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Der Juniorprof, das unergründliche Wesen

(11. September 2014) Ist die Juniorprofessur ein Erfolg oder ein Griff ins Klo? Die einen sagen so, die anderen so. Eine Bonus-Ausgabe der Reihe „Ansichten eines Profs“ von Axel Brennicke, exklusiv für unsere Online-Leser.
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Ersetzt die Juniorprofessur die Habilitation, wie ursprünglich geplant? Oder ist diese pseudo-neue Stelle eher als Sparmaßnahme für Forschung und Lehre erfolgreich? Kürzlich standen sich in der, zugegeben nicht objektiven, einschlägigen Zeitschrift „Forschung & Lehre“ zwei Artikel zur Juniorprofessur gegenüber. Der eine überschrieben mit „Unzufrieden und unsicher“, der andere unter dem Titel „Die Juniorprofessur – Bewährungsprobe bestanden“.

Man soll den Tag immer positiv beginnen. Dazu müsste eigentlich der zweite Artikel besser passen, zumal er empirische Erkenntnisse verspricht. Was aber sind diese empirischen Befunde? Sie beruhen auf einer Befragung aus dem Jahre 2012 und wurden bereits im September 2013 auf einer Tagung vorgestellt. Die beiden Abbildungen des Artikels sind unverändert aus Power-Point-Präsentationen übernommen worden, die schon ein Jahr alt sind. Und das, obwohl die Autorinnen auch das vergangene Jahr hindurch mit Geld aus einem geförderten Projekt, angeblich einem Forschungsprojekt, finanziert wurden. Was war das für eine tolle Befragung, deren Ergebnisse anscheinend ein ganzes Jahr lang unverändert aktuell geblieben sind? Und an der trotz fortlaufendem Gehalt und vermutlich entsprechend weiter investiertem Arbeitseinsatz nichts zu verbessern war?

Overkill

Das Projekt wird aus Gewerkschaftsmitteln finanziert, von Arbeitnehmer-Beiträgen, die im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammenlaufen. Laut Geldgeber, der Hans-Böckler-Stiftung, werden acht Personen drei Jahre lang an diesem Projekt arbeiten. Auf der Seite der Projektnehmer sind es allerdings nur noch vier Mitarbeiter. Man fragt sich, was mit dem Geld für die anderen vier Personen passiert ist, falls die auch von den Gewerkschaftsbeiträgen der Köche, Stahlkocher, Steuersachbearbeiter und Piloten finanziert wurden. Egal ob acht oder vier Leute an diesem Projekt arbeiten – in jedem Fall totaler Overkill. Vier oder acht Personen arbeiten tagein tagaus, um die Meinung von maximal 1400 Juniorprofessoren zu erkunden. Mehr gibt es nicht.

Wieviel Geld der DGB in dieses Projekt investiert hat, ist nicht herauszufinden. Was damit veranstaltet wurde, lässt sich aber nachlesen. Zum Beispiel haben die Geldnehmer in dieser legendären, alten, doch angeblich nicht veralteten Umfrage ehemalige Junior-Professoren nach ihrem weiteren Werdegang befragt. Das Ergebnis wird als glorreicher Erfolg der Juniorprofessur plakatiert. 82,1 % der Befragten erreichten demnach ohne Habilitation eine Professur, weitere 12,2 % eine Berufung auf eine Professur nach zusätzlicher Habilitation. Weitere 0,6 % seien ebenfalls als erwachsener Professor gelandet, wenn auch über einen Umweg. Lediglich 5,1 % arbeiteten jetzt außerhalb der Wissenschaft.

Acht Bearbeiter für ein Tortendiagramm?

Wie verlässlich sind diese Zahlen? Im gezeigten Tortendiagramm und auch in der Beschreibung gibt es keinerlei Statistik, keinerlei Evaluation der exorbitanten Zahl von 156 Befragten. Halt nein, 156 von 333 Befragten haben geantwortet, 10 % der Junioren. Acht oder vier Bearbeiter um 156 Fragebögen auszuwerten?

Diese 333 ehemaligen Juniorprofessoren wurden laut Eigenlob „nur durch intensive Recherchen auf den Webseiten der Universitäten oder durch Aufrufe in Medien wie der Zeitschrift Forschung & Lehre oder dem Business Netzwerk Xing identifiziert“. Angesichts dieser Beschränkung der intensiven Recherche ist das Ergebnis kaum verwunderlich. Ehemalige Juniorprofessoren, die nicht mehr an der Uni tätig sind, wird man auf den Webseiten der Universitäten vergeblich suchen. Wer jetzt als Taxifahrer oder als Forschungsleiter bei BASF arbeitet, wird die Zeitschrift „Forschung & Lehre“ ziemlich sicher nicht lesen. Und es ist durchaus realistisch anzunehmen, dass Ex-Juniorprofessoren, die eine dieser beiden Karrierealternativen verfolgen, auch kein Interesse am sozialen Netzwerk Xing haben. Eine Zahl aus der zweiten Studie deutet die Dimension des Fehlers an: Über 80 % der Juniorprofessoren erwarten in der Endphase vor dem Rausschmiss, am Ende des befristeten Juniorprofessurvertrags also, den Abschied von der Uni. Sie gehen woanders hin.

Harte Bewährungsstrafe: Fünf Jahre Juniorprofessor

Großspurig wird von der Juniorprofessur als „alternativem Weg“ zur richtigen Professur geschwafelt. Das Problem ist nur, dass es zur Alternative kaum Alternativen gibt. Wenn es keine lebenslängliche Professur und auch keine andere Stelle an der Uni gibt, dann lieber eine Zeitlang Junior sein. Mit dem gleichen, aufwendigen Berufungsverfahren wie bei einer richtigen Endlosprofessur, aber für 80-90 % der Stelleninhaber ohne Chance auf Weiterbeschäftigung nach den paar Jahren Bewährungsstrafe als Juniorprofessor.

In diesem Forschungsprojekt wurde noch eine weitere „repräsentative“ Befragung durchgeführt: 580 habilitierte Professoren, die vorher nicht Juniorprofessoren waren, wurden gefragt, was sie von selbiger hielten. Nicht so viel wie von der Habilitation, war die (kaum) überraschende Antwort. Die Schlussfolgerung des Forschungsprojekts dagegen:

Die Empirie zeigt jedoch ein anderes Bild. So haben 94,2 % der befragten ehemaligen Juniorprofessoren nach maximal sechs Jahren den Sprung auf eine anschließende Professur geschafft. …  Knapp 78 % der Befragten gaben an, bereits nach fünf und weniger Jahren eine Professur erhalten zu haben.“

Ist das Empirie? Forschung sieht anders aus. Und das Adjektiv „repräsentativ“ ist offensichtlich in diesen Kreisen zu einem Schmuckwort wie „nett“ oder „wichtig“ verkommen. Immerhin ehrlich unwissenschaftlich sind Formulierungen wie „Es darf davon ausgegangen werden, dass ...“

Entsprechendes muss man wohl auch vom Fazit des Artikels halten, dass „die Juniorprofessur … ihre Bewährungsphase erfolgreich überstanden“ habe. Echte Fakten und Daten und statistisch abgesicherte Analysen liefert dieses Pseudo-Forschungsprojekt auf jeden Fall nicht.

Wie sieht es mit dem anderen Artikel aus, der die gegenteilige Meinung äußert? Ist die wenigstens einigermaßen begründet? Oder auch bloß „repräsentativ“? Leider letzteres. Auch die Gegenposition liefert eine Erlebniserzählung gestützt auf „empirische Ergebnisse“. Wiederum nur eine Umfrage, aber immerhin von Wissenschaftlern, von der deutschen Gesellschaft Juniorprofessur. Den Betroffenen also. Diese haben die anderen Betroffenen befragt, ob sie mit der nicht mehr so jungen Juniorprofessur zufrieden sind. Von den 554 Antworten lautete knapp die Hälfte auf „unzufrieden“.

Mehr oder weniger unzufrieden

Die andere Umfrage der „Forschungs“studie vor zwei Jahren hatte auch einen Wert für „insgesamte Unzufriedenheit“ ausgeworfen, dort lag sie angeblich bei nur etwa 35 %. Unklar ist allerdings, wie die „insgesamte Unzufriedenheit“ ermittelt wurde. Zu befürchten ist, dass sie nur als Durchschnitt von verschiedenen Einzelfragen errechnet, nein – gemittelt wurde, ohne Faktoren wie Einkommen, zeitliche Beanspruchung, Freiräume in der Lehre oder Arbeitsaufgaben und Inhalte in irgendeiner Form zu gewichten. Oder die Juniorprofessoren selbst extrapolieren zu lassen.

Bei der Befragung der Betroffenen durch die Betroffenen kam heraus, dass fast 70 % kurz vor dem Ende der Juniorprofessur immer noch nicht wissen, ob sie die Möglichkeit haben werden, auf eine permanente Professur aufzurücken – und wenn ja, wann es soweit sein könnte. Auch das widerspricht den Zahlen, die die empirische Forschungsstudie aus dem Jahr 2012 ausgespuckt hatte. Die fehlende Karriereperspektive hat sich in dieser Zeit aber nicht geändert. Laut der alten Studie werden angeblich viele Juniorprofessoren weit vor dem Ende der Befristung auf eine richtige Stelle berufen – diese Aufsteiger sind dann im letzten Jahr der Juniorprofessur nicht mehr da. Folglich haben die Autoren  von der „Deutschen Gesellschaft Juniorprofessur“ nur die sitzengelassenen Kollegen befragt, den übrig gebliebenen Bodensatz. Repräsentativ unzufrieden?

Zweitägige Wahrheitssuche in Berlin

Was von diesen Ergebnissen nun relevant, signifikant, repräsentativ, informativ und womöglich noch wahr ist, will das DGB-geförderte Forschungsprojekt am Ende dieses Monats in Berlin diskutieren; wieder mit Geldern der Hans-Böckler-Stiftung, in einem sage und schreibe zweitägigen Symposium. Hoffentlich wird das nicht so selbstbeweihräuchernd wie es das Programm ankündigt.

Da in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ die angestaubten empirischen Erkenntnisse noch einmal warm gemacht wurden, die schon im letzten Jahr auf einem entsprechenden Symposium erkalteten, ist jetzt auch nichts Neues zu erwarten. Man fragt sich, was eigentlich diskutiert werden soll. Die einzige Hoffnung ist, dass laut Programm Martin Spiewak, der kritisch-vernünftige Redakteur der „ZEIT“, auf dieser Tagung moderieren und über die Topaktualität des Themas berichten wird. Ich bin mal gespannt. Ich hoffe nur, dass ihm das Sonderkontingent Zimmer im Mercure Hotel für schlappe 104 € pro Nacht aus Gewerkschaftsmitteln bezahlt wird. In jedem Fall – Zeitverschwendung.

 

Axel Brennicke

 

Axel Brennicke sitzt auf dem Lehrstuhl für Molekulare Botanik der Uni Ulm. Da bekommt er so einiges mit von Wahn und Witz des Lebens und Arbeitens an einer deutschen Universität. Für Laborjournal schreibt er es auf.


Frühere Folgen der Reihe "Ansichten eines Profs" gibt's  hier zum Nachlesen.



Letzte Änderungen: 04.11.2014

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