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Biologen im Gender-Getümmel

(29.9.15) Biologie-Professoren blasen zum Sturm gegen die "Gender Studies". Eine universitäre Pseudowissenschaft sei das Fach. Wenn sich die Naturwissenschaftler da mal nicht verrennen. Ein Kommentar.
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Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera hält "Genderismus" für einen "destruktiven, quasi-religiösen Glauben", der mit dem Kreationismus geistesverwandt sei (siehe hier und hier). Es liegt auf der Hand, wieso Biologen das Universitätsfach Gender Studies kritisch sehen. Die Gender-Theorie geht davon aus, dass Geschlecht als soziales Konstrukt betrachtet werden kann, unabhängig vom biologischen Geschlecht. Biologinnen wissen dagegen, dass sich im menschlichen Verhalten nicht nur anerzogene Traditionen spiegeln, sondern auch uraltes evolutionäres Erbe.

Auf der anderen Seite schütteln viele Geisteswissenschaftler, und beileibe nicht nur "Genderisten", verständnislos den Kopf, wenn Evolutionsbiologen menschliches Verhalten und Geschlechterrollen "biologisch" erklären, gerne mit Hinweis auf Fortpflanzungsstrategien, die von der natürlichen Selektion begünstigt worden seien. Biologismus! ruft die Geisteswissenschaftlerin  – und meint damit, dass der Kollege aus der naturwissenschaftlichen Fakultät unzulässig ins Ideologische abschweift.

Säugetier Mensch

Wer hat recht? Beide und keiner. Natürlich sollten Gender-Theoretiker naturwissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehmen. Andererseits sollten Biologen beachten, wo die Grenzen der eigenen Disziplin liegen.

Die Evolution hat menschliches Verhalten geprägt, keine Frage. Selbst unsere Vorstellungen von Moral, unser Gerechtigkeitssinn, sogar Spiritualität und Religiosität sind nicht nur Produkte unserer Kultur, sondern haben auch Wurzeln in unserer Stammesgeschichte. Um zu verstehen, wie menschliche Gesellschaften wurden, was sie sind, lohnt sich deshalb der vergleichende Blick ins Tierreich. Und auch über die Evolution menschlicher Geschlechterrollen kann man viel lernen, wenn man Sozialstrukturen von Schimpansen, Seelöwen oder Blaumeisen studiert.

Aber: Aus den Befunden der Soziobiologie kann man keine Vorschriften oder Regeln ableiten, wie heutige Frauen und Männer leben dürfen oder sollen. Menschen sind nicht Sklaven ihrer Gene. Sie haben die Freiheit, sich quasi nach Belieben von ihrem genetischen Erbe zu lösen.

Die Grenze zwischen Biologie und Biologismus

Welche Geschlechterrollen möglich sind, unabhängig vom biologischen Geschlecht; wie Frau- und Mannsein gelebt werden darf oder soll; wie Kinder glücklich aufwachsen können, ob mit biologischer Mutter und biologischem Vater, oder mit zwei Müttern oder mit drei Vätern, oder ganz anders: all das kann man nicht aus den Genen ablesen oder mit vergleichender Verhaltensforschung entscheiden. Versucht man es doch, kippt Biologie tatsächlich in Biologismus.

Denn nur weil "die Evolution" etwas angelegt hat, sind diese Anlagen beim Kultur-Säuger Homo sapiens nicht unveränderlich oder gar eine Art moralisches Gesetz. Extrembeispiel: Wenn Löwen-Männchen ein Harem übernehmen, töten sie oft die Nachkommen des früheren Anführers. Die Weibchen investieren ihre Ressourcen dann schneller in Nachkommen des Neuankömmlings. Kann man aus dieser Beobachtung eine Rechtfertigung dafür basteln, dass Menschen-Männer ihre Stiefkinder töten dürften? Absurde Frage. Natürlich nicht, und zum Glück argumentiert auch kein Biologe so.

Bei anderen Themen erliegen aber auch gelegentlich Profi-Biologen der Versuchung, von biologischen Befunden oder auch nur dürren Hypothesen darauf zu schließen, was der heutige Mensch tun und lassen soll.

Berüchtigt sind die fremdenfeindlichen Äußerungen des Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Seine soziobiologischen Hypothesen missbrauchte er wiederholt zur Forderung, dass Europa sich gegen fremde Kultureinflüsse und Zuwanderung abschotten müsse (siehe zum Beispiel dieses spukhaft aktuelle Interview aus dem Jahr 1996).

Biologie taugt nicht für ideologische Grabenkämpfe

Dass biologische Erkenntnisse aber selten als Argumente in ideologischen Grabenkämpfen taugen, hat leider auch Kutschera offensichtlich nicht verstanden. So schrieb er zum Beispiel vor einiger Zeit in einem Beitrag für den humanistischen Pressedienst, Leihmutterschaft sei "frauenfeindliche Menschenzucht". Das darf Kutschera denken, aber Mendel und Darwin kann er nicht als Kronzeugen für diese Ansicht heranziehen. Unter welchen Umständen kann Leihmutterschaft erlaubt sein, und wie schützt man dabei die Rechte der Kinder, der biologischen und der sozialen Mütter? Eine schwierige Frage. Aber es ist in allererster Linie eine gesellschaftspolitische Frage, und höchstens am Rande eine biologische.

Dass es schwierig ist, die Wissenschaft vom Menschen ideologiefrei, objektiv und "geschlechterneutral" zu betreiben, zeigt die Wissenschaftshistorikerin Erika Lorraine Milam in ihrem Artikel "Dunking the Tarzanists: Elaine Morgan and the Aquatic Ape Theory".

Lange Zeit dominierte in der Anthropologie das Bild des Jägers mit Keule und Speer als treibender Kraft der menschlichen Evolution. Männer erlegen Tiere und schaffen proteinreiches Fleisch heran (Gehirnentwicklung!). Männer hetzen durch die Savanne (Ausdauer!). Männer fertigen Waffen an (Geschicklichkeit!). Die weibliche Hälfte der Vormenschen-Population kam in den Keulenschwinger-Hypothesen der Anthropologen bis in die 1970er Jahre fast gar nicht vor.

Kein Wunder, die Forscher waren damals auch fast ausschließlich Männer. Der feministisch motivierte Gegenentwurf, die "Wasseraffen-Hypothese" von Elaine Morgan, ist zwar auch nicht plausibler. Morgans Ansatz zeigte aber doch, welchen Unterschied es machen kann, wenn Anthropologie mal nicht aus rein männlicher Sicht betrieben wird (siehe auch Laborjournal Online vom 14.1.2014).

Es ist jedenfalls eine Illusion, dass Naturwissenschaftler ihre Vorurteile und Geschlechter-Stereotypen an der Labortür abgeben könnten.

Auch deshalb lohnt sich die kritische Auseinandersetzung mit der Gender-Theorie, anstatt die Disziplin insgesamt als Pseudowissenschaft zu bekämpfen. Klar, es gibt Reibungspunkte. Manche "Genderisten" würden tatsächlich am liebsten ignorieren, dass Mädchen und Jungen von Geburt an evolutionär geprägte Eigenschaften mitbringen.

Andererseits sollten Biologen wissen, dass sich ihre Disziplin auf das Beschreiben und Erklären dieser Anlagen beschränkt. Was das außergewöhnliche Säugetier Mensch aber aus seinem genetischen Erbe machen darf, soll oder muss: Dafür sind die Kollegen aus der Geisteswissenschaft die Experten.

 

Hans Zauner

Foto: (c) Fotomaster / Fotolia


PS: Eine andere Sichtweise hat Laborjournal-Redakteur Winni Köppelle. "Wo bleibt der breite Widerstand der Bio-Professoren gegen Gender Studies?" fragt er im aktuellen Heft.



Letzte Änderungen: 14.01.2016

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