Kooperation versus Konkurrenz

25. Januar 2013 von Laborjournal

Im Oktober 2011 erschien in PLoS Biology das Paper „A Holistic Approach to Marine Eco-Systems Biology“ (vol. 9(10): e1001177). Darin erklärten die Partner des Tara Oceans Consortiums ihren globalen, multidisziplinären und vor allem kooperativen Ansatz zum umfassenden Studium des Meeresplanktons. Ein Ansatz, den sie „Öko-Systembiologie“ tauften.

Die „Tara-Expedition“ zum umfangreichen Probensammeln war zu diesem Zeitpunkt bereits zur Hälfte durch — und nicht zuletzt deshalb schrieben die Autoren ganz am Ende folgenden bemerkenswerten Satz in ihr Paper:

A lesson from this project is that, when it comes to addressing broad and complex issues of general interest to mankind, competition between scientists may not be the best model.  Diesen Beitrag weiterlesen »

„Da soll noch einer die Forschungsförderung verstehen…“

11. Dezember 2012 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. K. Eingeld, Applikatiologisches Institut Universität Unvollstädt.

LJ: Hallo, Herr Eingeld, schlechte Laune?

Eingeld: Allerdings.

LJ: Was ist passiert?

Eingeld: Antrag abgelehnt. Zum zweiten Mal.

LJ: Zweimal dasselbe Projekt?

Eingeld: Exakt.

LJ: Was lief schief?

Eingeld: Ach, beim ersten Mal waren alle Gutachter eigentlich begeistert. Jedenfalls von der Wissenschaft. Diesen Beitrag weiterlesen »

Rechtliche Möglichkeiten gegen PIs…

5. November 2012 von Kommentar per Email


… — gibt es die überhaupt? Dies fragte uns vor kurzem ein Leser aus der Schweiz, indem er schrieb:

Sehr geehrte Laborjournal-Redaktion,

ich weiß nicht, ob dieses Thema im Laborjournal schon einmal behandelt wurde, aber aus aktuellem Anlass habe ich mich kürzlich gefragt, was Doktoranden und Postdocs eigentlich für rechtliche Mittel haben (sowohl innerhalb der Hochschule, als möglicherweise auch zivilrechtlich), um gegen sogenannte Principal Investigators (PIs) vorzugehen, falls dieses es “zu bunt treiben”. Damit meine ich Situationen, in denen der PI seine Machtposition über Gebühr ausnutzt und Mitarbeiter nach Gutdünken benachteiligt — und dies meist aus persönlichen oder taktischen Gründen.

Ein — natürlich rein hypothetisches — Beispiel:

Der Doktorand/Postdoc X verlässt das Labor. Nachdem er weg ist, wird sein Name von Manuskripten gestrichen, auf denen er ursprünglich “mit drauf” war, und die unpublizierten Daten seiner Arbeit werden nach Belieben ausgeschlachtet. Seine Projekte und Ideen werden von anderen Leuten übernommen und weitergeführt — und wenn er Glück hat, wird er irgendwo allenfalls noch als Co-Autor auftauchen.

Natürlich wäre die Frage nicht nur für diesen speziellen Fall relevant, sondern sicherlich von allgemeinerem Interesse, ob sich Doktoranden/Postdocs von den gottgleichen PIs eigentlich alles gefallen lassen müssen. Oder anders herum: Wo sollte/kann man eine Grenze ziehen, und welche Mittel gibt es im Fall von “Grenzüberschreitungen” des PI.

Wer weiß dazu Genaueres? Wer hat womöglich entsprechende Erfahrungen gemacht?

Geschätzter Mittelbau

21. Mai 2012 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. B.I. Gschott, Promilogisches Institut Universität Besserstadt.

LJ: Hallo, Herr Gschott — oh, ein Glas Sekt in der Hand. Offenbar feiert das ganze Institut. Was ist der Anlass?

Gschott: Das EMBO Journal hat ein Paper akzeptiert.

LJ: Äh, sorry — aber das ist für Sie doch nichts Besonderes. Bei Ihnen landet doch fast alles in „NatureScienceCell“.

Gschott: Im Gegenteil, das Paper ist was ganz Besonderes. Abgesehen davon, stehe ich gar nicht drauf.

LJ: Das müssen Sie mir jetzt erklären.

Gschott: Ganz nüchtern gesagt, beschreibt das Paper eine ganz neue Technik, die das gezielte Ausschalten von Genen deutlich einfacher, billiger und zuverlässiger macht.

LJ: Also ein rein methodisches Paper…

Gschott: Wie geringschätzig Sie das sagen. Wie so viele. Offenbar wissen die wenigsten, dass die meisten Durchbrüche erst vollzogen werden konnten, nachdem die Methodik entsprechend ausgereift war. Diesen Beitrag weiterlesen »

Wissenschaftler sind bunt

16. Februar 2012 von Laborjournal

This Is What A Scientist Look Like (TIWASLL) — das ist der Name eines wirklich netten Internet-Projekts. Die Wissenschaftsjournalistin und -photographin Allie Wilkinson startete es letzten Monat, mit der Absicht:

… to challenge the stereotypical perception of a scientist.

Und sie erklärte dazu: Diesen Beitrag weiterlesen »

Vom Wert des genauen Hinschauens

12. Januar 2012 von Laborjournal

Wie war das nochmal, wie Wissenschaft funktioniert?

  • Beobachte ETWAS (möglichst etwas Neues).
  • Beschreibe ES.
  • Überlege dir, warum oder wozu ES da ist.
  • Knobele Strategien aus, wie du testen kannst, dass ES eben darum oder dazu da ist.
  • Teste, teste, teste,… — wiederhole, wiederhole, wiederhole,…
  • … bis Konsens besteht, dass ES darum oder dazu da ist.

Projekte zu den Schritten 1 und 2 werden heutzutage oftmals etwas geringschätzig als „rein deskripitv“ abqualifiziert — im Gegensatz zu vermeintlich viel „edleren“ Projekten zur Entschlüsselung von Sinn und Funktion von ETWAS. Dabei ist durch das Schema selbst schon klar: Jegliche Suche nach Sinn und Funktion von ETWAS ist zwingend abhängig von sorgfältiger Beobachtung und Beschreibung. Und das kann bisweilen ganz schön knifflig sein…

Ein schönes Beispiel, wie wichtig allein die Wahl der Bedingungen ist, unter denen man beobachtet, lieferte im letzten Jahr das Paper „Stable structural color patterns displayed on transparent insect wings“ von Ekaterina Shevtsova und ihren Kollegen von der Universität Lund (PNAS vol. 108: 668-73). Das Team nahm sich jede Menge Insektenflügel und fotografierte sie vor schwarzem statt, wie üblich, vor hellem Hintergrund (siehe Foto oben). Und siehe da — was zuvor im Hellen ziemlich unspektakulär aussah, schillerte plötzlich fast schon wie Schmetterlingsflügel in allen möglichen Farben… Diesen Beitrag weiterlesen »

Transpar-buntes Getier

9. Dezember 2011 von Laborjournal

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

So zitiert der japanische Künstler Iori Tomita zu Beginn seines Buches ‘Transparent Silence’ den Philosophen Ludwig Wittgenstein. Was er damit einleitet, ist eine fotografische Sammlung von Präparaten wie etwa diesen hier:

Der Künstler Tomita nutzt also nichts anderes als eine Reihe von Standard-Labortechniken, etwa zum enzymatischen Verdau von Proteinen oder spezifische Färbetechniken, um nach seiner Sicht Wissenschaft und Kunst zu verbinden: Diesen Beitrag weiterlesen »

Eine Nabelschau…

23. August 2011 von Laborjournal

… der besonderen Art veranstalten seit Februar Jiri Hulcr und seine Kollegen von der North Carolina State University: das Belly Button Biodiversity Project. „Was wächst alles in deinem Bauchnabel?“, lautet also die Frage.

Warum aber ausgerechnet der Bauchnabel? Der Bauchnabel sei eine gut geschützte Zone der menschlichen Haut, die dort zudem keine „störenden“ Sekrete produziert, erklärt Hulcr die Vorzüge. Und was die Mikroben noch viel toller finden: Die meisten Menschen waschen sich dort nicht besonders gut, und schon gar nicht mit Seife. Daher, so Hulcr, wüchsen dort mehr interessante Viecher als auf den allermeisten anderen Hautpartien.

Knapp 500 Probanden haben bisher für das Projekt einen sterilen Wattestab dreimal über ihren Bauchnabel gezogen. Diesen nahmen Hulcr und Co. und strichen die Probe auf einem Vollmedium aus. Waren die jeweiligen „Mitbewohner“ zu ordentlicher Kolonniegröße herangewachsen, fotografierten die Forscher die Schale und stellten sie unter der Nummer des Probanden auf die Website des Projekts. So konnte und kann jeder Teilnehmer seinen „Bauchnabel-Bewuchs“ selbst inspizieren. Diesen Beitrag weiterlesen »

Antrags-Timing

17. Juli 2011 von Laborjournal

Wie man im Laufrad der Antragsstellerei am ehesten das Tempo hält, ist ein offenes Geheimnis: Man hat das Projekt möglichst schon fast fertig, bevor man den Antrag dazu schreibt. Allerdings sollte man es damit nicht zu weit treiben — denn sonst rügt einen die DFG.

Im letzten Laborjournal schreiben wir unter „Inkubiert“ (S. 8):

Nach dem Antrag ist vor dem Antrag. […] Kaum ist ein Antrag durch, muss man schon den nächsten vorbereiten. Vor allem größere Gruppen haben daher schon seit einiger Zeit eine Art Patentrezept entwickelt: Projekt und zugehörigen Antrag zeitlich gegeneinander verschieben. Heißt also, man beantragt zwar Projekt n, startet mit den bewilligten Mitteln aber bereits (hauptsächlich) Projekt n+1. Konkret bedeutet das, dass man einen Antrag erst stellt, wenn das darin beantragte Projekt n so gut wie fertig ist — und dabei so tut, als wolle man Experimente machen, die man größtenteils schon längst in der Tasche hat. Diesen Beitrag weiterlesen »

Zitat des Monats (2)

27. Mai 2011 von Laborjournal

Das Zitat des Monats kommt diesmal von dem Schweizer Matthias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen:

Form wird wichtiger als Inhalt

Da inhaltlicher Fortschritt in etablierten Zeitschriften aus den bereits genannten Gründen kaum stattfindet, hat sich die Innovation auf die Form verlagert. Banale Ideen werden zu hochkomplexen formalen Modellen aufgeblasen, welche das technische oder mathematische Know-how der Autoren demonstrieren und Wichtigkeit vortäuschen sollen. In vielen Fällen sind die Gutachter dann nicht in der Lage, diese Modelle zu beurteilen, denn sie haben weder Lust noch Zeit, sich tagelang damit zu beschäftigen. Da sie das aber nicht zugeben können, wird formale Brillanz im Zweifelsfall positiv bewertet, denn diese trägt meist zur Stützung herrschender Theorien bei. Sie hilft, diese gegen externe Kritik zu immunisieren, so dass alle nicht auf dem gleichen Spezialgebiet tätigen Kollegen glauben müssen, was in einem Modell oder Experiment „bewiesen“ wurde.

Mit der Formalisierung entfernen sich die Wissenschaften aber auch immer weiter von der Realität, da vorgetäuschte Präzision wichtiger wird als tatsächliche Relevanz. Der Biologe Christian Körner schreibt dazu: „Je präziser die Aussage [eines Modells], umso weniger spiegelt diese in der Regel jene Skala der realen Gegebenheiten, die eine breite Öffentlichkeit interessiert, oder die für sie nutzbar ist und uns auch wissenschaftliche weiterbringt.“ Die Verdrängung von Inhalt durch Form wirkt sich dabei auch auf die Berufungspolitik aus. Der alte Typus des an seinem Fach aus innerem Antrieb interessierten und oftmals eigenwilligen Wissenschaftlers wird zunehmend abgelöst durch formal hochbegabte, stromlinienförmige Musterknaben und -frauen, die aber inhaltlich kaum etwas zu bieten haben.

Das Zitat stammt aus Binswangers Aufsatz „Der Publikationswettbewerb in der Forschung: Arroganz, Ignoranz, Redundanz“ in LIFIS ONLINE, der Internet-Zeitschrift des Leibniz-Instituts für interdisziplinäre Studien.

Zum gleichen Thema verfasste Binswanger übrigens auch den Artikel „Sinnlose Wettbewerbe behindern Wissenschaft und Forschung“ für Cicero — Magazin für politische Kultur.

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