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Biotech-Börsenboom: Wie lange geht das noch gut?

(29.6.2017) Evotec: plus 375 Prozent, Stada: plus 105 Prozent, Paion: plus 103 Prozent - trotz aller Euphorie werden die Unkenrufe immer lauter.
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 Alles endet – nur „Wann?“ ist die Frage. Dies gilt für die Haltbarkeit von Dosenmilch genauso wie für Doktorarbeiten – und natürlich auch für den Anstieg von Aktienkursen sowie die daraus resultierenden Gewinne. Im Fall der aktuellen, seit eineinhalb Jahren andauernden Börsenhausse ist es hierzulande vor allem der Deutsche Aktienindex (kurz: Dax) als allgemeiner Richtwert, der von den Anlegern in den letzten Wochen zunehmend misstraulisch-ängstlich beäugt wird (ARD-Börse: „Dax: Jetzt erst einmal Luft holen!“; Handelsblatt: „Sorgen vor strafferer Geldpolitik belasten den Dax.“; Onvista: „Dax: Skepsis auf weitere Kursgewinne wächst merklich!“).

Warum ängstigen sich plötzlich alle so? Nun ja – der Dax, das wichtigste deutsche Börsenbarometer, das die Wertentwicklung der 30 größten und umsatzstärksten Unternehmen hierzulande widerspiegelt, hat seit dem 12. Februar 2016 (damals 8.968 Punkte) beachtliche 41 Prozent auf 12.647 Punkte (gestriger Schlusskurs) zugelegt. Das ist enorm – und übrigens rund 41 Prozent mehr, als man derzeit für Sparbuch- oder Festgeldguthaben bekommt. Die glücklichen Börsenfüchse, die sich vor 18 Monaten Dax-Fonds-Anteile gekauft haben, dürften mit den inzwischen aufgelaufenen Kursgewinnen ihren Jahresurlaub also längst finanziert haben.

Doch weil dieser Anstieg mehr oder weniger linear, sprich: ohne größere Rücksetzer, verlief, und vor allem auch weil er in so extrem kurzer Zeit vonstatten ging, schwant den Börsenexperten Übles – auch wenn derzeit, trotz aller Unkenrufe, wenig darauf hindeutet, dass eine größere Kurskorrektur unmittelbar bevorstehen könnte.

Biotech- und Pharma-Aktien toppen Leitindex

Wie steht’s um die Biotech- und Pharma-Aktien, von denen sich viele ja parallel zum Dax-Verlauf in den letzten Monaten ebenfalls deutlich verteuert haben – allen voran die Evotec-Aktie, die sich in den letzten 18 Monaten sogar um geradezu unglaubliche 375 Prozent gesteigert hat (von 3,00 auf 14,25 Euro seit Februar 2016), die Paion-Aktie (plus 103 Prozent im gleichen Zeitraum) oder die von den Toten auferstandene Wilex-Aktie (plus 75 Prozent)?

Aber auch die Papiere von Qiagen (plus 58 Prozent), Morphosys (plus 69 Prozent), 4SC (plus 25 Prozent) und Medigene (plus 64 Prozent) haben in den vergangenen 18 Monaten enorm zugelegt. Das freut nicht nur die stolzen Aktienbesitzer, sondern auch die gesamte Biotech-Wirtschaft, weil es das gestiegene Vertrauen in die vom Normalbürger und 08/15-Anleger noch immer misstrauisch beäugte Branche widerspiegelt.

Bei den Pharmaaktien sieht’s ähnlich golden aus: Die im Dax vertretene Aktie des Chemiekonzerns BASF notiert derzeit 45 Prozent höher als im Februar 2016, die Bayer-Aktie hat im gleichen Zeitraum 28 Prozent zugelegt, und der Darmstädter Merck-Konzern gar um 47 Prozent.

Getoppt wurden diese enormen Zuwächse beispielsweise noch vom Mdax-Papier des Spezialchemie-Herstellers Lanxess, das in den vergangenen 18 Monaten um 97 Prozent anstieg, und vom Arzneimittel-Hersteller Stada AG, dessen Aktien sich sogar mehr als verdoppelten (plus 105 Prozent) – allerdings kräftig genährt von den Übernahmefantasien der letzten Wochen, die sich vorgestern allerdings zerschlugen.

Halten oder verkaufen?

Was aber macht ein Aktienbesitzer, dessen Papiere ihren Wert binnen kurzer Zeit nahezu verdoppeln? Er wird zunehmend nervös – und das mit Grund. Denn die Börse ist keine Einbahnstraße. In regelmäßig-unregelmäßigen Abständen kehrt sich der Trend um, die Kurve zeigt plötzlich nach unten, die Zahl der Verkaufsangebote nimmt rasant zu – und dann lautet die panische Frage: Halten/aussitzen - oder ebenfalls verkaufen?

Doch Panik ist kein guter Ratgeber. Blicken wir zurück in die Vergangenheit, auch wenn dies für die börsliche Zukunft natürlich nur recht begrenzt aussagekräftig ist. Der Dax als Leitbarometer für die gesamt deutsche Wirtschaft erlebte in den vergangenen 25 Jahren zwei große, einschneidende Korrekturphasen, in denen er jeweils mehr als die Hälfte seines Werts verlor und man das schlimme Wort vom Börsencrash im Mund führte: In den drei Jahren zwischen Anfang 2000 und Anfang 2003 ging es um minus 70 Prozent nach unten, sowie zwischen Ende 2007 und Anfang 2009 um minus 55 Prozent.

Allgemein kann man sagen, dass alle vier bis fünf Jahre mehr oder weniger regelmäßig eine minder schwere DAX-Kurskorrektur erfolgt, je nach der Weltwirtschaftslage mal relativ deutlich und auch mal weniger stark. Jeweils merklich nach unten ging es zum Beispiel 1962/63, 1965/66, 1971, 1973-75, 1978-81, 1988, 1991 und 1998 – und dann folgten die beiden erwähnten „Super-Crashs“ von 2000-2003 sowie 2007-2009 (gefolgt von kleineren Korrekturen).

Im nahezu makellosen Aufwind befindet sich der Dax, wie bereits angesprochen, seit gerade mal eineinhalb Jahren. Eigentlich kann also noch keine Rede davon sein, dass eine Kurskorrektur überfällig sei. Andererseits ist der Anstieg doch recht steil – Experten raunen in solchen Fällen gerne von einer angeblichen „Überhitzung“ der Konjunktur. Daher sollte man – sofern man kein Langfrist-Anleger im besten Kostolany-Sinne („Kaufen und zwanzig Jahre liegen lassen“) ist – der irgendwann sicher fälligen Abkühlung zumindest vorbeugen – ganz egal, ob diese morgen bereits kommt oder erst in drei oder vier Jahren.

Aber wie?

Tipp: Stop-Loss-Order einrichten, um Gewinne abzusichern

Ganz einfach: Wer nicht dreimal täglich die Kurse checken mag und auch mal für zwei Wochen in den Urlaub fahren möchte, ohne dauernd sein Aktiendepot gedanklich oder in Form seines Smartphones mit sich herumzutragen, der sollte vorbeugen – und Stop-Loss-Orders einrichten. Auf diese Weise kann man im Falle eines überraschenden Kursverfalls die eigenen Verluste begrenzen – und dennoch selbst bei unruhiger Wirtschaftslage (die wir momentan ja noch gar nicht haben) ruhig schlafen.

Wie funktioniert das? Eine Stop-Loss-Order erteilt man bei seiner Depotbank wie einen ganz normalen Wertpapierauftrag: Man bestimmt einen Kurs unterhalb der derzeitigen Notierung, bei dessen Erreichen die Aktie automatisch verkauft wird. Damit sichert man den bis dahin aufgelaufenen Kursgewinn weitgehend ab und begrenzt im Fall plötzlicher Kursrutsche seinen Verlust. Je nachdem, wie risikobereit man ist und wie volatil („schwankungsfreudig“) sich die jeweilige Aktie verhält, sollte der Verkaufskurs bei 10 bis 20 Prozent unter dem aktuellen Wert liegen. Sprich: Man „rettet“ beim Erreichen des Verkaufskurses zumindest 80 bis 90 Prozent des Aktienwerts, und zwar vollautomatisch, ohne sich groß kümmern zu müssen.

Was man allerdings nicht vergessen darf: Man muss diesen potenziellen Verkaufskurs regelmäßig in Eigenregie nach oben „nachziehen". Denn der Wert der betreffenden Aktie steigt in Schönwetterphasen ja - im Idealfall - weiter an. Und dadurch wächst auch die "Lücke" zwischen dem jeweils aktuellen Kurs und dem einst festgelegten Stop-Loss-Verkaufskurs.

Ein solcher, regelmäßig veranlasster "Lückenschluss" geht inzwischen, dank Computerisierung auch an der Börse, sogar vollautomatisch: Mittels sogenannter „Trailing-Stop-Loss-Orders“, wie sie viele Depotbanken anbieten, lässt sich die Stopp-Loss-Marke bei kletternden Kursen nachregulieren – und löst beim ersten kräftigen Rücksetzer dann wie gewünscht den „Wert-rettenden“ Verkauf aus - nur eben bei entsprechend höheren Kursen. Gratis ist dieser raffinierte Service allerdings nicht bei allen Depotbanken - am besten mal fragen. 

Jetzt noch in Biotech einsteigen?

Zum Schluss nochmal kurz zurück zu den Biotechaktien. Die meisten davon haben hierzulande in den letzten Monaten atemberaubende Kurszuwächse zu verzeichnen, während die Aktien einiger weniger Firmen wie zum Beispiel Mologen aus Berlin ("nur" plus 3 Prozent) oder der Schweizer Santhera Pharmaceuticals ("nur" plus 12 Prozent) noch hinterherhinken und von der allgemeinen Euphorie nicht profitieren konnten. Könnte es eventuell sinnvoll sein, jetzt vermehrt auf solche „Nachzügler“ zu setzen?

Tja, diese Frage muss jeder für sich selbst entscheiden. Vorher sollte man aber vielleicht die Anlagestrategie des zweitreichsten Manns der Welt, Warren Buffet, beherzigen: Dieser investiert laut eigener Aussage nur in Geschäftsmodelle, die leicht zu verstehen sind – und überprüft vor einer Investition die Unternehmenssubstanz. Auf diese Weise hat er ein Vermögen von rund 60 Milliarden Euro angehäuft.

Für Naturwissenschaftler, die Buffets Philosophie folgen wollen, bieten sich somit Biotech- und Pharmafirmen natürlich an – beziehungsweise jene, deren Geschäftsmodell man als Doktorand, TA oder Professor gutheißt und für erfolgsversprechend hält. Allerdings kann und will der Autor dieses Artikels weder eine Garantie für Gewinne noch einen Ersatz für etwaige Verluste gewähren. Sie müssen schon selbst entscheiden, welche Aktien letztlich zum Erfolg führen könnten - und leider gibt es halt viel, viel mehr davon als die paar im Artikel genannten. In jedem Fall wünschen wir Ihnen viel Erfolg - bei der Geldanlage genauso wie bei Ihren aktuellen Forschungsthemen!

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 21.07.2017

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