Wozu Journals?

10. November 2016 von Ralf Neumann

 

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Es ist und bleibt interessant, immer wieder mal in unseren alten Ausgaben zu blättern. Nicht nur, aber auch, um zu sehen, wie sich gewisse Dinge in der Zwischenzeit entwickelt haben.

Kürzlich etwa blieb ich an folgendem Text unserer „Inkubiert“-Kolumne aus Heft 4/2000 (!) hängen:

Wozu braucht man Fach-Journale? Vor allem doch wohl als Vehikel von Information. Allerdings ist da das Internet mittlerweile schneller, billiger, einfacher und vielseitiger. So gesehen erfüllen die Fachblätter also ihre primäre Aufgabe inzwischen nicht mehr optimal. Allenfalls als glorifizierte Listen von Leseempfehlungen taugen sie noch. Womit wir direkt bei der nächsten Frage wären: Braucht man noch ein System des Vorab-Peer Review? Zumal doch gerade auf dem gut gedüngten Boden des anonymen Peer Review-Systems die menschlichen Schwächen der Gutachter oftmals allzu üppig wuchern. Warum also nicht gleich einfach alles unmittelbar und direkt im Internet publizieren — allenfalls durch eine grobe Vorab-Kontrolle von blankem Unsinn freigehalten? Beurteilt nicht sowieso jeder Forscher selbst die Artikel, die ihn interessieren — ob von Gutachtern empfohlen oder nicht? Was ein echter Forscher ist, sollte dies jedenfalls alleine können. Herrliche Diskussionen direkt im Anhang an die einzelnen Artikel könnten sich entwickeln. Nachlesbar und gezeichnet. Ein Artikel wäre nicht nur Information, sondern auch Anstoß zur Debatte. Jedenfalls die guten unter ihnen. Und daran wiederum würde man sie erkennen. Ja, ja — jetzt schreien wieder einige, dass unter solchen Bedingungen doch am Ende jeder Schrott publiziert würde. Hmm? Ohne Journals publiziert vielleicht tatsächlich nur, wer wirklich etwas Neues hat. Und schielt nicht vorrangig danach, durch Publikation in prestigeträchtigen Journals Impact-Punkte zu sammeln.

Scheint es nur mir so, dass wir heute, 16 Jahre später, in dieser Diskussion immer noch weitgehend auf demselben Stand sind?

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„Re-Inkubiert“ (1)

26. Juli 2013 von Ralf Neumann

(Urlaubszeit in der Laborjournal-Redaktion. Nicht zuletzt deshalb machen wir es in den kommenden Wochen wie das TV: Wir bringen Wiederholungen. Bis Ende August erscheint jede Woche, jeweils im Wechsel mit einem weiteren „Best of Science“-Cartoon, eine bereits in Laborjournal print publizierte Folge unserer „Inkubiert“-Kolumne. Sicher, alle schon ein wenig älter — aber eigentlich noch immer aktuell.)

 

Wer nix publiziert, zählt nix in der Forschung. Und wer wenig publiziert, sollte sich am besten auch rechtzeitig nach einer anderen Tätigkeit umsehen. Man kann kritteln und klagen, soviel man will — dass eine deutliche Korrelation zwischen Zahl der Paper und Zahl der Sprossen auf der Karriereleiter besteht, ist heute einfach Fakt. Und auch die vielen negativen Begleiterscheinungen sind inzwischen weithin bekannt. Zuvorderst natürlich der Zwang zum immer schnelleren Artikel-Austoß — oftmals mit der Folge anhaltender Paper-Diarrhoe: Der Ausstoß wird immer dünner und wässriger, verliert an Farbe und Substanz — nur stinken tut er manchmal intensiver. Entsprechende „Abführmittel“ gibt es einige, die meisten sind zumindest zweifelhaft. Der Institutsleiter etwa bevorzugt das Fläschchen mit der Aufschrift „Ehrenautorenschaft“; Postdocs bis Außerordentliche dürften sich eher der Salami-Taktik bedienen, auch bekannt als „Prinzip der kleinsten publizierbaren Einheiten“. Ganz ähnlich, vielleicht noch ein wenig raffinierter, funktioniert das Verfahren des größtmöglichen Überlapps: Ich publiziere erst die Ergebnisse A, B, C und D, im nächsten Paper dann B, C, D zusammen mit E, danach C, D, E mit F, und so weiter. Also gerade noch keine wirklichen Doppelveröffentlichungen, denn die sind ja verboten. Genauso wie Abschreiben und Daten Erfinden, aber das machen ja nur völlig Gewissenlose. Einzig effektive „Therapeuten“ sind die Gutachter, die im Idealfall mit ihren Ablehnungen so manchen „Dünnpfiff“ vorübergehend kurieren können. Doch auch diese Front bröckelt: Als etwa der Editor des Journal of Occupational and Environmental Medicine kürzlich ein Manuskript des US-Forschers David Egilman ablehnte, kaufte dieser kurzerhand eine Doppelseite Werbefläche im nächsten Heft und ließ es dort im Originallaut drucken. Schon enorm, welche Originalität und Kreativität Forscher entwickeln können, um zu Veröffentlichungen zu kommen. Vielleicht sollten sie die mal lieber in ihre Experimente investieren.

(aus Laborjournal 9-2005, Foto: © cameraman — Fotolia.com)
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