Die Techniker verlangt Nicht-Wirksamkeitsnachweis von Homöopathie — und erntet einen Shitstorm

7. März 2017 von Laborjournal

Wenn jetzt jede Menge Leute der Techniker Krankenkasse (TK) den Rücken kehren würden — sie könnte sich kaum beschweren nach dem fürchterlichen Eigentor, das sie sich letzte Nacht mit dem folgenden Tweet geschossen hat:

 

 

Eigentlich haben wir ja eher Probleme mit sogenannten Shitstorms, aber denjenigen, den die TK damit umgehend auf Twitter erntete, hat sie sich wahrlich wohlverdient. Im folgenden ein paar Beispiele von vielen — fangen wir mit den eher „ernsthaften“ an:

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Und so weiter…

Die Frage nach der derart peinlich zur Schau gestellten Unwissenschaftlichkeit der TK muss einem tatsächlich Angst machen. Weswegen — wie gesagt — sich natürlich sofort einige Kunden Gedanken über einen Austritt machen:

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Und so weiter…

Nicht abwegig, dass einige damit tatsächlich ernst machen werden.

Wieder andere versuchen, das Kind beim Namen zu nennen. Und haben wohl auch damit keineswegs Unrecht:

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Und so weiter…

Tja — und wie wohl kaum anders zu erwarten, reagiert ein weiterer, sehr großer Teil mit Sarkasmus:…

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Und so weiter…

Oder sie weisen auf das Paradox hin, dass etwa Brillen trotz nachgewiesener Wirksamkeit und großer Nachfrage nicht (!) von der TK et al. erstattet werden:

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Und so weiter…

Heute morgen gegen halb Neun räumte die TK dann endlich ihren Mega-Fauxpas ein — ein bisschen patzig zwar, aber immerhin:

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Und fügte etwas später noch an:

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Wobei jetzt schon sicher ist, dass mit dem Ergebnis dieses „Gesprächs“ die „Aufregung“ wohl kaum auf Null runtergefahren werden kann. Zu tief hat die TK das Kind im Brunnen versenkt — und sich daher den Schaden, die sie als Krankenkasse davontragen wird, leider redlich verdient.

Das einzig Schöne an der Affäre jedoch ist, wieviele Leute angesichts solch erschreckender Ignoranz mit dem Resultat schroffer Missachtung von faktenbasierter Wissenschaft sofort auf die Barrikaden gehen. Es ist zwar „nur“ ein Tweet einer Krankenkasse. Aber der reicht, dass einem angst und bange um unser Gesundheitssystem werden kann.

Die vielen krankenversicherten Twitterer dagegen machen einem Hoffnung, dass diese Angst am Ende unbegründet sein wird.

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Eureka! – doch nur ein Mythos?

28. Oktober 2011 von Laborjournal

Vor ein paar Wochen stand bei BitesizeBio im Artikel „Why you should waste time chatting at work“ folgender Absatz:

The scientists that study how other scientists make discoveries have shown that not many new insights arrive through the ‘eureka’ moments of a lone scientist at their bench. Instead, they are wrangled from the nitpicking and debate of lab meeting. The truth is that no matter how low an opinion you might have of your co-workers’ intellectual abilities (or your boss’s), being forced to talk about your work with others is vital.

Während an letzterem sicher etwas dran ist, verursacht das Eingangs-Statement über das vermeintliche Überschätzen von „Eureka“-Momenten doch erstmal Stirnrunzeln. Gerade über viele große Einsichten weiß man doch inzwischen, dass deren Entdecker sie vorwiegend solchen „Eureka“-Momenten verdanken. Beispiele sind Alexander Flemings Penicillin; Alec Jeffreys DNA-Fingerprints; Kary Mullis PCR-Prinzip; Robert Furchgotts Endothel-Entspannungsfaktor EDRF, der sich später als Stickstoffmonoxid NO entpuppen sollte; Marshall und Warrens Helicobacter-Geschichte; und viele andere mehr… Diesen Beitrag weiterlesen »

Fälschung, ja Dich kenn‘ ich wohl

15. Februar 2011 von Laborjournal

Wieviel wird denn nun tatsächlich gefälscht in der Forschung? Fakt ist, dass sich der Anteil an zurückgezogenen, wie auch an tatsächlich gefälschten Publikationen in letzter Zeit kontinuierlich nach oben entwickelt hat. Dies ist einhelliges Fazit gleich mehrerer aktueller Studien — zum Beispiel dieser, dieser sowie dieser noch laufenden Studie. Ein Zitat aus ersterer:

It is particularly striking that the number of papers retracted for fraud increased more than sevenfold in the 6 years between 2004 and 2009.

Aber wie hoch ist die Dunkelziffer? Wieviel wird geschludert, geschönt, geschlampt und gefälscht — ohne dass es jemals ‚offiziell‘ wird? Diesen Beitrag weiterlesen »

Viel zitiert — viel gelesen?

17. Januar 2011 von Laborjournal

Zitierungen sind wichtig, meint der Forscher von heute. Denn — so die weitläufige Meinung — sie zeigen halbwegs objektiv an, welchen Wert die in der jeweiligen Veröffentlichung dargestellte Forschung hat. Pauschal ließe sich das also auf das simple Klischee eindampfen: Viel Zitate, gute Forschung — keine Zitate, schlechte Forschung.

Dass es jedoch viele Mechanismen gibt, warum all das nicht ganz so einfach ist — das demonstrieren unter anderem die 25 Beispiele unserer alten, aber immer noch aktuellen Laborjournal-Kolumne „Was können Zitationsvergleiche … nicht unbedingt„. Hier jedoch wollen wir mal die Grundsatzfrage stellen: Was macht die Zitierzahlen eigentlich so wichtig? Okay, man meint grob, je öfter ein Artikel in den Referenzlisten nachfolgender Paper erscheint, umso stärker müsse dessen Inhalt zwangsläufig die nachfolgende Forschung beeinflusst haben.

Aber wodurch? Na ja, zunächst einmal dadurch, dass offensichtlich viele, viele Forscher den betreffenden Artikel gelesen haben. Allerdings — Hand auf´s Herz — haben Sie jeden Artikel, den Sie in Ihren Veröffentlichungen referieren, tatsächlich gelesen? Diesen Beitrag weiterlesen »

Pressemeldung oder Paper — abgerechnet wird zum Schluss

30. September 2010 von Laborjournal

In den Kommentaren zu unserem Post “Ein neuer Tag, ein neues Genom” berichteten wir, dass zwei Gruppen die Entschlüsselung der Genomsequenzen von Kakaopflanze und Tasmanischem Teufel verkündet haben.

Jetzt beschwert sich Stephan Schuster von der Penn State University in Philadelphia in Science, dass beide Genome von den jeweiligen Gruppen lediglich per Pressemitteilung hinausposaunt wurden — vor ordentlicher Publikation und jeglicher Begutachtung der Daten. Und — oh weia! — er jammert weiter, dass er ja gerade selbst mit zwei anderen Gruppen eben jene Genome sequenziert und analysiert habe.

Beide eigenen Projekte, so Schuster, seien erheblich weiter als die der Konkurrenten. Allerdings — ganz der Ehrenmann — wollte er mit jeglichem Tamtam warten, bis beide Stories abgerundet und publiziert seien. Jetzt aber würden die anderen Gruppen den ganzen Ruhm abbekommen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ein neuer Tag, ein neues Genom

9. September 2010 von Laborjournal

Vor nicht einmal 14 Tagen krabbelten zwei Ameisenarten in die Liste der sequenzierten Organismen (Science 329: 1068-71), letzte Woche kam dann der Apfel dazu (Nature Genetics, pub. online 29. August 2010), vorgestern flatterte noch schnell der Truthahn herein (PLoS Biol 8(9): e1000475) — und gestern verkündeten gerade mal elf  Autoren das erste „irische Genom“ (Genome Biology 2010, 11:R91).  Dazwischen posaunten die Medien noch etwas voreilig das Weizengenom hinaus, was das offizielle International Wheat Genome Sequencing Consortium allerdings in dieser Endgültigkeit erstmal wieder zurücknahm.

Wie auch immer, Genome sequenzieren ist schon lange kein Hexenwerk mehr. Und sofern man nicht gerade ein spezielles Interesse an dem jeweiligen Organismus hat, nimmt man sie mittlerweile fast nur noch beiläufig wahr. Auch wenn das alles sicher sehr gute Studien sind.

PZ Myers kommentiert denn auch in seinem Blog Pharyngula das erste Genom eines irisch-stämmigen Menschen als

[…] a curious paper — it’s fine research, and it’s a useful dollop of data, but it’s simultaneously so 21st century and on the edge of being completely trivial. It’s like a tiny shard of the future whipping by on its way to quaintness. […] It’s a good piece of work, another piece in the puzzle of human genomics, but it’s also a little bit odd. I’m always excited to see another organism’s genome sequenced, the first marsupial, the first sea anemone, the first avian, etc., and it’s also become a bit commonplace (oh, another bacterium sequenced…); it’s just weird to see „Irish“ announced as a new novel addition to the ranks of sequenced organisms, as if it were Capitella or something. Cool, but a little jarring.

Geht uns ähnlich. Mal sehen, welche Genome noch bis zum Wochenende kommen. Und ob wir sie alle noch gebührend registrieren…

Das Gute liegt… manchmal woanders

6. September 2010 von Laborjournal

Es gehört zum Schicksal eines Laborjournal-Redakteurs, dass er immer wieder auf Artikel stößt, bei denen er ganz schnell denkt: Warum steht der nicht bei uns? Ein Phänomen, das inzwischen zunehmend auch bei der Lektüre von  Wissenschaftsblogs auftritt.

So auch jetzt wieder. Im sowieso empfehlenswerten Wissenschaftsblog „Gute Gene, schlechte Gene — Ein Wissenschaftsblog zur Grünen Gentechnik“ ist ein wirklich guter Artikel zum Thema „Wie Wissenschaft funktioniert — und vor allem, wie nicht!“ erschienen. Das Thema allein  ist schon viel. Doch der Artikel enthält noch mehr. Nämlich vor allem ein Fallbeispiel, wie die Politik selektiv Studien mit ihr genehmen Ergebnissen instrumentalisiert, auch wenn diese grottenschlecht gemacht sind. Und wie sie dabei zeitgleich andere, gute Studien mit konträren Ergebnissen ignoriert.

Bevor ich aber jetzt die Details referiere, gebührt der Anstand jedoch vielmehr auf das Original zu verweisen. Es tut zwar weh, „unsere“ Leser aktiv zum Wegklicken auf andere Seiten zu motivieren, aber Autor Stefan Rauschen hat es einfach verdient. Nicht ganz neidfreie Glückwünsche und Danke für den Beitrag auch von dieser Stelle.

‚Spieglein, Spieglein an der Wand,…

10. Mai 2010 von Laborjournal

… bin ich wohl gut zitiert in diesem Land?‘

Ist es reine Eitelkeit, wenn ein Forscher öfter als andere nachschaut, wie oft seine Arbeiten zitiert werden? Oder gibt es dafür ganz simple und naheliegende Gründe — wie etwa, dass Forscher X bald ‚Zählbares‘ für seine nächste Bewerbung braucht?

Wie auch immer, die US-Bloggerin hinter dem Pseudonym FemaleScienceProfessor bat ihre Kolleginnen und Kollegen in einer Umfrage anzugeben wie oft sie ihre eigenen Zitationsdaten prüfen — völlig unabhängig davon, welche Bedeutung man ihnen beimisst.

Hier das vorläufige Ergebnis:

How often do you check your citation statistics?
Selection Votes
As often as possible 7% 44
Quite regularly, but not obsessively 16% 103
Every once in a while, when I think of it 40% 253
Maybe once a year, if that 23% 147
Never 14% 88
635 votes total

Jetzt wäre doch mal interessant, ob das Ergebnis unter Deutschlands Forschern tendenziell anders ausfallen würde. Kommentare bitte unten!

Der Osterhase

1. April 2010 von Laborjournal

(Pünktlich zum Oster(hasen)-Fest möchten wir an dieser Stelle einen bahnbrechenden Beitrag Siegfried Bärs wiederholen, den er vor einigen Jahren in seiner Laborjournal-Reihe „Die Biochemie seltsamer Lebewesen“ veröffentlichte. Darin ist eigentlich alles zum Thema ‚Osterhase‘ gesagt:)


Und es gibt ihn doch! In Zusammenarbeit mit Hana Riha, ausgewiesener Eierexpertin im Kompetenzzentrum Zepfenhan, Bereich innovative Tierforschung, beweist Siegfried Bär im folgenden die Existenz des bis dato nicht beforschten Eierlegewesens-, äh, -Lebewesens.

Einige Besserwisser werden jetzt sofort aufgebracht schreien: Den gibt es doch gar nicht!

In der Tat: Obwohl ein großer Teil der Bevölkerung an die Existenz von Osterhasen glaubt oder zumindest eine Weile daran geglaubt hat, wurde bisher für seine Existenz kein wissenschaftlicher Beweis erbracht. Direkte Beobachtungen sind selten und ihre Glaubwürdigkeit fraglich. Das beweist aber nicht, dass es keine Osterhasen gibt: Die Nichtexistenz von etwas zu beweisen, ist bekanntlich schwierig. Daran liegt es übrigens, dass so viele Leute glauben, sie hätten Begabung zum Forschen. Das nur nebenbei. Diesen Beitrag weiterlesen »

Schluss mit ‚Null Bock‘

19. März 2010 von Laborjournal

Wissen Sie, wie so mancher Feierabend einiger Laborjournal-Redakteure aussieht? Kurz ein paar wichtige Dinge mit der Familie klären, Abendessen vorbereiten, essen und dann, wenn’s eigentlich gemütlich werden könnte… — mit dem Nachwuchs auf irgendwelche Klassenarbeiten lernen. Das kommt besonders gut, wenn besagter Redakteur bereits den ganzen Tag lang Texte hochkomplexen Inhalts gelesen, bearbeitet oder selbst verfasst hat. Aber wie Kollege H. immer sagt: „Dem Redaktör ist nix zu schwör“ — also zusammenreißen und unverdrossen ran an die Entstehung der Zünfte, die Brechungsgesetze, ‚backshift of tenses in reported speech‘,….

Wie schnell dem LJ-Redakteur jedoch diese mühsam aufgesetzte, pseudofröhliche „Lernen macht Spaß“-Fassade wieder aus dem Gesicht fällt, sobald ihn sein pubertierender Nachwuchs nur mit supercoolem „Null Bock“-Blick mustert und dessen erste Äußerungen eigentlich nur  nach „Leck mich doch am Arsch“ klingen — das im Detail zu beschreiben, erspart er sich hier. Worauf er lieber aufmerksam machen will, ist eine neue Science-Studie zum Thema, über die er unter anderem folgende Nachricht las:

Mit dem Beginn der Pubertät ist die optimale Zeit für das Lernen vorbei. Schuld daran sind US-Forschern zufolge unter anderem Veränderungen im Hippocampus des Gehirns, die dessen Erregbarkeit bremsen und die Lern- und Gedächtnisleistung der Heranwachsenden verringern. Zumindest bei Mäusen lässt sich die pubertäre Lernschwäche mit Hilfe eines Stresshormons allerdings aufheben, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt «Science» (Bd. 327, S. 1515). Diesen Beitrag weiterlesen »

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