu Hahnemanns Zeiten war es gesünder, nicht zum Arzt zugehen. Die naturwissenschaftlich begründete Medizin entwickelte sich erst mit Pasteur und Koch, also lange nach Hahnemann.

Das ändert aber nichts daran, dass eine Heilwirkung von Homöopathika sich nie hat nachweisen lassen. Dabei wurden in den jetzt doch schon über 200 Jahren seit ihrer Erfindung mehrmals Prüfungen angestellt. Die letzte großangelegte Metaanalyse, die Homöopathika als Placebos entlarvt, stammt von 2005 (Shang A. et al., Lancet 366, 726). Auch die Million Dollar, die James Randi für einen Nachweis der Heilwirkung von Homöopathika ausgesetzt hat, ist immer noch zu haben. Keinem Mittel gelang es, über die Vorprüfung hinauszukommen. Mit naturwissenschaftlichen Nachweisen sieht es nicht besser aus. Ich erinnere nur an die gefälschten Experimente von Jaques Benveniste.

Theoretisch schließlich widerspricht die Homöopathie, ob klassisch oder modern, dem naturwissenschaftlichen Weltbild - nicht nur dem biologischen, auch dem physikalischen -, das auf unzähligen Experimenten von Jahrhunderten beruht und jederzeit experimentell nachprüfbar ist.

Kurzum: Es ist um Potenzen vernünftiger an den Osterhasen zu glauben als an Homöopathie. Glauben Sie im Ernst an den Osterhasen? Halten Sie es für berechtigt, Steuermittel auszugeben, um die Leipziger Börde nach pinselschwingenden Nagern absuchen? Sie halten das für verrückt? Mit Recht. An den Osterhasen würde ich nur glauben, wenn ich einen wildlebenden Hasen mit eigenen Augen beim Eierbemalen ertappe. Ein Nest mit bemalten Eiern würde mir nicht genügen, und auch nicht die Versicherung meiner Oma, sie hätte gerade eben den Osterhasen mit einer Eierkiepe um die Ecke biegen sehen.

Sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Hypothese unter eine gewisse Grenze, verletzt es den gesunden Menschenverstand, sie ernst zu nehmen. Ich wiederhole: Die Existenz von Osterhasen ist um Potenzen wahrscheinlicher als die Wirksamkeit homöopathischer Mittel. Denn Osterhasen widersprechen zwar der zoologischen Erfahrung, nicht aber physikalischen Grundgesetzen.

Mit dem gesunden Menschenverstand scheinen manche Mitglieder der Leipziger naturwissenschaftlichen Fakultäten ihre Schwierigkeiten zu haben. Wäre es angesichts solch sensationeller, die Grundfesten aller bisherigen Wissenschaft erschütternden Ergebnisse nicht angebracht gewesen, dass sich etwa Dekan Eger höchstpersönlich an die Laborbank stellt und die Experimente nachkocht? Oder wenigstens die Laborbücher durchschaut? Kann man sich angesichts solcher Konsequenzen im Ernst auf die Elaborate einer Diplomandin verlassen?

Sind die Experimente von Nieber, Süß und Schmid gefälscht oder nur bodenlos schlecht? Man darf gespannt sein, welche Entscheidung die Leipziger "Ständige Kommission" und ihre Gutachter treffen. Ob deren Votum veröffentlicht wird? Ich hätte übrigens ein entschieden besseres Gefühl bei der Sache, wenn sich eine Nicht-Leipziger Kommission der Sache angenommen hätte. Der Hang zur Kollegialität, die Abneigung anderen weh zu tun, ist nach meinem Eindruck gerade in Leipzig sehr ausgeprägt. Sicher ist: In die "Hall of Shame" der Wissenschaft werden bald wieder etliche Charakterköpfe einziehen. Rührt schon mal den Gips an!

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(Der Artikel wurde zuerst in Laborjournal 10/2005 ab Seite 16 veröffentlicht)

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Leserbrief der Pressestelle der Uni Leipzig vom 27.10.2005

Aufklärung ist kein Schnellschuss

Der journalistisch-satirisch aufgeladene Beitrag von Siegfried Bär verdient eine Widerrede. Nicht, dass die Universität versucht wäre, das wissenschaftliche Weltbild des Autors ("Die Existenz von Osterhasen ist um Potenzen wahrscheinlicher als die Wirksamkeit homöopathischer Mittel") zu kommentieren. Zurückzuweisen ist aber die Unterstellung, dass manche Mitglieder der Leipziger naturwissenschaftlichen Fakultäten mit dem gesunden Menschenverstand ihre Schwierigkeiten hätten, sowie der indirekt erhobene Vorwurf, die Ombudsperson der Universität und ihre Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens verschleppten aus falsch verstandener Kollegialität die Aufklärung und ließen es an gründlicher Aufarbeitung fehlen. Das Gegenteil ist richtig. Herr Bär sollte zur Kenntnis nehmen, dass eine solche Aufklärung kein Schnellschuss sein kann, vielmehr sind äußerste Sorgfalt und Korrektheit des Vorgehens erforderlich, und das hat seinen Preis: Zeit, die darüber vergeht.

Nachdem Prof. Bruhn, Prof. Wielandt und PD Dr. Keck Ende April 2005 den Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens gegen Frau Prof. Nieber und Prof. Süß vom Institut für Pharmazie erhoben hatten, setzte der Dekan der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie den Rektor und den Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs davon in Kenntnis. Danach befasste sich die Ombudsperson mit der Angelegenheit. Das führte zur Einberufung der Ständigen Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens unter Vorsitz des Rektors Anfang Juni 2005. Diese beschloss, Stellungnahmen von zwei unabhängigen Sachverständigen einzuholen, denen die Dokumentationen und Originalmessdaten Mitte August übergeben worden waren. Jetzt liegen die Gutachten vor, die nunmehr von der Kommission in einer erneuten Beratung ausgewertet werden. Danach und nach einem Gespräch mit den betroffenen Wissenschaftlern, in dem sie Gelegenheit haben, sich zu den Gutachten zu äußern, werden Festlegungen getroffen, wie weiter zu verfahren ist und welche Konsequenzen gezogen werden müssen.

Was geschehen ist und weiter geschieht, ist also eine Klärung und Prüfung Schritt für Schritt auf dem vorgeschriebenen verfahrensmäßigen Weg und eben keine rasche Vorverurteilung. Das halten wir für ein der Universität gemäßes Handeln. Und Herr Bär sollte sich an die alte Weisheit erinnern, dass die guten Mühlen langsam mahlen, "aber trefflich klein", soll hier heißen: präzis, korrekt, gerecht.

Volker Schulte Pressesprecher der Universität Leipzig 27.10 2005

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Stellungnahme von Prof. Dr. Gerhard W. Bruhn zum Leserbrief der Pressestelle der Uni Leipzig vom 27.10.2005

Die Ankündigung von Konsequenzen durch den Chef der Pressestelle der Uni Leipzig, Volker Schulte, lese ich gern - allein mir fehlt der Glaube, wie ein früherer Leipziger Student einst dichtete. Zwar ist jetzt die beanstandete Veröffentlichung in Biologische Medizin zurückgezogen und der Reckeweg-Preis zurückgegeben, allein, eine verbindliche Erklärung der Universität Leipzig oder der Autoren Nieber, Süß und Schmidt steht noch immer aus. Dabei schreiben wir immerhin schon den 17. November 2005: Die Mühlen der Universität Leipzig mahlen offenbar sehr, sehr klein; hoffentlich kann man die erzeugten Krümel überhaupt noch erkennen. Festzuhalten bleibt bisher, dass laut Liste der Pressestelle der Uni Leipzig vom Nov. 2003 (siehe hier; Nov. 2003 manuell einstellen) die - ehemals vorhandene - Listenposition einer Pressemitteilung über den an Nieber et al. verliehenen Reckeweg-Preis bereits unter die Sichtbarkeitsgrenze gesunken ist. Hoffentlich geht das Kleinmahlen nicht so weiter. Offenbar hat die Universität Leipzig noch immer die schon in Laborjournal Heft 10/2005 beklagten und belegten Auf- und Erklärungsprobleme.

G.W. Bruhn 17.11.2005

Web-Kommentare zu diesem Artikel

Volker Schulte, Pressesprecher der Universität Leipzig, schreibt am 27.10 2005:

"Zurückzuweisen ist aber die Unterstellung, dass manche Mitglieder der Leipziger naturwissenschaftlichen Fakultäten mit dem gesunden Menschenverstand ihre Schwierigkeiten hätten, ..."

Lassen wir den gesunden Menschenverstand einmal beiseite, so sollte ein Hochschullehrer wenigstens den Anforderungen der Homöopathie genügen. Soviel sollte man erwarten dürfen bei Jemandem, der Homöopathie unterrichtet.

Weiter schreibt Volker Schulte:

"Herr Bär sollte zur Kenntnis nehmen, dass eine solche Aufklärung kein Schnellschuss sein kann, vielmehr sind äuerste Sorgfalt und Korrektheit des Vorgehens erforderlich, und das hat seinen Preis: Zeit, die darüber vergeht."

Sorgfalt ist vonnöten. Allerdings wendet man diese Sorgfalt schon VORHER auf, bei der Planung der Versuche.

Man muss die Leipziger Grossblamage von ZWEI Seiten aus betrachten: einmal von der Seite der Versuchsdurchführung und einmal von der Seite der homöopathischen Grundlagen, auf denen die Versuche beruhen.

Nieber, Sü und Schmidt haben nicht nur bei der Durchführung versagt, sondern schon bei den Grundlagen. Und wenn man bei den Grundlagen versagt, braucht man die Versuche gar nicht erst durchzuführen...!

Am 13.3.2005 teilte ich Professor Eger, dem Dekan, unmissverständlich mit, dass die Versuche an der Universität Leipzig elementarste Grundregeln der Homöopathie missachten und daher keine Homöopathie sind.

Aribert Deckers, 30-Nov-2005 17:19:41






Letzte Änderungen: 21.11.2005
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