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Schluss mit Pyramide!

(16.10.17) In einem frischen Debattenpapier fordert die Junge Akademie, das Lehrstuhl-Prinzip der deutschen Wissenschaft zugunsten einer Department-Struktur aufzugeben. Und beschreibt darin sehr konkret, wie eine solche Umwälzung gelingen könnte.
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„Departments statt Lehrstühle!“ – so überschreiben fünf Mitglieder der Jungen Akademie ihr frisch veröffentlichtes Debattenpapier. Mit dieser Parole ist eigentlich sofort klar, worum es gehen soll: Die Abschaffung des altgedienten Lehrstuhl-Systems zugunsten einer Department-Struktur – mit dem Ziel, damit gleich „mehrere Schieflagen im heutigen Wissenschaftssystem zu überwinden“.

In den externen Kommentaren, die dem Debattenpapier angehängt sind, fasst der Berliner Sozialforscher Jan-Christoph Rogge diese „Schieflage“ wie folgt prägnant zusammen:

„Trotz aller Reformbemühungen präsentiert sich die Personalstruktur an deutschen Universitäten weiterhin als eine Ansammlung feudal regierter Fürstentümer, die durch mal mehr und mal weniger starke Dekanate und Hochschulleitungen notdürftig zusammengehalten und vom sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs bestellt werden.“

Spitze Hierarchie mit Qualitätsproblemen

Und da viele meinen, dass sich dies inzwischen merklich negativ auf die Qualität der deutschen Wissenschaft auswirkt, soll es nun also eine Department-Struktur richten. Oder wie das Autoren-Quintett Jule Specht, Christian Hof, Julia Tjus, Wolfram Pernice und Ulrike Endesfelder selber schreibt: „Die Schaffung einer modernen Department-Struktur ist ein zentraler Schritt hin zu einem leistungsstarken und sozialverträglichen Wissenschaftssystem.“

Klar, die Ablösung der streng pyramidalen Hierarchie des Lehrstuhlsystems ist natürlich zwingende Voraussetzung dafür. Was man dann im Idealfall bekommen würde, sei eine flache Department-Struktur mit praktisch nur noch zwei Hierarchieebenen, wie die Autoren schreiben – und folgendermaßen graphisch darstellen: 

 

 

 

Was sie sich letztlich von dieser Umwälzung zur Department-Struktur erhoffen, fassen sie folgendermaßen zusammen: „[…] eine dynamische Wissenschaft, die nach außen international kompetitiv ist und sich nach innen durch Zusammenarbeit auf Augenhöhe auszeichnet.“ Und weiter: „Sie bietet jüngeren WissenschaftlerInnen bereits in einem frühen Stadium ihrer Karriere attraktive Arbeitsbedingungen und erlaubt es etablierten WissenschaftlerInnen von einem vielfältigen Kollegium zu profitieren, in dem die zahlreichen Aufgaben auf mehr Schultern verteilt sind.

Bereits 2013 rechnete die Junge Akademie vor, wie man durch die Abschaffung des haushaltsfinanzierten Mittelbaus die Zahl der Professuren in Deutschland zugunsten einer solchen Department-Strutkur kostenneutral verdoppeln könnte. Um die Diskussion über eine derart tiefgreifende Strukturreform des deutschen Wissenschaftssystems jetzt umso mehr voranzutreiben, sind die fünf Autoren in dem neuen Debattenpapier erfrischend konkret geworden. Detailliert beschreiben sie, welche potentiellen Vorteile sie durch eine solche Umwälzung für alle Beteiligten erwarten – und wie genau sie funktionieren könnte.

So würde etwa der derzeitige weisungsgebundene Mittelbau zu Professuren aufgewertet, wodurch mehr Stellen in der Professorenschaft und damit bessere Karriereperspektiven geschaffen würden. Dadurch wiederum würde die Professorenschaft von Verwaltungsaufgaben entlastet und erhielt mehr Zeit für ihre Kernaufgaben in Forschung und Lehre. Ganz abgesehen davon, dass der aktuell „desaströse“ Betreuungsschlüssel von 66 Studenten pro Professor sich erheblich verbessern würde.

Ebenso werden die Autoren auch sehr konkret bei dem Szenario, durch welche Maßnahmen und in welchem zeitlichen Rahmen eine derartige Strukturreform am Ende tatsächlich kostenneutral durchgeführt werden könne.

Machen die "Fürsten" mit?

Dennoch bleibt über all dem die große Frage: Würden die etablierten „Fürsten“ tatsächlich auf ihre Lehrstühle verzichten und bei der Schaffung einer modernen Department-Struktur überhaupt auch nur annähernd mitziehen? Bei all den vielen, kleinen potentiellen Vorteilen würden sie am Ende schließlich doch erheblich an persönlicher Macht verlieren – eine Macht, die sie jetzt natürlich auch sehr gut dazu einsetzen könnten, sämtliche Reformversuche in dieser Richtung im Keim zu ersticken.

Doch auch in dieser Hinsicht gibt es Hoffnung. Viele heutige Lehrstuhlinhaber wissen inzwischen selbst genau, dass eine Strukturreform des deutschen Wissenschaftssystems überfällig ist – und sind teilweise auch selbst schon aktiv geworden. So kam etwa letzte Woche bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) deren Präsident Gerd Heusch im Rahmen der Bestandsaufnahme seines Fachs nicht umhin, explizit zu betonen, dass das traditionelle System der deutschen akademischen Medizin – mit nur einem einzelnen Professor und Lehrstuhl – zuletzt merklich flexibler geworden sei und sich insgesamt etwas stärker dem angloamerikanischen System angeglichen habe, wo es Experten mit unterschiedlichen Spezialisierungen innerhalb einer Abteilung gibt.

Das zielt doch schon mal auffällig in Richtung Department-Struktur. Womöglich ist die Zeit inzwischen tatsächlich reif, eine entsprechende Strukturreform weiter zu konkretisieren und vor allem auf breiter Basis anzugehen.

Die Junge Akademie hat hierzu wahrlich keinen schlechten Aufruf gestartet.

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 09.11.2017

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