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Knusperkäse-Experten und der akademische Hang zur Spezlwirtschaft

(10.8.17) Der Präsident der Uni Bamberg fordert, dass bei Wissenschaftsbetrug ausschließlich akademische Insider tätig werden sollen. Sehr richtig! Und bei Ladendiebstählen ermittelt künftig die Aldi-Kassiererin.
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© Lidl

Ohne Fachwissen geht es nicht. Wer keine Ahnung von Elektrotechnik hat, kann keine Smartphones konstruieren, und wer nicht weiß, wie man einen Spätzlesschaber bedient, der sollte sich besser nicht als Koch in der schwäbischen Gastronomie bewerben.

Dies gilt ebenso für die Medien und die dort Beschäftigten. Journalisten etwa sollten nur dann über komplizierte Fachthemen wie Gentechnik oder Biodiversität schreiben, wenn sie schon mal in einem Labor ein paar Zentrifugen gestartet und ein paar Gele gegossen haben – oder zumindest profunde Erfahrung als Imker, Schmetterlingssammler oder Huftierzüchter mitbringen. Denn andernfalls wird es peinlich – spätestens dann, wenn man als Autor oder Redakteur mit dem Begriff CRISPR/Cas („Knusperkäse?“) nichts anzufangen weiß und ein Neuron für eine Gedächtniszelle hält.

Lediglich beim Fernsehen, da geht das. Dort gelten selbst notorische Faktenverweigerer als Experten. Fußballtrainer beispielsweise, die glauben, dass Doping in ihrem Sport nicht wirksam sei. Oder Tour-de-France-Kommentatoren, deren Hauptexpertise es offenbar ist, während rennentscheidenden Situationen minutenlang über Frankreichs schöne Landschaften schwadronieren zu können – und deren radsporttaktisches Hintergrundwissen geringer ist als das eines Grünschnabels der U15-Schülerklasse. Doch auch allzuviele Wissenschafts-Interviews in Radio und TV werden leider von Journalisten geführt, die von der Materie offenkundig nur recht wenig Ahnung haben – und sich daher mit absurden Antworten zufriedengeben.

Insofern ist es höchst hilfreich, wenn man Ahnung hat. Nicht umsonst umwerben die Personalstellen bei Polizei und Geheimdiensten seit Jahren geläuterte Hacker – denn wer könnte besser dazu geeignet sein, effizient Computerkriminalität zu bekämpfen als jene, die jahrelang selbst kriminell waren.

Private Sicherheitsdienste wiederum stellen bevorzugt ehemalige Soldaten und Polizisten zum Objektschutz und als Wachpersonal ein, und die mit Abstand tauglichsten Kandidaten für einen Hausmeister-Posten sind Sanitärinstallateure und Elektriker – denn die wissen, wieso der Hahn tropft und wie man eine kaputte Treppenbeleuchtung repariert. Gewusst wie eben.

Man sollte meinen, dass es auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf profundes Know-how ankommt. Doch als sich das ARD kürzlich mal wieder dem Thema „Wissenschaftsbetrug“ widmete, war davon nicht viel zu merken. Der 18.07.2017 gesendete TV-Beitrag „Report München – Fehlverhalten in der Wissenschaft“ fiel vor allem durch eine recht amateurhaft konzipierte Umfrage auf – sowie dadurch, dass die im Film geschilderten Fallbeispiele unredlicher Wissenschaftler („R“ und „M“ genannt) in Laborjournal und anderswo schon Wochen beziehungsweise Monate zuvor ausführlich aufgearbeitet worden waren.

Schön also einerseits, dass sich endlich auch das Fernsehen der Thematik „wissenschaftliches Fehlverhalten“ annimmt – doch neue Erkenntnisse? Fehlanzeige.

Warum? Nun ja – die mit viel Tamtam präsentierte BR-Umfrage namens „Real Science“ zur Art und Anzahl der Fehlverhaltensfälle für die vergangenen fünf Jahre (2012-2016), durchgeführt unter 281 Ombudsleuten deutscher Forschungseinrichtungen, die laut BR „ein interessantes Schlaglicht auf den Umgang der Unis mit wissenschaftlichem Fehlverhalten“ wirft“, enthüllt in Wahrheit nur ein paar Banalitäten, die zudem längst bekannt sind (etwa, dass in der Mehrheit der mogelnden Wissenschaftler (in rund 43 Prozent) fremde Ideen geklaut werden, sprich: plagiiert wird, und dass nur die wenigsten Fehlverhaltensfälle überhaupt durch eine Kommission untersucht werden – laut Umfrage nur 246 von 1124 Verdachtsfällen – und ob dies wirklich so ist, dazu später mehr!).

Leider dümpelt die BR-Umfrage ganz allgemein sehr an der Oberfläche. Die Zahl der „Keine Angabe“-Antworten ist hoch – beispielsweise, wenn nach den Fachrichtungen gefragt wird, in denen die 246 genannten Fehlverhaltens-Fälle aufgetreten seien. Fast die Hälfte der befragten Ombudsleute gaben dazu keine Auskunft. Auch zu der gegen die Wissenschaftler verhängten Art der Sanktionen (von „keine“ bis „Auflösung des Beschäftigungsverhältnisses“ / “Aberkennung Doktortitel“ reichend) gab es in jedem dritten Fall (85 von 246) keine Auskunft.

Warum wurden ferner, laut Aussage der befragten Ombudsleute, von deren jeweiligen Instituten lediglich 16 von 246 untersuchten Fällen (teils anonymisiert) veröffentlicht? Warum wurden ausgerechnet diese ganz wenigen Fälle (ganze sechs Prozent) publik, und warum die anderen 230 Fehlverhaltensfälle nicht?

Dazu – und zu einigen anderen Fragen, die sich beim Betrachten des siebenminütigen TV-Films aufdrängen – schwiegen sich die befragten Ombudsleute aus. Oder besser: Man hat sie gar nicht gefragt – oder zumindest nicht nachgefragt.

Das im Film dargestellte Fazit des mit der Umfrage beauftragten Wissenschaftssoziologen (Martin Reinhart vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung) klingt denn auch recht dünn, wenn er meint:

„Es ist bemerkenswert, dass wir (…) so viele Fälle haben. Das zeigt doch, dass das Ombudswesen tatsächlich genutzt wird und zwar im größeren Umfang. Es tut sich was.“

Und die Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Martina Brockmeier, kommentierte gegenüber dem BR ähnlich hoffnungsfroh:

„Die BR-Umfrage zeigt, dass das Ombudswesen in Deutschland funktioniert“.

Nein, Herr Reinhard, nein, Frau Brockmeier – genau das zeigt diese enttäuschend dünne Umfrage eben nicht: Dass sich „etwas tut“; dass das Ombudswesen „funktioniert“.

Oder mal dumm gefragt: Was tut sich denn? Was funktioniert denn? Da wurden 281 Ombudsleuten ein paar Fragen gestellt, 226 bequemten sich zumindest teilweise zu antworten, und ob das, was da geantwortet wurde, überhaupt stimmt, weiß dank umfassender Anonymisierung auch kein Mensch; das muss man den Befragten einfach mal so glauben.

Ebensowenig weiß man nach dieser Umfrage, wie oft das Ombudswesen in konkreten Fällen NICHT genutzt wurde – aus Gleichgültigkeit, aus Angst vor Repressionen oder Sanktionen – oder weil man es schlicht für unwirksam hält. Es ist daher unseriös und unwissenschaftlich, von „bemerkenswert vielen“ Fällen zu sprechen, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, wie viele Fälle es insgesamt sein könnten oder müssten.

Interessanterweise wurde die BR-Umfrage, schon kurz nach deren Erstausstrahlung, auch von anderer Seite als unsauber kritisiert. Denn Markus Pössel von SciLogs machte etwas, was sich die meisten Journalisten gerne sparen: Er guckte sich die Primärdaten an, sprich: den Originalfragebogen – und bemerkte, dass die oben erwähnten Kerndaten, auf welche im TV-Beitrag immer wieder Bezug genommen wird (246 von 1124 Verdachtsfällen seien durch eine Kommission untersucht worden) so gar nicht stimmen können. Denn, so Pössel:

„Wie viele der Verdachtsfälle von einer entsprechenden Kommission untersucht wurden, lässt sich aus den Antworten gar nicht ablesen. (…) Der Fragebogen fragt schlicht nicht ab, wieviele Fälle von einer entsprechenden Kommission untersucht wurden.“

Dennoch kommen im TV-Beitrag mehrmals Behauptungen wie diese hier vor, die gar nicht stimmen könnten: „In den vergangenen fünf Jahren wurden laut den Antworten der Ombudspersonen 1.124 Verdachtsfälle gemeldet, von denen 246 von eigenen Kommissionen der Einrichtungen untersucht wurden.“

Pössels Fazit lautet denn auch: „Es ist ironisch, dass ausgerechnet bei einer Umfrage zum Fehlverhalten in der Wissenschaft ein so krasses Missverhältnis zwischen den erhobenen Daten und den Behauptungen über diese Daten besteht. Wäre dies eine wissenschaftliche Untersuchung, würde sie mindestens unter der Kategorie “verzerrte Interpretation” in die eigene Statistik gehören.“

Der nachgeschobene Erklärungsversuch der Autoren des TV-Beitrags überzeugte zumindest den Laborjournal-Redakteur nicht wirklich. Vielleicht geht es Ihnen aber anders - in Pössels Blog können sie ihn bei den Kommentaren (ganz oben; Kommentar von Lisa Wreschniok) nachlesen.

Was den Laborjournal-Redakteur dann aber endgültig zum Lachen brachte, war folgender Kommentar von Godehard Ruppert, dem Präsidenten der Uni Bamberg und Altvorsitzenden der Bayerischen Rektorenkonferenz:

„Grundsätzlich können externe Personen die Aufklärung solcher Verdachtsfälle auch wahrnehmen. Aber sie müssen immer das Wissen haben, wie es innerhalb der Universität läuft. Wie die Strukturen sind. Ich würde von mir aus immer nur jemanden bitten, Ombudsmann zu werden, der schon mal Dekan war. Der in der Forschung entsprechend bekannt ist, der selber Drittmittel eingeworben hat, der Wirtschaftskontakte hat. Einfach alles schon mal gesehen hat. Nur solche Leute sind in der Lage, solche Prozesse entsprechend ernst zu nehmen und dann auch mit Fingerspitzengefühl aufzunehmen."

Schon klar, Herr Ruppert: Akademische Inzucht in Reinkultur als optimale Art der Fehler-Korrektur, durchgeführt von kriminalistisch ungeeigneten wie unmotivierten Personen. Das verspricht auch weiterhin die maximale Chance, dass der Dreck dank universitärer Spezlwirtschaft nicht aufgeklärt, sondern unter den Teppich gekehrt wird.

Übertragen aufs echte Leben, außerhalb des akademischen Elfenbeinturms, bedeutete dies doch folgendes: Nur Leute, die selber schon mal in einem Lebensmittelladen gearbeitet haben, sind dazu geeignet, Ladendiebstähle aufzuklären. Denn Externe haben ja keine Ahnung von den diffizilen Zusammenhängen bei Aldi und Lidl... also, Ihr Kaufleute da draußen: Bewerbt Euch bei der Polizei! Die braucht Euch…dringend!

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 18.08.2017

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