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Dir sei Lob und Preis und Ehre

(11.11.2014) Forschungsministerin a.D. Annette Schavan hat nach wie vor zahlreiche Unterstützer in der Wissenschaft. Und die lassen sich einiges einfallen: Die Ehrendoktorwürde, eine Festschrift zum Geburtstag, gar als Kandidatin für die Leibnizmedaille war sie im Gespräch. Für Leonid Schneider hört hier das Verständnis auf.
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Politiker sind berufsbedingt eitle Menschen, die Wert darauf legen, von den Bürgern respektiert und bewundert zu werden. Vor allem konservative Volksvertreter wollen auch als kompetente und hochgebildete Denk-Elite wahrgenommen werden. Ein Doktortitel kommt da traditionell gut an. In manchen Ländern, in Russland etwa, lässt sich das halbe Parlament aufgrund obskur erworbener Urkunden mit "Doktor" anreden. Gemäß der Faustregel: Wer mit seinem Titel am meisten prahlt, hat ihn wohl am wenigsten verdient.

Auch unter deutschen Abgeordneten, vor allem in den konservativen (und früher liberalen) Fraktionen sind Doktortitel nicht nur bei ehemaligen Wissenschaftlern wie Dr. Merkel viel wert: Dr. Kohl, Dr. Stoiber, Dr. Schäuble, Dr. Westerwelle. Es gibt aber auch andere Beispiele: Dr. zu Guttenberg und Dr. Schavan sind bekanntlich nur noch Herr zu Guttenberg und Frau Schavan. In den Promotionsschriften beider Politiker fanden aufmerksame Internetnutzer schwerwiegende Plagiate, und bis zuletzt haben beide vergeblich gegen den Titelentzug gekämpft.

Mit den Titeln haben sie auch das für Politiker unerlässliche Vertrauen der Bürger und konsequenterweise ihre Posten als Bundesminister verloren. Herrn zu Guttenberg fällt sein Come-Back in Politik und Weltöffentlichkeit ziemlich schwer, seine Vorträge an US-Universitäten stießen bei Studenten und Akademikern nicht unbedingt auf Begeisterung. Naja, dieser Ex-Doktor hat damals beim Plagiieren offenbar jeden Anstand fahren lassen, er missbrauchte für die Abfassung seiner Dissertation einem Bericht des Spiegel zufolge sogar Steuergelder und seine Privilegien als Abgeordneter. Da kann man verstehen, dass es mit dem Vergeben und Vergessen noch etwas dauern könnte.

Im Falle Schavan dagegen steht irgendwie die titelraubende Universität Düsseldorf als Bösewicht da, sogar trotz eines Gerichtsurteils, das Frau Schavan „Täuschungsabsicht“ bescheinigt. Mit dem Verlust des Doktortitels musste Frau Schavan nicht nur als Honorarprofessorin bei der FU Berlin abtreten, sie steht gleichzeitig auch ohne jeglichen Uni-Abschluss da – eine Besonderheit ihres damaligen Promotionsstudiengangs. Zum Glück für Frau Schavan erhält sie beständige Unterstützung für ihre politische und akademische Rehabilitation. Hilfe kommt aus der Politik und insbesondere der Wissenschaft, unter anderem vom früheren Präsidenten der DFG. Seit kurzem heißt sie wieder Dr. Schavan, wenn auch honoris causa. Die Universität Lübeck verlieh Frau Schavan die Ehrendoktorwürde, sozusagen als Trostpreis, offiziell dafür, dass sie damals mit Steuermitteln die Lübecker Unimedizin vor dem Aus gerettet hatte. Nun soll eine von zahlreichen Professoren verfasste „Festschrift“ anlässlich ihres 60. Geburtstags in Vorbereitung sein.

Außerdem hätte Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Schavan gerne mit der ehrwürdigen Leibniz-Medaille geehrt, wie der Tagesspiegel berichtet. Als Begründung für den (offenbar schon wieder zurückgezogenen) Vorschlag gab man ebenfalls an, es gehe nicht um wissenschaftliche Leistungen der Frau Ex-Dr. Schavan, sondern um ihre Verdienste um die Wissenschaft. Mag sein, dass Annette Schavan als Bundesministerin für Forschung stets verlässlich die Wissenschaft in Bund und Ländern mit Steuergeldern bedachte, wie in Lübeck geschehen. Aber soll man nun alle Minister mit Medaillen und Ehrentiteln würdigen, die ihren Dienstaufgaben halbwegs pflichtbewusst nachgehen?

Die Theologin Annette Schavan ist inzwischen Botschafterin der Bundesrepublik beim Vatikan, sicherlich kein schlechter Job. Wirtschaftlich ist sie also weich gefallen. Vielleicht ist es aber doch ein bisschen übertrieben, nun unbedingt auch ihre akademische Würde wiederherstellen zu wollen. Ich kann gut nachvollziehen, warum manche ihrer Politikerkollegen die Titelaberkennung für ungerecht halten. Da mag Parteistrategie oder Unwissen eine Rolle spielen. Aber bei den Wissenschaftlern hört für mich das Verständnis auf. Professoren sollten wissen, dass eine plagiierte Doktorarbeit keine verzeihliche Jugendsünde ist. Es ist ja auch nicht so, dass Frau Schavan nur „ein paar Anführungszeichen“ vergessen hätte, wie das hier und da entlastend vorgebracht wird (obwohl genau dies auch 1980 nicht zulässig war). Selbst mit allen Anführungszeichen am richtigen Platz: Wäre es dann eine richtige Doktorarbeit? Aneinandergereihte Zitate als Ersatz für eigene Gedanken? Andererseits, es wird schon einiges an unverschämten Plagiaten an deutschen Universitäten durchgewinkt, siehe die Kettenplagiate in der Medizin. Manche Professoren scheinen Promotion für eine reine Formalie zu halten, um bestimmte Schützlinge auf ihren angeblich eh „verdienten“ Weg in die Elite der Gesellschaft zu schicken. Vielleicht ist die Häufung der Doktortitel bei Politikern aus „guten Familien“ auch nur so zu erklären. Schavans Doktorvater sieht auch rückblickend keine Probleme mit ihrer Promotionsschrift.

Aber wenn die anderen beim Promovieren pfuschen, dürfen Politiker dann auch mit Nachsicht rechnen? Mal ganz davon abgesehen, wie vertrauenswürdig ein Arzt oder Ingenieur ist, der einen unehrlich erschlichenen Titel als Qualifikationsnachweis führt – den Politikern vertrauen wir doch unser aller Leben an. Wer die Verantwortung für Staat und Gesellschaft will, muss auch besondere ethische Standards akzeptieren. Apropos ethische Standards: Vielleicht passt das mit der „Botschafterin beim Vatikan“ doch ganz gut.

 


Leonid Schneider


Montage (Foto: Laurence Chaperon, creative commons attribution/share-alike ; Grafik: © nerthuz )



Letzte Änderungen: 08.01.2015

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