Die Lance Armstrongs der Tour de Science

3. Februar 2016 von Laborjournal

Und wieder ein Zitat aus einer E-Mail an unsere Redaktion. Ein Bio-Emeritus im aktiven Unruhestand prangert darin mit deutlichen Worten einige „Unsitten“ im aktuellen Forschungsbetrieb an:

Da die Zahl der für das öffentliche und private Leben relevanten Skandale meine Fähigkeit zu kotzen weit überfordert […], bemühe ich mich schon seit einiger Zeit um eine gewisse pragmatische Rangordnung. Im Hinblick auf Wissenschaftsskandale heißt das für mich, dass ich nach den Lance Armstrongs der internationalen Tour de Science und vor allem nach den Strukturen frage, die diesen Figuren zur Verfügung stehen.

Da komme ich dann auf Fragen zum Wahnsinn der Impact Faktoren und CNS-Publikationen als Kriterium wissenschaftlicher Befähigung. CNS hat nichts mit Gehirn zu tun, sondern steht für Cell, Nature, Science — und damit gleichsam für den Glauben an die Weisheit der Editoren von Journalen, deren Hauptziel darin besteht, den Impact Faktor ihres Journals zu steigern oder wenigstens zu halten.

Ich beschäftige mich weiter mit dem Problem, was alles „behind the scenes“ passiert und offenbar möglich ist. Ich frage mich, warum ich immer wieder auf Arbeiten stoße, die in High Impact-Journalen veröffentlicht wurden und die völlig perfekt erscheinen — abgesehen davon, dass sich die Hauptergebnisse nicht reproduzieren lassen.

Ich frage mich, warum viele Wissenschaftler das Gefühl haben, dass man in einem Manuskript die — oftmals ja leider berechtigten — eigenen Sorgen wegen der Grenzen der verwendeten Methoden, beispielsweise aufgrund unerwünschter, schwer zu kontrollierender Artefakte, besser gar nicht erst andiskutieren sollte.

Ich frage mich, warum es üblich scheint, Ergebnisse besser wegzulassen, die nicht ins Schema der perfekten Reproduzierbarkeit passen und die möglicherweise die Beweisführung für oder gegen eine bestimmte Hypothese untergraben könnten.

Ich frage mich, wie es dazu kommt, dass heute umgehend immer nur nach einem molekularen Mechanismus gefragt wird, selbst wenn die phänomenologischen Grundlagen des untersuchten biologischen  Systems noch weitgehend ungeklärt sind.

Ich frage mich, wie das Begutachtungssystem verändert werden sollte — und vor allen Dingen, wie es öffentlich gemacht werden kann. Ich für meinen Teil habe seit etwa einem Jahr begonnen, alle meine Zeitschriftengutachten mit meinem Namen zu zeichnen.

Ich frage mich, wie es kommt, dass Gutachter ihren Auftrag dahingehend missbrauchen, dass sie die Autoren eingereichter Arbeiten zwingen, eine To-do-Liste abzuarbeiten, nach der die geforderten zusätzlichen Experimente gar nichts mehr mit notwendigen Kontrollen zu tun haben, sondern lediglich willkürliche Erweiterungen nach dem Geschmack des Gutachters darstellen.

Fragen, die viele zwar schon lange kennen — die deswegen aber nicht aufhören zu schmerzen. Antworten und Meinungen dazu, wie immer, direkt unten als Kommentar zu diesem Blog-Beitrag, oder auch per E-Mail an redaktion@laborjournal.de.

(Foto: Fotolia/erkamit)

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Die zwei Welten der Genetik und der Biochemie

25. April 2014 von Laborjournal

Es soll ja vorkommen, dass hin und wieder ein eingefleischter Biochemiker im Vortrag eines dezidierten Genetikers sitzt. Oft genug sitzt er dann da, hört zu, denkt mit — und wartet vergeblich auf den Clou.

So trug etwa kürzlich ein Genetiker vor, wie er in Fliegen mit auffälligen Verhaltensstörungen eine Chromosomenregion kartiert hatte, in dem offenbar ein Gen liegt, dessen Ausfall den Defekt direkt mitverantwortet. Fünfzehn Vortragsminuten später hatte er das Gen identifiziert, fünf Minuten darauf hatte er es sequenziert — und in den restlichen zehn Minuten beschrieb er, wie er durch gezielte Mutationen in eben jenem Gen verschieden starke Ausprägungen der Verhaltensstörung induzieren konnte — und wie er die „schlimmsten“ Verhaltensmutanten durch Einbringen des „gesunden“ Gens retten konnte. Klar, dass am Ende des Vortrags der Genetiker sein Publikum glücklich und zufrieden ob dieser runden Story anstrahlte.

Dann meldete sich der Biochemiker und fragte: „Okay, Sie wissen jetzt, dass das Gen für das gesunde Verhalten notwendig ist. Aber wie steuert nun das Genprodukt das Verhalten? Was tut es in der Zelle? Wo und wie entfaltet es welche Funktion? Welcher Mechanismus steckt dahinter?“ Der Genetiker hob die Schultern, raunte leise, dass er dazu keine Hinweise habe — und grinste nunmehr leicht blöde weiter ins Publikum.

Da waren sie also wieder mal aufeinander geprallt — die beiden Welten der Genetik und der Biochemie. Und der konzeptionelle Kernunterschied zwischen beiden wurde erneut mehr als deutlich: Der grundlegende Ansatz des Genetikers ist zu studieren, wie ein System variiert oder ausfällt, wenn einzelne Komponenten gestört oder defekt sind — um dann daraus zu schließen, welche Komponenten bei welchen Prozessen mitspielen. Im Gegensatz dazu versucht der Biochemiker zu entschlüsseln, wie die Komponenten eines Systems zusammengehören und wie die daraus resultierenden Interaktionen die Funktion des Systems bewerkstelligen.

Beides komplementäre experimentelle Ansätze, um komplexe Systeme zu entschlüsseln. Und natürlich umso effektiver, je besser man sich versteht.

(Foto: pholidito / Fotolia)

 

 

„Re-Inkubiert“ (4)

16. August 2013 von Laborjournal

(Urlaubszeit in der Laborjournal-Redaktion. Nicht zuletzt deshalb machen wir es in den kommenden Wochen wie das TV: Wir bringen Wiederholungen. Bis Ende August erscheint jede Woche, jeweils im Wechsel mit einem weiteren „Best of Science“-Cartoon, eine bereits in Laborjournal print publizierte Folge unserer „Inkubiert“-Kolumne. Sicher, alle schon ein wenig älter — aber eigentlich noch immer aktuell.)

 

Was machbar ist, wird in der Regel auch gemacht. Vor allem wenn einem als Forscher, der ja immer etwas am Laufen haben muss, gerade nichts Originelles einfallen will, ist die Verlockung besonders stark. Nur allzu gerne folgt er dann diesem Imperativ der reinen Machbarkeit. Es hat ja auch Vorteile: Man braucht kaum komplizierte Konzepte, ein oftmals recht plakativer Zweck reicht meist schon aus. Und man kann es leicht verkaufen. Denn was machbar ist, bietet eine gewisse Ergebnisgarantie. Wenn ich ein Genom sequenziere, habe ich am Ende eine Sequenz — und das ist doch schon mal was. Welche Erkenntnisse mir die Sequenz bringt — nun, das kann man dann noch sehen. Sehr beliebt unter diesen konzeptionsarmen „Just do it, think later“-Ansätzen sind auch sogenannte „Fishing Expeditions“. Etwa einfach mal ein Genexpressionsmuster aufnehmen — geht ja leicht heutzutage –, Konzepte entwickeln sich dann (hoffentlich) mit den Daten. Oder auch nicht. Vor kurzem wurde dieses Thema in einem Weblog im Zusammenhang mit der Schlafforschung diskutiert. Ein wenig erfolgreiches Feld, wie die Teilnehmer meinten. Immer noch weiß man nicht, was Schlaf eigentlich ist und warum er sich evolutionsgeschichtlich entwickelt hat. Und weil einem vor lauter Konzeptionsleere nichts mehr einfiel, begann man „nach Schlafgenen zu fischen“. Die lächerliche Beute? Die üblichen allgegenwärtigen Verdächtigen in Hirnzellen: Proteinkinasen, Dopaminrezeptoren, Serotonintransporter, und so weiter. Einer der Blogger fuhr daraufhin aus der Haut: „Verstehen die nicht, dass Schlaf eine emergente Eigenschaft des multizellulären Gehirns ist? Nicht einzelne Neuronen schlafen (oder sind wach) — die Gehirne tun das. Der „Schlafmechanismus“ ist kein molekularer Mechanismus, sondern das Ergebnis eines speziellen Musters neuronaler Aktivität und Konnektivität.“ Gutes Beispiel, dass ein wenig konzeptionelles Denken sich durchaus lohnen kann, bevor man einfach macht, was eben geht.

(aus Laborjournal 10-2006, Foto: © cameraman — Fotolia.com)
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