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Grenzgänger, Querdenker, Außenseiter

Innovative, gelegentlich auch etwas verwegene Arbeiten unzähliger Grenzgänger zwischen den Disziplinen prägen die Biologie bis heute. Der Sammelband Outsider Scientists zeichnet ein vielschichtiges Porträt dieses faszinierenden Forschertyps (Buchbesprechung).
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(12. März 2014) Elaine Morgan war eine Querdenkerin aus Überzeugung. Während die durchwegs männlichen  Anthropologen der 50er und 60er Jahre ein Szenario für die Menschwerdung im Kopf hatten, in dem jagende, Keulen-schwingende Männer die alleinige Hauptrolle spielten, favorisierte Morgan einen bewusst feministisch inspirierten Gegenentwurf. Nicht patriarchalisch organisierte Savannensippen, sondern Familiengruppen im flachen Uferwasser waren nach Morgans steiler Hypothese der Ausgangspunkt der menschlichen Evolution; die Aquatic Ape Theory war geboren (siehe auch dieses frühere Laborjournal-Editorial).

Elaine Morgan und ihr Werk „The Descent of Woman“ ist das Thema eines Kapitels im  Sammelband „Outsider Scientists – Routes to Innovation in Biology“ (herausgegeben von Oren Harman und Michael R. Dietrich, University of Chicago Press, 2013). Neben Morgan porträtiert das Autorenteam die Lebensgeschichte von 18 mal mehr, mal weniger bekannten Forschern, die alle aus einer Außenseiter-Position heraus die Biologie ihrer Zeit aufmischten. Bei weitem nicht alle Ideen dieser Grenzgänger waren so kontrovers und spekulativ wie Morgans „Wasseraffen“. Vor allem Forscher, die aus Chemie, Physik oder Mathematik in die Biologie hineingezogen wurden, bereicherten die Wissenschaft vom Leben mit oft revolutionären, aber letzlich tragfähigen Konzepten.

Produktive Grenzüberschreitung

Ein Paradebeispiel für produktive Grenzüberschreitung ist sicher der Chemiker und zweifache Nobelpreisträger Linus Pauling, der in einer solchen Sammlung natürlich nicht fehlen darf. Sein großes Verdienst liege darin, das Denken in komplementären Strukturen in die Biologie eingeführt zu haben, so das Fazit des ihm gewidmeten Kapitels. Gemeint ist Paulings begnadete Fähigkeit, aus der Anordnung der Atome und ihren chemischen Bindungsoptionen auf Form und Funktion von Biomolekülen zu schließen.

Zusammen mit Emil Zuckerkandl war Pauling auch ein Pionier der modernen Vorstellung der Evolution von DNA-Sequenzen. Im Rennen um die Entdeckung der Struktur der DNA selbst indes musste Pauling sich geschlagen geben – Franklin, Watson und Crick waren schneller.

Linus Pauling zeigte seinen rein biologisch ausgebildeten Zeitgenossen jedenfalls eines: Um die damals ganz neue Welt der Molekularbiologie zu verstehen, sind keine neuen Naturgesetze nötig; man muss nur das existierende Wissen aus Chemie und Physik konsequent anwenden.

Das Beispiel Pauling beleuchtet aber auch einen anderen Aspekt vieler Außenseiter-Forscher: Nicht immer liegen sie richtig. Paulings Obsession späterer Jahre war das Vitamin C, grammweise eingenommen. Gesundheitsfördernd und lebensverlängernd wirke die hochdosierte Ascorbinsäure-Zufuhr, so die feste Überzeugung des Nobelpreisträgers. Die Ergebnisse entsprechender Studien waren aber schon damals frustrierend für die Vitamin C-Schlucker. Auch Genies können eben irren.

Schrödingers Ausflug in die Biologie

Der Physiker Erwin Schrödinger versuchte sich ebenfalls an der Biologie, besonders mit seiner 1944 in Buchform gegossenen Vortragsreihe „What is life“. Im Gegensatz zu Pauling ist in Schrödingers Fall aber weniger klar, ob er die Biologie damit wirklich vorangebracht hat, wie Sahotra Sarkar in seinem Kapitel über den österreichischen Physiker zeigt. Denn Schrödinger zog weitreichende (heute muss man sagen: oft grundfalsche) Parallelen zwischen seiner eigenen Kernkompetenz, der Quantenphysik und Thermodynamik, und der Genetik – insbesondere spekulierte Schrödinger, dass die Details z.B. des Vererbungsmechanismus nicht mit den Regeln der klassischen Physik zu erklären seien. Andererseits hat Schrödinger durchaus Zusammenhänge und Mechanismen erahnt, die erst viele Jahre später durch Daten konkret erfasst wurden, beispielsweise die Existenz eines genetischen Codes. Vor allem aber war Schrödingers Bio-Enthusiasmus ansteckend und sorgte dafür, dass sich viele junge Physiker plötzlich für Lebendiges interessierten.

Die Mathematiker und Statistiker unter den Grenzgängern zur Biologie sind in „Outsider Scientists“ prominent durch Ron A. Fisher vertreten, unter anderem dem „Erfinder“ der Analysis of Variance, oder ANOVA, eine Methode, die heute jeder Biologiestudent im Statistik-Kurs lernen muss. Auch die allseits beliebten p-Werte als Maß für statistische Signifikanz sind eine „Erfindung“ Fishers. Vielleicht noch wichtiger für die Biologie war aber sein Beitrag zur „New Synthesis“ der Evolutionsbiologie in den 1930er Jahren. Denn Ron Fisher zeigte rigoros und formalistisch, dass Mendels Regeln der Vererbung und Darwins Prinzip von Mutation und Selektion in eine einheitliche genetische Vorstellung über den Evolutionsprozess passen. Darwins Theorie war damit auf eine robuste Grundlage in der Populationsgenetik gestellt.

Biologie im Computer - oder mit Papier und Bleistift

Neben den weithin bekannten Protagonisten der Biologiegeschichte wie Mendel, Pasteur, Pauling, Schrödinger oder Chomsky widmet Outsider Scientists auch einige Kapitel solchen "Außenseitern", deren Namen heute weit weniger geläufig sind.

Wer kennt beispielsweise Walter Goad? Der Computerexperte, ursprünglich am US-Atombombenprogramm in Los Alamos beschäftigt, war ein Pionier der biologischen Datenverarbeitung. Auf ihn geht die Sequenz-Datenbank GenBank zurück, die jeder Biologe kennt und nutzt.

Oder wem sagt der Name Nicolas Rashevsky (1899 - 1972) etwas? Der 1924 in die USA ausgewanderte russische Mathematiker hatte die fixe Idee, Biologie ausschließlich mit Bleistift und Papier, mit Logik und Naturgesetzen, zu betreiben, ähnlich wie ein theoretischer Physiker. Leider war er damit seiner Zeit (und dem damals verfügbaren Grundlagenwissen) weit voraus. Auch wenn seine Beschreibung der Reizweiterleitung im Neuron den viel später entdeckten tatsächlichen physikalischen Vorgängen recht nahe kam, so versank sein Werk doch weitgehend in der Obskurität und unter den Anfeindungen des damaligen Establishments. Heute wäre Rashevsky wohl ein erfolgreicher Systembiologe.

Verwegene Ideen

Morgan, Pauling, Fisher, Schrödinger, Goad und Rashevsky sind nur sechs der 18 Grenzgänger zwischen den Fachgebieten, die Harman und Dietrich in ihrem Sammelband vorstellen. Dennoch gäbe es sogar deutlich mehr Forscherpersönlichkeiten mit Außenseiter-Status, die ein eigenes Kapitel verdient hätten; wie etwa Max Delbrück, ein weiterer Physiker mit ausgeprägtem Hang zur Biologie.

Gibt es bei den porträtierten „Außenseitern“ Gemeinsamkeiten im Werdegang oder im Charakter?
Selbstbewusstsein und Standfestigkeit findet man eigentlich bei allen Grenzgängern. Üblicherweise sahen es die eingesessenen Biologen nämlich nicht gerne, wenn Fachfremde mit seltsamem Theorien aufkreuzten. Dabei waren es oft gerade diese teils verwegenen, unorthodoxen Ideen der neugierigen Querdenker, die der Biologie immer wieder neue Impulse gegeben hatten. Da kann man ein paar Fehltritte wie Paulings Vitamin C-Huldigungen vielleicht verzeihen.

Das Buch leidet wie viele solcher Sammelbände etwas darunter, dass jedes Kapitel von einem anderen Autor stammt. Der große Bogen und die einheitliche „Stimme“ fehlt daher ein wenig. Jeder Kapitel-Autor reitet doch hauptsächlich auf seinem eigenen akademischen Steckenpferd herum, manchmal mit mehr biografischen Details als nötig.

Aber Outsider Scientists ist sicher auch eher als „Arbeitsbuch“ für Spezialisten geschrieben, nicht als unterhaltsame Bettlektüre. Von daher ist es müßig, ein akademisches Buch dafür zu kritisieren, dass es eben ein arg akademisches Buch ist.

Aber ein Gedanke drängt sich schon auf: in den Händen eines populärwissenschaftlich versierten Autors hätte der Stoff, mit all den menschlichen Höhen und Tiefen, den Erfolgen und Niederlagen, sicher auch eine spannende Story für ein breiteres Publikum abgegeben.

 

Hans Zauner

Foto (Linus Pauling): public domain, via Wikipedia

 

 

"Outsider Scientists – Routes to Innovation in Biology"

Oren Harman & Michael R.Dietrich (Hg.)

University of Chicago Press, 2013

392 Seiten; 35$

ISBN: 9780226078403

 

 

 



Letzte Änderungen: 06.05.2014

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