Danke für eure Forschungspläne!

4. September 2017 von Laborjournal

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(Vor kurzem erhielten wir folgende, von uns hier anonymisierte E-Mail:…)

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„Ich bin Postdoc an der Uni […], und derzeit von Drittmitteln bezahlt […], die Ende 2017 auslaufen. Daher habe ich mich im März auf eine Stelle […] beworben, die als „Full time tenure-track research position […]“ ausgeschrieben war. Für die Bewerbung musste man neben dem CV auch einen Research Plan beilegen, der ein für die folgenden Jahre anvisiertes Forschungsprogramm überzeugend darlegt.

Am 1. Juni, also mehr als zwei Monate nach Ende der Bewerbungsfrist, fragte ich sehr höflich nach, ob man denn schon etwas über den Status der Bewerbung sagen könne. Ich habe bis heute keine Antwort bekommen.

Diese Woche erfuhr ich von einem Kollegen, der sich ebenfalls auf die Stelle beworben hat, dass die Stelle überhaupt nicht mehr mit einem Postdoc besetzt werden wird und man stattdessen Doktoranden einstellen will. Diese Information hat mein Kollege von einem Mitarbeiter des „Zielinstitutes“ inoffiziell erhalten.

Mein Verdacht ist nun, dass die Verantwortlichen die Stelle bewusst attraktiv ausgeschrieben haben, um von den eingehenden Bewerbungen die Ideen der eingereichten Forschungspläne abzugreifen. Zu diesem Plan würde gehören, dann doch keinen Postdoc dauerhaft auf die Stelle zu setzen, sondern die Arbeit stattdessen von nicht langfristig angestellten Doktoranden machen zu lassen. Die Anleitungen hierzu finden sich ja in den eingereichten Forschungsplänen (zumindest war mein Forschungsplan so gestaltet).

Am besten finde ich dazu noch, dass ein Mitarbeiter des Zielinstituts sich mit meinem Kollegen (derjenige, von dem ich die Sache inoffiziell erfahren habe) getroffen hat, um eine mögliche Kooperation über das in dessen Forschungsplan vorgeschlagene Projekt zu besprechen!

Ich habe natürlich keine Beweise dafür, dass das geschilderte Vorgehen bewusst so geplant worden ist. Neben der Stelle, auf die ich mich beworben habe, wurden noch zwei oder drei weitere Stellen (ebenso mit tenure track) vom besagten Institut ausgeschrieben. Ob sie inzwischen besetzt sind, weiß ich nicht.

Ich will ja nicht jammern, aber vielleicht lohnt es sich, hier einmal nachzuforschen. Vielleicht ist das aber auch gängige Praxis, und ich habe es bisher nur nicht gewusst. Was meinen Sie […] dazu?“

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Tja, was meinen unsere Leser dazu? Selbst mal etwas Ähnliches erlebt? Und kann es tatsächlich Methode haben, auf diese Weise Forschungsideen und experimentelle Konzepte zu klauen? Antworten bitte unten im Kommentarfenster, oder direkt an unsere Redaktion unter redaktion@laborjournal.de.

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Schlechte Zeiten für schlaue Köpfe

5. Oktober 2016 von Laborjournal

cageWer seine Intelligenz dazu nutzen will, viel Geld zu verdienen, geht überall hin — nur nicht in die Wissenschaft. Das ist Fakt. Und so geht dem Geschäft, in dem eigentlich die schlauesten Köpfe wirken sollen, schon mal viel „Hirn“ verloren.

Es bleiben diejenigen schlauen Köpfe, die Leidenschaft und Begeisterung für das Neue über den schnöden Mammon stellen — und die zudem noch möglichst selbstbestimmt und unabhängig eigene Ideen verfolgen möchten. Doch finden die im aktuellen Wissenschaftssystem tatsächlich, was sie suchen? Ist es nicht so, dass der gnadenlos überhitze Wettbewerb um Publikationen, Fördergelder und Stellen die wirklich visionären und originellen Köpfe am Ende eher aussortiert als nach vorne bringt? Findet man an der Spitze des Systems nicht stattdessen zunehmend die dynamisch-machtbewussten Mainstream-Machertypen — statt der positiv-chaotischen „Gegen-den-Strom-Schwimmer“, die in der Vergangenheit so oft für die entscheidenden Durchbrüche gesorgt haben?

Bruce Charlton, ehemaliger Chefredakteur von Medical Hypotheses, drückte es 2009 in seinem Editorial „Why are modern scientists so dull?“ folgendermaßen aus:

Auf jeder Stufe von Ausbildung und Karriere gibt es die Tendenz, wirklich schlaue und kreative Menschen auszuschließen, indem man vor allem gewissenhafte und kontaktfähige Leute vorzieht. In dem Maße, in dem Wissenschaft immer stärker durch Peer Review-Mechanismen dominiert wird, erlangt der pro-soziale und konsensfähige Forscher immer mehr Vorrang vor dem brillanten und inspirierten — aber oft auch schroffen und rebellischen – Typ des Wahrheitssuchers, der früher unter den besten Wissenschaftlern so weit verbreitet war.

Am Ende dieses Selektionsprozesses, so Charlton, blieben daher kaum Leute übrig, die in der Lage sind, wirklich revolutionäre Spitzenforschung zu betreiben. Stattdessen eher solche, die zwar extrem produktiv und sozial verträglich sind, denen es jedoch oft an Kreativität und Vorstellungskraft mangele.

Und wenn sie dann doch mal eigene Ideen haben? Dann können sie diese oftmals nicht verfolgen, da sich Forschungsprojekte heutzutage vor allem nach der Verfügbarkeit von Fördermitteln richten müssen statt nach purer wissenschaftlicher Neugier. Oder weil die Peers, die über deren Förderzuspruch richten, sich zwar als vermeintlich „ebenbürtige Experten“ im Status quo auskennen, mit wirklichen Aufbrüchen zu neuen Ufern jedoch überfordert sind — und sie daher lieber als unrealistische „Spinnereien“ abtun.

Also nicht nur ökonomisch unattraktiv, sondern dazu noch vom System eher benachteiligt und verkannt… Klingt nach schlechten Zeiten für besonders schlaue Köpfe in der Wissenschaft.

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Nur nicht spekulieren

18. Juni 2014 von Laborjournal

Forscher erlebt man oftmals besonders sauer, wenn sie gerade ein Paper abgelehnt bekommen haben. Und manchmal poltert dann so einiges aus ihnen heraus. So auch im Fall von Forscher Brodel [Name geändert], den unser Chefredakteur vor einigen Tagen bei einer Sitzung traf:

„Daten, Daten und nochmals Daten“, grummelte er während einer Sitzungspause im Garten. „Immer nur Daten — das ist das Einzige, was heute zählt in der Wissenschaft. Ist es denn tatsächlich so schlimm, mal ein wenig über den Tellerrand zu schauen? Wo ist das Problem, wenn man mit den Daten mal ein wenig mehr herumjongliert, als immer nur verschämt gerade das hinein zu interpretieren, was sie sowieso für alle offensichtlich hergeben? Sollte man sie nicht vielmehr als Sprungbrett zu plausibler Spekulation nutzen, um damit am Ende neue Ideen, Hypothesen und Zusammenhänge zur Diskussion stellen? Ja, gehört gesunde Spekulation nicht untrennbar zur Fähigkeit, den eigenen Daten den richtigen Platz im «großen Ganzen» zuzuordnen, oder gar überhaupt aus einigen Mosaiksteinchen ein «Big Picture» zu visionieren? Steht sie nicht unweigerlich am Anfang der Entwicklung von Theoriegerüsten, die jeder noch so großen Datenflut erst ihren echten Wert geben?“

„Und genau auf diese Weise hatten Sie in ihrem Manuskript spekuliert?“, fragte der Chefredakteur.

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„Evolution — A Progression of Scientific Thought“…

10. September 2013 von Laborjournal

…, dargestellt als umfassende historische Infographik über den Fluss der Ideen und Konzepte zur Evolution seit Darwin (und davor):

 

(Hier klicken für zoombare PDF-Version!)

(Von Tania Jenkins, Miriam Quick and Stefanie Posavec für die European Society for Evolutionary Biology)

 

Sehr schön zu sehen, wie einzelne Ideen über die Zeit zusammenfließen, auseinanderdriften, sich aufspalten, an Komplexität zunehmen oder gar komplett versanden. Wie Wissenschaft bei großen Themen eben funktioniert…

Zitat des Monats (5)

6. September 2011 von Laborjournal

Wie man beim Antragschreiben zum Tier werden kann — das beschreibt in der immer lesenswerten Kolumne „Sticky Wicket“ des Journal of Cell Science die Kunstfigur „Mole“ folgendermaßen:

If you know somebody who is writing a grant, keep away. Understand that the grant writer is like a wild animal with an injury — you may want to help, but its more likely that you will lose a finger than that they will thank you for it. You may walk past their office and see them staring into space, but this is not the time to say, “Hi, I see you’re taking a little break, so I wanted to ask you whether you think I should do my experiment before or after lunch.” Don’t lightly rap on the door, thinking that this will avoid breaking their concentration. Don’t call or leave notes. If your spouse is writing a grant, do not ask about next month’s dinner arrangements. Don’t go near them, talk to them or query them. Because, in that innocent moment of interruption lasting mere seconds, the key idea that was going to bring it all together into one brilliant worldview will be lost forever. What was this marvelous idea? Well, we’ll never know now will we! You will have produced the mental equivalent of a computer crash, and it will take hours and hours to reboot, during which time the grant writer will play unlimited games of solitaire or completely reorganize their MP3 files rather than work on the application. And it will all be your fault.

Köstlich! Und womöglich dürfte sich so mancher wiedererkennen.

„Ideenlose Forschung“

5. April 2011 von Laborjournal

Aus der Reihe „Spontane Interviews, die es nie gab — die aber genau so hätten stattfinden können”. Heute: Prof. Dr. P.D.A. Gogik, Neurodidaktologisches Institut Universität Lernfurt.

LJ: Hallo, Frau Gogik. Ihr Mitarbeiter hat mir gesagt, Sie begutachten gerade Anträge für Postdok-Stipendien.

Gogik: Richtig. 15 Anträge. Bin gerade einmal durch alle durch.

LJ: Und?

Gogik: Na ja. Ehrlich gesagt, begeistern tut mich keiner.

LJ: Woran hapert’s?

Gogik: Auf den ersten Blick klingen eigentlich alle ganz gut. Klar geschrieben, logisch aufgebaut, zielführende experimentelle Strategie,… Wenn man dann aber fragt, welche wirklich neuen Erkenntnisse könnte das Projekt bringen, bleibt bei allen Anträgen nicht mehr viel übrig. Diesen Beitrag weiterlesen »

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