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Das verstaubte Manuskript von Ernst Rüdin

(21.11.15) Warum ließ der Genetiker Ernst Rüdin in den 1920er-Jahren seine Studie über Erblichkeit psychischer Krankheiten in der Schublade verschwinden? Politische Überzeugungen können zum Publikationsbias beitragen – nicht nur damals.


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Ernst Rüdin, Eugeniker mit einem Datenproblem

Dass ökonomische Interessen einen Teil des Publikationsbias verursachen, erhält eine Menge Aufmerksamkeit. Pharmafirmen zeichnen ein überoptimistisches Bild ihrer Produkte, wenn sie nur jenen Teil ihrer klinischen Studien veröffentlichen, der ihnen hilft, Geld zu verdienen. Wir wissen heute, wie wichtig es ist, dass wir alle Studien kennen. Auch jene, in denen das Medikament nicht besser wirkte als ein Placebo.

Viel ist auch über den "normalen" Publikationsbias geschrieben worden, der entsteht, wenn Forscher und Journals negative Ergebnisse als nicht verkündenswert einschätzen. Niemand verdient sich Lorbeeren mit Papern à la "Eigentlich dachten wir XY sei ein Faktor, aber diese Hypothese konnten wir nicht bestätigen." Wenn es vielen so geht, bleibt lange unentdeckt, dass die momentane Lieblingshypothese eines Forschungsfeldes nicht so weit trägt, wie die meisten meinen.

Forscher sind keine neutralen Wesen

Weniger diskutiert wird bisher, inwiefern politische Überzeugungen der Forscher zum Publikationsbias beitragen. Diese Frage stellt sich insbesondere in solchen biowissenschaftlichen Disziplinen, deren Daten in erhitzten politischen Debatten eine Rolle spielen, wie etwa bei der Evolution des menschlichen Verhaltens, den Folgen des Klimawandels, der Toxikologie oder anderer Risikoforschung.

Denn Forscher sind keine ideologisch neutralen Wesen. Und eine stark polarisierte Diskussion erzeugt zusätzlichen Druck, sich für eins der verfeindeten Lager zu entscheiden. Wer mehr Loyalität zu einer Seite empfindet, für den ist die Veröffentlichung von negativen Ergebnissen gleichbedeutend damit, der "Gegenseite" in die Hände zu spielen.

Über ein mögliches frühes Beispiel für diese Art von Publikationsbias berichtet ein Team um den Neurobiologen Hubertus Himmerich vom Uniklinikum Leipzig in einem wissenschaftshistorischen Paper, das Anfang November in PLOS Genetics erschien (doi: 10.1371/journal.pgen.1005524).

Als der psychiatrische Genetiker Ernst Rüdin (1874-1952) in den 20ern negative Ergebnisse in seiner Schublade verschwinden ließ, wirkte da nur der "normale" Publikationsbias oder war die Verzerrung ideologisch verursacht?

Rüdin verheimlichte die für ihn enttäuschenden Daten

In einer der besten bis dahin durchgeführten Untersuchungen zur Erblichkeit von psychischen Krankheiten hatte Rüdin gehofft, herausfinden zu können, ob "manisch depressives Irresein" dominant oder rezessiv vererbt wird. Doch seine Daten zeigten, für ihn enttäuschend, eine viel geringere Erblichkeit der Erkrankung als bei einem mendelschen Erbgang zu erwarten war.

Trotz des für ihn negativen Ergebnisses schrieb er die Daten noch zusammen. Rüdin versuchte, seine Hypothese einer rein genetischen Verursachung zu retten, indem er Kombinationen mehrerer krankheitsverursachender Gene durchrechnete. Doch er scheiterte bei der Erstellung dessen, was er "empirische Erbprognose" nannte. Veröffentlicht wurde das Manuskript dann nie.

Aber der Entwurf verblieb im Archiv des Max Planck Instituts für Psychiatrie in München (der Nachfolgeorganisation von Rüdins Arbeitsstätte, der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie). Nur deshalb konnten die Leipziger um Himmerich nun seine Untersuchungen und Berechnungen im Detail nachvollziehen.

Man könnte das Verstauben von Rüdins Manuskript als "normalen" Publikationsbias einordnen.

Schwer zu ignorieren ist jedoch, dass Rüdin nicht nur ein Vorreiter moderner klinischer Forschung war, sondern auch ein Anhänger der Eugenik. Wie viele Zeitgenossen war er überzeugt, dass man psychische Krankheiten (genauso wie Behinderung, Kriminalität, Sucht und Prostitution) am besten bekämpfen könne, indem man verhinderte, dass Betroffene sich fortpflanzen.

Wasser auf die Mühlen der Eugenik-Gegner

Das negative Ergebnis seiner Arbeit zur Erblichkeit der manischen Depression (bipolare Störung) wäre bei Veröffentlichung eher Wasser auf die Mühlen der Eugenik-Gegner unter den Psychiatern gewesen, wie Karl Jaspers und Oswald Bumke. Die betonten, dass Eugeniker bisher den Beweis schuldig geblieben waren, dass Geisteskrankheiten monokausal durch "genetische Degeneration" verursacht werden.

Aber weder die zunehmend gleichgeschaltete Gesellschaft noch Rüdin selbst scherte das. Trotz der Zweifel, die ihm seine eigene Studie hätte vermitteln sollen, propagierte er weiterhin rassenhygienische und eugenische Maßnahmen und lieferte den Nazis willkommene Argumente für die Zwangssterilisierung von hundertausenden Menschen zwischen 1934 und 1945.

 

Brynja Adam-Radmanic



Letzte Änderungen: 07.01.2016

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