
Tabaklobbyist Franz Adlkofer
(13. September 2012) Über Prof. Dr. Franz Adlkofer ist schon viel geschrieben worden. Er war lange Jahre als wissenschaftlicher Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Verbands der Cigarettenindustrie (VdC) tätig und darum bemüht, die Gefahren des Passivrauchens herunterzuspielen. So schrieb er im Deutschen Ärzteblatt noch 2001:
„Aus theoretischen Erwägungen ist natürlich nicht auszuschließen, dass das Lungenkrebsrisiko durch Passivrauchen geringfügig ansteigt. In dem Bemühen, diesen gegenwärtig nicht beweisbaren Zusammenhang wenigstens höchst wahrscheinlich zu machen, wird offensichtlich weit über das Ziel hinausgeschossen."
Adlkofer und dem VdC ist es zu verdanken, dass die Gesetze gegen die Gefahren des Passivrauchens jahrelang verzögert wurden (1).
Der VdC gründete nach eigenem Bekunden im Jahr 1992 die „Stiftung Verum", mit Segen der bayerischen Staatsregierung. Verum finanzierte seitdem verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen, auch die berühmt-berüchtigte „REFLEX-Studie", deren Koordinator Adlkofer war. Unterstützt durch die EU wurden Untersuchungen zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der Exposition durch Mobilfunk finanziert – mit teils dramatischen Ergebnissen. In Wien wurden Belege gefunden und publiziert, die angeblich zeigten, dass Mobilfunk-„Strahlen" die DNA der exponierten Zellen geradezu zerbröselten.
Krebsgefahr durch Handys – eine willkommene Ablenkungsstrategie von den realen Gefahren des Passivrauchens, eingefädelt durch den (ehemaligen?) Tabak-Lobbyisten Adlkofer. Wer den Film „Thank you for Smoking" (USA, 2005) und insbesondere die letzte Szene kennt, weiß, wovon die Rede ist.
Auch Thomas Kyriss von der London School of Hygiene and Tropical Health wies darauf hin: Mobilfunk sei eine Ablenkungsstrategie der Zigarettenindustrie („Ein Klassiker, ja."; Stern 16.12.2005). Von Kyriss war im genannten Artikel auch zu lesen: „Ich weiß, dass auch ‚Verum' Forschung betreibt, die von den Gesundheitsschäden durch Rauchen ablenken soll, die andere Ursachen für Krebs aufzeigen will."
Ablenkungsmanöver der Zigarettenindustrie?
Die Wiener Alarmstudien wurden als gefälscht identifiziert. Eine Laborantin hatte die Daten einfach erfunden (Der Spiegel 35, 2008). Adlkofer war entrüstet („Man [gemeint ist die der Fälschung überführte Laborantin Elisabeth K.; Anm. d. Verf.] hat uns hinters Licht geführt. Ich bin entsetzt." Der Spiegel 22, 2008).
Krokodilstränen vom Koordinator. Inzwischen will er von diesem anfänglichen Eingeständnis nichts mehr wissen. Im Gegenteil versucht er bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Entdeckung der Fälschungen als „Versuch der Vernichtung wissenschaftlicher Mobilfunkdaten" (2) und als Komplott darzustellen.
Überhaupt scheint es Adlkofer mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, was schon 1999 dazu führte, dass er von Ernst-Günther Krause von der Nichtraucherinitiative Deutschland (NID) als „Lügner und Betrüger" bezeichnet wurde (3). Der Vorwurf: Adlkofer schrieb am Ende eines Leserbriefs in der Zeitschrift Circulation: „Asked for a possible conflict of interest, I declare categorically that I am not in any way, financially, economically, or otherwise, linked to the cigarette industry." (4).
Zwar versuchte Adlkofer mittels seines Anwalts, Krause in die Knie zu zwingen und die Verbreitung seiner Aussagen zu unterdrücken, scheiterte aber (5).
Ein neuer Fall des Wahrheits-Zurechtbiegens
Der neue Fall von Zurechtbiegen der Wahrheit durch Adlkofer ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Doch zunächst zum Hintergrund: Ende letzten Jahres wurde vor dem Richter William Alsup in San Francisco eine Causa verhandelt, in der es um zu dramatische Warnungen der Stadt San Francisco vor dem Gebrauch von Handys ging. Am 27. Oktober wurde das Urteil verkündet, das sich mehr oder weniger der Auffassung der klagenden Mobilfunkindustrie anschloss. Im Urteil (6) findet sich folgende Passage:
„The overall impression left is that cell phones are dangerous and that they have somehow escaped the regulatory process. That impression is untrue and misleading, for all of the cell phones sold in the United States must comply with safety limits set by the FCC."
Was macht Adlkofer daraus? Das genaue Gegenteil – durch Weglassen des zweiten Satzes. So ist von ihm selbst anlässlich eines Vortrages vor Baubiologen in Fulda (November 2011) geschrieben worden:
„Ich möchte meinem Vortrag ein Zitat voranstellen, das gerade drei Wochen alt ist und von dem Distrikt-Richter von Nordkalifornien William Alsup stammt. Ich zitiere: ‚Der Gesamteindruck, der bleibt, ist der, dass Mobiltelefone gefährlich sind und regulatorischen Prozessen irgendwie entgingen'. Wer die Geschichte der Erforschung biologischer Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder kennt, weiß, was sich hinter „irgendwie" verbirgt, nämlich institutionelle Korruption." (7).
Kein Einzelfall
Oha! Das ist aber kein Einzelfall. Bei einem Vortrag vor der Harvard Law School (!) am 3. November 2011 trug er vor:
„Judge William Alsup from San Francisco most recently stated: I quote: "The overall impression left is that cell phones are dangerous and that they have somehow escaped the regulatory processes". No doubt the time has come to adjust the telecommunication technology to the human organism since the opposite way which has been followed much too long is impossible." (8).
Nach der Entdeckung dieses höchst peinlichen Verhaltens Adlkofers durch den Elektroingenieur Ralf Dieter Wölfle versucht Adlkofer zurückzurudern, indem er einen Teil seiner Dokumente ohne jeglichen Hinweis darin nachträglich ändert und dafür in einem neuen Papier sein Verhalten zu rechtfertigen versucht: "Ja, dies ist mir tatsächlich entgangen und ich werde meinen Fehler natürlich korrigieren. Nichtsdestotrotz ist das Zitat des Richters zutreffend. Er hat damit die Meinung anderer, die es besser wissen als er, gekonnt zusammengefasst."
Damit zeigt sich Adlkofer auch weiterhin nicht in der Lage, seine eigene Meinung von den Fakten zu trennen, und es erscheint ihm zusätzlich auch bedeutungslos, dass das Zitat in der von ihm zurechtgekürzten Form die US-amerikanische Gesetzeslage unzweifelhaft falsch darstellt.
So viel Ignoranz und Kaltschnäuzigkeit kann nur jemand besitzen, der viele Jahre im Dienst einer Industrie stand, für die Täuschung und Manipulation der Öffentlichkeit zum täglichen Geschäft gehörte und gehört.
Alexander Lerchl
Die zitierten Quellen:
(1) N. Hirschhorn (2000) Shameful science: four decades of the German tobacco industry's hidden research on smoking and health. Tob Control 9: 242-248.
(2) F. Adlkofer, K. Richter (2011) Versuch der Vernichtung wissenschaftlicher Mobilfunkdaten an der Medizinischen Universität Wien endgültig gescheitert. Pressemitteilung der Stiftung Pandora vom 18.1.2011.
(3) E.-G. Krause (1999) Franz Adlkofer – ein Lügner und Betrüger. Nichtraucher-Info 33.
http://www.nichtraucherschutz.de/NRI/33/nrinfo33-Franz.html
(4) F. Adlkofer (1998) Passive smoking and coronary disease in women. Circulation 97: 1870.
http://circ.ahajournals.org/content/97/18/1870.full
(5) E.-G. Krause (1999) Leidet Adlkofer unter Wahrnehmungsverlust? Nichtraucher-Info 34.
http://www.nichtraucherschutz.de/NRI/34/nrinfo34-Leidet.html
(6) http://law.justia.com/cases/federal/district-courts/california/candce/3:2010cv03224/231145/92/
(7) http://www.stiftung-pandora.eu/downloads/pandora_doku_vortrag-fulda-2011.pdf
(8) http://www.law.harvard.edu/news/2011/11/18_safra-center-cellphone-radiation-corruption.html (Start des Zitates bei 55:40)