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Wie entstand dieses verdammte Gel?

Manipulation ja – aber wie kam es dazu?

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(21. September 2012) Vor sieben Jahren geriet ein zweidimensionales Proteingel, das in einem PROTEOMICS-Artikel erschienen war, unter Manipulationsverdacht. Eine interne Untersuchung des Journals wies den Verdacht damals jedoch als unbegründet ab. Jetzt, Jahre später, kocht der „Fall“ wieder hoch, weil das Gel offenbar tatsächlich manipuliert wurde. Doch je klarer dies wird, umso mehr Rätsel wirft die Geschichte dahinter auf.

 

Im Jahr 2005 erscheint in der Februar-Ausgabe von PROTEOMICS (vol. 5(3): 746-57) der Artikel „A proteomic approach for investigation of photosynthetic apparatus in plants“. Erstautor ist der damalige Doktorand Corrado Ciambella, Seniorautor sein Betreuer Lello Zolla von der Universität Tuscia in Viterbo/Italien; dazwischen stehen auf den Autorenpositionen Zwei und Drei die Professoren Eva-Maria Aro von der Universität Turku und Peter Roepstorff von der Universität Süd-Dänemark in Odense. Die Abbildung 4 des Artikels zeigt den Scan eines zweidimensionalen Blue Native/SDS (2D-BN/SDS)-Gels der photosynthetischen Thylakoid-Membranproteine aus Gerste. Die einzelnen Spots der aufgetrennten Proteine wurden durch anschließende Massenspektroskopie identifiziert und sind in dem Scan entsprechend beschriftet.

 

Als Bernhard Granvogl, damals Doktorand in der Botanik der Universität München, den Gel-Scan sieht, stutzt er sofort. Das Muster der Spots erinnert ihn schlagartig an ein 2D-BN/SDS-Gel, das er drei Jahre zuvor ebenfalls mit solubilisierten Thylakoid-Membranproteinen von Gerste erhalten hatte. Mit seinem Chef, Lutz Eichacker, hatte er das Gel damals selbst in einem Manuskript zur Veröffentlichung in PROTEOMICS eingereicht. Die Gutachter hatten es jedoch inklusive einer revidierten Fassung schließlich zweimal abgelehnt. Auch ein dritter Publikationsversuch in Biochemistry scheiterte anschließend.

 

Beunruhigt holt Granvogl den eigenen Gel-Scan aus den Tiefen des Rechners. Nach kurzer Zeit haben Eichacker und er keinen Zweifel mehr: Abbildung 4 in Ciambella et al. stammt von deren eigenem Gel.

 

Eichacker bittet seinen ehemaligen Studienkollegen und Patentanwalt Michael Fleuchaus, die „Angelegenheit“ ebenfalls zu prüfen. Fleuchaus erinnert sich:

 

„Die Richtigkeit der mir damals zur Verfügung stehenden Daten vorausgesetzt (und hieran bestand kein Grund zum Zweifeln) kam ich zu dem vorläufigen Schluss, dass es sich bei Fig. 4 in Ciambella et al. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um eine unberechtigte Verwendung der Abbildung des Originalgels von Granvogl/Eichacker handelt – und möglicherweise zudem auch um eine Fälschung von Ergebnissen.“

 

Fleuchaus legt Eichacker eine zivilrechtliche Klage gegen die Autoren von Ciambella et al. nahe. Dieser sieht jedoch davon ab, da er mit den Autoren und PROTEOMICS eine weniger konfrontative Lösung anstrebt. Also informiert er PROTEOMICS-Chief Editor Michael Dunn sowie den verantwortlichen Managing Editor bei Wiley VCH, Hans Joachim Kraus, über den Manipulationsverdacht. Welche Maßnahmen PROTEOMICS daraufhin ergreift, schildert Michael Dunn im Rückblick folgendermaßen:

 

„I therefore wrote to Professor Lello Zolla, the Senior Author of the Ciambella et al. paper, on 20th July 2005, asking him to comment on this situation. After several rounds of correspondence with Prof Zolla, it became clear that the blue native 2-DE work was carried out by Dr Ciambella in collaboration with Professor Eva Maria Aro (University of Turku, Finland), an acknowledged expert in this field. The mass spectrometry of the proteins of interest was carried out by Professor Peter Roepstorff (University of Southern Denmark), an internationally recognised expert in MS. I therefore wrote to both Professors Aro and Roepstorff for their response to the situation.“

 

Zolla, Aro und Roepstorff räumen frappierende Ähnlichkeiten in beiden Gelen ein, stellen aber auch deutliche Unterschiede heraus. Roepstorff etwa schreibt:

 

„The gel in our paper although similar has definite (but small) differences from the unpublished gel from the Eichacker group. Therefore, I feel confident that the data presented in the Ciambella paper are original”.

 

Kraus und Dunn schließen sich diesem Urteil an. Dies teilen sie Eichacker mit, der laut Dunn die Ergebnisse der internen Untersuchung plötzlich akzeptiert und einwilligt, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Stattdessen fragt Eichacker an, ob er das bereits zweimal von PROTEOMICS abgelehnte Granvogl-Manuskript inklusive des besagten Gels nochmals überarbeitet und ergänzt einreichen dürfe. Dunn stimmt zu, stellt aber klar:

 

„Please note that this was a ‚request’ to submit from Dr Eichacker, not an ‚invitation’ to submit from our journal. We agreed to this request, and the paper (Granvogl et al.) was submitted online on 22nd December 2005. It was processed and handled in the normal way, involving full peer review. The paper was eventually published in PROTEOMICS in 2006.“

 

Eichacker, seit 2008 Professor am Centre for Organelle Research (CORE) der Universität Stavanger in Norwegen, sieht das im Rückblick etwas anders:

 

„Herr Dunn hat angeboten, eine aktualisierte Version meiner Arbeit von 2002 erneut in die Begutachtung zu nehmen und nach Abschluss des Review-Prozesses zu publizieren. Ich habe unter der Bedingung eingewilligt, dass die Daten mit dem Originaldatum der Ersteinreichung publiziert werden. Dies wurde von PROTEOMICS dann zum Teil erfüllt, indem das Datum der Ersteinreichung genannt wurde. Entsprechend steht nun als Fußnote in dem Artikel von Granvogl et al. (PROTEOMICS 6(12): 3681-95): „The work in this article was originally submitted to PROTEOMICS on November 1, 2002.”

 

Dennoch bleibt die Frage, warum Eichacker plötzlich einlenkt, obwohl er immer noch von dem „Gel-Raub“ überzeugt ist. Eichacker:

 

„Ich war über dieses Angebot von Herrn Dunn tatsächlich froh [...]. Mein Ziel war es lediglich, noch einen Weg zu finden, dem Doktoranden die seinerzeit für seine Promotion wichtige Publikation zu sichern.“

 

Wenn auch nicht auf komplett befriedigende Art, schien die Sache damit dennoch abgeschlossen. Warum kocht sie dann jetzt Jahre später wieder auf?

 

Im letzten Jahr erhielt die Laborjournal/Lab Times-Redaktion eine E-Mail, in der es unter anderem hieß:

 

[...] möchte Sie gerne anregen, ein kürzlich publiziertes, deutlich retuschiertes Bildplagiat als "abschreckendes Beispiel" in Ihrer Zeitschrift zu diskutieren und eventuell Kontakt mit den Autoren beziehungsweise dem Verlag aufzunehmen. Mir ist aus ziemlich sicherer Quelle bekannt, dass Abb. 1 (incl. Daten zu Proteomics) in Granvogl et al. das Original und Abb. 4 in Ciambella (obwohl zuerst publiziert) eine „Raubkopie“ darstellt. Überzeugen Sie sich selbst!“

 

Jemand war wohl nicht zufrieden mit der bisherigen Abwicklung des Falles. Zu Recht, wie die nachfolgenden Recherchen zeigen sollten.

 


Laborjournal/Lab Times schrieb insgesamt acht unabhängige 2D-Gel-Experten an und bat um Begutachtung der beiden Gele. Vier antworteten überhaupt nicht, zwei nur sehr ausweichend und nichtssagend. Konkret wurde dagegen Hans-Peter Braun vom Institut für Pflanzengenetik an der Universität Hannover:

 

„Zwar sind in einigen Gelbereichen klare Unterschiede zu erkennen, in anderen Regionen sind die Protein-"Spots" jedoch frappierend ähnlich. Insbesondere sind Gel-"Störungen", zum Beispiel kleine Luftblasen auf beiden Gelen an identischen Positionen. Für mich besteht daher kein Zweifel, dass für die beiden gezeigten Abbildungen das identische Gel verwendet wurde. Die Ciambella-Publikation ist zwar älter (2005), in der Granvogl et al.-Publikation von 2006 wird jedoch auf der Titelseite angegeben, dass die vorliegende Arbeit erstmalig bereits 2002 zur Publikation bei PROTEOMICS eingereicht wurde. Sofern die ursprüngliche Version der Arbeit dieses Proteingel bereits enthielt, liegt der Anfangsverdacht nahe, dass es für Ciambella et al. 2005 (raub-)kopiert und manipuliert wurde. [...] Mir ist unklar, weshalb PROTEOMICS, sofern die Vorwürfe zutreffen (wovon ich überzeugt bin), die Ciambella et al.-Publikation nicht längst offiziell zurückgezogen hat.

 

Thierry Rabilloud, Proteomik-Spezialist am CEA-Zentrum für Atomenergie in Grenoble und bezeichnenderweise Associate Editor bei PROTEOMICS, antwortete auf die Anfrage zunächst launisch:

 

„I cannot say that it will be my pleasure, but it will be my duty to perform such an analysis for you.“

 

Für diese Analyse standen Rabilloud neben den Originalartikeln sowie den diversen Manuskriptfassungen des Granvogel et al.-Papers weiterhin sämtliche Originalunterlagen von Granvogl und Eichacker zur Verfügung – inklusive eines Scans des blanken Originalgels, also ohne jegliche Beschriftung. Für das Paper Ciambella et al. waren weder von den Autoren noch von PROTEOMICS Originaldaten und -bilder zu erhalten.

 

PROTEOMICS-Chief Editor Mike Dunn erklärte hierzu:

 

„I am afraid that I no longer have access to the primary data for the Ciambella et al. manuscript as mentioned by Prof Zolla. You may be aware that I retired from my full-time academic position at University College Dublin (Ireland) at the end of October 2009. [...] There was no way that all of this archival material could be taken into my family home in London, which necessitated disposal of the majority of this material, including the primary data for the Ciambella et al. manuscript.“

 

Lello Zolla, Ciambellas Chef und Corresponding Author der Papers, gab an:

 

“Prof. Michael Dunn contacted me following the Prof. Eichacker’s request and he asked me for all the original data of our submission. At that time [2005, the ed.], I was able to provide both him and the Editorial staff of the journal with a CD containing a plethora of gel images obtained from my PhD student, along with the mass spectrometry identifications of all the spots performed in the Peter Roepstorff’s lab. Now it’s impossible for me to recover this material because it has been a long time since Dr. Corrado Ciambella stopped working in my lab. […] I do not know what he is doing and how to reach him.”

 

Dass nach dem Wegschicken einer CD nur wenige Jahre später sämtliche Originaldaten in Zollas Labor nicht mehr auffindbar sein sollen, ist eigentlich schon ein Skandal für sich. Abgesehen davon, konnte auch Laborjournal/Lab Times den Erstautor Corrado Ciambella nicht auftreiben.

 

Dennoch reichte Thierry Rabilloud das vorhandene Material aus für eine detaillierte Analyse. Und deren Resultate sollten den Fall endgültig neu eröffnen.

 

Rabilloud analysierte beide Gel-Bilder mit Hilfe verschiedener Auswertungssoftware. In seinem Abschlussreport hebt er zunächst auf die offensichtlichen Unterschiede („very important differences“) zwischen beiden Gelen ab – und kommt zu dem Schluss, dass:

 

„... the differences present in the lower half completely support the fact that the figures come from independent experiments and independent gels.“

 

Zwei Absätze später jedoch wird es plötzlich interessant:

 

„This is, however, not the end of the story, and at this point it becomes very puzzling. When the zone corresponding to the Blue/black box in figure 1 [hier Fig.1] is extracted from the original Granvogl gel, the original Granvogl 2002 manuscript figure, The Ciambella 2005 figure and the Granvogl 2006 figure, stretched or compressed to have exactly the same size, as shown in figure 5 [hier Fig.2], it is absolutely clear that this zone is 100% superimposable in all figures, at a point that cannot be coincidental.

 

 

Und dann kommt Rabilloud zu einem der größten Rätsel in der gesamten Angelegenheit:

 

„Where the picture becomes very puzzling lies in the detailed analysis of bubbles 1, 2 and 3. The bubbles series highlighted in circle 2 is completely superimposable between the gels [...]. However, what puzzles me most are bubbles 1 and 3. If the data submitted by Granvogl et al. in 2002 and 2003 were pixellated, as is a paper figure, a JPEG file or a TIFF file, it was impossible for Ciambella et al. to reconstruct bubbles 1 and 3 as they are present in their figure, because of the presence of annotations (arrows, arrowheads) in the Granvogl et al. 2002 and 2006 figures. However, bubbles 1 and 3 are exactly similar between the original, unannotated Granvogl gel and the Ciambella figure. This means in turn that Ciambella et al. must have had access, in a way or another, to the original unannotated Granvogl gel, i.e. a piece of information that should have not been present, by any means, in the manuscripts submitted in 2002 and 2003 by the Eichacker's lab.“

 

Dieses „Rätsel“ hat jedoch keinen Einfluss auf Rabillouds generelles Fazit. In Fettschrift schreibt er:

 

„My final conclusion is that the Ciambella figure is a composite figure, in which a part of the original, unannotated Granvogl gel, but not of any figures submitted together with a manuscript, has been pasted on an otherwise original gel. [...] Please also note that it would have been impossible to reach this conclusion on the basis of the manuscript figures only. The original gel was absolutely needed.“

 

Und Rabilloud ergänzt noch einen wichtigen Punkt:

 

„Of course, further investigations would require to check whether real mass spectrometry data were obtained for the "copied spots" by Zolla's group in cooperation with Roepstorff's group, but this is another part of the story.“

 

Lello Zollas Reaktion ist dünn. Er streicht lediglich hervor, dass er zwar korrespondierender Autor des Papers sei, aber die Experimente nicht selber durchgeführt habe. Und überhaupt seien die 2D-Gele ja in Eva-Maria Aros Labor in Turku entstanden. Am Ende versucht er gar einen ziemlich fleischlosen Gegenangriff:

 

„Reading carefully Rabilloud’s report, I ask: did Ciambella manipulate Granvogl’s figures or the contrary?“

 

Ko-Autorin Eva-Maria Aro dagegen reagiert entsetzt. Sie schreibt:

 

„I, together with my people here who were helping Ciambella, are furious because we feel that Lello is blaming us and we all feel that we have just been helping and teaching his student. We all have investigated the gels very carefully and cannot ignore the ‚air bubbles’ in exactly the same place. Such a coincidence is not possible.

 

Unfortunately, we do not have the original gel scans here in Turku. I am still trying to find whether they could be found in the Center of Biotechnology here in Turku – their proteomics unit where we at that time scanned our gels, however, has a new personnell and new computers.

 

[...] This is very alarming! We all are very upset! We must know the truth!“

 

Auch PROTEOMICS-Chief Editor Mike Dunn räumt jetzt aufgrund von Rabillouds Untersuchung ein, dass:

 

„ [...] there was clearly serious malpractice in the Ciambella publication, although I believe that it is very difficult to understand how this could have occurred.“

 

Daneben ist Dunn aber natürlich vor allem folgendes sehr wichtig:

 

„Prof Rabilloud concludes that the Ciambella figure is substantially different from the Granvogl figure, but there is evidence of malpractice which is resticted to a part of the image and that this was very difficult to detect. We believe that this shows that there was no unethical behavior on the part of PROTEOMICS and any of the people concerned with the peer review proces of the original 2002 Granvogl manuscript. Prof Rabilloud also goes on to state that the conclusions of the internal investigation at PROTEOMICS five years ago were therefore essentially correct.“

 

Und er schlägt vor...

 

„... to undertake further investigations to check whether real mass spectrometry protein identification data were obtained from the protein spots indicated in the figure in the Ciambella paper.  Unfortunately, the head of the laboratory that perfomed this MS analysis, Prof Roepstorff, has now retired and we are currently in contact with his successor, Prof Ole Jensen, to establish the originality/validity of the MS data reported in the Ciambella paper.“

 

Bis heute, ein ganzes Jahr später, wurden Laborjournal/Lab Times keinerlei Ergebnisse solch einer Untersuchung mitgeteilt – also auch keine möglicherweise entlastenden.

 

Lutz Eichacker indes gehen die Zugeständnisse inzwischen nicht mehr weit genug. Zwei Dinge stören ihn: Zum einen die Aussage Rabillouds, dass allenfalls ein Teil des Ciambella-Gels dem früheren Granvogl-Gel aus seinem Labor entnommen sei; und zum anderen die Schlussfolgerung, dass aufgrund der spezifischen Beschriftungen der Gele Ciambella et al. solch eine Manipulation nur mit Hilfe des unbeschrifteten Granvogl-Gels vornehmen konnten, wie es im ursprünglichen Granvogl et al.-Manuskript wohl kaum vorlag.

 

Eichacker meint, Rabilloud wolle mit letzterem lediglich dem hässlichen Verdacht vorbeugen, dass beim Review-Prozess des Granvogl-Manuskripts bei PROTEOMICS doch etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sei – und dass demnach das darin enthaltene Gel während der Begutachtung unberechtigterweise an Ciambella und Co. weitergegeben wurde.

 

Eichacker durchaus polemisch:

 

„Die finale Schlussfolgerung klingt wie ein Abgesang an die Rettung des Peer Review in PROTEOMICS. Lieber Herrgott mach, dass keiner der Reviewer sich an einem eingereichten Manuskript vergriffen hat…“

 

Und er stellt klar:

 

„Es geht doch um die Art der Files, die bei den Journalen eingereicht wurden. Dies waren sehr oft Word- und Powerpoint-Files mit integrierten Original-Scans, die in Powerpoint beschriftet worden waren. Aus einem solchen File können durchaus die Pfeile und Beschriftungen entfernt werden.“

 

Gerade Gel-Scans werden oft in Powerpoint beschriftet. Und tatsächlich akzeptiert auch PROTEOMICS in seinen „Instructions to Authors“ ausdrücklich das Einreichen von Abbildungen im Powerpoint-Format.

 

Eichackers damaliger Anwalt Michael Fleuchaus kam jedenfalls schon nach seiner Analyse aus dem Jahr 2005 zu einem ähnlichen Schluss:

 

„Übrigens hatte ich damals auch festgestellt, dass das Bild des Gels OHNE Beschriftungen durch einige (einfache) Tricks aus der EDV-Kiste unschwer den von Granvogl/Eichacker eingereichten Daten entnommen werden konnte. Insoweit war das Hinzufügen von veränderten Beschriftungen problemlos möglich.“

 

Doch damit nicht genug. Eichacker ist ferner überzeugt, dass Ciambella et al. nicht nur einen Teil des Granvogl-Gels in ein anderes, eigenes eingefügt haben. Vielmehr ist er sicher, dass sie das gesamte Gel plagiiert und durch Hinein-Retuschieren einiger Banden nach ihren Bedürfnissen manipuliert haben. Schon seinerzeit hatte Eichacker die Gele mit einer professionellen Software der Firma DECODON zur Analyse von 2DG-Bildern aufwändig prüfen lassen. Dazu schreibt er:

 

„Die Analyse der Proteine führt [...] auch bei DECODON zur Produktion von zwei deckungsgleichen Protein-Gelen (wenn man von den zusätzlich eingefügten Proteinspots absieht), in denen gleichzeitig und unabhängig auch die Luftblaseneinschlüsse zur Deckung gebracht werden.“

 

Dies, so schreibt Eichacker weiter, könne man einfacher auch in Powerpoint durch Übereinanderlegen der beiden Scans samt leichtem Strecken des Ciambella-Gels erreichen. Entsprechende Powerpoint-Analysen Eichackers liegen Lab Times vor – und scheinen ihn zu bestätigen.

 

Seine Schlussfolgerung daraus ist klar: Lassen sich über das gesamte Gel Proteinspots zur Deckung bringen und stimmen zudem, völlig unabhängig davon, unspezifische Luftblasen und Abdrücke, die ja nicht der Physik des Protein-Trennvorgangs unterliegen, auf beiden Gelen überein – ...

 

„... dann ist Schluss mit Unterschiedlichkeitsbetrachtungen und wir können zu einer Identitätsbetrachtung mit Fälschungsanalyse übergehen.“

 

Es sind also noch einige Rätsel zu lösen in diesem durchaus mysteriösen „Fall“. Wurde tatsächlich das gesamte Granvogl-Gel für Ciambella et al. plagiiert und manipuliert – oder nur ein Teil? Wenn ja – wie und in welcher Form bekamen Ciambella et al. überhaupt das Granvogl-Gel in die Hände? Kam es womöglich doch zu dessen missbräuchlicher Weitergabe während des Begutachtungsprozesses bei PROTEOMICS (oder bei Biochemistry, wo der Gel-Scan ja 2003 auch eingereicht war)? Und woher kommen die massenspektroskopischen Daten zu den Proteinspots in Ciambella et al., wenn sie womöglich gar keine eigenen hatten?

 

In einem stimmen Gutachterexperte Thierry Rabilloud, PROTEOMICS-Chief Editor Mike Dunn und Ko-Autorin Eva-Maria Aro jedoch Lutz Eichacker mittlerweile ganz klar zu: Abbildung 4 in Ciambella et al. ist definitiv manipuliert.

 

Für eine Retraktion des Artikels müsste allein dies bereits allemal reichen.

 

Ralf Neumann


(Der Artikel erschien zuerst auf Englisch in Lab Times 5-2102, S. 18-23)



Letzte Änderungen: 09.10.2012
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