Berechenbares Zitationspotenzial

6. April 2010 von Laborjournal

Wir wissen, wie das Publikationsgeschäft normalerweise läuft: Der Editor einer Zeitschrift erhält eine bestimmte Anzahl Manuskripte für die nächste Ausgabe, er lässt sie von Peer Reviewern begutachten und entscheidet schließlich anhand deren Gutachten, welche davon am Ende tatsächlich gedruckt werden. Die übrigen schickt er als „abgelehnt“ zurück zu den Autoren.

Das könnte allerdings bald auch anders laufen. Ein aktuelles Paper in Bioinformatics (Vol. 25(24): 3303-9) gibt Anlass zu folgendem befremdlichen Szenario: Der Editor einer Zeitschrift erhält eine bestimmte Anzahl Manuskripte für die nächste Ausgabe und lässt sie nur noch grob vor-begutachten; danach schickt er sie alle durch ein bestimmtes Software-Paket, das ihm mit über 90-prozentiger Zuverlässigkeit berechnet, wie oft jeder einzelne Artikel in den folgenden vier Jahren zitiert wird. Und am Ende erscheinen in dem Journal knallhart von oben herab die potenziell meistzitierten Artikel. Diesen Beitrag weiterlesen »

Wenn der Co-Autor nicht spurt

11. März 2010 von Karin Hollricher

Bloggerin Isis the Scientist warf kürzlich die Frage auf, was man als Autor eines Papers machen soll, wenn sich die Co-Autoren mit ihrem Job — dem Lesen respektive Korrigieren der Publikation vor der Einreichung – sehr viel Zeit lassen. Manchmal mag das nicht schlimm sein, aber was ist, wenn man selber dieses Paper braucht, um sich z. B. auf eine Postdoc-Stelle zu bewerben, und man dementsprechend unter Zeitdruck steht? Diesen Beitrag weiterlesen »

Der Fehlerbalken im Auge des Forschers

4. März 2010 von Laborjournal

Kollege Rehm bat mich gerade, auch hier im Blog auf seine Fortsetzungs-Reportage „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“ auf Laborjournal online hinzuweisen. Momentan erscheint dort täglich eine weitere Folge der Geschichte um vermeintliche oder tatsächliche Datenfälschung. Der Unterschied zu den vielen anderen bekannten Daily Soaps: Es hat sich alles tatsächlich zugetragen. Hier ist Hubert Rehms aktuelle Zusammenfassung:

Seit zwei Wochen läuft auf Laborjournal online die Serie „Der Fehlerbalken im Auge des Forschers“. Was bis jetzt geschah: Zur Jahreswende 2007/2008 gab es eine Auseinandersetzung der Nachwuchsforscher Nikolai Savaskan, damals Postdok am Institut für Anatomie der Charité, mit dem Forschungs-Quereinsteiger Markus Kühbacher. Kühbacher wirft Savaskan vor, in einem gemeinsamen Manuskript Daten gefälscht zu haben. Obwohl dieses Manuskript nie veröffentlicht wurde, schaukelt sich die Sache auf. Der DFG Ombudsman in Hamburg wird angerufen. Die Vermittlung scheitert und der Ombudsman gibt die Sache an die DFG-Kommission zur Aufklärung von Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ab. Weil Savaskan ein Zögling des damaligen Institutsdirektors Robert Nitsch ist und dieser, nach Kühbachers Ansicht, nicht adäquat reagiert, untersucht Kühbacher die Publikationen von Nitsch auf Auffälligkeiten. Er findet auch einige. Weil Kühbacher zudem durch das Verhalten der Sprecherin des Ombudsman Ulrike Beisiegel irritiert ist, untersucht er auch deren Publikationen. Auch hier meint er Auffälligkeiten gefunden zu haben…

Die ganze Geschichte kann also auf Laborjournal online gelesen werden — und hier im Blog, unterhalb dieses Eintrags, kommentiert und diskutiert werden.

Wie frisiere ich mein Paper?

17. Februar 2010 von Laborjournal

Haben Kollegen schon mal berichtet, dass man Ihre Artikel nur schwer in den gängigen Literatur-Datenbanken findet? Das könnte daran liegen, dass Sie Ihre Publikationen nicht optimal für die Such-Algorithmen von Google Scholar, Web of Science, PubMed und Co. gestalten. Ist ja auch kein Wunder, denn woher sollten Sie auch wissen, wie man einen Artikel ausgerechnet zu diesem Zweck am besten zurechtfeilt.

Das dachten sich wohl auch drei Computer-Wissenschaftler aus Magdeburg und Berkeley und verfassten kurzerhand einen Ratgeber-Artikel mit dem Titel „Academic Search Engine Optimization (ASEO): Optimizing Scholarly Literature for Google Scholar & Co.“ (Journal of Scholarly Publishing 41(2), 176-190). Darin präsentieren sie:

guidelines […] on how to optimize scholarly literature for academic search engines in general and for Google Scholar in particular.

Aber erfreulicherweise vergessen sie auch folgendes nicht:

In addition, we briefly discuss the risk of researchers’ illegitimately ‘over-optimizing’ their articles.

Bleibt uns nur noch, viel Spaß beim „Paper-Tuning“ zu wünschen.

Forscher Ernst ist sauer!

15. Februar 2010 von Laborjournal

… Und zwar aus folgendem Grund. Das Medium Magazin hat die besten Wissenschaftsjournalisten 2009 wählen lassen. Auf Platz 4 landete Jörg Albrecht von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), mit der Begründung:

… weil er jede Woche aufs Neue eine intelligente, dabei gut konsumierbare Mischung verantwortet – inklusive der wohl einzigen Wissenschafts-Cartoon-Serie „Da lacht das Labor“.

„Forscher Ernst“ gibt’s in Laborjournal ununterbrochen seit Februar 1998. Die ganze FAS startete erst im September 2001. Forscher Ernsts Kommentar: „Da macht ein Journalisten-Magazin ein Ranking und vergisst dabei selbst die Urtugend des Journalisten: Gründlich recherchieren! Also vergessen wir einfach das Medium Magazin!“

DFG bekämpft „Paper-Diarrhoe“

12. Februar 2010 von Laborjournal

Fleißigen Lesern unserer europäischen Schwesterzeitschrift Lab Times ist eine gewisse „Eule“ ein Begriff. Und wer dazu noch ein gutes Gedächtnis hat, erinnert sich vielleicht, dass sie in ihren Observations vor bald drei Jahren einen Essay mit dem Titel „Paper Diarrhoea“ schrieb. Zum Schluss schlägt sie darin vor:

My suggestion is simple (but it’s not mine alone, by the way). When an advanced researcher applies for a job, he should be asked to compile only his three or four “best” papers and explain exactly why he judges them to be his best contributions to the field. If this was standard practise (the referees, by the way, would actually have time to read those papers) people would finally aim at producing excellent and comprehensive pieces rather than as many as possible. And I’d like to bet that people like “Dr. Diarrhoea” would never come into question.

Nun, wie unser gefiederter Freund schrieb, war die Idee schon damals nicht ganz neu. Jetzt aber will die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sie tatsächlich umsetzen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ziegengrippen-Ente

11. Dezember 2009 von Laborjournal

ziegrippNach den Seltsamkeiten um den holländischen Virologen Albert Osterhaus („Dr. Flu“) im Zusammenhang mit der Schweinegrippen-Pandemie (siehe unten: „Schweinegrippen-Schweinerei“), hat Holland offenbar wieder Spektakuläres über tierische Grippen zu bieten: „Alarm in den Niederlanden: Ziegengrippe kommt“, heißt es in einem Beitrag des Presseportals Die Presse.com. „Das ‚Q-Fieber‘ hat bereits sechs Todesoper gefordert. Nun werden zehntausende Ziegen getötet“, schreibt Autor Helmut Hetzel. Und weiter: „Das Virus überträgt sich direkt von Ziege zu Mensch.“

Dumm nur, dass es das Ziegenvirus gar nicht gibt. Das „Q-Fieber“ verursachen Bakterien der Art Coxiella burnetii. Und die sechs Toten beklagte Holland bereits 2008.

Die „Ziegengrippe“ also als typischer Fall von Zeitungsente (Entengrippe?). Und Helmut Hetzel müsste man den Europäischen Journalistenpreis 1997 dafür eigentlich wieder aberkennen.

Keine Kommentare, bitte!

19. November 2009 von Laborjournal

Umleitung in verschiedene RichtungenIm August kursierte ein Essay des US-Physikers Rick Trebino durch die amerikanische Wissenschaftsblogger-Szene — Überschrift: How to Publish a Scientific Comment in 123 Easy Steps. Wie der Titel bereits andeutet, schildert Trebino darin auf  schauerlich-amüsante Weise seine leidvollen Erfahrungen bei dem letztlich sehr komplexen Versuch, einen Scientific Comment zu inhaltlichen Schwächen eines bestimmten Papers zu veröffentlichen. Jeden Knüppel, den man überhaupt werfen kann, schmissen die Editoren Trebino zwischen die Beine, um sein Ansinnen abzublocken.

Interessanterweise finden sich in der deutschsprachigen Szene bisher überhaupt keine Hinweise auf diese wirklich lesenswerte Realsatire. Soweit jedenfalls das frische Ergebnis einer mittelintensiven Google-Suche des Autors. Daher jetzt von uns die Empfehlung und der Link: Lest, lacht und sinniert über How to Publish a Scientific Comment in 123 Easy Steps.

Übrigens: Laborjournal hatte bereits 2006 über zwei ganz ähnliche Fälle berichtet. Online hier nachzulesen. Natürlich auch mit Empfehlung.

(Foto: imageteam – Fotolia.com)

Seltsame Regeln bei Wikipedia

12. November 2009 von Winfried Köppelle

(In eigener Sache)

Im aktuellen Laborjournal 11/2009 ist auf den Seiten 68-70 die TV-Affäre um eine wundersame Neurodermitis-Creme („Regividerm“) aufgearbeitet (online siehe hier).

Erwähnt wird dieser LJ-Artikel („Schleichwerbung für Quacksalbe und Wunderbuch“) unter anderem im Esowatchblog und bei Wikipedia.

Prinzipiell ist das ja toll.

Dass Wikipedia-Artikel aber anscheinend oftmals auf recht abstruse Art und Weise entstehen (objektive Tatsachen scheinen eine eher nachgeordnete Rolle zu spielen), war dem LJ-Redakteur nicht bewusst.

Einen aufschlussreichen Einblick in die willkürliche Welt der Wikipedia liefert dieses Wikipedia-Diskussionsforum zur Sache. Daraus nur ein kurzes Zitat des Wikipedia-Administrators „Pewa“:

…Es fehlt eine Begründung, warum ausgerechnet […] und „Laborjournal“ so bedeutende Quellen sind, dass sie in diesem Abschnitt mehrfach namentlich genannt und zitiert werden…

Hm. Welche „Begründung“ hätte „Pewa“ denn gerne? Die Tatsache, dass er irgendein Medium (hier: Laborjournal)  nicht kennt, scheint bedeutend wichtiger und entscheidender zu sein als die Fakten, die in diesem Medium stehen.

Kann und darf es somit sein, dass bei Wikipedia Wichtigtuerei und blankes Unwissen selbsternannter Administratoren („Es scheint sich [bei Laborjournal] um […] ein unbekanntes Anzeigenblatt zu handeln“) wichtiger sind als seriöse Recherchen? Und dass so manch selbsternannter Wikipedia-Hüter die „Zuverlässigkeit von Quellen“ nach bloßem Gutdünken festsetzt, und „alles, was der Bauer nicht kennt“ löscht? Wie wird diese „Zuverlässigkeit“ gemessen — nach Auflage und Leserzahl des Quellenmediums (also nur noch Glotze, „Bild“ und „Spiegel“ als Quellen)?

… wundert sich der LJ-Autor, der früher sporadisch ehrenamtlich für Wikipedia tätig war, dies inzwischen jedoch eingestellt hat (zuviel nutzloses Gelaber und Prinzipienreiterei)

Laborjournal 11/2009…

9. November 2009 von Laborjournal

tit_2009_11

… ist ausgeliefert und damit freigegeben für Diskussion, Gemeckere und Lobhudelei. Entweder direkt als Kommentar auf diesen Blog-Eintrag oder via E-Mail an redaktion@laborjournal.de.

Eine Mail hat uns bereits zum Artikel „Die Verantwortung des Wissenschaftlers“ (S. 16) erreicht. Darin moniert der Schreiber, dass der Fälschungsfall im Labor von Peter Chen an der ETH Zürich gerade nicht geeignet wäre, den Sittenverfall in der Forschung zu dokumentieren, der laut Artikelautor Rüdiger Paschotta durch die Strategie der „Großprofessoren“ Einzug gehalten habe. Denn Peter Chen, so führt der Mail-Autor glaubhaft aus, betreibe gar kein „Großlabor“ und stünde schon gar nicht „unrechtmäßig“ auf irgendwelchen Veröffentlichungen. Das Fazit seiner Mail daher :

Grau ist alle Theorie, im praktischen Laboralltag ist vertrauensvolle Kooperation auch mit dem Chef ein hohes Gut. Wenn ein Chef in paranoider Weise alle immer der Fälschung verdächtigt, dann gehört er in die Psychiatrie. Peter Chen ist nach meinen mageren Kenntnissen von Interna hiervon nicht betroffen. Er ist ein sehr guter Wissenschaftler, der reingeflogen ist, leider. Aber das kann vielen passieren, passiert vielen.

Klingt, als müssten wir uns der Sache nochmal annehmen.

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