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Nobelpreis für Parasiten-Killer

Der Medizin-Nobelpreis 2015 geht zu gleichen Teilen an Youyou Tu für die Entdeckung des Malaria-Medikaments Artemisinin; und an Sathoshi Omura und William Campbell, die einen Wirkstoff gegen parasitische Würmer fanden.


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© werwohl

Endlich: Nobelpreis für eine Pflanze

Satoshi Omuras Spezialität war es, bislang unbekannte Mikroorganismen zu isolieren und sie systematisch auf neue Wirkstoffe abzuklopfen. Dabei probierten er und seine Mitarbeiter an der Kitasato-Universität Tokyo immer neue Methoden aus, um Mikrobenstämme in Reinkultur zu bringen. Ende der 1970er Jahre bearbeiteten die Forscher um Omura eine Bodenprobe von einem japanischen Golfplatz – und stießen dabei auf Streptomyces avermitilis. Ein Bakterium, das Karriere machen sollte, denn es produziert den Wirkstoff Avermectin.

Der in den USA forschende Ire William C. Campbell, damals Teamleiter am Merck Institute for Therapeutic Research, übernahm die viel versprechende Kultur von Omura und zeigte, welches  ungeheure Potential Avermectin für die Bekämpfung parasitischer Rundwürmer hat. Die Tage von Horror-Nematoden wie Onchocerca volvulus, der die gefürchtete Flußblindheit auslöst, sind seitdem gezählt.

Durch chemische Modifikationen entstand in Williams' Labor aus Avermectin das noch wirksamere Ivermectin. Ivermectin ist ein Neurotransmitter-Antagonist. Das Medikament setzt an bestimmten neuronalen Ionen-Kanälen an und macht so die Synapsenmembran durchlässiger für Chlorid-Ionen. Die Folge sind Muskellähmungen in den parasitischen Würmern. Beim Menschen findet sich dieser Kanaltyp allerdings nicht im peripheren Nervensystem. Das ist der entscheidende Grund, weshalb Ivermectin spezifisch die parasitischen Würmer tötet. Denn Rundwürmer vergiften ist eigentlich ganz leicht. Das große Problem war aber, wie man die eukaryotischen Parasiten beseitigt, ohne dem genetisch ähnlichen Wirt zu schaden.

In klinischen Studien erwies sich Ivermectin als ein Medikament, das Furore machen sollte: Flußblindheit ist heute fast ausgerottet, auch der Erreger der Elephantiasis ist selten geworden – ein Verlust für die Biodiversität, den ausnahmsweise keiner beklagt.

Die andere Hälfte des Medizinpreises ging an eine Entdeckung, die den Kampf gegen einen anderen  eukaryotischen Parasiten entscheidend voranbrachte: Youyou Tu fand an der Universität Peking einen Wirkstoff gegen den Einzeller Plasmodium falciparum, den Erreger der Malaria.

Tu setzte dabei auf Extrakte der Beifußpflanze Artemisia annua. Ihre Ergebnisse waren aber anfangs nicht konsistent. In einer alten Schrift aus der traditionellen chinesischen Medizin stieß sie schließlich auf ein Rezept, das die Inspiration für weitere Versuche war. Am Ende stand die Isolierung des Wirkstoffs Artemisinin. Das daraus entwickelte Medikament hält Malaria meist gut in Schach, in Kombination mit anderen Präparaten. Leider gibt es auch schon Resistenzen gegen Artemisinin. Neue Malaria-Medikamente werden dringend benötigt (siehe auch das Laborjournal-Online-Interview mit dem Berliner Parasitologen Kai Matuschweski). Vielleicht beschleunigt der Nobelpreis die Forschung daran?

Der Preis für Tu lässt auch deshalb aufhorchen, weil hier erstmals eine Forscherin ausgezeichnet wird, die sich intensiv mit Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) beschäftigt hat. Allerdings bedeutet das nicht, dass die TCM einen Nobelpreis gewonnen hätte. Das betonte auch der Sprecher des Nobelkomitees in der Pressekonferenz nach der Preisverleihung. Die traditionelle Pflanzenheilkunde war vielmehr der Ausgangspunkt für Experimente, die zur Entdeckung eines definierten Wirkstoffes führten – der sich dann in "traditionell wissenschaftlichen" klinischen Studien beweisen musste.

Vier Kommentare habe ich zur diesjährigen Nobel-Sause, in aller Kürze zumindest:

Erstens: Hat das Nobel-Komitee endlich verstanden, wie lächerlich es wurde, dass unter den Preisträgern seit 1901 nur elf Frauen waren? Letztes Jahr die Neurowissenschaftlerin May-Britt Moser, jetzt Youyou Tu: Preiswürdige Forscherinnen zu finden scheint ja doch nicht so schwer zu sein.

Zweitens: Sowohl Campbells als auch Omuras erste Reaktion war sinngemäß: Dieser Preis kann unmöglich einzelnen Personen gelten, sondern den großen Teams, die dahinterstecken. Campbell sagte gar, er hätte einen Nobelpreis für Avermectin aus genau diesem Grund für unmöglich gehalten (zum nachhören hier). Denn es werden eben nicht Teams, sondern maximal drei Einzelpersonen ausgezeichnet. Das entspricht dem Willen Alfred Nobels, ist aber ein Anachronismus (siehe auch Leonid Schneiders Beitrag für den LJ-Blog).

Drittens: Wer immer noch meint, nur Publikationen in den Glamour-Magazinen Nature, Science oder Cell könnten Nobelpreise gewinnen, wird sich die Augen reiben beim Blick auf die Schlüsselpublikationen der drei heutigen Preisträger: Die erschienen nämlich im Community-Blättchen "Antimicrobial Agents and Chemotherapy" (Impact Factor 4,5) und im chinesischsprachigen Regional-Journal "Yao Xue Xue Bao".

Viertens: Endlich mal wieder ein echter Medizin-Nobelpreis. Der Preis für "Medizin oder Physiologie" geht ja oft genug (viel zu oft?) an Grundlagenforscher aus der Biologie. Alfred Nobel hat leider keinen Bio-Preis vorgesehen, die Molekularbiologie wird also den Kategorien  Medizin/Physiologie oder Chemie untergejubelt. Was ja auch in Ordnung ist, aber diese Praxis geht schon auf Kosten der "echten" Medizin. Entdeckungen wie die Parasiten-killenden Substanzen der diesjährigen Preisträger dürften jedenfalls ganz im Sinne des Stifters sein.

"Alfred Nobel wäre glücklich" erklärte die Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees heute Vormittag.

 

Hans Zauner

Foto: Artemisia annua  (c) Emer/Fotolia



Letzte Änderungen: 14.01.2016

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