Das Recht am Peer Review

4. Juli 2017 von Laborjournal

Nette Geschichte, die Pandelis Perakakis auf seiner Academic Website über seinen Kollegen Angel Correa vom Brain, Mind & Behaviour Research Center der Universität Granada notiert hat. Dieser hatte von einem Elsevier-Editor die Einladung erhalten, ein eingereichtes Manuskript für eines ihrer Journals zu begutachten. Correa schrieb zurück, dass er dies gerne tun würde — allerdings unter einer Bedingung: Würde das Paper am Ende zur Veröffentlichung akzeptiert, sollte das Journal seinen Review in der gleichen Ausgabe mit veröffentlichen — als „Kommentar“ oder wie auch immer, aber auf jeden Fall frei zugänglich via Open Access.

Correa lieferte auch eine Begründung dafür. Als Wissenschaftler im Staatsdienst habe er entschieden, seine Arbeitszeit nicht völlig selbstlos in das Interesse von Journals zu investieren, die privatwirtschaftliche Zwecke verfolgen.

Der Editor antwortete daraufhin zunächst schnippisch, dass er Correas Entscheidung, nicht mehr am Scientific Process teilzunehmen, sehr bedauere. In einer zweiten Mail schob er jedoch nach, dass er nach seiner Auffassung gerade als Staatsbediensteter die Verpflichtung habe, der Peer Review-Anfrage nachzukommen. Dies nicht nur, weil auch seine Institution dafür zahle, dass dessen Verlag einen ordentlichen Peer Review-Prozess organisiert und durchführt — sondern weil die Wissenschaftsgemeinde schlichtweg auf diese Art funktioniere. Schließlich erwarte er ja auch, dass seine Paper von Peers begutachtet werden.

Correa bemühte daraufhin zunächst einige Höflichkeitsfloskeln, um dann zu folgendem Schluss zu kommen: „Ich denke, es würde meiner Selbstverpflichtung zu Open Science auch Genüge tun, wenn ich als Autor des Peer Reviews die Rechte daran behalte, so dass ich diesen selbst veröffentlichen kann — vorausgesetzt natürlich, das Manuskript wird veröffentlicht. Geben Sie mir also bitte bescheid, ob Ihr Journal in diesem Fall die Verwertungsrechte bei mir, also dem Autor des Reviews, belässt.“

Eine Antwort darauf blieb bis heute aus.

Ralf Neumann

(Illustr.: Fotolia)

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Plötzlich ist das Paper weg

27. Februar 2013 von Laborjournal

Man stelle sich folgendes vor: Forscher Neu hatte einst aus diversen Gründen beschlossen, nur noch in Open-Access-Online-Only-Zeitschriften zu veröffentlichen. Als er also seine nächste Geschichte beisammen hatte, forschte er im Internet nach dem bestgeeigneten Titel — und schickte das Manuskript schließlich zum Journal of Experimental Surprises [*Name erfunden!*]. Alles klappte wunderbar, und schon kurze Zeit später konnte er sein Paper auf den Monitor rufen. Dennoch beschloss er aus einem nicht wirklich greifbaren Gefühl heraus, sein eingereichtes Manuskript nicht zu löschen, speicherte zudem das PDF seines JES-Papers auf seinen Rechner — und machte davon gar noch ein Dutzend Ausdrucke. Man konnte ja nie wissen…

Vier Jahre später wollte Neu in seinem JES-Paper schnell online etwas nachschauen. Doch das Journal of Experimental Surprises gab es nicht mehr. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bigfoot — Big Fake?

14. Februar 2013 von Laborjournal

Gestern erschien nach über zweimonatiger scharfer Kontroverse das angekündigte Paper zur Genom-Entschlüsselung des legendären nordamerikanischen Waldmenschen, bekannt als „Bigfoot“ oder „Sasquatch“. Dies allerdings unter höchst zweifelhaften Umständen. Erstautorin Melba Ketchum veröffentlichte die Studie als einzigen Artikel der ersten Ausgabe eines völlig neuen Journals namens DeNovo — und erwarb im gleichen Atemzug sämtliche Rechte an der ganzen Zeitschrift. Dennoch beschwört Melba Ketchum, dass das Manuskript zuvor ein ordentliches Peer Review-Verfahren durchlaufen habe.

Den Artikel selbst muss man — trotz der Aussage des Journals, „Open Access“ agieren zu wollen — für mindestens 30 US-Dollar kaufen. Das haben wir nicht getan — ganz im Gegensatz zu dem US-Wissenschaftsautor Carl Zimmer, der bereits nach kurzer Inspektion des Artikels über seinen Twitter-Account urteilte:

The phylogeny in this #sasquatchgenome paper is incomprehensibly illegible & doesn’t seem to use any method I can recognize.

Zeitgleich nahmen sich einige „Computational Geneticists“ Sequenzfetzen aus der Veröffentlichung vor — und kamen zu dem Schluss, dass es sich um einen bunten DNA-Mix aus allen möglichen Spezies handelt. Diesen Beitrag weiterlesen »

Episciences Project — ein neues Modell zum wissenschaftlichen Publizieren

11. Februar 2013 von Laborjournal

Vor ziemlich genau einem Jahr startete eine Protestaktion gegen die exorbitante Preispolitik sowie die restriktiven Zugangsregeln des holländischen Wissenschaftsverlag-Giganten Elsevier. Auf der Seite “The Cost of Knowledge” können seitdem der Sache gewogene Unterzeichner erklären, dass sie den Verlag solange boykottieren werden, bis er sein Geschäftsmodell radikal ändert. So haben dort bis heute über 13.200 Forscher bezüglich Elsevier erklärt, dass sie dort:

… won’t publish, won’t referee, won’t do editorial work.

Hauptinitiator des Protests war damals der Mathematiker und Fields-Medaillengewinner Timothy Gowers (hier seine eigene Jahresbilanz des Protests). Jetzt geht er einen Schritt weiter: Auf seinem Weblog verkündete er vor einigen Tagen das “Episciences Project“, welches das wissenschaftliche Publizieren auf völlig neue Füße stellen will – komplett staatlich finanziert und ganz ohne kommerzielle Verlage. Diesen Beitrag weiterlesen »

Nature entdeckt den Profit in Open Access

15. November 2012 von Laborjournal

Immer mehr Forschungsförderer verlangen als Voraussetzung für die Projektförderung, dass die Wissenschaftler die resultierenden Publikationen frei zugänglich, also „Open Access“, veröffentlichen. Einige von ihnen gehen indes noch einen Schritt weiter und verpflichten die Forscher, zusätzlich dafür zu sorgen, dass deren Artikel unter eine sogenannte offene Creative Commons (CC) Lizenz gestellt werden, die dem Nutzer weitreichende Verwendungsoptionen eröffnet.

So fordern etwa der Wellcome Trust und die Research Councils UK (RCUK) in England, die von ihnen geförderten Projekte unter der CC-Lizenzvariante „By“ (CC-By) zu veröffentlichen. Diese offenste aller Varianten erfüllt explizit die Ansprüche der sogenannten Open Definition, wodurch Nutzer die jeweiligen Artikel kostenfrei sowohl privat wie auch kommerziell weiterverwerten können. Lediglich die Urheberschaft der Artikel muss hierbei vermerkt sein.

Die Argumentation der Forschungsförderer ist dabei so simpel wie einleuchtend. Die Entstehungskosten der Publikationen, so sagen sie, seien bereits durch die öffentliche Hand beglichen. Also sollten sie auch für jeden frei nutzbar sein.

Da die Forscher auf diese Weise zunehmend an die Open Access-Politik ihrer Förderorganisationen gebunden werden, gerät damit so manches altehrwürdiges Wissenschaftsblatt unter Zugzwang. Diesen Beitrag weiterlesen »

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Post-Publication-Peer-Review Veröffentlichungen besser macht“

7. September 2012 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. B.E. Dacht, Reflektologisches Institut Forschungszentrum Abwägingen.

LJ: Hallo, Herr Dacht — kurze Schreibpause?

Dacht: Ja, genug Forum-Pingpong gespielt.

LJ: Forum-Pingpong? Wie muss ich das verstehen?

Dacht: Ach, ich diskutiere schon seit Tagen in so einem Online-Forum mit, in dem es um die Vor- und Nachteile von Post-Publication-Peer-Review versus Pre-Publication-Peer-Review von Veröffentlichungen geht. Diesen Beitrag weiterlesen »

Über Zufall und Willkür beim Peer Review

31. August 2012 von Laborjournal

Publizieren scheint immer schwerer zu werden. Denn nicht nur Nature oder Science, nein auch viele Medium-Impact-Journals nehmen offenbar immer weniger Manuskripte zur Publikation an. Ein Herunterdrehen von 40% akzeptierter Manuskripte vor 15 Jahren auf heutzutage unter 15% ist beispielsweise keine Seltenheit.

In einem Editorial in Ideas in Ecology and Evolution (vol. 5: 9-12, 2012) beschrieb die Kanadierin Lonnie W. Aarssen solch „drakonische Standards“ nicht gerade schmeichelhaft als:

… product of gate-keeping elitism, motivated by self-serving goals of journal publishers and editors to elevate impact factor as a symbol of status, and to compete with other journals for that status.

Der Ökologe David Wardle von der Universität Umeå in Schweden untersuchte nun beispielhaft, welche Konsequenzen dieser „Gatekeeping Elitism“ für die Qualität ökologischer Veröffentlichungen hat (Ideas in Ecology and Evolution vol. 5: 13-15, 2012). Was er herausfand, ist durchaus alarmierend. Diesen Beitrag weiterlesen »

EU macht Ernst in Sachen Open Access

19. Juli 2012 von Karin Hollricher

Es bewegt sich was: Die EU-Kommission will Forschung im EU-Raum (ERA) öffentlich zugänglich mache In einer Pressekonferenz stellten die EU-Kommissarinnen Maire Geoghegan-Quinn und Neelie Kroes ein Kommuniqué der EU-Kommission sowie eine Empfehlung an die EU-Mitglieder vor. Danach sollen Forschungsdaten und Publikationen künftig öffentlich zugänglich sein.

Kroes skizzierte zwei Wege, die Daten zu publizieren:

„First, by paying publication costs upfront to the publisher and making the articles immediately accessible — known as ‚Gold‘ Open Access. Or, second, by putting their articles into open access repositories online. Publishers sometime impose „embargo periods“, that is: delays before such self-deposited articles can become openly accessible. Our policy means that delays of up to 6 months are acceptable for all subjects, with an except for social sciences and humanities who may delay by 12 months. This is known as “green open access”.

Man darf gespannt sein, wie die Verlage und die Wissenschaftler darauf reagieren. In Großbritannien hat die Regierung ja bereits Sturm auf die bisherige Publikationskultur geblasen und einen Plan für die nächsten zwei Jahre vorgelegt.

Welcher Weg der richtige ist, darüber sind sich die Forscher noch nicht wirklich einig. Open Access-Aktivist Steve Harnad kritisiert beispielsweise den ‚Goldenen Weg‘, auf dem die Wissenschaftler ihre Arbeiten in Open Access-Journals gegen Bezahlung veröffentlichen können, und wirbt für den ‚Grünen Weg‘. Dabei sollen alle Veröffentlichungen nach einem Peer Review in öffentlich zugänglichen Datenbanken (repositories) platziert werden.

Was daran besser sei, diskutiert Harnard in aller Ausführlichkeit hier.

Dummy-Journal

21. Juni 2012 von Laborjournal

Wir gehen mal davon aus, dass Otto Normalforscher sich das Journal, dem er seine sauer erarbeiteten Daten anzuvertrauen gedenkt, peinlichst genau aussucht. Ob ein Journal, in dessen Editorial Board nur Dummies sitzen, dann noch Chancen hat:

Nur Dummies im Editorial Board (zum Vergrößern auf’s Bild klicken)

Wir haben herzlich gelacht!

Und damit ist eigentlich klar: ChemXpress reiht sich nahtlos ein in die immer länger werdende Liste der mehr als fragwürdigen Open Access Journals, die ziemlich plump auf reine Abzocke aus sind. Und zwar ganz unten.

(Gefunden auf Jeffrey Bealls „Watchdog“-Blog Scholarly Open Access)

Rettet das Laborbuch!

23. April 2012 von Laborjournal

(Der Beitrag war bereits am 17.4. für etwa fünf Stunden an dieser Stelle veröffentlicht, wurde dann aber nochmals überarbeitet und neu gepostet.)

Das gute, alte Laborbuch. Jetzt soll jeder auch dieses noch komplett digital führen und im Web per Open Access online frei zugänglich machen. Entsprechende Vorschläge der sogenannten Science 2.0-Jünger (oder sind wir schon bei „3.0“?) werden jedenfalls immer lauter.

Nicht nur fertige, logisch durchdachte und schlüssig aufbereitete Paper — nein, auch das sympathisch impulsive, hastig hingekritzelte, herrlich chaotische und gerade deswegen irgendwie kreative Sammelsurium der täglichen Laborbuch-Einträge soll nach deren Vision die weltweite Internetgemeinde einsehen können.

Aber warum eigentlich?

Dass das Web die Möglichkeit bietet, die statischen Momentaufnahmen geschriebener Paper am gleichen Ort aktiv weiter zu diskutieren und zu modifizieren — ja, das ist toll und erstrebenswert. Endlich wieder dynamische (wenn auch virtuelle) Real Time-Diskussionen; und im Ideallfall tatsächlich Ideen und Daten teilen, vorschlagen und kritisieren. Alles das also, was die Wissenschaft im Innersten zusammen halten sollte — und zuletzt durch egoistisches „Credit and Priority“-Denken doch arg verloren gegangen ist.

Aber braucht man dazu tatsächlich auch noch die zusammenhanglosen Rohdaten der Laborbücher? Diesen Beitrag weiterlesen »

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