Von Interdisziplinarität und Pionieren

20. Juni 2017 von Laborjournal

Man könnte die Entschlüsselung der DNA-Struktur durch Watson und Crick durchaus als eine der ersten interdisziplinären Meisterleistungen der Wissenschaftsgeschichte werten: Ein Ornithologe und ein Physiker werteten Bilder von Kristallographen aus — und begründeten die Molekularbiologie.

Freilich hat das seinerzeit niemand so gesehen. Und gerade im Rückblick auf die damaligen Pioniertage würde heute wohl jeder Watson und Crick als Molekularbiologen bezeichnen.

Interessanterweise drängten gerade in dieser Zeit des molekularbiologischen Aufbruchs generell viele „Fachfremde“ in die Biologie — Physiker, Chemiker, Mathematiker,… Dennoch nahm damals kaum jemand das Wort „Interdisziplinarität“ in den Mund. Offenbar war nicht so wichtig, wo einen die jeweilige Ausbildung abgesetzt hatte — vielmehr zählte, wo einen die konkreten Fragen hintragen würden.

Und so erschlossen damals nicht nur Watson und Crick neue Felder. Vor allem auch deshalb, weil sie gerade als interdisziplinäre Köpfe in der Lage waren, ihre alten Disziplinen hinter sich zu lassen, um sich neuen Wegen zu öffnen — und sie auch tatsächlich zu gehen.

Nur logisch daher, dass man deren neue Erkenntnisse samt der damit eröffneten Felder dann auch ganz für sich selbst bewertete — und nicht nach der disziplinären Herkunft derer, denen man sie verdankte. Wie gesagt, ist die DNA-Struktur doch vor allem eine molekularbiologische Entdeckung, und nicht zwingend-logisches Resultat einer interdisziplinären Kooperation aus Physik, Ornithologie und Kristallographie.

Nicht zuletzt wegen solcher Beispiele schrieb der US-Biologe Sean Eddy vor einiger Zeit, dass neue Felder weniger durch interdisziplinäre Teambildung entstünden als vielmehr durch das Wirken „antedisziplinärer“ Pioniere. Siehe Watson und Crick.

Sicher, interdisziplinäre Team-Projekte sind wichtig — dies allerdings vor allem da, wo Antworten auf bisher unlösbare Fragen durch die Anwendung neu etablierter Techniken aus anderen Disziplinen realisierbar werden. Interdisziplinäre Projekte deshalb aber gleich zum Forschungsmodus Nummer eins zu erklären, wie dies Wissenschaftspolitiker heute allzu gerne tun, hieße jedoch, Vergangenes über die Zukunft zu stellen — und die Herkunft der Leute höher zu bewerten als ihre ganz konkrete Arbeit.

Klingt nicht wirklich nach einem Rezept für Pioniertaten.

Ralf Neumann

(Illustration: Flickr/Dullhunk)

Journal-Cover, mal etwas anders (1)

13. Februar 2013 von Laborjournal

ccccccccc

Schon mal ein Cover der Zeitschrift Genes to Cells gesehen? Nein? Hier ist eins:

 

Die Erklärung dazu, auf der Innenseite des Covers:

“The cover art of this month […] describes how cellular slime molds assemble into a dragon. Diesen Beitrag weiterlesen »

Hat die Bioforschung noch große Probleme?

4. Februar 2013 von Laborjournal

Können in der Molekularbiologie heutzutage überhaupt noch fundamentale Einsichten gewonnen werden? Wenn wir die Kommentare zu einigen frischen Entdeckungen ernst nehmen — dann offensichtlich ja!

Zum Beispiel Andrew Jackson. Sein Team vom MRC Institute of Genetics and Molecular Medicine an der Edinburgh University hatte eigentlich etwas getan, was in der aktuellen Mausgenetik gang und gäbe ist: sie knockten ein Gen aus. Konkret war es eines der Gene für die Ribonuklease H2 (RNase H2), welche bei Ausfall oder Störung das Aicardi-Goutières-Syndrom bewirkt — eine seltene Autoimmun-Krankheit bei Kindern. Und was stellten Jackson und Co. fest? Ohne das Gen sammelten die Mäuse in der DNA jeder einzelnen Zelle mehr als eine Million Ribonukleotide statt Desoxyribonukleotide an (Cell, vol. 149 (5): 1008-22).

Jackson selbst kommentierte seine „fundamental discovery“ folgendermaßen:

The most amazing thing is that by working to understand a rare genetic disease, we’ve uncovered the most common fault in DNA replication by far […]. More surprising still is that a single enzyme is so crucial to repairing over a million faults in the DNA of each cell, to protect the integrity of our entire genetic code.

Oder nehmen wir Samie Jaffrey. Diesen Beitrag weiterlesen »

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