Zitat des Monats (13)

13. Juli 2012 von Laborjournal

Aus dem Artikel „Der Exzellenz-Konformismus“ (FAZ vom 15.06.2012)

Je abhängiger die Universitäten von Drittmitteln werden, desto stärker wird ein bestimmter Wissenschaftlertypus begünstigt: der Manager und Antragsschreiber, der nur noch bestimmte Forschungsformate und Forschungsthemen bevorzugt; der Wissenschaftler, der ankündigt und prophezeit, nicht aber derjenige, der konzentriert forscht und dabei möglicherweise bahnbrechende Zufallsentdeckungen macht, weil seine Forschung nicht auf dem Reißbrett geplant wurde.

Es wird Zeit, dass jetzt Ruhe ins System kommt, der Marathon des extrovertierten Selbstmarketings ein Ende findet und andere Finanzierungsmöglichkeiten für Spitzenforschung und Grundfinanzierung erschlossen werden.

(Illustration: © Kamaga – Fotolia.com)

Blick zurück nach vorn

9. Januar 2012 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. A. N. Gestaubt, Praeteriologisches Institut Universität Trübingen.

LJ: Hallo, Herr Gestaubt, Sie kommen aus dem Seminar. Worum ging’s?

Gestaubt: Wissenschaftsgeschichte. Heute waren die Chromosomen inklusive der Entwicklung der Cytogenetik als Disziplin dran.

LJ: Klingt nett. Apropos „nett“: Viele qualifizieren ja die Wissenschaftsgeschichte etwas süffisant als reine „Nice-to-know“-Forschung ab — also ohne großen Nutzen, und damit in bewusstem Gegensatz zur „Need-to-know“-Forschung. Wie sehen Sie das?

Gestaubt: Ach ja, das alte Vorurteil. Jetzt mal ehrlich: Wir brauchen auch keinen „Harry Potter“ und auch keinen „Faust“ zum Überleben der Menschheit. Dennoch sind verdammt viele Leute froh, dass wir die Beiden haben. Ich kann diesen Quatsch von wegen „Umso besser, je mehr Nutz“ nicht mehr hören. Zumal es in unserem Zusammenhang sowieso nicht stimmt.

LJ: Inwiefern?

Gestaubt: Schauen Sie sich doch mal die aktuelle Forschungsförderung an. Was würden die maßgeblichen Leute nicht dafür geben, wenn man ihnen sagen könnte, nach welchen Mustern und unter welchen Rahmenbedingungen ich potentiell maximale Erkenntnisse bekomme? Diesen Beitrag weiterlesen »

Machtmoloch DFG?

21. Oktober 2011 von Laborjournal

Es hatte bereits im Juli diesen Jahres „gesessen“: Damals setzten sich fünf Wissenschaftler im Foyer des Berliner Ensembles aufs Podium und wetterten gegen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), was das Zeug hielt. Die Süddeutsche Zeitung fasste die „Attacke der Wut-Wissenschaftler“ damals zusammen:

Glaubt man den Anwürfen der Fünf, ist sie [die DFG] zu einem bürokratischen Monstrum verkommen, das unkontrolliert, nach Regeln, aber im rechtsfreien Raum agiert, in erster Linie die Interessen der Apparatschiks im Auge hat und die vom Grundgesetz geschützte Autonomie der Forschung gefährdet.

Jetzt hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zweien der Fünf Gelegenheit zum Nachsetzen gegeben. Sie bat den Heidelberger Germanisten Roland Reuß und den Münchner Juristen Volker Rieble ihre Argumente nochmals aufzuschreiben, „um in dieser Frage eine umfassende Diskussion zu ermöglichen“.

Gesagt, getan. Und so findet der geneigte Leser nun im FAZ-Text eine saubere Auflistung nicht gerade angenehmer Vorwürfe, was aus der DFG geworden ist und wie sie heute agiert. Diesen Beitrag weiterlesen »

Die Entdeckung der Langsamkeit

18. August 2011 von Laborjournal

In Berlin hat eine Gruppe von Forschern die „Slow Science Academy“ gegründet. Ihr Anliegen: Durch eine Entschleunigung der Forschung Sorgfalt und Qualität zu steigern sowie Fehler und Fehlverhalten zu minimieren.

In ihrem Manifest schreibt die Akademie:

We are scientists. We don’t blog. We don’t twitter. We take our time.

Don’t get us wrong—we do say yes to the accelerated science of the early 21st century. We say yes to the constant flow of peer-review journal publications and their impact; we say yes to science blogs and media & PR necessities; we say yes to increasing specialization and diversification in all disciplines. We also say yes to research feeding back into health care and future prosperity. All of us are in this game, too.

However, we maintain that this cannot be all. Science needs time to think. Science needs time to read, and time to fail. Science does not always know what it might be at right now. Diesen Beitrag weiterlesen »

Zitationsrankings — eine sensible Sache

28. Juni 2011 von Laborjournal

Ein Beitrag in etwas eigener Sache. In einer E-Mail schrieb uns jemand kürzlich zum Thema Zitations-Ranking:

Vielleicht solltet ihr allerdings beim Laborjournal mal etwas kritisch überdenken. Zu recht kritisiert ihr die vielen fragwürdigen Autorenschaften. Andererseits ist der Druck auf den Wissenschaftlern hoch viele Paper zu produzieren. Er ist unter anderem deswegen so hoch, weil es Listen gibt wie Eure Rankings mit Zitationsvergleich, in denen jeder im Feld danach geiert möglichst weit vorne zu stehen. Außerdem lasst ihr z. B. in eurem letzten Ranking jemand hochleben, der 180 Paper in drei Jahren publiziert hat. (Mehr als ein Paper pro Woche… Respekt)

Diese „Kritik“ ist uns nicht neu. Jede Menge solcher Rückmeldungen haben wir bekommen, seit wir solche Rankings machen. Und wir sind uns der angesprochenen Problematik durchaus bewusst. Schon lange werden unsere Listen für ganz andere Dinge benutzt, als wir zunächst dachten. Diesen Beitrag weiterlesen »

Zitat des Monats (2)

27. Mai 2011 von Laborjournal

Das Zitat des Monats kommt diesmal von dem Schweizer Matthias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen:

Form wird wichtiger als Inhalt

Da inhaltlicher Fortschritt in etablierten Zeitschriften aus den bereits genannten Gründen kaum stattfindet, hat sich die Innovation auf die Form verlagert. Banale Ideen werden zu hochkomplexen formalen Modellen aufgeblasen, welche das technische oder mathematische Know-how der Autoren demonstrieren und Wichtigkeit vortäuschen sollen. In vielen Fällen sind die Gutachter dann nicht in der Lage, diese Modelle zu beurteilen, denn sie haben weder Lust noch Zeit, sich tagelang damit zu beschäftigen. Da sie das aber nicht zugeben können, wird formale Brillanz im Zweifelsfall positiv bewertet, denn diese trägt meist zur Stützung herrschender Theorien bei. Sie hilft, diese gegen externe Kritik zu immunisieren, so dass alle nicht auf dem gleichen Spezialgebiet tätigen Kollegen glauben müssen, was in einem Modell oder Experiment „bewiesen“ wurde.

Mit der Formalisierung entfernen sich die Wissenschaften aber auch immer weiter von der Realität, da vorgetäuschte Präzision wichtiger wird als tatsächliche Relevanz. Der Biologe Christian Körner schreibt dazu: „Je präziser die Aussage [eines Modells], umso weniger spiegelt diese in der Regel jene Skala der realen Gegebenheiten, die eine breite Öffentlichkeit interessiert, oder die für sie nutzbar ist und uns auch wissenschaftliche weiterbringt.“ Die Verdrängung von Inhalt durch Form wirkt sich dabei auch auf die Berufungspolitik aus. Der alte Typus des an seinem Fach aus innerem Antrieb interessierten und oftmals eigenwilligen Wissenschaftlers wird zunehmend abgelöst durch formal hochbegabte, stromlinienförmige Musterknaben und -frauen, die aber inhaltlich kaum etwas zu bieten haben.

Das Zitat stammt aus Binswangers Aufsatz „Der Publikationswettbewerb in der Forschung: Arroganz, Ignoranz, Redundanz“ in LIFIS ONLINE, der Internet-Zeitschrift des Leibniz-Instituts für interdisziplinäre Studien.

Zum gleichen Thema verfasste Binswanger übrigens auch den Artikel „Sinnlose Wettbewerbe behindern Wissenschaft und Forschung“ für Cicero — Magazin für politische Kultur.

Seil oder nicht Seil,…

13. April 2011 von Laborjournal

Neben Politik und Wirtschaft ist sicherlich die Wissenschaft das dritte große Seilschaften-Dorado

…, so stand es unlängst in einem Essay zu lesen.

Wundert ja auch nicht wirklich. Wo man hinsichtlich Begutachtungen, Berufungen, Fördermitteln, Evaluationen, Zitierungen etc. derart von „Peers“ abhängig ist, da wird man ja förmlich gedrängt zu Cliquenbildung, Gschaftlhuberei, Günstlingswirtschaft, Zitierkartellen,… — und eben Seilschaften.

Wie so eine „Seilschaft“ im deutschen Forschungswesen operieren kann — oder besser, was sie anrichten kann — hat der Agrarwissenschaftler Uwe Schleiff am eigenen Beispiel aufgeschrieben.

Klar, es ist der subjektive Bericht eines „Opfers“ — aber vielleicht wird so mancher gerade deswegen Teile davon wiedererkennen…

(Foto: iStockphoto/tma1)

Von einem, der die Forschung hinschmiss

25. Februar 2011 von Laborjournal

In seinem Blog devicerandom erzählt Massimo Sandal, italienischer Postdoc am Department of Chemistry der University of Cambridge, sehr eindringlich, warum er der akademischen Forschung letztlich schweren Herzens den Rücken kehrt. Die ganze Geschichte hat zwei Teile mit den Titeln Goodbye academia, I get a life und Goodbye academia: The aftermath. Im ersten Teil schreibt er zu Beginn:

Every scientist goes on to do science for a single reason: the love of science. Science doesn’t make you rich, it doesn’t make you famous (can you tell me the last 5 Nobel Prizes for chemistry without looking on Wikipedia? I can’t either) and doesn’t make you comfortable. The only sane reason for starting to do science is the dispassionate love of science itself. And I loved science. Like nothing else. Since I was 5 years old. And I still love it. But one thing is to love science; a completely different one is doing it.

Dann beschreibt er, was in seinem Fall alles schief lief. Diesen Beitrag weiterlesen »

Hier kocht der Chef selbst!

24. Januar 2011 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Dokorand R.E. Bell, Grollologisches Institut Universität Wichtingen.

LJ: Hallo, Herr Bell. Gerade beim Chef gewesen? Das ist doch sein Büro?

Bell: Ja. Und ja.

LJ: Oh! Hat offenbar nicht zur Steigerung der Laune beigetragen.

Bell: Nee, überhaupt nicht. Obwohl ich ja wusste, wie’s laufen würde.

LJ: Worum ging’s denn?

Bell: Ach, wir haben meine Ergebnisse der letzten vier Wochen durchgesprochen. Das machen wir einmal im Monat.

LJ: Und die waren nicht gut?

Bell: Nee. Konnten sie auch nicht. Ich hab‘ letzte Woche erst gemerkt, dass der pH in meinem Stabilisierungspuffer falsch eingestellt war. Und als Konsequenz lag mein Enzym wahrscheinlich die ganze Zeit in der falschen Konformation vor.

LJ: Ärgerlich!

Bell: Sicher. Und als wär‘ das nicht schon schlimm genug, hat der Boss dann noch tausend Ratschläge, wie man sowas vermeiden kann. Dieser Überflieger! Wann hat der denn das letzte Mal experimentiert? Der weiß doch inzwischen gar nicht mehr, wie man eine Pipette hält.

LJ: Na ja, aber er kommt doch hin und wieder ins Labor?

Bell: Das letzte Mal hab‘ ich ihn im Labor gesehen, als irgendeine Zeitung Aufnahmen von ihm machen wollte. Damals hatte er gerade einen Preis gekommen. Er lieh sich also einen schönen weißen Laborkittel von unserem Technischen Angestellten und posierte mit Spatel, Agarplatten und Bunsenbrenner an der Sterilbank. Später haben wir das Photo ausgeschnitten, an die Sterilbank geklebt und drunter geschrieben: „Besuchen Sie unser Lokal. Hier kocht der Chef noch selbst.“

LJ: Fand er sicher nicht lustig.

Bell: Keine Ahnung. Ich glaube, er hat’s nie gesehen. Hing ja im Labor.

Wie man in einem Habilitationsverfahren die Grundrechte verletzt

10. Dezember 2010 von Laborjournal

In Hamburg gibt es einen Biochemiker, der seit 21 Jahren gegen die Ablehnung seiner Habilitationsschrift über potenzielle Schizophrenie-Marker klagt. Gestern hat die TAZ die Geschichte von Alfred Fleissner unter dem Titel „Der verhinderte Professor“ veröffentlicht.

Wie groß Fleissners eigener Anteil an der „Verhinderung“ ist, wird daraus nicht ganz klar — abgesehen von einigen Hinweisen, dass er offenbar ein durchaus streitbarer Charakter ist. Indes hatte sich kürzlich das Bundesverfassungsgericht des Falles angenommen. Und dieses schlug sich  insofern auf Fleissners Seite, als dass es das Vorgehen der Gutachter und des Habilitationsausschusses scharf bemängelte. Die TAZ fasste dessen Fazit folgendermaßen zusammen:

Die Wissenschaftsfreiheit des Grundgesetzes schütze Forscher vor unangemessenen Entscheidungen. Eine Habilitationsschrift dürfe nicht nur deshalb abgelehnt werden, weil der Habilitationsausschuss anderer Meinung ist. Wichtig seien deshalb die vorbereitenden Voten der Gutachter. Diese müssten so ausgewählt werden, dass alle Teile der Arbeit sachkundig bewertet werden können. Nur so könne der Habilitationsausschuss eine fundierte Entscheidung treffen, die wiederum voll gerichtlich überprüfbar ist. Ähnliche Regeln hatte früher schon das Bundesverwaltungsgericht aufgestellt. Doch jetzt haben sie quasi Verfassungsrang.

Die Karlsruher Kammer postulierte damit folglich ein „Recht auf sachkundige Leistungsbewertung im Habilitationsverfahren“. Diesen Beitrag weiterlesen »

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