Vertrauen ist gut! Kontrolle besser?

4. April 2017 von Ralf Neumann

Die Geschichte vom wahrscheinlich kürzesten Projektantrag der gesamten Forschungsgeschichte ist mittlerweile gut bekannt: Zehn Jahre, bevor Otto Warburg im Jahre 1931 den Nobelpreis für „die Entdeckung der Natur und der Funktion des Atmungsferments“ erhielt, ließ er seine Sekretärin lediglich die folgenden paar Worte schreiben:

 

Warburg unterzeichnete, ließ den Antrag an die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft schicken — und bekam umgehend das Geld ohne weitere Nachfrage.

(Die Ironie an der Geschichte ist, dass Warburg ein paar Monate später nicht mal ein Brot für die 10.000 Mark kaufen konnte; die Hyperinflation im Dezember 1922 hatte das Geld in Nullkommanichts vollkommen entwertet. Doch dies nur am Rande — hier soll’s jetzt vielmehr um folgendes gehen:…)

Offenbar hatten die Forschungsförderer zu diesen, Warburgs Zeiten noch Vertrauen in ihre Forscher. Das heißt, zumindest in diejenigen Exemplare ihrer Gattung, die bereits bewiesen hatten, dass hinter ihren Projektideen in aller Regel tatsächlich Substanz steckt. Denn dass Warburg zu den hellsten Forscherköpfen seiner Zeit gehörte, wussten damals auch die Mittel-Verwalter in der Weimarer Republik. Folglich schien auch keiner von ihnen daran zu zweifeln, dass Warburg das Geld sinnvoll verwenden würde — auch ohne die geringste Ahnung zu haben, was genau er damit erforschen wollte.

Klar, dass einem mit Blick auf das aktuelle Forschungsförderungssystem jetzt jede Menge ketzerische Fragen auf der Zunge liegen:

► Hat sich dieses Vertrauen in einen Forscher, der seine Leistungsbereitschaft und Originalität bereits hinlänglich gezeigt hatte, etwa nicht gelohnt?

► Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn Warburg wochenlang damit gebunden gewesen wäre, einen „ordentlichen“ Projektantrag mit all dem üblichen prophetischen Pipapo zu schreiben — und dann erstmal monatelang zu warten?

► Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn Warburg — wie heute üblich — zwischenbegutachtet, bibliometrisch überprüft und sonstwie evaluiert worden wäre?

Auf letztere zwei Fragen ahnen wir die Antwort: Warburg hätte einen gehörigen Teil seiner Zeit von der Forschung abziehen müssen, um Berichte und Folgeanträge zu schreiben. Und einen weiteren ordentlichen Teil hätte er dafür opfern müssen, um in dem heute üblichen „Asthma-Stil“ den für erfolgreiche Antragstellungen notwendigen Publikationsstrom aufrecht zu erhalten.

Man muss kein Hellseher sein, dass Warburgs Genius dies als unzumutbare Gängelung empfunden hätte — und dass im gleichen Atemzug dessen Spaß und Begeisterung für seine Arbeit stark gelitten hätten.

Nicht gerade das Szenario, in dem Nobelpreise gedeihen — oder?

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Schlechte Zeiten für schlaue Köpfe

5. Oktober 2016 von Ralf Neumann

cageWer seine Intelligenz dazu nutzen will, viel Geld zu verdienen, geht überall hin — nur nicht in die Wissenschaft. Das ist Fakt. Und so geht dem Geschäft, in dem eigentlich die schlauesten Köpfe wirken sollen, schon mal viel „Hirn“ verloren.

Es bleiben diejenigen schlauen Köpfe, die Leidenschaft und Begeisterung für das Neue über den schnöden Mammon stellen — und die zudem noch möglichst selbstbestimmt und unabhängig eigene Ideen verfolgen möchten. Doch finden die im aktuellen Wissenschaftssystem tatsächlich, was sie suchen? Ist es nicht so, dass der gnadenlos überhitze Wettbewerb um Publikationen, Fördergelder und Stellen die wirklich visionären und originellen Köpfe am Ende eher aussortiert als nach vorne bringt? Findet man an der Spitze des Systems nicht stattdessen zunehmend die dynamisch-machtbewussten Mainstream-Machertypen — statt der positiv-chaotischen „Gegen-den-Strom-Schwimmer“, die in der Vergangenheit so oft für die entscheidenden Durchbrüche gesorgt haben?

Bruce Charlton, ehemaliger Chefredakteur von Medical Hypotheses, drückte es 2009 in seinem Editorial „Why are modern scientists so dull?“ folgendermaßen aus:

Auf jeder Stufe von Ausbildung und Karriere gibt es die Tendenz, wirklich schlaue und kreative Menschen auszuschließen, indem man vor allem gewissenhafte und kontaktfähige Leute vorzieht. In dem Maße, in dem Wissenschaft immer stärker durch Peer Review-Mechanismen dominiert wird, erlangt der pro-soziale und konsensfähige Forscher immer mehr Vorrang vor dem brillanten und inspirierten — aber oft auch schroffen und rebellischen – Typ des Wahrheitssuchers, der früher unter den besten Wissenschaftlern so weit verbreitet war.

Am Ende dieses Selektionsprozesses, so Charlton, blieben daher kaum Leute übrig, die in der Lage sind, wirklich revolutionäre Spitzenforschung zu betreiben. Stattdessen eher solche, die zwar extrem produktiv und sozial verträglich sind, denen es jedoch oft an Kreativität und Vorstellungskraft mangele.

Und wenn sie dann doch mal eigene Ideen haben? Dann können sie diese oftmals nicht verfolgen, da sich Forschungsprojekte heutzutage vor allem nach der Verfügbarkeit von Fördermitteln richten müssen statt nach purer wissenschaftlicher Neugier. Oder weil die Peers, die über deren Förderzuspruch richten, sich zwar als vermeintlich „ebenbürtige Experten“ im Status quo auskennen, mit wirklichen Aufbrüchen zu neuen Ufern jedoch überfordert sind — und sie daher lieber als unrealistische „Spinnereien“ abtun.

Also nicht nur ökonomisch unattraktiv, sondern dazu noch vom System eher benachteiligt und verkannt… Klingt nach schlechten Zeiten für besonders schlaue Köpfe in der Wissenschaft.

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Money Makes Research Go ‚Round

27. Januar 2015 von Ralf Neumann

(Zum „Zitat des Monats (24)“ im letzten Post fiel uns der unten folgende Beitrag ein, der thematisch passend in Laborjournal 6/2013 unter der Rubrik „Inkubiert“ erschien — und den wir hiermit „recyclen“:)

Die Summe der eingeworbenen Forschungsmittel ist zuletzt ein immer größerer Evaluations-Faktor geworden. Wer viel Geld bewilligt bekommt, der kann nicht schlecht sein — so die simple Logik. Zumal der Kandidat dafür ja immer wieder jede Menge kritische Kollegen überzeugen muss. Ganz klar also — wo nach eingehender Prüfung stetig Geld hinfließt, da muss auch Qualität sein.

Aber ist das wirklich immer so? Denken wir uns mal ein nicht untypisches Szenario. Forscher Müller hat einen großen Grant bekommen, mit dem er nach allen Regeln der Kunst und mit neuester Technologie einen gewissen Steuermechanismus entschlüsseln darf. Fortan ackern zwei Postocs und zig andere Mitarbeiter, der Maschinenpark läuft rund um die Uhr — und tatsächlich, nach zwei Jahren steht ein Major Paper an.

Nach Einreichung erfährt Müller jedoch vom zuständigen Editor, dass ein gewisser Svensson gerade ebenfalls ein Manuskript zum gleichen Thema eingereicht hat. Die Resultate seien zu einem großen Teil deckungsgleich und würden sich wunderbar gegenseitig bestätigen. Daher würde man im Fall der Fälle gerne beide Artikel back-to-back in der gleichen Ausgabe veröffentlichen.

Kein Problem, denkt Müller — aber wer ist dieser Svensson? Er beginnt zu recherchieren und erfährt, dass Svensson Nachwuchsgruppenleiter an der Universität Umeå ist. Viele Leute kann er demnach wohl nicht haben. Zwei Anrufe später bestätigt sich dann auch Müllers nagender Verdacht: Svensson hat das Problem mit einem erschreckend einfachen Ansatz gelöst — und damit viel billiger. Was ja auch klar ist: So große Grants wie Müller kann er gar nicht haben.

So gesehen hat sich Svensson zumindest in dieser einen Frage als der „bessere“ Forscher erwiesen, schließlich hat er sie effizienter und eleganter gelöst. Würden sich jetzt aber beide um die gleiche Stelle bewerben — wer würde sie wohl bekommen? Sicher Müller. Nicht zuletzt, da der neue Arbeitgeber von dessen großen Grants gut mitprofitiert. Da lässt man auch mal einen hoffnungsvollen Nachwuchsforscher abblitzen.

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