Doktorarbeit netto

18. Juli 2016 von Laborjournal

Fast jeder Ex-Doktorand stellt sich irgendwann die Frage: „Wenn jedes Experiment, das in meiner Doktorarbeit steht, gleich genau so geklappt hätte — wie schnell hätte ich fertig sein können?“ Sicher spielt die Art der Arbeit und des experimentellen Systems eine entscheidende Rolle — aber am Ende ist wohl jeder zu dem Schluss gekommen: „Viiiiiel kürzer als die Jahre, die ich tatsächlich gebraucht habe.“

documweg

So rechnete uns beispielsweise kürzlich ein ehemaliger Doktorand in einer E-Mail vor, dass er mit „magischen Fingern“ netto gerade mal drei Monate für sämtliche Ergebnisse seiner Doktorarbeit hätte experimentieren müssen — inklusive zweimal Reproduzieren.

Natürlich hatte er aber keine „magischen Finger“, und so brauchte er tatsächlich knapp fünf Jahre. Zieht man noch drei Monate für’s Zusammenschreiben ab, kommt er damit bezüglich seiner Zeitinvestition auf eine „Erfolgsrate“ von grob fünf Prozent. So gesehen hätte er also nur etwa alle drei Wochen jeweils am richtigen Tag ins Labor kommen müssen. Sein Fazit daher: „Es sieht so aus, als ob in der experimentellen Forschung die Dinge gewöhnlich nicht funktionieren. Und es scheint, als wäre das ganz normal.“

Dass solche Rechnungen allerdings in der Realität nicht aufgehen, ist klar. Selbst der „Fünf-Prozent-Rechner“ von oben räumte ein, dass die anderen 95 Prozent für das Gesamtergebnis sicher auf andere Weise ebenso essentiell sind — auch wenn deren Resultate am Ende nicht in Doktorarbeit oder Paper stehen. Warum? Weil man Techniken erst lernen muss; weil einem zuweilen erst negative Resultate — oder gar Fehler — den richtigen Weg weisen; weil unzählige Vorversuche notwendig sind, um die optimalen Bedingungen für die experimentellen Systeme zu ermitteln; und und und…

So machte denn auch unser Ex-Doktorand am Ende seinen Frieden mit der realen Dauer seiner Dissertation. Und ergänzte versöhnlich: „Ein Experte ist man sowieso erst dann, wenn man jeden Fehler wenigstens einmal selbst gemacht hat.“

Foto: fotogestoeber – Fotolia.com

Wie eine Autorin plötzlich unverschuldet als Plagiatorin dastand

22. Juli 2015 von Laborjournal

Gerade auf editage Insights eine skurrile Vermischung von blödem Fehler und schlimmem Missverständnis gelesen. Kurz zusammengefasst ging das Ganze so:

Journal X akzeptierte das Manuskript von Autorin A zur Veröffentlichung. Als die angepeilte Ausgabe erschien, musste A jedoch erstaunt feststellen, dass ihr Name unter einem völlig anderen Artikel stand. Umgehend kontaktierte sie den Journal-Editor und klärte ihn auf, dass sie nicht die Autorin dieses Artikels sei — und dass sie auch kein irgendwie ähnliches Manuskript eingereicht habe. Der Editor erklärte ihr, dass dem Journal hier ein dummer Fehler passiert sei und sie das natürlich in der nächsten Ausgabe korrigieren würden.

Soweit, so schlecht. Aber es kam noch deutlich krasser. Als A den „Autorendreher“ bemerkte, war die Ausgabe schon eine kleine Weile draußen. Und wie das heute so ist, wurde der Artikel mit ihr als falscher Autorin bereits in den gängigen sozialen (Forscher-)Medien zitiert und diskutiert. Dies bekam auch der „wahre“ Autor B des Artikels mit — und dachte natürlich, dass A ihm auf irgendeine Weise mit einem Plagiat zuvorgekommen sei.

Auch B kontaktierte daraufhin das Journal. Parallel aber klagte er A in den entsprechenden sozialen Medien schon mal sehr aggressiv des Plagiierens an. Was natürlich wiederum A nicht nur verwirrte, sondern verständlicherweise ziemlich aufbrachte. Schließlich stand plötzlich völlig unverschuldet und ungerechtfertigt ihr guter Ruf auf dem Spiel.

Also rief A wieder beim Journal-Editor an und verlangte aufgrund dieser Entwicklung schnelleres Handeln, als bis zur nächsten Ausgabe zu warten. Dies geschah dann auch: Der Editor informierte B umgehend über den Fehler und dessen daraus resultierenden Irrtum, B wusch A in den sozialen Medien von allen Verdächtigungen frei und entschuldigte sich dafür — und der Editor wiederum veröffentlichte gleich am nächsten Tag eine Erklärung samt Entschuldigung bei beiden, A und B, auf der Journal-Website. Letztere erschien dann auch noch als Erratum in der nächsten Printausgabe.

Eine blöde Geschichte, die sich aus einem seltenen dummen Fehler hochgeschaukelt hat. Allerdings kann man sich schon fragen, ob die Leute im Zeitalter sozialer Medien vielleicht immer mehr verlernen, dass man ja auch mal per Direktkontakt nachfragen kann. Denn hätte B umgehend direkt bei A angerufen, um die Sache zu klären, wäre die Angelegenheit wohl kaum derart hochgekocht.

Sind Fehler wirklich soooo schlimm?

29. Oktober 2013 von Laborjournal

Eine unserer Lieblings-Kolumnen, aus denen wir immer wieder Futter für unsere eigenen beziehen, schreibt seit 2000 Monat für Monat der US-Strukturbiologe Gregory Petsko in Genome Biology. Kürzlich las unser Chefredakteur mal wieder einen „Petsko“, konkret seinen 2008er-Aufsatz „The right to be wrong“ — und übersetzte daraus gleich mal folgende Passage für den LJ Blog:

Der Wettbewerb um Forschungsgelder wie auch darum, wichtige Entdeckungen zu publizieren, ist schärfer als je zuvor. Gleichsam gewachsen ist damit aber auch die Versuchung, die Fehler unserer Konkurrenten übermäßig aufzublasen, ihre „falschen“ Schlussfolgerungen zu übertreiben und die Mängel ihrer Arbeit heraus zu posaunen. Was jedem am Ende natürlich noch mehr Angst macht, Fehler zu machen — geschweige denn sie einzugestehen.

Das Ergebnis ist natürlich ein Klima der Furcht, fest eingegrabene Positionen — und konservative Wissenschaft.  Diesen Beitrag weiterlesen »

„Falsch“ ist normal

1. Oktober 2013 von Laborjournal

Wenn man Forscher fragt, was zu den schlimmsten Dingen gehört, die ihnen widerfahren können, gehört eines sicherlich zum engeren Kreis: Etwas publizieren, was sich später als falsch herausstellt.

Warum das? Wohl vor allem, weil Fehler und Falsches einen heutzutage ganz schnell von der Karriereleiter stoßen können. Denn was sind die Konsequenzen? Umorientierung und -organisation von Projekten, durchbrochener Paperfluss, Probleme mit Folgeanträgen, schlechtere Karten bei Berufungsverfahren,…

Solch geringe „Fehlertoleranz“ ist jedoch nicht wirklich fair. Denn seit jeher ist es in der hypothesenbasierte Forschung das Normalste von der Welt, dass sich die meisten Hypothesen in der ursprünglichen Form mit mehr und mehr Daten über die Zeit als „falsch“ herausstellen. Diesen Beitrag weiterlesen »

„Re-Inkubiert“ (5)

23. August 2013 von Laborjournal

(Urlaubszeit in der Laborjournal-Redaktion. Nicht zuletzt deshalb machen wir es in den kommenden Wochen wie das TV: Wir bringen Wiederholungen. Bis Ende August erscheint jede Woche, jeweils im Wechsel mit einem weiteren „Best of Science“-Cartoon, eine bereits in Laborjournal print publizierte Folge unserer „Inkubiert“-Kolumne. Sicher, alle schon ein wenig älter — aber eigentlich noch immer aktuell.)

 

So gut wie jeder ehemalige Doktorand stellt sich irgendwann die Frage: „Wenn alle Experimente, die in meiner Doktorarbeit stehen, immer sofort geklappt hätten — wie lange hätte sie wohl gedauert?“ Und obwohl natürlich Art der Arbeit und des experimentellen Systems eine entscheidende Rolle spielen, ist wohl jeder zu dem Schluss gekommen: „Viel kürzer als die drei, vier oder fünf Jahre, die ich tatsächlich gebraucht habe.“ Die Frage scheint ehemalige Doktoranden gar derart zu beschäftigen, dass sie auch im Internet ausgiebig diskutiert wird. Einer dieser Debattierer rechnet in seinem Weblog etwa vor, dass er mit „magischen Fingern“ gerade mal drei Monate für sämtliche Ergebnisse seiner Doktorarbeit hätte experimentieren müssen — inklusive zweimal Reproduzieren. „Magische Finger“ hatte er aber nicht, und so brauchte er tatsächlich fünf Jahre. Zieht man nun noch drei Monate für‘s Zusammenschreiben ab, kommt er auch eine „Erfolgsrate“ von 5%. Statistisch gesehen hätte er folglich nur etwa alle drei Wochen jeweils am richtigen Tag ins Labor kommen müssen. Sein Fazit daher: „Es sieht so aus, als ob in der experimentellen Forschung die Dinge gewöhnlich nicht funktionieren. Und es sieht so aus, als wäre das ganz normal.“ Dass diese Rechnungen allerdings in der Realität nicht aufgehen, wissen indes auch nahezu all diese Debattierer. Selbst der „5%-Rechner“ von oben räumt ein, dass die verbleibenden 95% für die Arbeit wohl genauso wichtig sind — auch wenn die Resultate nicht in Arbeit oder Paper stehen. Warum? Weil man Techniken erst lernen muss; weil einem zuweilen erst negative Resultate — oder gar Fehler — den richtigen Weg weisen; weil viele unerwähnte Vorversuche notwendig sind, um die optimalen Bedingungen etwa für biochemische Reaktionen zu ermitteln; und so weiter… Darüber herrschte am Ende der erwähnten Diskussion denn auch weitgehend Einigkeit. Das Schlusswort lautete: „Ein Experte ist der, der bereits jeden Fehler wenigstens einmal selbst gemacht hat.“

(aus Laborjournal 6-2007, Foto: © cameraman — Fotolia.com)

Können Forscher zählen?

1. Juli 2013 von Laborjournal

(UPDATE vom 2. Juli: Forscher können doch zählen — siehe Ende des Artikels!)

Vielleicht wäre es um das Ansehen des klassischen Peer Review etwas besser bestellt, wenn man in Artikeln nicht hin und wieder ziemlich haarsträubende Fehler finden würde — wie etwa diesen hier im Abstract des frischen Papers Nature Genetics 2013 Jun 23. doi: 10.1038/ng.2676 [Epub ahead of print]:

[…] Brain tissue expression quantitative trait locus analysis suggests potential functional candidate genes at four loci: APOA1BP, TBC1D7, FUT9, STAT6 and ATP5B.

Vier? Okay — zählen wir noch mal durch:

1) APOA1BP: Apolipoprotein A-I binding protein gene

2) FUT9: Fucosyltransferase 9 (alpha (1,3) fucosyltransferase) gene

3) TBC1D7: TBC domain family member 7 gene

4) STAT6: Signal transducers and activators of transcription family member 6

5) ATP5B: Mitochondrial ATP synthase subunit beta

Macht fünf! Eindeutig fünf! Und offenbar haben’s weder die über 100 Autoren, noch die Kontrollinstanz aus Reviewern und Editoren gemerkt. Peinlich!

(Via Dan Graur alias Judge Starling)

UPDATE vom 2. Juli:

Forscher können vielleicht doch zählen! Hätte uns ja auch gewundert…  Diesen Beitrag weiterlesen »

Helicopter pylori…

11. Januar 2013 von Laborjournal

… und andere schöne „Verschreiber“ in Originalartikeln:

>>> Unser klarer Favorit steckt in den „Keywords“ des Artikels „Organosulfur compounds from alliaceae in the prevention of human pathologies“ (Biomed. and Pharmacother. (2004) 58:183-193). Das dritte Schlagwort in der Liste lautet: „Helicopter pylori„. Dass die Autoren kein Fluggerät meinten, sondern ein pathogenes Bakterium, dürfte klar sein.

>>> In dem Paper Breast Cancer (2012); 6: 137–150 lohnt sich vor allem ein Blick in die Referenzliste. Unter Nummer 29 zitieren die Autoren folgendermaßen: […] „Expression of the circadian cock genes Per1 and Per2 in sporadic and familial breast tumors. Das zitierte Paper selbst (Neoplasia. 2007;9:797–800hat es im Titel glücklicherweise richtig — und schreibt nichts über Hähne oder gar Anrüchigeres, sondern vielmehr über die „clock genes Per1 and Per2″.
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